Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren, Kolleginnen und Kollegen! Donnerstagnachmittag, die große Stunde der Sozialpolitik. Wir drehen ja große sozialpolitische Räder. Eben hatten wir eine grundsätzliche Debatte zum Thema Inklusion. Wie kön nen wir dieses Thema umsetzen? Das ist die eine Frage. Die zweite große Frage, die wir heute besprechen und bei der die Umsetzung nicht minder grundsätzlich und schwierig sein wird, ist: Wie können wir insgesamt eine neue Gesundheits struktur, eine neue Gesundheitsversorgung in diesem Land or ganisieren?
Sie alle wissen, wie die Bestandsaufnahme ist; darüber haben wir in den letzten Jahren oft gesprochen. Wir haben im Durch schnitt eine zunehmend älter werdende Bevölkerung, wir ha ben Versorgungsschwierigkeiten im ländlichen Raum, wir ha ben immer weniger Ärztinnen und Ärzte, die bereit sind, in den ländlichen Raum zu ziehen, und wir haben immer mehr Ärztinnen und Ärzte – über 20 % –, die mittlerweile 60 Jah re oder älter sind. Wir haben in den Akutkliniken und in der Altenpflege einen dramatischen Pflegenotstand. Das heißt, wir brauchen insgesamt eine Debatte über neue Strukturen, über neue Versorgungsstrukturen. Diese müssen sich an den Men schen und deren Bedürfnissen orientieren.
Die Krankheitsbilder in der Akutversorgung verändern sich. Die Patientinnen und Patienten, die in Krankenhäuser kom men, sind im Durchschnitt immer älter und haben immer mehr Krankheiten. Das heißt, jemand, der wegen eines Beinbruchs ins Krankenhaus kommt, hat möglicherweise auch Diabetes oder ist demenzkrank. Ein solcher Patient braucht eine ganz andere Betreuung; sie muss interdisziplinär sein. Wir haben eine zunehmende Zahl von Patientinnen und Patienten, die chronisch krank sind und die, weil es gar nicht mehr anders funktioniert, letztlich auch dazu angehalten werden sollen und müssen, dass sie auch lernen, sich selbst therapeutisch zu be handeln. Das ist das eine.
Auf der anderen Seite wird auch die medizinische Versorgung im ländlichen Raum immer schwieriger. Wir haben kleine Krankenhäuser, die immer weniger wirtschaftlich zu führen sind und schließen. Immer weniger Ärztinnen und Ärzte sind bereit, aufs Land zu ziehen.
Was heißt das in der Konsequenz? Diese Frage war der Hin tergrund für den Antrag, den wir gestellt haben. Wie müssen wir damit umgehen? Was sind unsere Bausteine, was sind un sere Ideen und Vorstellungen für ein neues Gesundheitsver sorgungskonzept? Da spielt die Versorgung mit Pflegekräften eine zentrale Rolle. Ich habe eben schon davon gesprochen: Wir haben einen Pflegenotstand, und wir müssen natürlich nach dem Grund dafür fragen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist eindeutig zu laut. Ich bitte Sie, Ihre Gesprä che nach außerhalb des Plenarsaals zu verlegen und hier im Saal der Rednerin zu lauschen.
Ich habe gerade gesagt: Wir haben einen Pflegenotstand, und wir müssen uns darüber unterhalten, warum wir ihn haben. Ein zentraler Punkt dabei ist, dass die Pflege an sich als Tä tigkeit, als Berufsbild, wenig gesellschaftliche Anerkennung und wenig gesellschaftliche Wertschätzung erfährt. Das ist ein ganz zentraler Punkt, den wir verändern müssen. Zum ande ren ist das Berufsbild sehr überschaubar. Das heißt, es gibt wenig Möglichkeiten für Menschen, die diesen Beruf ergrei fen, sich zu verändern, sich weiterzuqualifizieren oder ihr Be tätigungsfeld im Laufe eines Berufslebens noch einmal zu ver ändern.
Diese unterschiedlichen Faktoren machen diesen Beruf ins gesamt gerade für junge Menschen immer weniger attraktiv. Da müssen wir deutlich dagegensteuern. Das ist das eine.
Das Zweite ist: Wir haben in unserer Analyse auch festgestellt, dass sich die Betätigungsfelder der Pflegekräfte insgesamt ver ändern. Das heißt, wir brauchen immer mehr Pflegekräfte, die in der Lage sind, eigenständig, eigenverantwortlich ganze Aufgabengebiete in der Gesundheitsversorgung zu überneh men, Kräfte, die nicht mehr sozusagen Teil einer Hierarchie sind: oben der Arzt, und irgendwo unten kommt einmal die Pflegekraft. Vielmehr geht es zunehmend darum, interdiszip linäre Teams zu bilden, in denen Angehörige unterschiedli cher Berufe auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Das würde bedeuten, dass die Pflegekräfte auch eine höhere Wertschät zung, eine Wertsteigerung insgesamt und ein neues Selbstbe wusstsein erfahren. Das könnte bedeuten, dass dieser Berufs stand insgesamt attraktiver wird.
