Die Jungen dagegen dominieren in der Hauptschule, wo sie einen Anteil von 56 % stellen. In den Sonderschulen ist es ähnlich; in der Sonderschule für Erziehungshilfe sind sogar 86 % der Schüler Jungen,
in der Sonderschule für Lernhilfe sind es 60 %. Jungen werden später eingeschult, sie werden länger vom Schulbesuch zurückgestellt, und sie machen die Mehrzahl der Schulabbrecher aus. Auch bei der Berufsausbildung ist der Erfolg der Jungen geringer als der der Mädchen.
Dabei wissen wir ja, dass insbesondere das Lesen der ausschlaggebende Faktor für die gesamte Lernentwicklung ist.
In einer von der Fraktion GRÜNE veranstalteten Anhörung haben die Experten festgestellt, dass Jungen in unserem Bildungssystem zunehmend als Störfaktor gelten. Die Landeselternbeiratsvorsitzende, Frau Staab, hat eindrücklich dargelegt, dass die Jungen als zu laut, zu wild und zu aggressiv gelten.
Jungen werden bereits im Kindergarten hauptsächlich als defizitär wahrgenommen, und sie werden in ihrem spezifischen Anderssein wenig akzeptiert. Dies haben Experten auch in einen Zusammenhang mit der zunehmenden Feminisierung gebracht. Im Kindergarten und in der Grundschule sind fast nur Frauen als Erzieherinnen bzw. Lehrerinnen tätig.
Das heißt, Jungen reagieren mit Verhaltensstörungen. De facto ist es in vielen Klassen so: Die männlichen Schüler leiden an der Schule, und die Lehrerinnen leiden an den männlichen Schülern.
Ein weiteres Problem besteht darin – und das ist auch der Grund, warum die Schule insbesondere den Jungen nicht gerecht wird –, dass Jungen mit ihren Verhaltensweisen weniger diszipliniert und weniger aufmerksam sind und dass sie sich häufig stärker in den Mittelpunkt stellen wollen. Das wird in der Schule oft als negativ bewertet, und es wird versucht, solche Verhaltensweisen zu unterdrücken.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Schule zu wenig individuell fördert. Jungen haben in puncto Intelligenz eine weitaus größere Streubreite.
Es gibt einen höheren Prozentsatz an sehr schwachen Schülern bzw. Schülern mit schwacher Intelligenz; auf der anderen Seite ist aber auch der Anteil der Hochbegabten unter den männlichen Schülern höher. Das führt dazu, dass mehr Schüler in den verschiedenen Schularten auf der einen Seite überfordert und auf der anderen Seite auch unterfordert sind. Wir wissen, dass das oft die Ursache für Probleme bei der Lernentwicklung ist.
Nun sind natürlich nicht alle Jungen benachteiligt. Auch das wissen wir. 30 % der Jungen können in der Schule gut mithalten. Sie sind sogar in einigen Bereichen an der Spitze. Das sind hauptsächlich die Jungen aus akademischen Elternhäusern, Jungen, die zu Hause auch gefördert werden.
Wir haben also die Situation, dass das damalige katholische Mädchen vom Lande heute der türkische Junge in der Groß
(Beifall bei den Grünen und der Abg. Dr. Birgit Ar- nold FDP/DVP – Zuruf des Abg. Karl Zimmermann CDU)
zweitens durch den Migrationshintergrund, drittens durch die soziale Benachteiligung, also durch den sozioökonomischen Hintergrund, und viertens – das ist nun Teil dieses Systems – durch die frühe Selektion in unterschiedliche Schularten, durch die frühen Misserfolge in der Schule, durch die Selektionsinstrumente, durch die insbesondere die Jungen – –
Meine Damen und Herren, ich darf Sie bitten, die Unterhaltungen nach außerhalb des Plenarsaals zu verlegen. Es ist entschieden zu laut hier drin.
(Zuruf der Abg. Beate Fauser FDP/DVP – Abg. Ni- kolaos Sakellariou SPD: Dann ist es doch leer! – Abg. Christine Rudolf SPD: Es sind zu viele Jungs da, die stören!)
