Seine Botschaft war damals allgemeine Begeisterung und Tatendrang. Ich denke, man muss schon ein Faible
Meine Damen und Herren! Das soziale Geschlecht verweist darauf, dass Jungen auch zu Jungen gemacht werden und dass Mädchen auch zu Mädchen gemacht werden.
Wenn das so ist, dann ist auch Schule daran beteiligt. Auch sie reproduziert ungerechte Geschlechterverhältnisse. Ich will gern zugeben, dass sich daraus ausgesprochen schwierige Fragen ergeben: Wie geht man mit biologischen Geschlechterdifferenzen um? Wie können geschlechterstereotype Zuweisungen abgebaut oder gar vermieden werden?
Das Gebären eines Kindes ist biologisch bedingt, das Füllen der Waschtrommel aber nicht - so viel zum Nachholbedarf. Vor allem geht es natürlich um die Frage: Wie gelingt es, die offensichtlichen und die nicht so offensichtlichen Ungerechtigkeiten in den Geschlechterverhältnissen abzubauen; denn ich denke, die Zuständigkeit, gerade was die Waschtrommel und das Gebären von Kindern anbelangt, ist für beide Geschlechter ein Problem.
Die Benachteiligung von Jungen auf der einen Seite und die Benachteiligung von Mädchen auf der anderen Seite.
Seit ungefähr Mitte der 70er-Jahre gibt es in den alten Ländern die Koedukation als Unterrichtsprinzip; in der DDR ist das schon sehr viel früher beschlossen worden. Das meint nichts anderes, als dass Mädchen und Jungen den Unterricht gemeinsam besuchen.
Gewollt war damals - zumindest habe ich es so verstanden -, den Abbau der Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern zu befördern. Man muss aber zur Kenntnis nehmen, dass das nicht wirklich erfolgreich war. Und wenn etwas nicht erfolgreich ist, dann muss ich mich natürlich fragen, wie die Strategie verändert werden muss.
Ich denke, das Hauptproblem dieser doch weitgehenden Erfolglosigkeit liegt in der Annahme, man könne dem Problem mit einer Art vermeintlicher Geschlechterneutralität begegnen, die im Grunde genommen nicht wirklich eine solche ist. Sie ist eine Illusion und sie löst die Probleme nicht, weil sie vorhandene Klischees einfach nicht beim Namen nennt und damit fortschreibt und damit Ungerechtigkeiten unangetastet lässt.
Ich will Ihnen das gern an mehreren Beispielen verdeutlichen, damit es klarer wird. Erstens. Natürlich gibt es keine Schulbücher mehr - ich hoffe das zumindest -, in denen steht: Mama am Herd, Papa am Auto. Oder meinetwegen: Das zentrale Nervensystem müssen Sie sich ungefähr wie das Einkaufsnetz Ihrer Mutti vorstellen.
Es gibt aber auch nur sehr wenige Schulbücher, meine Damen und Herren, die sich kritisch mit diesen tradierten Geschlechterrollen auseinandersetzen. Ich sage Ihnen ehrlich: Ich hätte lieber die Klischees im Schulbuch und dafür eine Debatte, die sich damit auseinandersetzt und Jungen und Mädchen auch aus ihrer Geschlechterrolle herauslockt.
Das zweite Beispiel. Wir haben die Landesregierung gefragt, wie viele Schülerinnen und Schüler in SachsenAnhalt eine Klassenstufe wiederholen müssen. Das ist ja in unmissverständlicher Weise ein Indikator für Lernprobleme - keine Frage. Der geschlechterneutrale Blick offenbart, dass ca. 3,8 % der Schülerinnen und Schüler an Gymnasien und 6,4 % der Schülerinnen und Schüler an der Sekundarschule mindestens einmal eine Klassenstufe wiederholen müssen. Das ist für sich genommen schon ein ärgerlicher Vorgang, weil Sachsen-Anhalt damit neben Bayern und einem anderen Land, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, den drittletzten Platz einnimmt.
Das eigentliche Problem wird aber erst sichtbar, wenn man sich das Ganze mit einem geschlechtersensiblen Blick ansieht. Es sind nämlich vor allem die Jungen, die eine Klassenstufe wiederholen müssen. Der Anteil der Jungen ist durchweg weit über dem der Mädchen. In der Sekundarschule sind es 5,1 % der Mädchen und 7,5 % der Jungen, die in den Klassenstufen 5 bis 10 eine Klassenstufe wiederholen müssen. In den Gymnasium ist der Anteil der Jungen beinahe doppelt so hoch wie der der Mädchen: 2,8 % der Mädchen, aber 4,8 % der Jungen müssen eine Klassenstufe wiederholen.
