Wir wollen aus diesen Gründen nicht die Hauptschulen abschaffen, nicht die Realschulen abschaffen, nicht die Gymnasien abschaffen, was alles mit dem Übergang zur Einheitsschule verbunden wäre. Wir wollen mit den inhaltlichen Verbesserungen, die wir in den letzten Jahren in die Schulen getragen haben, fortfahren und damit die positive Entwicklung, die durch PISA und IGLU bescheinigt wird, weiter unterstützen und weiter zu besseren Bildungsergebnissen für unsere Schülerinnen und Schüler kommen.
Zu Ihrem „Murmeltiertag“, Herr Zeller, gehört auch, dass Sie immer wieder sagen, Ihr Konzept sei die Rettung für die Schule vor Ort.
Meine Damen und Herren, der Schulausschuss des Land- tags von Baden-Württemberg war in Schleswig-Holstein. In Schleswig-Holstein legt das Schulgesetz fest, dass die Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein eine Mindestschülerzahl von 300 Schülerinnen und Schülern hat, dass die Zusammenfassung von Haupt- und Realschule in Schleswig-Holstein – sinnigerweise Regionalschule genannt – eine Mindestschülerzahl von 240 Schülerinnen und Schülern hat.
Wir werden in einigen Jahren nicht mehr die Zahl von 1 200 Hauptschulen haben. Bei 30 % der Schulen unter 100 Schülern ist das offensichtlich. Aber die genannte Zahl von Schleswig-Holstein, im Schulgesetz verankert, sowie die Aussagen von Bildungsexperten zur Notwendigkeit von Mindestschü
lerzahlen und Differenzierungsmöglichkeiten in solchen Schulformen zeigen: Sie würden mit Ihrem Konzept dafür sorgen, dass viel mehr Schulen geschlossen werden müssten, als es bei unserem Weg der Fall ist. Auch deshalb halten wir an den Hauptschulen fest, die uns viel wert sind. Vielen Dank für Ihre Anerkennung der guten Ausstattung der Hauptschulen;
(Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Und die Klassen- größen! Die hat Herr Zeller ausdrücklich gewür- digt!)
Deshalb: Verlassen Sie Ihren „Murmeltiertag“! Läutern Sie sich, und fordern Sie nicht weiterhin die Einheitsschule.
Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Diese Debatten wird es auch künftig geben, Herr Kollege Schebesta.
Es wird sie auch geben müssen, weil es um die Frage geht: Wie können Kinder im baden-württembergischen Schulsys tem unabhängig von ihrer sozialen Herkunft gut und besser gefördert werden?
Wir sind der festen Überzeugung, dass ein System, das Kinder bereits nach nur vier gemeinsamen Schuljahren in ein hierarchisch gegliedertes Schulsystem einsortiert, bei dem es für die Hauptschule keinerlei Akzeptanz mehr gibt, historisch überholt ist. Das ist ein Modell aus der Ständegesellschaft des 19. Jahrhunderts, als die sozialen Klassen in der Schule abgebildet wurden. Dieses System hat in der Gesellschaft keine Akzeptanz mehr und muss deshalb überwunden werden.
Solange wir hier in unserem Bundesland nicht entscheidende Schritte erleben, die Abstand nehmen von dem Sortierungswahn in diesem Bildungssystem, werden wir dieses Thema immer wieder auf die Agenda bringen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es liegt jetzt schon fast ein Jahr zurück, als rund 100 Schulleiter aus dem Oberschwäbischen ihren Schulleiterbrief an Kultusminister Rau gerichtet haben. Mittlerweile haben sich dieser Initiative mehrere Hundert weitere Schulleiter angeschlossen.
Ich möchte wieder betonen: Es handelt sich dabei nicht um Schulleiter, die ihre Arbeit möglicherweise gerade einmal so gut wie nötig erledigen, sondern das sind die Schulleiter, die am engagiertesten sind, die den höchsten Einsatz bringen und die die besten Schulprofile für die Hauptschule entwickelt haben. Diese Schulleiter sind es, die sagen: „Wir können so nicht mehr weitermachen. In der Verantwortung für diese Schüler und Schülerinnen brauchen wir eine Schule, in der ein anderes Anregungsmilieu besteht und in der auch Kinder aus unterschiedlichen sozialen Schichten zusammenkommen, gemeinsam lernen können und sozial integriert werden.“
Liebe Kolleginnen und Kollegen, der Handlungsdruck nimmt zu. Er ist seit dem letzten Jahr, seit dem Schulleiterbrief massiv angestiegen. Das müssen Sie einfach einmal zur Kenntnis nehmen.
