Jungen werden später eingeschult und im Schuleintrittsalter häufiger zurückgestellt. Bereits in der Grundschule, vor dem Übergang in die weiterführende Schule, bleiben mehr Jungen sitzen oder werden mehr Jungen zurückgestellt als Mädchen. Ab Klasse 5 haben wir beim Sitzenbleiben in allen Schular
ten fast das Verhältnis 2 : 1. Das Risiko, sitzen zu bleiben, ist bei Jungen doppelt so hoch wie bei Mädchen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch alle Bildungsbereiche.
Wenn ich mir die verschiedenen Schulen anschaue, dann stelle ich fest: An allen Schulen, die eher einen niedrigeren Bildungsabschluss anbieten, ist der Anteil der Jungen deutlich höher, während bei den Schulen, die einen höheren Bildungsabschluss anbieten, der Anteil der Mädchen höher ist.
Jetzt muss ich mir doch die Frage stellen: Reichen einzelne Hilfsprogramme aus, um diese Anteile einander anzugleichen? Reicht es aus, neben dem Girls’ Day jetzt auch noch einen Boys’ Day zu veranstalten, um die Aussortierung auf verschiedene Schulen zu beeinflussen, um die Sitzenbleiberquote der Jungen zu senken? Ist das der richtige Weg, um dies anzugehen?
Es ist der richtige Weg, um auf das Problem aufmerksam zu machen – genau so, wie wir das in anderen Bereichen in der Entwicklung auch schon hatten. Aber, meine Damen und Herren, wir sollten doch nicht immer wieder dieselben Erfahrungen machen, Stufe für Stufe durchlaufen müssen. Vielmehr denke ich: Wir müssen uns heute Strukturfragen stellen, wir müssen uns Kulturfragen stellen, und wir müssen uns Prozessfragen stellen.
Da stellen wir zunächst einmal fest: Schon beim Eintritt in die Schule als Bildungssystem oder sogar schon in der Kindertagesstätte haben Jungen offensichtlich Nachteile – und dies nicht, Frau Kurtz, weil das Vorbild am Wickeltisch fehlte. Das gab es auch vor 30 Jahren noch nicht. Dennoch gab es diese Effekte vor 30 Jahren nicht in dem Maß, wie wir sie heute sehen; diese Effekte haben sich in den letzten Jahren offensichtlich sogar eher noch verstärkt.
Wir müssen uns jetzt die Frage stellen: Sind wir, wenn wir die se Benachteiligung sehen, in der Lage, alle Entscheidungen im Bildungssystem auch auf die Frage hin zu beurteilen, ob sie im Hinblick auf diese Entwicklung einen positiven Beitrag liefern oder nicht? Wir müssen ferner fragen: Was ist generell der Beitrag des Bildungssystems zu dieser Ungleichheit? Wird sie eher wieder etwas aufgehoben, oder wird sie eher verstärkt?
Zum ersten Punkt stelle ich fest: Wer sagt: „Ab der fünften Klasse brauche ich, vor allem im Gymnasium, keinen Ergänzungsunterricht wegen Lese-Rechtschreib-Störungen mehr“ – so steht es ja in einer Vorlage des Kultusministeriums zu diesem Thema –, handelt nicht im Sinne einer besseren Förderung von Jungen. Denn wir wissen alle, dass Lese-Rechtschreib-Störungen überproportional ein Problem von Jungen sind und dass sie auch nicht einfach aufhören.
Wer sagt: „Ich kann in der fünften Klasse damit anfangen, zwei Fremdsprachen zu unterrichten“, liefert an dieser Stelle auch keinen Beitrag zu einer besseren Förderung von Jungen. Es ist kein Zufall, dass es sich bei den Übergängern von Gymnasien auf Realschulen – das können Sie sich überall belegen lassen – in der fünften, sechsten und siebten Klasse zu 80 % um Jungen handelt.
Wenn Sie in 75 % aller Gymnasien und Realschulen Klassengrößen von über 25 Schülern haben und sagen: „Es ist ein gutes bildungspolitisches Ziel gewesen, dass sich dies nicht
noch verschlechtert“, dann haben Sie an dieser Stelle auch nicht beachtet, wer denn die Verlierer einer solchen Entwicklung sind.
