Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Auch unser Antrag ist ein Jahr alt. Es ist ein reiner Beschlussantrag. Es geht darum, das Gymnasium zur Schule der individuellen Förderung zu machen und die rhythmisierte Ganztagsschule einzuführen. Deshalb werde ich mich heute auf diese Beschlussteile konzentrieren; denn ich gehe davon aus, dass wir noch weitere Debatten zum Gymnasium führen werden. Das Gymnasium hat es verdient, dass wir uns intensiv mit ihm beschäftigen. Heute geht es aber primär um unseren Antrag.
In einigen Bereichen sind unsere Forderungen in der Zwischenzeit tatsächlich erfüllt worden. Ich werde nachher noch etwas dazu sagen. Zentrale Forderungen von uns sind bislang jedoch nicht erfüllt worden. Deshalb ist dieser Antrag aktuell.
Ich möchte damit beginnen – Herr Röhm, dem können Sie kaum widersprechen –, dass die Kritik an der Form der Umsetzung des achtjährigen Gymnasiums weiter besteht. Auch Ihnen ist bekannt, dass wir in Baden-Württemberg Elterninitiativen haben wie die Initiative „Schule mit Zukunft“ und die G-8-Elterninitiativen, die mittlerweile landesweit vernetzt sind und die immer wieder anhand von Beispielen aus der Schulpraxis belegen, dass die Belastungen der Schülerinnen und Schüler des achtjährigen Gymnasiums sowohl in der Unterstufe als auch in der Mittelstufe noch immer vorhanden sind. Faktisch hat sich die Kindheit geändert, gerade auch für die jüngeren Schüler, die zum Teil schon im Alter von neun Jahren oder spätestens im Alter von zehn Jahren auf das Gymnasium wechseln.
Das G 8 hat also zu erheblichen Belastungen geführt. Herr Kultusminister Rau, auch Sie haben das zugegeben, indem Sie zu einem anderen Antrag von uns Grünen gesagt haben, dass die Hausaufgabenbetreuung deshalb eingeführt worden sei, weil das G 8 zu sehr starken zeitlichen Belastungen der Schülerinnen und Schüler geführt hat.
Hinzu kommt die wachsende Heterogenität der Schülerinnen und Schüler am Gymnasium. Das Gymnasium ist die meistgewählte Schulart. Rund 40 % der Schülerinnen und Schüler wählen nach der Grundschule das Gymnasium. Damit ist na
türlich auch die Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler am Gymnasium deutlich heterogener geworden. Mitunter gelingt sogar einem Kind mit Migrationshintergrund oder einem Kind aus einer sozioökonomisch und bildungsmäßig benachteiligten Familie der Sprung aufs Gymnasium.
Deshalb sagen wir Grünen: Wenn wir das Gymnasium zu einer Schule machen wollen, in der jedes Kind, das die entsprechende Begabung mitbringt, gut gefördert werden kann, dann müssen wir das Gymnasium zu einer Schule der individuellen Förderung machen. Dann muss es auch so sein, dass jedes Kind den Anforderungen dort genügen kann, mitgenommen und zu einem Abschluss geführt werden kann.
Die zentrale Forderung unseres Antrags ist, dass wir eine rhythmisierte Ganztagsschule am Gymnasium brauchen. Kultusministerin Schavan hat das achtjährige Gymnasium seinerzeit mit der Behauptung eingeführt, es wäre als Halbtagsschule umsetzbar. Wir brauchen aber eine rhythmisierte Ganztagsschule am Gymnasium. Aber obwohl Sie in Ihrer Bildungsoffensive für das Gymnasium jetzt festgelegt haben, dass jedes Gymnasium auf Antrag eine Ganztagsschule werden kann, sieht die Realität noch extrem anders aus.
Die Situation in diesem Schuljahr ist so: Für rund 13 % der Schülerinnen und Schüler gibt es einen Ganztagsplatz. Aber der größte Teil dieser Schülerinnen und Schüler besucht eine Ganztagsschule, die nach KMK-Richtlinien genehmigt ist. Nur für 5 % der Schüler an Gymnasien in Baden-Württemberg gibt es einen Platz nach dem Landeskonzept Ganztagsschule, und nur beim Landeskonzept Ganztagsschule gibt es auch Lehrerstunden. Allerdings gibt es auch da nur eine einzige Lehrerstunde pro Klasse.