Das heißt, diese Selektionsinstrumente im Bildungswesen schaden vor allem den Jungen mit Migrationshintergrund. Ganz besonders betroffen sind die Jungen – das wissen wir auch –, die sozusagen in traditionellen Geschlechterrollen mit starkem Dominanzverhalten aufwachsen. Das gilt insbesondere bei türkischen Familien. Das gibt sogar das Kultusminis terium zu. In der Stellungnahme zu unserem Antrag Drucksache 14/1989 steht, dass die Schule in diesem Fall diesen Jungen eigentlich keine Hilfestellungen geben kann.
Sie sind die größte Risikogruppe, die wir haben. Deshalb sagen wir: Sie sind die Bildungsverlierer. Wir können uns keine Bildungsverlierer leisten. Wir müssen alle Kinder mitnehmen. Wir brauchen alle Kinder. Wir brauchen auch die Kinder, die jetzt unter ihren Möglichkeiten bleiben. Sie müssen so gefördert werden, dass sie aus dieser desolaten Situation herauskommen.
Wir müssen also überall ansetzen, wo wir können. Klar ist, dass wir die Eltern gewinnen müssen. Das sagen wir alle; da sind wir auch einer Meinung. Wir können Eltern auch dadurch gewinnen, dass wir die Schulsozialarbeit stärker als bisher in den Schulen verankern, vor allem in den Grundschulen. Dazu ist eine Landesförderung notwendig. Solange das Land hier
seine Rolle nicht übernimmt, sich an der Finanzierung zu beteiligen, werden die Kommunen eine solche umfassende Einführung von Schulsozialarbeit nicht stemmen können.
Ich sage auch dazu: Sozialarbeiter, Förderlehrer mit Migrationshintergrund, die die Brücke zu den Eltern schlagen können, die von der Schule aus zum Teil nicht geschlagen werden kann, sind dringend notwendig.
Wir müssen zweitens die Sprachförderung ab dem ersten Kindergartenbesuch intensiver ausbauen. Wir brauchen eine intensive Sprachförderung vom ersten Kindergartentag an. Das Modell „Schulreifes Kind“ in Form eines Kurssystems springt zu kurz und reicht nicht aus. Wir müssen insbesondere den betroffenen Kindern im Kindergarten eine bessere Sprachförderung geben.
Wir brauchen eine spezifische Leseförderung für Jungen. Hier gibt es unter der Trägerschaft des Landesinstituts für Schulentwicklung das Projekt „kicken & lesen“. Es ist der richtige Ansatz, Jungen über ihre Interessen für das Lesen zu gewinnen. Aber das darf eben nicht ein Projekt bleiben, sondern muss flächendeckend in den Schulen installiert werden.
Wir müssen weiterhin dafür sorgen, dass wir mehr Erzieher in die Kindergärten und mehr Lehrer an die Grundschulen bekommen. Die Erzieherausbildung auf Hochschulniveau ist auch ein wichtiger Ansatz, um junge Männer zu gewinnen. Wir müssen vor allem junge Migranten für den Lehrerberuf gewinnen. Wir haben die Situation, dass bei den Personen unter 18 Jahren der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund 33 % beträgt. Wenn wir den Anteil der Migranten bei den Lehrern anschauen, dann stellen wir jedoch fest, dass dieser statistisch fast unterhalb der Nachweisgrenze liegt. Das heißt, wir müssen dafür sorgen, dass wir Quereinsteiger bekommen. Jungen brauchen glaubhafte Vorbilder; sie brauchen Menschen, die auch ein anderes Rollenverständnis haben, an denen sie sich orientieren können.
Schließlich brauchen wir andere Professionen an den Schulen. Gerade weil wir wissen, dass die besonderen Förderbedürfnisse bei den Jungen auch biologisch bedingt sind, brauchen wir Sonderschullehrkräfte und Förderschullehrkräfte an den Grundschulen. Sie müssen dort zur Wahrnehmung weiterer pädagogischer Professionen das Team erweitern.
Außerdem ist eines ganz besonders wichtig: Jungen darf ihre Rauflust, ihr Drang zum Toben, zum Kräftemessen in der Schule nicht abtrainiert werden.
Dieses Recht muss ihnen zustehen. Wir brauchen Toberäume in der Schule. Wir brauchen auch das Recht für Jungen, zu raufen