Deswegen komme ich zu dem ersten Ergebnis: Hier wird zwar vieles an Programmen und Projekten vorgestellt. Aber bei wirklichen Problemen, bei denen man von der Entwicklung her die Frage stellen müsste: „Wie schaffen wir es mit diesen Entscheidungen im Bildungssystem, Ungleichbehandlungen zu beseitigen?“, sind in den letzten Jahren keine Entscheidungen für Maßnahmen getroffen worden, die geeignet wären, strukturiert vor allem auch die Jungen anzusprechen.
Es ist schon spannend, dass die Sitzenbleiberquote in der Grundschule zwischen Mädchen und Jungen noch ausgeglichen ist und dass beim Sitzenbleiben die große Aufspreizung zwischen Jungen und Mädchen erst ab der fünften Klasse beginnt.
Es ist spannend, dass sich das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen in der fünften Klasse des Gymnasiums zwar schon zuungunsten der Jungen verschoben hat, dass zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht die Auswirkungen absehbar sind, die sich am Ende beim Abitur – das lässt sich ja aus der Statistik ersehen – hinsichtlich der Relation zwischen Jungen und Mädchen ergeben.
Aber es kann doch nicht unser Ziel sein, meine Damen und Herren, dass ein Junge letzten Endes über das berufliche Schulsystem eher das G 9 absolviert – da holen das nämlich viele wieder auf –, während die Mädchen eher das G 8 anstreben.
Wenn ich feststelle, dass der Beitrag unseres Bildungssystems diese Schere ab der vierten Klasse eher auseinandertreibt, als sie zu schließen, dann, meine Damen und Herren, muss ich auch die Strukturfrage stellen, ob dieses Schulsystem hier in der Lage ist, mit ungleichen Chancen und mit Benachteiligungen überhaupt richtig umzugehen. Daraus ergibt sich, Frau Kurtz, zwangsläufig die weitere Frage, ob man nicht – wenn Sie hier schon auf Finnland verweisen – die Sache klar dahin gehend entwickeln muss: Wir müssen zusammenlassen, was zusammengehört. Das sind Jungen und Mädchen; das sind
Kinder mit unterschiedlichen Entwicklungsverläufen. Alle sollen bis zuletzt dieselbe Chance haben, im vorgegebenen Zeitraum einen höheren Bildungsabschluss zu erwerben. Von daher, Frau Kurtz, kommen wir auch in dieser Frage um die generelle Strukturfrage nicht herum.
Verehrte Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, meine sehr verehrten Damen und Herren! Es ist in der Tat so – die Zahlen sind ja alle schon genannt worden –: Mädchen sind mittlerweile und Gott sei Dank – das war nicht immer so – sehr erfolgreich in unserem Bildungssystem. Sie kommen offensichtlich mit den schulischen Anforderungen, mit den Kulturtechniken, die hier verlangt werden, besser zurecht. Ich denke, das hat zunächst einmal ein Stück weit auch mit unserer unterschiedlichen Evolution zu tun, die sich hier niederschlägt.
Aber ich kann Sie beruhigen, meine Damen und vor allem meine Herren: Wir haben zwar jetzt in der Schule die Nase vorn, aber diese Bildungserfolge kompensieren sich sehr schnell, wenn wir dann die weiteren Lebensläufe betrachten.
(Abg. Karl Zimmermann CDU: Ja! In der Theorie sind sie besser, aber in der Praxis und beim Mofafri- sieren nicht!)
Ich brauche mir das nur anzuschauen: An den Schalthebeln der Macht, in den Führungsetagen der Konzerne, der großen Verwaltungen, in den Parlamenten haben Sie, meine Herren, nach wie vor das Sagen und die Mehrheit. Deshalb hält sich mein Mitleid mit den ach so armen Jungen etwas in Grenzen.
(Beifall der Abg. Heiderose Berroth FDP/DVP und Brigitte Lösch GRÜNE – Heiterkeit bei Abgeordne- ten der CDU und der SPD)
Es gibt in einem hohen und eklatanten Maß männliche Bildungsverlierer in unserer Gesellschaft. Da bin ich ganz Ihrer Meinung, Frau Rastätter. Sie haben sie genannt. Es ist nicht der Junge per se, aber es ist eine bestimmte Gruppe. Es ist der türkische Junge aus der Großstadt. Wir alle wissen – die Zahlen wurden ja jetzt auch schon zitiert, ich will das nicht wiederholen –: Diese Gruppe gehört in der Tat zu den Bildungsverlierern in unserer Gesellschaft, was den Schulbesuch anbelangt, was die Arbeitslosigkeit anbelangt und das Abbrechen von Schule und Ausbildung.
