(Beifall bei den Grünen – Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Es geht nichts über einen fairen Ringkampf! Da gebe ich Ihnen recht!)
Ich komme zum Schluss. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ganz wichtig ist, dass wir die beschämenden und entmutigenden Selektionsinstrumente, die ganz typisch für unser Bildungssystem sind, abschaffen und überwinden. In einer Schule mit individueller Förderung, in der länger gemeinsam gelernt werden kann, können auch Kinder, die mehr Zeit für eine bessere Förderung brauchen,
Der letzte Satz: Wir haben auch Handlungsbedarf bei den Mädchen. Das ist aber nicht das heutige Thema. Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, auch einen gerechten Zugang der Mädchen z. B. in den Naturwissenschaften zu schaffen.
Auch in der Arbeitswelt, in der Berufswelt haben wir noch große Probleme bei der Gleichstellung von Frauen. GenderMainstreaming ist das Wort, das hier gelten muss. Es gilt grundsätzlich auch für die Schule. Jungen brauchen ihre Chance, und unsere Gesellschaft braucht die Jungen. Es ist daher für uns ganz wichtig, dieses Thema anzugehen und die Jungen endlich so zu fördern, dass sie einen gerechten Zugang zum Bildungswesen bekommen.
(Beifall bei den Grünen und des Abg. Dr. Frank Men- trup SPD – Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Vielen Dank, dass Sie sich für uns Männer so eingesetzt ha- ben, Frau Rastätter!)
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! „Manchmal scheint es, als ob die ganze Welt nur noch aus Mädchen besteht.“ Diesen Satz habe ich neulich bei
einer Schulveranstaltung gehört, als wieder einmal die Mädchen im Mittelpunkt der Darbietungen standen.
Es fällt schon auf: Die Mädchen können besser reden als die Jungen. Die Mädchen sind engagierter dabei, wenn es um Gruppenarbeit geht. Die Mädchen sind besser beim Diskutieren, Präsentieren, Moderieren. Sie machen häufiger Abitur, sie bleiben seltener sitzen, und sie brechen seltener die Schule ab.
(Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Und sie sind viel fleißiger! – Abg. Marianne Wonnay SPD: Und wie geht es weiter? – Abg. Ulrich Lusche CDU: Fußball- weltmeister sind sie auch! – Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Sie sind auch Fußballweltmeister! – Weitere Zurufe)
Umgekehrt: Die Jungen gehen häufiger auf die Hauptschule als die Mädchen, haben im Durchschnitt schlechtere Noten und eigentlich wenig Interesse am Lesen.
Es ist gut, liebe Frau Rastätter, dass dieses Thema auf der Tagesordnung steht. Frau Krueger hat das ja auch im Ausschuss schon einmal für die Grundschule thematisiert. Ich kann Ihnen sagen: Die CDU nimmt die Problematik sehr ernst.
Aber, meine Damen und Herren, es ist für uns auch ganz klar, dass das nicht einfach nur ein Thema der Schule ist. Ich finde es nicht in Ordnung, dass diesmal die Jungen für unsere ideo logische Schuldebatte instrumentalisiert werden, die Sie hier jetzt wieder in voller Breite anzetteln.
(Beifall bei der CDU und der FDP/DVP – Abg. Karl- Wilhelm Röhm CDU: Bravo! Sehr gut! Das ist es! – Zuruf der Abg. Brigitte Lösch GRÜNE)
Wir haben hier kein Problem der Schule. Wir haben ein gesellschaftliches Problem, das sich in der Schule zeigt.
Es wäre wirklich zu einfach, der Schule hier die Verantwortung für eine gewisse Benachteiligung von manchen Jungen zuzuschieben.
(Abg. Brigitte Lösch GRÜNE: Das hat sie auch nicht gemacht! – Abg. Renate Rastätter GRÜNE: Ich habe gesagt, was wir in der Schule noch brauchen!)
Im Gegenteil: Ich glaube, die Fachleute, die Erzieher und Erzieherinnen, die Lehrer und Lehrerinnen haben das Problem schon lange erkannt. Sie leisten auch die notwendigen Unterstützungsmaßnahmen. Es gibt viele Maßnahmen. Das alles können Sie in den Stellungnahmen zu den Anträgen nachlesen. Aber eines muss uns doch auch klar sein: Das Problem ist viel zu komplex, als dass man einfach an einer Schraube drehen könnte und die Jungen damit schon zu einer besseren Bildung gelangten.
Es wird z. B. immer wieder beklagt, wir hätten zu wenig männliche Lehrkräfte in den Schulen. Schauen wir jetzt in das
von Ihnen geliebte Finnland: Da ist die Frauenquote unter den Lehrern noch höher als bei uns. Aber das Problem, dass die Jungen schlechtere Abschlüsse machten, haben wir dort nicht. Es spricht also wirklich vieles dafür, dass es kein Problem der Schule, sondern ein gesellschaftliches Problem ist.
Deswegen können wir dem betreffenden Antragsbegehren auch nicht zustimmen. Ich finde, wir dürfen die Schule mit einer so schwierigen Aufgabe auch nicht einfach allein lassen und denken, dort sei diese Aufgabe gut aufgehoben.
Frau Rastätter, Sie haben es ja schon angedeutet: Hier kommen wirklich viele Themen zusammen. Wir haben veränderte Familienverhältnisse, wir haben viele Kinder, die einen Rucksack mit unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen mit sich schleppen und damit zurechtkommen müssen. Das alles wirkt sich auf schulische Leistungen aus.