Wir brauchen diese hoch qualifizierten Pflegekräfte und wol len gleichzeitig dieses Ziel mit einer Wertsteigerung verbin den. Und wir brauchen mehr Pflegekräfte, weil wir ansonsten die Versorgungsstrukturen, gerade im ländlichen Raum, über haupt nicht mehr organisieren können. Damit haben wir auf der einen Seite einen Sachzwang, auf der anderen Seite kön nen wir das aber auch als Chance begreifen, die Versorgung insgesamt auf andere Füße zu stellen.
Hintergrund unseres Antrags ist die Frage – da bin ich mit der Stellungnahme der Landesregierung auch sehr einverstan
den –: Wie können wir erreichen, dass wir bei der Pflegeaus bildung insgesamt als zusätzliche Säule eine Akademisierung installieren? Bei der Bestandsaufnahme, die am Anfang der Stellungnahme zu dem Antrag steht, wird noch einmal sehr deutlich, dass die vorherige Landesregierung die Entwicklung in Baden-Württemberg total verschlafen hat. Wir sehen – in der Übersicht wird das deutlich –, dass es in fast allen Bun desländern mittlerweile Master- und Bachelorstudiengänge gibt; nur in Baden-Württemberg ist das ganz, ganz minimal ausgeprägt.
Da brauchen wir deutlich mehr Initiative. Das ist unser An satz, und es ist unsere Bitte an das Ministerium, zu erkennen, dass wir eine deutliche Initiative brauchen. Sie kann nicht von heute auf morgen kommen. Das ist klar, wenn man auf einem Feld zu arbeiten beginnen muss, auf dem noch nichts gewach sen ist. Da muss man zart anfangen, aber man muss eben drin gend anfangen. Es besteht ein sehr deutlicher Handlungsbe darf. Diese neuen Wege müssen wir jetzt gehen.
Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Damen und Herren! Es macht Sinn, sich in einer al ternden Gesellschaft, wie wir sie vorfinden, Gedanken darü ber zu machen: Was brauchen wir an Pflege, an Pflegeversor gung? Die Themen sind schon angesprochen worden: Wir ha ben eine Gesellschaft, in der wir nicht nur mehr Pflegebedürf tige haben werden. Vielmehr haben wir auch Krankheitsbil der wie langfristige, chronische Erkrankungen, deren Zahl zu nimmt.
Wir brauchen Steuerungsfunktionen und -fähigkeiten, wir brauchen ein Pflegemanagement innerhalb von Einrichtun gen. Aber auch an den Schnittstellen von Einrichtungen der Akutmedizin, der Akutpflege zur Rehapflege brauchen wir ein professionelles Management. Wir brauchen Fähigkeiten bei diesem berühmten Case-Management, was bei multimorbi den Patienten auch notwendig ist und bei komplexer werden den Fragestellungen auch professionell durchgeführt werden muss. Wir brauchen auf neuen Gebieten wie der Gerontopsy chiatrie, der Intensivmedizin, aber auch der Palliativmedizin hoch qualifizierte Pflege. Das ist keine Frage.
Wir brauchen sicher professionelle Pflegekräfte, das heißt Menschen, die eine hohe Betreuungskompetenz haben, also Pflegekräfte, die die Fähigkeit haben, selbstständig und un mittelbar auf die Bedürfnisse des Patienten reagieren zu kön nen, situativ auf Bedarfslagen eingehen zu können, wenn sie Pflege betreiben.
Professionalität in diesem Sinn hat aber sicher nicht zwangs läufig etwas mit Akademisierung zu tun. Das heißt, professi onelle Pflege erfordert nicht zwangsläufig eine Akademisie rung. Da sollten wir uns auch nicht durch Vergleiche mit an deren Ländern kirre machen lassen, weil wir wissen, dass mancher Bachelor in anderen Ländern die gleiche Qualität aufweist, wie sie unsere duale Ausbildung bietet. Oder besser umgekehrt: Die Qualifikation, die unsere duale Ausbildung der Fachkräfte bietet, entspricht in vielen Ländern eben oft ei
Aber es ist richtig, dass die Pflegeberufe für sämtliche Bil dungsabschlüsse auch attraktiver gemacht werden müssen. Denn wir laufen in einen Pflegekräftemangel hinein. Das wis sen wir. Dieses ganze Berufsfeld muss attraktiv ausgestaltet werden. Wir müssen an einer Durchlässigkeit zwischen den unterschiedlichen Ausbildungs- und Berufsbildern arbeiten.