Damit ist klar: Ihre Bildungspolitik ist eine massive Blockadepolitik gegen einen innovativen Ausbau der Gymnasien zu Ganztagsschulen. Hier haben wir also eine reine Blockadepolitik. Die Schulträger können ihr Gymnasium mit einer zusätzlichen Stunde nicht zu einer rhythmisierten Ganztagsschule ausbauen. In der Praxis sieht das so aus: Es bleibt bei einer Halbtagsschule mit einem Nachmittag oder zwei Nachmittagen Unterricht und einer Betreuung mit Jugendbegleitern sowie ab und zu auch einem Mittagessen. Das heißt, hier entsteht keine rhythmisierte Ganztagsschule. Die Schüler haben kein vernünftiges pädagogisches Konzept mit Phasen der Anspannung und der Entspannung über den Tag verteilt.
Wir haben als Fazit Folgendes festzustellen: Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei Eltern von Gymnasiasten: Fehlanzeige. Es kommt zur Einführung von Schulgeld durch die Hintertür, weil die Betreuungsangebote in der Regel gebührenpflichtig sind, und die rhythmisierte Ganztagsschule wird blockiert. Das heißt, wir sind beim Ausbau des Gymnasiums zu einer rhythmisierten Ganztagsschule noch nicht sehr weit gekommen.
Deshalb ist ein ganz zentraler Punkt in unserem Antrag, endlich die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass wir das Gymnasium zu einer rhythmisierten Ganztagsschule ausbauen.
Unsere zweite zentrale Forderung ist: Wir brauchen ein Angebot von Fachlehrern an der Schule zum Üben, Wiederholen
und Vertiefen. Dazu fordern wir drei zusätzliche Stunden pro Klasse. Damit würden in einem neunjährigen Bildungsgang für die ersten fünf Jahre 15 Stunden pro Klasse dazukommen. In diesem Pool könnten alle Schülerinnen und Schüler, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, gut gefördert werden. Dann entfiele die Hausaufgabennachhilfe durch die Eltern. Mir wird von Eltern berichtet, dass sie ständig noch mit ihren Kindern zu Hause üben müssen. Dann entfällt das nachmittägliche Üben für die Kinder, und die Kinder werden auch im Gymnasium begabungsgerecht gefördert. Unsere zentrale Forderung sind also drei Stunden zusätzlich.
Drittens: Für die Landesregierung ist in der Koalitionsvereinbarung festgelegt: Ausbau der Schulsozialarbeit an allen Schularten. Beim Gymnasium: Fehlanzeige! Deshalb fordern wir, dass endlich auch im Gymnasium Schulsozialarbeit eingeführt wird. Das geht nicht ohne Landesbeteiligung.
Wir brauchen im Gymnasium – gerade auch, um alle Schüler in den Blick zu nehmen und bei allen Schülern zu schauen, dass sie auch gut aufgehoben sind – Schulsozialarbeit und Schulpsychologen. Deshalb ist auch das eine zentrale Forderung von uns.
Wir haben in diesem Antrag heute nicht das Gymnasium der zwei Geschwindigkeiten thematisiert. Herr Kollege Röhm, das wird uns noch beschäftigen. Dazu bringen wir auch noch einen eigenen Antrag unserer Fraktion ein. Ich werde Ihnen diesen Antrag auch gleich zuschicken.
Darin fordern wir ein Konzept, das mit dem achtjährigen Gymnasium kompatibel ist. Ich sage für meine Fraktion: Selbstverständlich sollen alle Schülerinnen und Schüler, die das Potenzial mitbringen, in acht Jahren das Abitur ablegen können. Aber wir brauchen auch eine zeitliche Flexibilisierung des achtjährigen Gymnasiums,
Ich komme damit zum Schluss. Ich habe zu Anfang gesagt: Ein Teil der Forderungen ist erfüllt worden. Ich möchte an dieser Stelle die benoteten Vergleichsarbeiten nennen. Wir haben immer wieder gefordert, dass die Benotung der Vergleichsarbeiten entfallen soll, und haben gesagt: Die Vergleichsarbeiten sind ein Mittel der Evaluation der Qualität der Schule und des Unterrichts und dürfen nicht mit einer Benotung verknüpft werden.
