Protokoll der Sitzung vom 24.02.2017

(Beifall FDP und Heike Franzen [CDU])

So wurden die SHiB-Schulen von uns eingeführt, damit die Begabtenförderung möglichst breit in der Unterrichtskultur aller Schulen verankert wird und entsprechende Kompetenzzentren aufgebaut werden. Aber der Bericht zeigt leider auch mehr als deutlich, dass da seit 2012 nicht mehr viel gelaufen

(Anita Klahn)

ist, und das können Sie so ein paar Tage vor der Wahl auch nicht mehr einfangen. Die ganze Begabtenförderung wurde von Rot-Grün-Blau stiefmütterlich behandelt, wohl weil es nicht in das bildungspolitische Konzept passte. Es stand ja auch nichts im Koalitionsvertrag drin. Ich habe extra noch einmal hineingeschaut. Anstatt eigene Initiativen anzustoßen, hat die Koalition lieber den Titel zur Begabungsförderung um ein Drittel abgeschmolzen. Ersatzschulen und Begabungsförderung sind die einzigen Zuschusstitel, die Sie im Bildungsbereich ordentlich zusammengestrichen haben. Auch das ist eine deutliche Aussage.

Auch zu der gemeinsamen Bund-Länder-Initiative zur Förderung leistungsstarker Schüler ist mir nicht bekannt, dass Ministerin Ernst irgendetwas im November letzten Jahres gesagt hätte. Man macht halt mit, weil man muss. Aber eigentlich will man das nicht, was die KMK beschlossen hat.

(Zurufe Anke Erdmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Martin Habersaat [SPD])

Das sind keine guten Voraussetzungen für die Begabungsförderung in Schleswig-Holstein. Wir wollen, dass jedes Kind die bestmögliche Förderung bekommt. Eine Stärkung der Begabungsförderung wäre das richtige Signal und nicht schon wieder ein Runder Tisch kurz vor der Sommerpause. - Vielen Dank.

(Beifall FDP)

Danke. - Für die Piratenfraktion hat der Abgeordnete Sven Krumbeck das Wort.

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Erst einmal muss ich mich bei der Frau Bildungsministerin dafür bedanken, dass wir jetzt so viel Zeit haben, um über das schöne Thema zu reden. Ich hatte schon Angst, dass meine Rede ein bisschen zu umfangreich geworden ist.

Es gibt eine Lego-Reihe für Mädchen. Sie heißt Lego Friends. Sie kennen sie vielleicht. Die Reihe ist eine der erfolgreichsten des Spieleherstellers. Sie basiert auf umfangreichen Marktforschungsergebnissen. Aus diesen hat Lego fünf Mädchenfiguren entwickelt, genauer gesagt fünf Freundinnen: Olivia, Emma, Stephanie, Andrea und Mia.

Diese fünf Freundinnen leben in Heartlake City, einer Stadt, die mit nur einem Mann, dem Vater von

Olivia, auskommt. Die Freundinnen sind irgendwie noch Kind, aber auch schon irgendwie erwachsen. Andrea arbeitet als Kellnerin in einem Café. Trotzdem haben sie keine Berufsausbildung. Die fünf Freundinnen haben alle Träume. Olivia träumt davon, Wissenschaftlerin oder Ingenieurin zu werden. In ihrer Freizeit baut sie Roboter. Ihre Mutter ist Ärztin.

So weit, so gut. Allerdings war es das dann auch schon mit der Emanzipation. Ein „FAZ“-Artikel fasst es folgerichtig zusammen: Beim Spielen mit Olivia und ihren Lego-Freundinnen lernen junge Mädchen „Rasenmähen, Schminken und Warten auf den Mann“.

(Beifall PIRATEN, Anke Erdmann [BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN] und Burkhard Peters [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] - Dr. Heiner Garg [FDP]: Warum müssen sie sich schmin- ken, wenn sie Rasen mähen?)

Unter dem Deckmantel der Emanzipation werden Kindern alte Rollenmodelle aufgebürdet, legitimiert durch Marktforschungsergebnisse. Dieses Phänomen kann man auch bei anderen Produkten beobachten. Sie kennen vielleicht Überraschungseier, die es neuerdings auch für Mädchen und Jungen gibt. Die Erziehung zu Stereotypen beginnt schon sehr früh. Kinder imitieren schnell die Rollenmuster ihrer Eltern. Natürlich kann die Marktforschung hier auf keine anderen Ergebnisse kommen. Der Konsens ist geschlechtergetrennt.

Es ist auch in der Schule so. Von Fächern wie Physik, Mathematik, Technik und Informatik sind viele Schülerinnen abgeschreckt, weil ihnen in den meisten Fällen schon früh beigebracht wurde, was für sie interessant ist und was nicht. Die Berufswünsche sind geschlechterneutraler geworden. Viele Mädchen legen sich nun nicht mehr auf den Beruf der Tierärztin fest, sondern wollen auch Erfinderin, Polizistin oder Piratin werden.

