Meine Damen und Herren, zwar haben die kommunalen Landesverbände erreicht, dass es Verbundschulen geben soll, Verbünde zwischen Hauptschulen und Realschulen. Aber auch da sind keine innovativen – –
Schulverbünde, ja, Kooperationen. Aber auch da sind keine integrativen Schulmodelle zugelassen. Daran zeigt sich, wie rückständig Sie in diesem Land sind. Denn am Beispiel der regionalen Schule, etwa in Rheinland-Pfalz, kann man ja erkennen, wie positiv es ist, wenn unter einem Dach Haupt- und Realschule eng in einem gemeinsamen Bildungsgang kooperieren, der die fünfte und sechste Klasse zusammenfasst und danach entweder profilorientiert oder integrativ zum Abschluss führt und sowohl den Hauptschul- als auch den Realschulabschluss ermöglicht. Dabei handelt es sich gerade nicht, wie Sie in den Empfehlungen schreiben, um ein absolutes Ver
schmelzen. Es werden durchaus noch unterschiedliche Abschlüsse angestrebt. Aber die Kinder werden gemeinsam gefördert, sie werden individuell gefördert, und damit entsteht auch eine neue Unterrichtskultur, in deren Rahmen jedes Kind die Aussicht auf einen besseren Schulerfolg hat.
Meine Damen und Herren, das, was Sie zulassen, erweist sich für die Hauptschüler geradezu als problematisch. Wenn Sie jetzt sagen, in einem solchen Schulverbund könnten einzelne leistungsstarke Hauptschüler in die Realschule überwechseln – das konnten sie in der Vergangenheit übrigens ebenfalls schon; ich war an einer Realschule, und da habe ich das auch gelegentlich erlebt; das ist also nichts Neues –, und wenn Sie dies jetzt systematisch betreiben, dann bedeutet das in bildungspolitischer Hinsicht, dass die kleinen Hauptschulen auch noch ihre letzten Vorbilder und Motoren verlieren. Damit entsteht für die verbleibenden Schülerinnen und Schüler der Eindruck, sie seien nun diejenigen, die letzten Endes am stärks ten ausgegrenzt würden. Und das bei diesen Schülern und Schülerinnen, die am meisten Unterstützung brauchen und die am dringendsten das Gefühl brauchen, gestärkt zu werden! Das ist bildungspolitisch fatal und schwächt ausgerechnet diejenigen, die in der Gesellschaft ohnehin die allergeringsten Chancen haben.
Meine Damen und Herren, alle weiteren zwischen den kommunalen Landesverbänden und dem Kultusministerium festgelegten Empfehlungen sind reine Notmaßnahmen und reine Flickschusterei, um die Hauptschule auf jeden Fall noch über einen gewissen Zeitraum zu retten. Das heißt, das sind lediglich lebensverlängernde Maßnahmen. Was an diesen Schulstandorten stattfinden wird, ist ein Sterben auf Raten.
Ich will die einzelnen Maßnahmen einmal kurz benennen: das Hin- und Herschieben von Klassen zwischen einzelnen Standorten, Kleinsthauptschulen mit den Klassen 5 und 6 und Kleinsthauptschulen mit den Klassen 5, 6 und 7, dann wiederum winzige Außenstellen von Hauptschulen an anderen Standorten. Der Akzeptanzverlust wird hierdurch doch immer größer, und die Eltern werden noch mehr als schon bislang alles tun, damit ihre Kinder keine Verpflichtung für die Hauptschule bekommen. Das Sterben der Hauptschulstandorte wird weitergehen – trotz der Fusionen, die im ersten Jahr allerdings durch die verbleibenden Ressourcen versüßt werden, bevor dann auch diese Ressourcen abgebaut werden.
Schließlich, meine Damen und Herren, ist der folgende Gesichtspunkt für mich bildungspolitisch auch noch sehr wichtig: In diesen winzigen Standorten können nicht einmal mehr die pädagogischen Mindeststandards eingehalten werden. Schauen Sie sich eine Hauptschule mit den Klassen 5 und 6 an. Wo bleibt da die Fachlichkeit der Lehrkräfte? Was geschieht, wenn einmal ein Lehrer fehlt, wenn ein Kollege einmal eine Fortbildungsveranstaltung besuchen möchte? An diesen Standorten können überhaupt keine Profilierungen stattfinden.
Hinzu kommt, dass die Hauptschüler in diesen Regionen unter Umständen vier Schulwechsel durchstehen müssen: den Wechsel von der Grundschule in die Hauptschule, nach den ersten beiden Hauptschuljahren den Wechsel zu einer weiteren Hauptschule, dann zu einer weiteren Hauptschule und schließlich möglicherweise noch den Wechsel zu einer Schule, in der sie das zehnte Schuljahr absolvieren. Gerade diese Schüler brauchen jedoch eine stabile Erziehungszeit und Förderzeit in der Schule.