Beispiel 3. Wir haben die Landesregierung im Rahmen der Großen Anfrage zur Qualifizierungsoffensive der Bundesregierung nach der Beteiligung der Mädchen an den naturwissenschaftlich-technischen Wahlpflichtkursen gefragt. Die Antwort der Landesregierung war: Keine Ahnung; die Daten werden nicht erhoben.
Und das, obwohl nicht erst seit dem Bericht des Bildungsrates bekannt ist, dass es bisher eben gerade die MINT-Fächer weitgehend nicht schaffen, das Interesse von Mädchen zu wecken. Das ist so, obwohl nicht nur ein Fachkräftemangel bekannt ist, sondern ein Mangel an technisch interessierten und technisch versierten jungen Frauen und Mädchen und obwohl der Anteil der weiblichen Studierenden in diesem Bereich eher eine zu vernachlässigende Größe ist.
Meine Damen und Herren! Geschlechtsneutrale Statistiken machen die eigentlichen Probleme unsichtbar. Ich will an dieser Stelle sagen, dass dies eine Debatte ist, die wir in genau dieser Form vor mindestens 15 Jahren, damals noch unter aktiver Beteiligung der Kollegin Fischer aus der SPD-Fraktion, geführt haben - seit 15 Jahren.
Diese Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Das Problem des Schulabbruchs wird in den Medien durchweg geschlechtsneutral problematisiert und geht damit am Problem vorbei; denn 75 % der Schülerinnen und Schüler, die die Schule abbrechen, sind Jungen.
Die Frage lautet also, warum sind es vor allen Dingen Jungen, die meinen, ihre Probleme auf diese Art und Weise lösen zu können, was natürlich nicht so ist. Viel interessanter ist aber, vor allen Dingen für diejenigen, die bildungspolitisch unterwegs sind, warum es die Schulpädagogik nicht schafft, auch diese Schüler, diese Jungen, zu gewinnen und zum Schulerfolg zu führen.
Meine Damen und Herren! Vermeintliche Geschlechtsneutralität verkleistert die Probleme und macht sie unsichtbar und ist allein deshalb untauglich für eine wirkliche Problemlösung. Wir brauchen stattdessen eine geschlechtersensible Bildungspolitik und eine geschlech
tersensible Pädagogik, die sich mit den tatsächlich unterschiedlichen Erfahrungswelten von Mädchen und Jungen auseinandersetzt und sie zur Kenntnis nimmt, aufgreift und vor allem auch nutzt. Ich will das ganz deutlich sagen, um jegliches Missverständnis zu vermeiden: Es geht nicht um Gleichmacherei, sondern um Chancengleichheit.
Wenn ich etwas gleichberechtigt behandeln will, dann muss ich es zunächst in seiner Unterschiedlichkeit zur Kenntnis nehmen. Und das, was dann noch übrig bleibt von „typisch weiblich“ und „typisch männlich“, ist und bleibt eine spannende Frage, aber ich halte sie derzeit nicht für die entscheidende.
Reflexive Koedukation meint eine Bildung, eine Bildungspolitik, eine Pädagogik, die die Kategorie Geschlecht wahrnimmt und damit umgeht und diese zur Sprache bringt. Das ist in der Erziehungswissenschaft ein alter Hut - das gibt es seit 20 Jahren oder schon seit, glaube ich, 30 Jahren -,
allerdings ist es in der Schulverwaltung noch immer Neuland, meine Damen und Herren. Das finde ich höchst problematisch.
Die Geschlechterfrage wird zur Schlüsselfrage, wenn wir uns darum kümmern, mit Vielfalt und Individualisierung in der Schule produktiv umgehen zu wollen. Das ist ein Paradigma, zu dem sich der Bildungskonvent sehr intensiv verhalten hat und zu dem er auch Beschlüsse gefasst hat.
Ich will ganz deutlich sagen, dass das, was mit unserem Antrag vorliegt, natürlich eine konzentrierte Form ist. Jeder weiß, dass es nur in kleinen Schritten geht. Das ist keine Frage. Es geht auch nur in homöopathischen Dosen.
Es geht auch nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass dort eine ganze Reihe von Dilemmata warten. Das Ganze birgt auch Gefahren und bewegt sich immer auch ein Stück weit zwischen Zuschreibung und Aufhebung. Bei der Frage nach dem sozialen Geschlecht weiß ich manchmal nicht ganz genau - -
Wenn man es immer wieder thematisiert, schreibt man das so genannte Typisch-Weibliche und das so genannte Typisch-Männliche immer wieder neu zu. Das ist eine Gefahr - das will ich gern zugeben -, der aber nicht zu entgehen ist.
