Herr Präsident, Kolleginnen und Kollegen! Im Rahmen der Einführung des Orientierungsplans ist das Thema „Der Kindergarten/die Kinderkrippe als Bildungsort“ noch einmal sehr stark in den Fokus der Öffentlichkeit gekommen. Es geht darum, noch einmal deutlich zu machen, dass wir uns zusätzlich zu der Erkenntnis, dass wir hier einen Bildungsort und einen Erziehungsort haben, von der alten Vorstellung, es ginge hier nur um Betreuung, endgültig und umfassend verabschieden müssen und auch erkennen müssen, dass wir dann auch die Rahmenbedingungen und Voraussetzungen zu schaffen haben, dass für jedes Kind, das an diesem Bildungsort zu finden ist, dann auch eine adäquate Bildung und Erziehung stattfindet.
Dazu reicht es eben nicht – das haben wir hier schon mehrfach dargestellt –, den Orientierungsplan verbindlich einzuführen, ihn dann in Modellprojekten zu überprüfen und die Einführung wissenschaftlich zu begleiten. Vielmehr muss dann auch an verschiedenen anderen Stellschrauben sichergestellt werden, dass die Qualifizierung der Erzieherinnen und Erzieher stimmt, dass die Anzahl der Erzieherinnen und Erzieher stimmt, dass überhaupt erst einmal die Anzahl der Plätze stimmt und das ganze Angebot dann auch noch so ausgestaltet ist, dass es von allen Eltern adäquat angenommen werden kann.
Nun diskutieren wir heute nicht über das Gesamtpaket, sondern wir diskutieren hier über einen kleinen Ausschnitt daraus, nämlich über die Frage, wie wir denn die Erzieherinnen und Erzieher der Zukunft und die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Zukunft in den Kindertagesstätten auf die se neue Aufgabe vorbereiten. Darauf gibt die Landesregierung – ich denke, das ist hier herausgekommen – fachlich durchaus befriedigende Antworten. Hier werden 215 zusätzliche Studienplätze geschaffen. Hier kümmert man sich mit verschiedenen Konzepten sehr intensiv um diese Elementarpädagogik.
Das Einzige, was hier anzumerken wäre, ist, dass das Thema Sprachförderung immer sehr stark im Mittelpunkt steht. Man muss diesen Prozess natürlich auch kritisch begleiten und anmerken: Das darf nicht dazu führen, dass man Grundschulpädagogik allein unter der Überschrift „Sprachförderung“ als Elementarpädagogik deklariert. Vielmehr brauchen wir hier neue elementarpädagogische Konzepte, die auch dem Alter und dem Reifestand der Kinder sowie dem Gesamtanspruch an den Bildungsauftrag insgesamt gerecht werden.
Betrachtet man dann aber die dargestellten Zahlen, wird einem deutlich, dass diese Initiative allein nicht ausreichen kann, um den Bedarf auch nur annähernd zu decken. Die 20 Jahre ergeben sich ganz schlüssig aus dem, was hier an Zahlen dargestellt worden ist. Herr Hoffmann, so schön das kleine Gemälde auch sein kann: Wir brauchen hier schon eine etwas größere Gemäldesammlung. Es ist nicht erkennbar, wie man die se Gemäldesammlung hier aufbauen will. Da ist etwas nebulös von einer zweiten oder dritten Tranche des Masterplans die Rede. Aber wenn ich mich richtig erinnere, ging es bei dem Masterplan wirklich um zusätzliche Studienangebote; denn wir bereiten uns ja auf den doppelten Abiturjahrgang 2012 vor. Da reicht es nicht aus, wenn man bestehende Studienplätze der Grund- und Hauptschulpädagogik in Elementarpädagogik umwandelt, sondern wir brauchen in diesem Wachstumsbereich real zusätzliche Studienplätze, nämlich zum einen für den Bereich selbst, zum anderen aber auch, weil hier in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gute Marktchancen für Einstellungen bestehen dürften.