(Heiterkeit und Beifall PIRATEN, vereinzel- ter Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Beifall Anita Klahn [FDP])

Es bleibt allerdings immer häufiger nur bei diesen Wünschen.

(Zuruf Martin Habersaat [SPD])

Umso wichtiger ist es, schon früh MINT-Angebote für beide Geschlechter in petto zu haben. In Schleswig-Holstein schleppt sich das so dahin. Selbst die Landesregierung hat zugegeben, dass man in diesem Punkt mehr unternehmen könnte. Eine echte MINT-Strategie gibt es aber immer noch nicht.

(Anita Klahn)

Stattdessen wird ein Programm nach dem nächsten aus der Taufe gehoben. Wie sollen sich Eltern und Lehrkräfte bei dieser Vielzahl von Programmen richtig orientieren können? Ein klar gebündeltes Paket würde hier mehr Nutzen bringen.

Auch die Lehrerausbildung muss offensiver angegangen werden. Eine aktive Bewerbung von Mangelfächern bei Studieninteressierten wäre eine gute Vorgehensweise. Ich habe das schon ein paar Mal erwähnt. Auch wenn Sie unseren Antrag, Informatik als Pflichtfach einzuführen, abgelehnt haben, liebes Plenum - außer der CDU -: Informatik ist in diesem MINT-Konstrukt ein wichtiger Bestandteil. Informatiklehrer kann es nur geben, wenn auch das Fach Informatik gestärkt wird.

(Beifall PIRATEN und Heike Franzen [CDU])

Wer sollte sich sonst entscheiden, Informatik auf Lehramt zu studieren, wenn es dafür kein Lehrangebot gibt? Ich sage es noch einmal - Frau Kollegin Franzen hat das vorhin schon einmal erwähnt -: 0,03 Stellen pro Schule. Das Gleiche gilt für die Fort- und Weiterbildung von Fachlehrkräften: Fokussieren, Stärken, Ausweiten, um es einmal mit drei parlamentarischen Zauberwörtern zu sagen.

(Beifall PIRATEN und Heike Franzen [CDU])

Schülerinnen und Schüler müssen von Beginn an für MINT-Fächer sensibilisiert werden. Vor allem Mädchen muss gezeigt werden, dass sie auch dort Potenziale entwickeln können, wo sie zuvor nicht richtig hingeschaut haben.

(Beifall PIRATEN und Heike Franzen [CDU])

Es gibt eine Folge bei den Simpsons, da wird die Schule von Lisa und Bart nach Geschlechtern getrennt. Lisa freut sich zunächst, ist dann aber von dem esoterisch angehauchten Mathematikunterricht bei den Mädchen so enttäuscht, dass sie sich als Jake Boyman in die Jungenklasse hineinschmuggelt. Die Folge wurde vor elf Jahren veröffentlicht, ist aber in der satirischen Darstellung von Geschlechterrollen genauso wahr, als wäre sie letzte Woche entstanden.

(Beifall PIRATEN, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Martin Habersaat [SPD])

Bei den Simpsons ist auch immer wieder Hochbegabung ein Thema. Einmal gibt Bart vor, hochbegabt zu sein, einmal imitiert Maggie ihre Schwester. Lisa ist die Einzige, die wirklich hochbegabt

ist. Fördern tut sie sich in der Regel jedoch nur selbst. Das ist quasi das Worst-Case-Szenario für die Hochbegabtenförderung. In Schleswig-Holstein wird langsam etwas mehr getan, um dem entgegenzuwirken. Einen Runden Tisch halten wir PIRATEN für ratsam. Der Antrag der CDU dagegen ist uns ein zu schnelles Vorpreschen. Wir wissen ja nicht, was bei dem Runden Tisch herauskommt, wie Verbände, Schulen und Eltern das Thema einschätzen. Von unten nach oben sollte hier entschieden werden, nicht anders herum.

(Beifall PIRATEN, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Deswegen lehnen wir den CDU-Antrag ab, sind aber gern bereit, im Ausschuss über das Thema zu diskutieren, und freuen uns auf die Beratung dort. Vielen Dank.

(Beifall PIRATEN, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Katja Rathje-Hoffmann [CDU]) und Martin Habersaat [SPD])

Vielen Dank. - Für die Kollegin und Kollegen des SSW erteile ich nun der Abgeordneten Jette Waldinger-Thiering das Wort.

Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Erst einmal möchte ich mich bei der Bildungsministerin Britta Ernst für den Bericht bedanken. Wer sich die bildungspolitischen Reden der letzten Jahre, fast schon Jahrzehnte durchliest, merkt schnell, dass das Thema der Hochbegabung von den konservativen Parteien in Schleswig-Holstein, CDU und FDP, immer wieder einmal herausgekramt wird - ohne Not und ohne konkreten Handlungsbedarf.