Kultusminister Rau hat darauf beharrt, dass sich die Schüler dann nicht mehr anstrengten und die Vergleichsarbeiten nicht mehr ernst nähmen. Jetzt haben Sie die Benotung der Vergleichsarbeiten abgeschafft mit der gleichen Begründung, mit der wir das bereits gefordert hatten.
Wir haben gesagt: Dann findet nur „teaching to the test“ statt, und es wird gepaukt und Druck erzeugt. Sie, Herr Minister Rau, haben daraus etwas gelernt. Wir geben ja auch die Hoffnung in die Lernfähigkeit der Landesregierung nicht auf und hoffen deshalb, dass von unseren Forderungen, die wir heute vorlegen, im Interesse der Schülerinnen und Schüler am Gymnasium an einer bestmöglichen Förderung in einem Jahr weitere Punkte erfüllt worden sind.
Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich möchte stichwortartig auf einige Punkte eingehen, die angesprochen worden sind und die ich Ihren Initiativen entnommen habe.
Frau Rastätter, lassen Sie mich mit Ihrem Anliegen beginnen. Eine Vorbemerkung, die sich natürlich auch an die Sozialdemokraten richtet: Erste Ergebnisse der Fremdevaluation zeigen eindeutig, dass es mehr als genug gelungene Beispiele dafür gibt, wie das G 8 gut umgesetzt wird.
Ich komme zu einem weiteren Punkt, den Sie in Ihrem Antrag angesprochen haben, zur Zahl der Wiederholer. Die Zahl der Wiederholer ist im G 8 eindeutig rückläufig, und zwar vor allem deswegen, weil wir bereits vor vielen Jahren für ein adäquates Instrument gesorgt haben, nämlich die probeweise Aufnahme in die nächsthöhere Klasse. Frau Rastätter, wir sind Ihnen dankbar, denn Sie haben uns darin unterstützt.
Der zweite Punkt, den ich ansprechen will, ist die Hausaufgabenbetreuung, eine Forderung von Ihnen, Frau Rastätter – Sie sehen, wie kooperativ wir sind –, die längst umgesetzt ist.
Jetzt werden Sie unmäßig. Jetzt haben wir etwas Vernünftiges gemacht, und Sie vertrauen den Schülern nicht mehr.
Die ersten Erfahrungen, die wir gemacht haben, sind außerordentlich gut. Ein einzelner schwacher Schüler kann wesentlich besser – bitte verstehen Sie das nur symbolisch – die Hosen runterlassen und gegenüber einem Mitschüler oder einer Mitschülerin zeigen, dass er nichts kann, weil möglicherweise das Verständnis der Schüler wesentlich größer ist als das eines ungeduldigen Erwachsenen. Wir haben damit beste Erfahrungen gesammelt.
Um es klar zu sagen: Zerreden Sie diese Errungenschaft nicht wieder. Die Hausaufgabenbetreuung wird rege nachgefragt, und wir haben auch damit Erfolge.
Ich will ein Drittes ansprechen. Sie sprechen davon, dass wir Lehrer qualifizieren müssten. Das ist betreffend Naturwissenschaft und Technik sowie Wirtschaft geschehen. Wir haben auch da gelernt: Ab 2010 wird es eigenständige Studiengänge betreffend die Qualifizierung im Bereich NwT und im Bereich Wirtschaft geben. Das Fach Politik/Wirtschaft wird zu einem Doppelfach und aufgewertet. Aufgrund eines Antrags unserer Fraktion wird derzeit sogar überlegt, ob nicht diejenigen, die vor wenigen Wochen und Monaten in Politik abgeschlossen haben, dieses Modul ergänzend studieren können und dann auch mit einer Zweifächerverbindung sofort zur Verfügung stehen.