Doch wer A sagt, Herr Hoffmann, der muss auch B sagen. Dann müssen wir die Personalstandards in den Kindertagesstätten auch so erweitern, dass es überhaupt möglich wird, diesen sehr anspruchsvollen Orientierungsplan mit allem, was es hier an Dokumentationen, an Beobachtungen und an individueller Förderung gibt, in den Kindertagesstätten auch wirklich einzuführen. Denn mit dem Personalschlüssel, den wir im Moment haben, sehen wir nicht nur im internationalen Vergleich schlecht aus, sondern auch die Modellprojekte zum Thema „Einführung des Orientierungsplans“ haben uns schon sehr deutlich gezeigt, dass es aus der Sicht der Betroffenen selbst ohne zusätzliche Kapazitäten nicht zu schaffen ist.
Von daher tue ich mich schwer, hier öffentlich dazu aufzufordern, dass jetzt möglichst viele in den Bereich der Elementarpädagogik einsteigen und das als neues Studienfach entdecken, wenn nicht gleichzeitig die anschließenden beruflichen Möglichkeiten quantitativ ausgebaut werden, um all diesen
Absolventen auch eine entsprechende Stelle anbieten zu können. Das gehört auch zur Ehrlichkeit in dieser Diskussion.
Wenn man aber einführen will – damit komme ich zum Schluss –, dass zunehmend auch akademisierte Erzieherinnen und Erzieher und Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen in einer Kindertagesstätte tätig sind – angesichts dieser Zahlen besteht jetzt nicht die Gefahr, dass wir hier eine Überakademisierung bekommen; wir müssen froh sein, wenn wir in einigen Jahren in jeder Einrichtung überhaupt eine akademisch ausgebildete Kraft vorfinden –, dann muss man aber auch die Bezahlung in diesem System endlich einmal so gestalten, dass sie – unabhängig von den Ergebnissen – international vergleichbar ist.
Hier geht es auch darum, Herr Hoffmann, dass wir den Beruf so attraktiv machen, dass wir möglichst Männer nicht nur in den Studiengängen finden, sondern später auch in der Erzieherinnen- und Erzieherausbildung. Denn nur dann haben wir im Grunde den Bildungsanspruch, den wir hier verorten, so umfassend erfüllt, dass wir sagen können: „Die Hausaufgabe haben wir rechtzeitig erkannt; wir haben sie auch in allen drei Bereichen so umgesetzt, dass am Ende alle Kinder, egal, woher sie kommen und wohin sie in die Kindertagesstätte gehen, das Bildungsplanangebot bekommen, das ihnen zusteht“, und dass hier auch bessere Bildung für alle Kinder bereits in der Kinderkrippe flächendeckend beginnen kann.
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Im Kindergarten entscheidet sich Zukunft, und zwar die Zukunft der Kinder. Für sie haben die dort gemachten Erfahrungen ein Leben lang prägende Wirkung. Es entscheidet sich aber auch unser aller Zukunft, denn diese Kinder sind es, die unser Land prägen werden. Deshalb haben die Menschen, die in Kindergärten arbeiten, eine ganz besondere Verantwortung, liegt doch unsere Zukunft in ihren Händen. Wir haben eine ganz besondere Verantwortung für die Ausbildung der Kindergärtnerinnen und Kindergärtner. So weit sind wir uns alle einig.
Die entscheidende Frage aber ist: Mit welchem Ziel bilden wir sie aus? Das hängt wiederum von der Frage ab, was die Kinder im Kindergarten machen sollen.
Wenn ich unsere Debatten zum Thema Ingenieurmangel Revue passieren lasse, komme ich zu dem Schluss, dass wir im Kindergarten top ausgebildete Naturwissenschaftler brauchen, die die besondere Aufnahmefähigkeit kleiner Kinder nutzen, um ihnen die Grundlagen von Mathematik, Physik und Chemie zu vermitteln.
Wenn ich unsere Debatten über Jugendkriminalität Revue passieren lasse, komme ich zu dem Schluss, dass wir top ausgebildete Sozialpädagogen brauchen, die Kindern das friedliche soziale Miteinander in einer multikulturellen Gesellschaft beibringen. Wenn ich unsere Debatten über Integration Revue passieren lasse, komme ich zum Schluss, dass wir jede Menge Deutschlehrer brauchen. Und wenn ich dann schließlich die Debatten über die Gesundheit unserer Jugend und über die zunehmende Vereinsamung in einer multimedialen Welt Revue passieren lasse, komme ich zum Schluss, dass wir Mütter und Väter in den Kindergärten brauchen, die die Kinder auch einmal zum Toben, zum Spielen und vielleicht zum Streicheln von Tieren ermuntern.