Der Bericht der Landesregierung zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Begabungen an den öffentlichen Schulen in Schleswig-Holstein hätte die CDU-Fraktion doch eigentlich beruhigen können, denn er lässt deutlich werden: Es ist uns natürlich ein Anliegen, Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer verschiedenen Begabungen zu fördern und zu fordern. Zugegeben, ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu diesem vor uns liegenden Antrag der CDU. Einerseits fordert er, was in Schleswig-Holstein schon geschieht. Andererseits weist er in eine mir unangenehme Richtung.

(Sven Krumbeck)

Fangen wir bei den Gemeinsamkeiten an. Die CDU möchte, dass die Potenziale der Schülerinnen und Schüler frühzeitig erkannt und günstige Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung der Begabten- und Hochbegabtenförderung geschaffen werden. Außerdem solle die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Hochschulen weiter ausgebaut werden.

Wie Sie alle dem Bericht der Landesregierung entnehmen können, sind wir da genau auf einer Linie. Es gibt nicht nur bereits die Möglichkeit der Leistungsgruppierung, das Drehtürmodell, die Teilnahme an regionalen und landesweiten Wettbewerben und die Wettbewerbsvorbereitung, sondern auch die außerschulische Begabungsförderung und das Juniorstudium an der CAU zu Kiel, der Uni Lübeck und der Europa-Universität Flensburg, die Möglichkeiten bieten, das akademische Umfeld kennenzulernen.

Auch der Hinweis, den Wechsel von der Gemeinschaftsschule ans Gymnasium einfacher zu gestalten, ist vernünftig. Da sind Sie ja ganz bei uns! Der SSW ist immer dafür, dass ein Aufstieg im Bildungssystem möglich sein muss. Prinzipiell ist der Wechsel möglich. Inwiefern wir ihn erleichtern können, können wir gern im Ausschuss erörtern.

Kommen wir zu dem Punkt, bei dem ich absolut nicht mitgehen kann: Die CDU möchte Hochbegabtenklassen einführen. Hier haben wir einen maximalen Exklusionsgedanken. Sie will die Bestenauslese schon in der Schule. Es geht ihr nicht um Fairness, einander zu helfen und voneinander zu lernen. Wie sie ganze Klassen aus 2,2 % hochbegabten Schülerinnen und Schülern formen will, erscheint mir davon abgesehen etwas abenteuerlich. Hochbegabte brauchen vor allem eine individualisierte Förderung, die ihr Potenzial erkennt und entfalten hilft, um einer Unterforderung entgegenzuwirken, die zu Motivationseinbrüchen oder Schwierigkeiten im Sozialverhalten führen kann.

Das Wichtige ist aber: Wir wollen die gemeinsame Beschulung von Kindern und Jugendlichen. Wir wollen ein inklusives Schulsystem, tatsächliche Chancengleichheit, Lernen von- und miteinander.

Tatsächlich ist der formulierte Antrag der CDU schlichtweg unnötig. Trotzdem beantragen wir, alle drei Vorlagen dem Ausschuss zu überweisen, um dort weiter diskutieren zu können.

Noch eine Anmerkung in Richtung der Abgeordneten Klahn. Ich muss sagen: Ich finde es sehr bemerkenswert, dass die MINT-Fächer und die Hochbegabten in einen Topf mit Sprachentwicklung und

Sprachförderung in der Kita geworfen werden, der 500.000 € enthält. Ganz ehrlich und noch einmal nebenbei: Plattdeutsch ist keine Minderheitensprache, das ist unsere Regionalsprache in SchleswigHolstein.

(Beifall Anke Erdmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Angelika Beer [PIRATEN] - Zuruf Anita Klahn [FDP])

Für jede Sprachförderung, auch in der Kita, müssen wir alle glücklich und dankbar sein, denn Sprachförderung ist auch ein Weg für die Hochbegabten und alle anderen, gut am Unterricht teilnehmen zu können.

Lassen Sie mich noch eine Sache dazu sagen, wie wir mehr Lehrerinnen und Lehrer bekommen. Wir haben in dieser Landesregierung neue Plätze für ein Freiwilliges Jahr an der Schule geschaffen. Ich glaube, wir alle gemeinsam - das habe ich schon häufiger gesagt - müssen einfach einmal daran arbeiten, dass die Gesellschaft es wieder so sieht, dass es gut ist, Lehrerin oder Lehrer zu werden. Insofern fordere ich auch die jungen Leute auf, an die Schulen zu gehen und dort ein Freiwilliges Jahr zu absolvieren, um zu sehen, dass Schule etwas ganz Großartiges ist, denn man arbeitet mit Kindern zusammen.