Protokoll der Sitzung vom 23.03.2012

Wenn Sie ein Jahr zusätzliche Schulzeit investieren, was ist Ihre Erwartung? - Wir machen es einmal an einem Beispiel verständlich, damit es nicht abstrakt ist.

Ein Kind bleibt in der 9. Klasse sitzen und wiederholt die 9. Klasse. Was erwarten Sie denn dann? Dass das Kind in der 10. Klasse so gut ist wie die Kinder, mit denen es dann in die 10. Klasse kommt? Oder müssten wir eigentlich erwarten, dass das Kind dann so gut ist wie andere Kinder, die elf Jahre beschult worden sind, weil es ein Jahr zusätzliche Lernzeit investiert?

Aber selbst wenn Sie die meines Erachtens viel zu bescheidene Erwartung hegen, dass die Kinder dann so gut sind wie die Kinder in der Klasse, in die sie durch das Sitzenbleiben neu hineinkommen, dann werden Sie feststellen, dass selbst das in aller Regel nicht erreicht wird. Deswegen sage ich Ihnen, dass das Sitzenbleiben sinnlos ist. Es hilft den Kindern nicht.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LIN- KEN)

Aber mehr noch: Sitzenbleiben ist ungerecht. Warum ist es ungerecht? - Es ist ein ungerechtfertigter Eingriff in das Leben von Schülerinnen und Schülern. Wenn es doch nichts nützt, dann ist es nicht zu rechtfertigen.

(Zuruf von Frau Brakebusch, CDU)

Aber wir machen das. Wir haben eben eine Zahl gehört, die so niedlich klang: 2,2 % unserer Kinder sind im Schuljahr 2010/2011 sitzengeblieben.

(Zurufe von der CDU)

- So sind die Zahlen. Das ist richtig. Aber das verschönt das Bild. Bei den Pisa-Studien, aber auch bei anderen Studien, hat man sich einmal angeguckt, was das eigentlich heißt; die Kinder können ja in jeder Klassenstufe sitzenbleiben.

Die Pisa-Studie hat ergeben, dass am Ende in der Gruppe der 15-Jährigen jedes dritte Kind eine verzögerte Schullaufbahn hat. Der Staat nimmt sich also die Freiheit, jedes dritte Kind dazu zu zwingen, ein Jahr länger in der Schule zu bleiben unter der Fehlannahme, dass das dem Kind nützen würde. Das finde ich ungerecht.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LIN- KEN)

Das Ganze ist dann auch noch teuer. Herr Weigelt, den Schuss vor den Bug bekommt man nicht umsonst; auch wir als Land nicht. Nicht nur, dass die Kinder ein Lebensjahr investieren müssen, sondern jede Schülerin und jeder Schüler im Land kostet uns je nach Schulform zwischen 5 000 und 6 000 €. Das Geld würde ich gern für bessere Maßnahmen ausgeben, die den Kindern helfen, zum Beispiel für den individualisierten Unterricht, für Zusatzförderungen und für neue Herausforde

rungen. Das wäre doch eine bessere Investition des Geldes.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LIN- KEN)

Deswegen sage ich: Lassen Sie uns doch jede Maßnahme ergreifen, die diesem deutschen Sonderweg ein Ende macht. Er ist sinnlos, ungerecht und teuer. So sollten wir unsere Schulen nicht gestalten. Ich habe gestern schon einmal gesagt, dass wir ein Schulklima brauchen, bei dem nicht das Sortieren im Vordergrund steht, sondern die Unterstützung. Das sollte auch an dieser Stelle, an der es um das Sitzenbleiben geht, gelten.

Deshalb bedanke ich mich bei der Fraktion DIE LINKE dafür, dass sie dieses wichtige Thema hier in die Debatte eingebracht hat. - Herzlichen Dank.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LIN- KEN)

Frau Professor Dalbert, Herr Borgwardt möchte Sie gern etwas fragen.

Aber gern.

Frau Kollegin Dalbert, Sie kennen sicherlich auch den pädagogischen Grundsatz: Wissen erlernt man durch Lernen. Und Lernen kann man, indem man wiederholt. Den kennen Sie doch?

Ich warte auf Ihre Frage. War das Ihre Frage? Sind Sie fertig?

Ich wollte wissen, ob Sie den Grundsatz kennen.

(Heiterkeit bei den GRÜNEN und bei der LINKEN)

Ich warte, bis Sie fertig sind.

Den kennen Sie doch?

Ich würde gern einmal fragen: Sie haben die ganzen negativen Punkte beschrieben, die da sind. Die sind mit Sicherheit existent; das will ich gar nicht bestreiten. Aber mir geht es jetzt noch einmal um den Effekt, den man hat. Das passiert in der 1. Klasse, in der 2. Klasse, in der 3. Klasse, in der 4. Klasse und in der 5. Klasse:

(Herr Kolze, CDU: Bis zum Abi!)