Zusammenfassend: Der ideale Kindergärtner ist danach also mathematisch-naturwissenschaftlich, sprachlich und sozialpädagogisch perfekt geschult und kann den Kindern beim gemeinsamen Sandburgenbauen seine Kenntnisse vermitteln.
Weil wir den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft für besonders wichtig halten, weil wir die Ursachen der Jugendkriminalität nicht zuletzt in einem Mangel an Sozialisierung im Kindesalter sehen und weil wir die dramatische Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht bekämpfen wollen, wollen wir im Kindergarten nicht lauter kleine Akademiker an der Computermaus sitzen haben. Wir wollen Kinder,
Kinder, die Sandburgen bauen, Sandburgen zerstören, die Folgen der Zerstörung fremder Sandburgen am eigenen Leib spüren und lernen, dass, wer mit Förmchen wirft, auch mit Förmchen beworfen wird, und Kinder, die andere Kulturen als Bereicherung kennenlernen.
Wenn die Kinder dann beim Fußballspielen lernen, lieber Kollege Walter, dass in einer Gruppe jeder seinen Platz hat – und das in einem von Sozialpädagogen gesteuerten Gesamtprozess –, dann ist das wichtig. Wenn die Kinder beim Drachensteigenlassen en passant die Gesetze der Schwerkraft lernen, dann ist das hervorragend. Aber im Kern sollen sie toben – gegen die Bewegungsarmut –, spielend die Welt entdecken und in der Gruppe lernen, sich friedlich in ein Gemeinwesen einzufügen.
Deswegen brauchen wir nur einen überschaubaren Anteil von Akademikern unter den Betreuern in Kindergärten. Nicht die akademische Vorbildung ist uns wichtig, sondern die Fähigkeit, Kinder zu erziehen.
Da sind wir uns im Ergebnis einig. Das soll folgendermaßen organisiert werden – der Minister wird Ihnen das noch erklären –: Die Grundlagenforschung findet an den Universitäten statt und wird dort ausgebaut. Die Ausbildung der Sozialpädagogen findet bereits an den Fachhochschulen statt und wird im Zuge des Programms „Hochschule 2012“ ebenfalls ausgebaut. Wie Kollegin Bauer völlig richtig sagte, setzen wir den Schwerpunkt bei den Pädagogischen Hochschulen, weil es pädagogische Fähigkeiten sind, die an den Kindergärten gebraucht werden, damit die Kinder spielend nicht nur unsere Sprache lernen, sondern auch die Faszination der Naturwissenschaften erleben können.
Unser Kernziel bleibt, dass nicht der akademische Überbau, sondern die praktische Seite der Kindererziehung im Mittelpunkt steht.
(Abg. Dr. Friedrich Bullinger FDP/DVP: Sehr gut! – Beifall des Abg. Dr. Friedrich Bullinger FDP/DVP)
Nicht umsonst heißt diese Einrichtung „Kindergarten“ und nicht „Kinderuni“. Das ist gut so. Das muss so bleiben.
Frau Präsidentin, meine Damen und Her ren! Das Zitat von Goethe hat mir eigentlich gut gefallen, Frau Bauer: Zwei Dinge brauchen die Kinder: Wurzeln und Flügel. Das ist unser politisches Konzept. Wir verleihen der Erzieherinnenausbildung Flügel,
(Beifall bei der CDU und der FDP/DVP – Zuruf von der CDU: Sehr gut! – Abg. Dr. Klaus Schüle CDU: Gleich zu Beginn 1 : 0!)
Ich glaube auch, dass die Meinungsunterschiede über den Weg, den wir gehen – sofern welche bestehen –, sehr gering sind. Wir alle sind der Auffassung, dass wir eine gute Fachschulausbildung brauchen, dass wir aber auch eine akademische Ausbildung von Erzieherinnen und möglicherweise Erziehern – eigentlich mehr Erziehern – benötigen. Deswe
gen sind wir den Weg gegangen, die entsprechenden Studiengänge an den Pädagogischen Hochschulen neu einzurichten bzw. an Fachhochschulen auszubauen.