Das heißt, diese Flickschusterei und diese Notmaßnahmen sind keine Lösungen. Wir brauchen neue integrative Modelle. Wir haben Ihnen heute einen Antrag hierzu vorgelegt, der begehrt, dass zumindest da, wo die Kommunen integrative neue Schulmodelle beantragen, diese Anträge auch genehmigt werden.
Sie wissen, wir Grünen streben die Basisschule an. Wir wissen, dass das schwierig sein wird. Wir müssen unterschiedliche Modelle erproben und entwickeln.
Frau Kollegin Rastätter, haben Sie Erkenntnisse darüber, dass in einer Schule, die ein Massenbetrieb ist, die Kinder mehr lernen als in einer überschaubaren Einheit?
(Abg. Norbert Zeller SPD: Er hat es nicht verstan- den! Es geht nicht um den Massenbetrieb! – Abg. Ur- sula Haußmann SPD: Ich würde nur noch kluge Fra- gen zulassen!)
Lieber Kollege Kluck, ich selbst habe an einer „Massenschule“, an einem Bildungszentrum mit 2 000 Schülern und Schülerinnen, unterrichtet, bevor ich in den Landtag kam. Ich bin eine entschiedene Gegnerin von solchen riesigen Schulen. Aber Sie haben mit diesem zersplitterten Schulsystem genau dies erreicht.
und auf der anderen Seite haben Sie winzige Hauptschulen, die keine pädagogischen Qualitätsstandards gewährleisten können.
Wir wollen ein pädagogisches Schulsystem, das die Ressourcen gerecht einsetzt, das Schulen schafft, die zwei- bis dreizügig sind, die keine „Massenschulen“ sind. Das wird aber nur gehen, wenn wir in Richtung einer Basisschule gehen. Mit diesem hoch zersplitterten Schulsystem werden Sie genau die se Entwicklung, die wir haben, weitertreiben. Das wollen wir gerade nicht.
Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren! Nach Begriffen wie „Erosion“, „Durchhalteparolen“, „sterben“ und vor allem „diejenigen, die übrig bleiben“
das war ein Zitat – halte ich es für notwendig, dass man hier einmal feststellt, dass in den Hauptschulen gute Arbeit geleis tet wird
und dass die Lehrerinnen und Lehrer in einem nicht einfachen Umfeld Anerkennung für ihre Arbeit verdienen. Das betrifft nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer, sondern die ganze Schulgemeinde.
(Beifall bei der CDU und der FDP/DVP – Abg. Tho- mas Oelmayer GRÜNE: Wieso bezahlt ihr die dann am schlechtesten? Die werden am schlechtesten be- zahlt!)
Sie haben diese Begriffe an einem Tag gewählt, an dem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel über den Wettbewerb um den Hauptschulpreis 2007, den die Hertie-Stiftung, die Robert Bosch Stiftung und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände ausgeschrieben haben, steht. Unter der Überschrift „Kreative Hauptschulen“ heißt es dort im Untertitel: „Der Wettbewerb um den Hauptschulpreis zeigt Wege“. Da sind Ihre Begriffe völlig fehl am Platz.
Mitentscheidend ist die Orientierung auf den Beruf. Wir haben in unserer Koalitionsvereinbarung festgelegt, dass wir darauf noch stärker unser Augenmerk richten wollen. Dazu werden wir auch weitere Vorschläge unterbreiten.
Weil Sie sagen, wir seien „das Schlusslicht in Deutschland“, „anachronistisch“ und „rückständig“, möchte ich ein Zitat aus diesem Artikel vortragen:
Doch die Zweigliedrigkeit wird nicht dafür sorgen, dass Hauptschüler sich nicht mehr als Verlierer des Bildungssystems fühlen. Vielmehr entsprechen solche Schritte dem deutschen Hang, inhaltliche Fragen über Strukturmaßnahmen zu klären.
Natürlich sind die demografische Entwicklung und die Übergangszahlen Herausforderungen insbesondere für die kleinen Standorte, an denen auch gute Arbeit geleistet wird.
Der Herr Kultusminister wird ja im Anschluss für die Regierung sprechen. Er kann dann darlegen, ob Ihr Zitat vom Städtetag die Position der kommunalen Landesverbände – Sie haben eine Quelle vom Dezember zitiert – in der Arbeitsgruppe zur Zukunft der Hauptschulen gewesen ist oder ob die kommunalen Landesverbände, wie es mein Stand ist, mit diesen Empfehlungen einverstanden sind.
Ich will den kommunalen Landesverbänden ausdrücklich dafür danken, dass sie sich an vielen Standorten nicht aus der Schulträgerschaft verabschieden, sondern ein Interesse daran haben, diese Schulträgerschaft weiterhin mitzuentwickeln.
Für uns ist die wichtigste Frage: Was ist die beste Ausbildung und die beste Bildung für die Kinder? Wir glauben, dass wir gute Argumente für die Dreigliedrigkeit haben. Internationale Leistungsvergleiche zeigen uns, dass wir – im internationalen Vergleich – alle zusammen in Deutschland besser werden müssen. Wir haben uns dazu auf den Weg gemacht: Bildungsplanreform, Schulentwicklung, Sprachförderung.