Wir – die vorige Landesregierung – haben mit dem Landes pflegegesetz die Rechtsgrundlage geschaffen, um neue Be rufsbilder erproben und bestehende Berufsbilder in der Pfle ge weiterentwickeln zu können. Wir haben ein Gesamtkon zept unterschiedlicher Qualifikations- und Kompetenzprofile von der Helferausbildung bis hin zur akademisch ausgebilde ten Fachkraft gesetzlich verankert und damit auch möglich gemacht.
Uns ist bewusst, dass wir uns auch immer fragen müssen: Was nützt eine exklusive Hochrüstung der Fachkraftausbildung für komplexe Pflegesituationen, wenn wir nicht zugleich auch da für sorgen, dass in den Ebenen darunter im großen Bereich der planbaren und gleichförmigen Pflegeleistungen eben kein Vakuum entsteht? Denn auch hier ist Professionalität zu ge währleisten.
Da besteht dann praktisch eine Durchlässigkeit von der Hel ferausbildung bis hin zur akademisch fortgebildeten Fach kraft, die wir brauchen, um den Pflegeberuf attraktiv zu ma chen.
Zum Dritten: Wir brauchen natürlich akademisch ausgebilde te Pflegeexperten. Wir brauchen sie für die Lehre, wir brau chen sie für Leitungsaufgaben, wir brauchen sie für besonde re Forschungs-, für Beratungs- und Unterstützungsfunktionen, wir brauchen sie auch für wissenschaftliche Arbeiten im Hoch schulsystem. Hier brauchen wir in der Tat pflegewissenschaft liche Qualifikationen. Wir brauchen sicher auch hoch qualifi zierte Pflegekräfte, damit in Zukunft auch Delegation im Rah men ärztlicher Tätigkeit möglich sein wird. Das ist nicht so einfach; daran wird man auch noch arbeiten müssen. Aber auch hier sind qualifizierte Pflegekräfte gefragt.
Wir brauchen eine akademische Ausbildung in der Pflege, um den Beruf auch für Menschen mit Hochschulreife attraktiv zu machen, aber dem Pflegeberuf auch insgesamt Attraktivität zu verleihen, wobei ich auf die Durchlässigkeit all dieser Wege großen Wert legen würde.
Wir brauchen also alle, vom professionellen Helfer bis zur akademisch ausgebildeten Pflegekraft. Wir brauchen sie si cher. Wir brauchen aber sicher keine generelle Akademisie rung der Pflege. Denn wir müssen bedenken, dass eine aka demische Qualifizierung mit einem finanziellen Mehraufwand an öffentlichen Mitteln verbunden ist. Akademisch ausgebil dete Fachkräfte erwarten auch, dass sich der Aufwand für ih re Ausbildung auch in einer höherwertigen Vergütung ihrer Leistungen niederschlägt. Da müssen wir unser Gesundheits system schon ganz realistisch betrachten. Wir dürfen nicht ei nem Wunschdenken unterliegen, sondern müssen eine ganz realistische Betrachtung anstellen. Wir haben ein Gesundheits system, das unter Reformdruck steht, das von Verteilungs
ich komme gleich zum Ende – und in dem letztlich die Be reitschaft vorhanden sein muss, eine akademische Pflegeelite auch zu bezahlen. Angesichts des weiter steigenden Bedarfs an beruflicher Pflege geht es letztlich auch immer um die Fra ge, in welchem Umfang die Gesellschaft bereit und in der La ge ist, in öffentliche Pflegeleistungen zu investieren.
Meine Erfahrungen aus der Diskussion über die Pflegeperso nalverordnung zeigen, wie schwierig es ist, hier ein Minimum an Qualität zu gewährleisten.
Drei Sätze oder einen länge ren Satz. – Es macht Sinn, zu fragen, welche Qualifikationen gebraucht werden. Es macht Sinn, wenn es um Masterstudi engänge geht, den Wissenschaftsrat um seine Expertise zu bit ten – insofern warten wir auch auf diese Expertise. Auch müs sen wir uns davor hüten, junge Leute in Studiengänge zu bin den und Erwartungen zu wecken, die nicht erfüllt werden kön nen. Verantwortliche Akademisierung ja, aber bitte mit Au genmaß.
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kolle gen, meine sehr geehrten Damen und Herren! Eine humane und auch eine solidarische, eine von der Nächstenliebe ge prägte Gesellschaft wird auch daran gemessen, wie man mit den Schwächsten umgeht. Die Pflegebedürftigen, also dieje nigen, die aufgrund ihrer Gebrechlichkeit auf Hilfe, auf Un terstützung und Pflege angewiesen sind, sind solch ein Maßstab.
Ob es nun die ambulanten Dienste oder die stationären Ein richtungen sind, alle haben eines gemeinsam, nämlich dass sie zuverlässiges und gut ausgebildetes Personal brauchen. Genau hier besteht künftig ein immer größerer Handlungsbe darf. Schon jetzt ist es schwierig, genügend Pflegepersonal zu finden. Dabei wird die Zahl der Pflegebedürftigen immer