Egal ob Sie es durch Sitzenbleiben bewerten, auf jeden Fall sind es offensichtlich Leistungen, die wesentlich unter dem allgemeinen Klassenniveau liegen. Darin sind wir uns einig. Kriegen diese Kinder Ihrer Meinung nach, wenn das bis zur 5. Klasse geht, auch die Empfehlung für das Gymnasium? Wie weit soll das Ihrer Meinung nach gehen?

(Zurufe von der CDU - Frau Brakebusch, CDU: Es gibt doch keine Empfehlung mehr!)

Danke, Herr Borgwardt. Ich bedanke mich für diese Frage. - Die zweite Frage ist leicht zu beantworten. Da wir für die Gemeinschaftsschulen sind, haben wir nicht mehr den Punkt der Empfehlungen für Gymnasien. Das ist das, was ich auch gestern versucht habe zu erklären.

Wir brauchen eine Revolution des Denkens, weil wir endlich damit aufhören müssen, immer zu fragen, welchen Schulabschluss dieses Kind erreichen will. Ich muss doch fragen: Was kann das Kind lernen und wie kann ich es dazu bringen, seine besten Kompetenzen zu entwickeln?

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LIN- KEN)

Und dann sehe ich anhand der bei uns durch die Kultusministerkonferenz bestimmten Abschlussjahrgänge, für welchen Abschluss das reicht, ob also genug Fächer auf einem Niveau da sind, die für einen bestimmten Abschluss vorgeschrieben sind. Dagegen spricht ja gar nichts.

Wissen Sie, das mit der Lernzeit ist natürlich richtig. Lernzeit befördert das Lernergebnis. Man kann das aber auch übertreiben. Wenn ein Kind etwas nicht versteht, dann wird es auch nicht dadurch besser, dass es zwölf Monate lang dasselbe noch einmal vorgebetet bekommt. Dann muss man es ihm anders erklären, dann muss man ihm andere Angebote machen, aber nicht zwölf Monate lang noch einmal das Gleiche erzählen.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LIN- KEN)

Herr Borgwardt will weiter fragen.

Aber dann wäre es doch nur stringent, wenn Sie auch für das Abschaffen jeglicher Leistungsbewertung wären. Das wäre doch dann das Optimum. Dann haben Sie gar nichts mehr. Sie brauchen keine Noten mehr. Sie brauchen keine Leistungsbewertung mehr. Dann haben Sie auch keinen

mehr, der sitzenbleibt. Das wäre doch der weitestgehende Antrag. Stellen Sie den doch.

(Unruhe bei allen Fraktionen)

Herr Borgwardt, ich bin Ihnen auch sehr dankbar für diese Frage, weil die Ziffernbewertung in der Tat keine Leistungsrückmeldung ist, die den Schülerinnen und Schülern nützt. Wir brauchen die Ziffernbewertung bei der Zertifikatsvergabe. Das ist bei den Schulabschlüssen notwendig. Die Ziffernbewertung während der Schullaufbahn ist in der Tat überhaupt nicht hilfreich. Sie wäre überflüssig. Aber mit solch einem Antrag wollte ich Sie an dieser Stelle nicht überfordern.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LIN- KEN - Unruhe bei der CDU)

Liebe Frau Professor Dalbert, Herr Weigelt hätte Sie gern noch etwas gefragt.

Liebe Kollegin Dalbert, ich leite meine Zwischenintervention tatsächlich in eine Frage über, weil ich merke, wie gern Sie zu diesem Thema sprechen.

Sie erinnern sich gut an unsere gemeinsame Reise. Frau Koch-Kupfer war auch dabei. Wir haben uns in Irland über das Bildungssystem informieren lassen. Ich denke, wir haben uns auch sehr ausführlich informiert. Ich habe Folgendes mitgenommen: Punkt 1. Irland ist eines der Länder, in denen man nicht sitzenbleibt.

Punkt 2. Sie erinnern sich, dass wir beim stellvertretenden Parlamentspräsidenten und bei führenden Bildungspolitikern aller Fraktionen waren. Uns ist erklärt worden, dass man in Irland gerade auf dem Weg ist und dass 90 % der Abgänger die Schule mit dem Abitur verlassen. Als wir ganz erstaunt geguckt haben, hieß es: Na ja, das ist ein Zwischenstand. Wir sind dabei; in dieser Legislaturperiode wollen wir eine Abiturquote von 100 % schaffen.

(Herr Borgwardt, CDU: Ohne Leistungs- bewertung!)

Sie werden sich erinnern, dass ich die Frage gestellt habe: Wer soll denn bei Ihnen eigentlich noch die Arbeit machen?

(Lachen bei der LINKEN - Zurufe von den GRÜNEN)

Da ist nicht geantwortet worden - -

(Zurufe von der LINKEN)