Wir haben den Antrag gestellt, weil wir in SachsenAnhalt in jedem Fall die Konzeptionslosigkeit beenden müssen. Wir brauchen ein schulpolitisches Konzept, welches die geschlechterbedingte Ungleichheit zunächst einmal sichtbar macht - das letzte Konzept ist aus dem Jahr 2002 - und sich auch mit den unterschiedlichen Problemlagen von Geschlechtern auseinandersetzt, nämlich von Mädchen und von Jungen.
Kollege Rothe hat vorhin gesagt, dass eine Statistik nur ein Hilfsmittel sei. Deswegen ist das Wichtigste dabei, dass wir ein schulpolitisches Konzept brauchen, welches letztlich zur Verbesserung der Chancengleichheit von Mädchen u n d von Jungen beiträgt. In diesem Sinne
Frau Bull, danke für die Einbringung. - Für die Landesregierung spricht Kultusminister Professor Dr. Olbertz. Bitte sehr.
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Der Antrag zielt darauf ab, die Landesregierung zu beauftragen, Schwerpunkte für die weitere geschlechtersensible Gestaltung von Bildungsprozessen in den allgemeinbildenden Schulen zu bestimmen und den Ausschüssen für Bildung, Wissenschaft und Kultur sowie für Soziales darüber zu berichten.
Berücksichtigt werden dabei sechs Handlungsfelder, in denen nahezu alle relevanten Bereiche des schulischen Lebens dargestellt werden. Im Grunde genommen wird damit ein speziell auf den Bereich der Schulen zugeschnittenes neues Gender-Konzept eingefordert.
Das Thema ist natürlich bedeutsam und sicherlich auch von dem Jahresgutachten 2009 des Aktionsrates Bildung unter dem Titel „Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem“ inspiriert. Ich möchte kurz aus diesem Gutachten zitieren:
„Die noch vor 30 Jahren außerordentlich prekäre Situation von Mädchen und jungen Frauen kann heute schlicht nicht mehr konstatiert werden. Der Ausgleich, der inzwischen stattgefunden hat, lässt hinsichtlich seiner Wirkungen auf die Erwerbsbeteiligung von Frauen und ihren Aufstieg allerdings noch zu wünschen übrig.
Reformen im Bildungssystem können hier aber nur einen Teil notwendiger Maßnahmen abdecken, deren Schwerpunkt im Beschäftigungssystem liegen dürfte. Die argumentative Verantwortungsverschiebung von einem Versagen des Beschäftigungssystems in Richtung Bildungssystem lässt sich hier empirisch nicht länger rechtfertigen.
Demgegenüber deutet sich in einzelnen Feldern des Bildungssystems eine neue Entwicklung an, die sorgfältig beobachtet und gegebenenfalls in ihren Anfängen bereits bekämpft werden muss, damit sich über zwei bis drei Generationen hinweg nicht ein umgekehrter Benachteiligungseffekt ergibt. Dieses ist die Situation von Jungen und jungen Männern in Bezug auf Bildungs- und Erwerbschancen.“
Hier wird etwas sehr Wesentliches gesagt, nämlich dass wir keineswegs aus der Entwicklung der letzten 30 Jahre heraus Erfolglosigkeit im Hinblick auf die Stellung, auf die Situation der jungen Frauen und Mädchen, auf die Geschlechtergleichstellung gerade im Bildungssektor konstatieren können. Anders ist das nach wie vor im Erwerbssektor.
Wir haben also zwei Punkte in dieser Zusammenfassung, die mir erwähnenswert erscheinen. Zunächst dürfen wir durchaus auch von einer Erfolgsgeschichte des Bildungssystems hinsichtlich der Bildungsbeteiligung von jungen Frauen und Mädchen sprechen. Der Bildungs
bereich und hier vor allem der Bereich der allgemeinbildenden Schulen hat in den letzten drei Jahrzehnten eine Entwicklung vollzogen, die zu einem beträchtlichen Abbau von Benachteilungen von Mädchen und jungen Frauen geführt hat.
Viele andere Bereiche, zum Beispiel das Beschäftigungssystem, hinken dieser Entwicklung eher hinterher. Sie sind also bei der geschlechtersensiblen Gestaltung ihrer Prozesse deutlich weniger erfolgreich.