Kollege Zeller hat ja schon einige Zahlen angedeutet. Ich möchte hier betonen: In Baden-Württemberg haben bereits 47 % der Kinder am Ende der Grundschulzeit eine Gymnasialempfehlung. Von diesen nehmen ungefähr 15 % – das sind rund 7,5 % aller Kinder am Ende der Grundschulzeit – diese Empfehlung nicht an, weil diese Kinder von ihren Eltern auf die Realschule geschickt werden – noch. Auch das wird sich in den nächsten Jahren ändern. Das sind heute die Eltern, die Ängste haben, ob ihr Kind das Gymnasium packt.
Von denjenigen Eltern, die für ihre Kinder eine verbindliche Empfehlung für die Hauptschule bekommen, widersprechen 25 % dieser verbindlichen Empfehlung. Das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn wir wissen aus allen Gesprächen mit den Eltern: Die Hauptschule hat bei den Eltern insgesamt keine Akzeptanz mehr.
Ein Bildungssystem, das für einen kleinen Teil von sozial benachteiligten Kindern eine Schulart aufrechterhält, in die man nur die benachteiligten Kinder steckt – und zwar auch zwangsweise –,
hat in einer modernen demokratischen Gesellschaft, in der Bildung Akzeptanz bei allen Menschen haben muss, keine Zukunft mehr.
Zu diesem veränderten Übergangsverhalten kommt natürlich auch noch die demografische Entwicklung hinzu. Dazu brauchen wir uns nur anzuschauen, dass im Jahr 2020, statistisch betrachtet, 33 % weniger Schüler an den Hauptschulen sein werden. Schon heute kommen angesichts der Übergangsempfehlungen, prozentual gesehen, in jedem Jahr weniger Schüler eines Jahrgangs in die Hauptschule. Dann wird es, Herr Kollege Schebesta, in den nächsten Jahren nicht um 400 Schulen gehen, die im ländlichen Raum geschlossen werden müs
Deshalb fragen wir: Warum lassen Sie denn nicht einfach die se Schulversuche zu, über die vor Ort überall und auch von Ihren CDU-Bürgermeistern diskutiert wird? Denn es sind ja in der Regel CDU-Bürgermeister, die inzwischen, ohne an die Öffentlichkeit zu gehen, zusammen mit ihren Schulleitern überall versuchen, moderne, innovative Konzepte für moderne Schulformen zu entwickeln. Warum lassen Sie nicht zu, dass solche Modelle genehmigt und entwickelt werden? Natürlich führt das dazu – –
Dann mache ich es doch. Danke. – Frau Kollegin Rastätter, Sie haben an dieser Stelle schon oft erklärt, dass Sie gegen das gegliederte Schulwesen sind. Wie bewerten Sie die Tatsache, dass im letzten Semester die Hälfte der Anfänger an BAs, Fachhochschulen und Universitäten über die berufliche Bildung gekommen sind, also über die Realschule, und wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang Ihre Forderung, genau diese Schule aufzulösen?
Das liegt daran, dass wir natürlich – das ist ja bekannt; das habe ich hier auch immer wieder gesagt – über die Realschule die Möglichkeit haben, in die beruflichen Gymnasien zu gehen und dort das Abitur zu erwerben. Das ist ja zum Glück auch eine Möglichkeit des Anschlusssystems im Bildungswesen. Wenn wir diese nicht hätten, wäre es ja geradezu katastrophal.
Aber wir wissen natürlich aus der TOSCA-Studie, dass es genau die Bildungsaufsteiger aus den mittleren Schichten sind, die über die Realschule in die beruflichen Gymnasien kommen – der Weg gerade nicht für die begabten Schüler, die wir heute an den Hauptschulen haben; das sind vor allem auch Kinder mit Migrationshintergrund. Denen ist auch heute noch – und das können Sie auch aus den Unterlagen des Statis tischen Landesamts ersehen – weitgehend die Möglichkeit verwehrt, diesen Weg entsprechend ihrer Begabung – und die Begabungen gibt es auch an der Hauptschule – zu gehen.
Meine Damen und Herren, deshalb sagen wir – gerade weil wir ja auch einen Konsens in der Gesellschaft haben; Kollege Schebesta, Sie hatten es angesprochen und auf neue Studien verwiesen –: Fakt ist, dass die Studie von Professor Fend zu dem Ergebnis kommt – das haben Sie sicher auch in der „Zeit“ gelesen –, dass in der Zeit, in der die Kinder gemein
sam in der Gesamtschule waren, die Bildungsbeteiligung und der Schulerfolg gerade bei den Benachteiligten günstiger waren, auch wenn sie später nicht den Weg zu einem Studium gewählt haben. Hier muss man sicher auch noch die soziale Herkunft berücksichtigen und schauen, wie wir hier besser fördern können. Das ist ganz klar.