Ich glaube, wir sind uns einig: Jungen brauchen positive Vorbilder. Aber sie brauchen diese nicht erst in der Schule. Sie brauchen sie schon zu Hause, am Frühstückstisch, am Wickeltisch.
Es gibt positive Vorbilder. Da war die Frauenbewegung, will ich sagen, durchaus sehr erfolgreich. Sie hat ein Umdenken in vielen Köpfen erreicht, und sie hat ein ganz dichtes Netz geknüpft für Unterstützungsmaßnahmen für Frauen und Mädchen, vor allem für benachteiligte.
Aber – das ist mir ein ganz großes Anliegen – wir dürfen hier nicht stehen bleiben. Wir müssen damit aufhören, immer nur eine spezielle Gruppe zu fördern. Es ist an der Zeit, dass wir auch hier integrieren, dass wir wieder zusammenführen, was zusammengehört. Da möchte ich beispielsweise an die ehemaligen Frauenbeauftragten appellieren, sich jetzt wirklich als Gleichstellungsbeauftragte zu verstehen, auch innerlich und mit Überzeugung.
Nehmen wir beispielsweise die Maßnahme des Girls’ Day, die jetzt durch einen Boys’ Day ergänzt werden sollte. Der Girls’ Day ist ein Tag im April, an dem die Mädchen in der fünften Klasse in Betriebe gehen, um an Berufsfelder herangeführt zu werden, die ihnen nicht unbedingt naheliegen. Diese Maßnahme hat sich in Baden-Württemberg seit 2002 sehr gut etabliert. 16 000 Mädchen nehmen daran teil.
Nun hat das Sozialministerium im letzten Jahr versucht, einen Boys’ Day zu etablieren, damit auch die Jungen einmal in Berufe hineinschnuppern, die ihnen vielleicht nicht sehr naheliegen. Wir stellen fest: Die Etablierung vollzieht sich ausgesprochen zäh. Hier müssten wirklich wieder viele Personen, Institutionen, Gruppen, Betriebe, Gleichstellungsbeauftragte an einem Strang ziehen und diese Maßnahme auch wirklich durchführen und durchsetzen.
Gleichberechtigung auch für Jungen ist, meine ich, angesagt. Wir müssen einfach ein paar alte Zöpfe abschneiden. Es ist nämlich nicht so, wie es ein Slogan der Frauenbewegung einmal ausdrückte: „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad.“ Damit wurde suggeriert: Wir können auf die
Hälfte der Menschheit verzichten. Aber heute wissen wir: Wir können kein Kind verloren geben. Wir brauchen sie alle. Wir brauchen die Jungen in der Gesellschaft. Wir brauchen gut ausgebildete und engagierte Jungen. Wir brauchen sie in allen Berufen, in den typisch männlichen, den mathematischen, ingenieurwissenschaftlichen, naturwissenschaftlichen, aber auch in den typisch weiblichen, den sozialen, den Dienstleis tungsberufen. Wir brauchen sie nicht zuletzt als gute Väter und Vorbilder für unsere Kinder.
(Beifall bei der CDU und der FDP/DVP – Abg. Hel- mut Walter Rüeck CDU: Eine sehr gute Rede! – Abg. Dr. Klaus Schüle CDU: Jetzt ist die Sache wieder klargestellt!)
Frau Präsidentin, Kolleginnen und Kollegen! Schauen wir doch einmal, welche Erfahrungen wir mit Benachteiligung und dem Umgang mit Benachteiligung und mit Diskriminierung in Gesellschaft und Politik haben.
Da gibt es immer die erste Phase: Man schaut nur auf die Gruppe, die man als negativ benachteiligt empfindet, und reagiert dann mit Hilfsprogrammen für diese Gruppe. Das hat dann jedoch schnell den Charakter einer positiven Ungleichbehandlung. Man hat – ich nehme das einmal als Vergleich – damals die Frauenbeauftragten eingeführt.
Dann stellt man fest, dass man nicht nur auf diese eine Gruppe schauen kann, sondern dass man auf alle Gruppen in der Gesellschaft schauen muss. Aus der Frauenbeauftragten wird eine Gleichstellungsbeauftragte, und aus der Frauenförderung wird die Förderung von Chancengleichheit und von Gleichbehandlung. Aus dem Antidiskriminierungsgesetz wird ein Gleichbehandlungsgesetz.
Und in der dritten Phase beginnt man, weil man merkt, dass das Ganze substanziell letztlich auch nichts ändert, darüber nachzudenken, dass man auch über Strukturen diskutieren muss, dass man über Kultur in der Gesellschaft diskutieren muss, dass man Prozessfragen klären muss und damit im Grunde die Gesellschaft insgesamt in den Fokus nehmen muss und dass es nicht ausreicht, die benachteiligte Gruppe zu den anderen aufschließen zu lassen. Vielmehr muss sich die Gesamtgesellschaft neu überdenken und neu gestalten, um Ungleichbehandlung von vornherein möglichst zu verhindern.
In den Antworten auf die Fragen, die Sie, Frau Rastätter, gestellt haben, wird deutlich, dass Jungen heute eine faktische Diskriminierung und Benachteiligung erleben. Das zieht sich durch den ganzen Bildungsablauf hindurch.
Jungen werden später eingeschult und im Schuleintrittsalter häufiger zurückgestellt. Bereits in der Grundschule, vor dem Übergang in die weiterführende Schule, bleiben mehr Jungen sitzen oder werden mehr Jungen zurückgestellt als Mädchen. Ab Klasse 5 haben wir beim Sitzenbleiben in allen Schular