Ich bin ganz Ihrer Meinung – Frau Kurtz, das haben Sie gesagt –: Das ist nicht vorrangig ein Problem unserer Schule. Es ist auch kein Problem, Herr Mentrup, unseres Bildungssys tems in seiner Struktur, sondern es ist ein gravierendes sozialpolitisches Problem, das sich hier zeigt.
Wir haben, meine Damen und Herren – das müssen wir uns eingestehen –, die kulturelle Dimension des Muslimseins in unserer Gesellschaft unterschätzt.
Wir haben gedacht, nach zwei, drei Generationen gebe es hier Auflösungserscheinungen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wir haben hier im Moment das Aufblühen einer richtigen Gegenkultur. Der Islam, das Muslimsein wird gerade von der jungen und vor allem auch jungen männlichen Generation über die religiöse Identität hinaus immer mehr zu einer kulturellen Identität. Hier liegen nach meinem Dafürhalten die eigentlichen Wurzeln des mangelhaften Bildungserfolgs von jungen türkischen Migranten. Sie werden von ihren Familien zur Nachahmung und nicht zur Eigenständigkeit erzogen.
(Abg. Dr. Frank Mentrup SPD: Bei den Mädchen ist das anders, oder wie? Türkische Mädchen werden zur Eigenständigkeit erzogen?)
Viele türkische Eltern haben Angst vor unserer Gesellschaft. Sie wollen, dass ihre Kinder genauso leben wie sie. Sie wollen ihre Kinder nicht an unsere Gesellschaft verlieren. Denn das Schlimmste, meine Damen und Herren, was einem traditionell ausgerichteten türkischen Familienvater passieren kann, ist, dass er die Macht über seine Kinder und über seine Familie verliert. Hier liegt die tiefere Ursache.
Viele türkische Eltern haben aus Angst und auch aus Unwissenheit nicht das Interesse am Bildungserfolg ihrer Kinder, das sie eigentlich haben müssten.
Hinzu kommt – das wurde auch schon angesprochen –, dass mit diesem Familienbild auch eine traditionelle Rollenverteilung zwischen dem dominanten Machtanspruch des Familienvaters und der untergeordneten Stellung der Frau eng verknüpft ist. Die Welt der Frau ist das Haus. Die Welt der Männer ist der öffentliche Bereich. Es ist das Café, die Moschee, der Beruf, die Straße. Und die Jungen werden sehr früh in die se Welt der Männer entlassen. Das ist der Grund, weshalb viele türkische Jungen zu Hause kein Arbeitszimmer haben. Das ist der Grund, weshalb sich niemand um ihre Hausaufgaben kümmert. Das ist der Grund, weshalb sie keine Unterstützung haben, wenn sie eine Berufsausbildung angehen wollen.
Das heißt, meine Damen und Herren: In dieser Art von Sozialisation ist Schule für viele männliche türkische Jugendliche etwas, was unter „ferner liefen“ läuft. In den Jahren auf der Straße, im öffentlichen Raum, legen sie sich einen Umgangston und ein Sozialverhalten zu, das ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht gerade erhöht, sondern mitunter drastisch vermindert.
Diese Sozialisation, meine Damen und Herren, müssen wir aufbrechen. Die Vorschläge, die hier gemacht werden, sind im Einzelnen ja wirklich zu unterstützen und sind zum Großteil auch schon umgesetzt, wie aus der Stellungnahme der Landesregierung hervorgeht. Wenn wir diese Sozialisationsvorgänge nicht in den Griff bekommen, sind wir auf verlorenem Posten. Das ist in der Schule schon zu spät; wir müssen im Kindergarten damit anfangen.
Wir sind auf einem guten Weg, das wissen Sie; das wissen wir alle. Ganz wichtig ist es, an die Eltern heranzukommen und vermehrt Elternarbeit zu betreiben.
Wir haben jetzt die verpflichtende Sprachstandsdiagnose, das verpflichtende Elterngespräch im Orientierungsplan vorgesehen und die verpflichtende Vorsorgeuntersuchung eingeführt. Im Hinblick auf diese Problematik ist das auch zu unterstützen.