Protokoll der Sitzung vom 20.07.2017

(Beifall bei der FDP/DVP)

Klar ist auch, meine Damen und Herren: Der Wolf ist nach nationalem und internationalem Recht geschützt. Aber wir sollten uns die Frage stellen: Welche Ansprüche stellt der Wolf an ein artgerechtes Leben? Können wir ihm das bieten? Wo von ernährt er sich? Hat er natürliche Feinde?

(Abg. Dr. Markus Rösler GRÜNE: Die FDP im Dia log mit den Wölfen!)

Hat er in einem dicht besiedelten Land wie bei uns überhaupt eine Chance?

Meine Damen und Herren, ob Einzelgänger oder Rudel: Wel che Gefahren gehen von ihm aus? Bringt es einen Mehrwert für die Ökologie und für unsere Kulturlandschaft, oder geht es vor allem dahin, wenn er kommt, dass die landespflegerisch tätigen Landwirte noch schneller aufgeben? Wo ist der natür liche Feind?

(Abg. Dr. Markus Rösler GRÜNE: Da gibt es kei nen!)

Meine Damen und Herren, wir haben ja auch sehr putzige Bi ber, wir haben Krähen, wir haben Störenfriede, den Wasch bär, wir haben Fischräuber, den Kormoran. Daher muss man immer auch zu Ende denken und überlegen, wie man das or dentlich unter einen Hut bekommt. Es muss also die Frage ge stellt werden: Können wir dem Wolf artgerecht überhaupt das Umfeld bieten? Man muss wissen: So ein Wolfsrudel braucht eben 200 bis 300 km2, die es als Streifgebiet beansprucht. Das ist die Frage.

Schauen wir einmal nach Frankreich. In seiner Stellungnah me zum Antrag hat das Ministerium bestätigt: 2015 gab es in Frankreich 8 935 Nutztierentschädigungen; insgesamt gab es also rund 10 000 geschädigte, sprich gerissene Tiere. Frank reich hat eine andere Landschaft und hat andere Gebiete als wir hier in Baden-Württemberg; das müssen wir einfach fest stellen.

(Abg. Jürgen Walter GRÜNE: Der Wolf hat einen gu ten Appetit, oder?)

In den letzten zehn Jahren haben sich in Baden-Württemberg drei oder vier Wölfe gezeigt. Diese sind Einzelgänger gewe sen; sie sind durchgereist, oder sie sind überfahren worden.

Der Wolf ist ein interessantes Tier. In der Nachbarschaft, in Bad Mergentheim, gibt es ein großes Gehege im Tierpark. Der Wolf ist hochinteressant; er ist ein interessantes Tier. 1847 gab es, meine Damen und Herren, den letzten Wolf in Württem berg.

(Abg. Dr. Markus Rösler GRÜNE: Nein, 1866!)

1866 in Baden. Damals hatten – –

(Abg. Dr. Markus Rösler GRÜNE: Nein, in Württem berg!)

Ja, gut. Ich glaube, dem Wolf ist es egal, ob es nun 200 oder 202 Jahre sind, seitdem er ausgestorben ist.

(Abg. Jürgen Walter GRÜNE: Das könnt ihr bilate ral klären!)

Damals hatte Württemberg 1,7 Millionen Einwohner und Ba den 1,4 Millionen; Hohenzollern hatte damals 700 000 Ein wohner; das macht in Summe rund 3,8 Millionen Einwohner auf der Fläche des heutigen Baden-Württemberg. Heute leben im Land drei Mal so viele Menschen. Damals gab es noch kei ne Autos; heute gibt es in Baden-Württemberg 7,5 Millionen Fahrzeuge. Es gab damals keine Autobahnen, keine Eisenbahn und keine befestigten Straßen. Es gab keine Radfahrer – schon gar nicht solche wie heute.

(Abg. Alexander Salomon GRÜNE: Keinen Diesel!)

Es gab keinen Tourismus, keine Freizeitgesellschaft, keine Jogger usw. Baden-Württemberg ist ein dicht besiedeltes Land; deshalb wird es mit Blick auf das Straßen- und Bahn netz und die Besiedlung sehr schwierig, und wir müssen uns vorbereiten.

Baden-Württemberg hat eine tolle Kulturlandschaft, und die se kann nur erhalten werden, wenn die Bauern ihre Weiderin der, ihre Schafe, ihre Ziegen auch weiterhin in den benachtei

ligten Gebieten zur Kulturlandschaftspflege einsetzen können. Genau hier kündigt sich auch der große Konflikt an. Auch die Landschaftspflegeverbände sind davon betroffen. Sie alle brauchen den Wolf nicht, und sie befürchten nichts Gutes. Sie alle sind Betroffene. Wenn die Verhältnisse so kämen, wie ich es vorhin dargestellt habe, beispielsweise in der Schweiz, aber auch in Mecklenburg-Vorpommern, an der polnischen Gren ze, in Niedersachsen oder in der Lausitz, dann hätten wir sehr große Konflikte.

Meine Damen und Herren, von der Situation an der deutschpolnischen Grenze hören wir nichts Gutes. In abgelegenen Ortschaften haben die Menschen Angst und gehen nachts teil weise nicht mehr nach draußen. Übergriffe nehmen zu;

(Abg. Dr. Markus Rösler GRÜNE: Übergriffe? Von wem auf wen?)

2002 waren es 33 Übergriffe, 2015 gab es 600 Übergriffe,

(Abg. Dr. Markus Rösler GRÜNE: Das hat nichts mit Menschen zu tun! Risse vielleicht!)

und nicht selten gibt es auch Probleme zwischen Wölfen und Hunden. Schäden in Tierherden nehmen zu. Es werden Tiere gerissen. Was genauso schlimm ist: Die Tiere gehen in Panik von der Weide, und das wiederum führt zu zusätzlichen Ge fahren. Da braucht man dann, wie kürzlich geschehen, mög licherweise sogar einen Polizeihubschrauber, um die Tiere wieder einzusammeln; einen solchen Fall hatten wir ja im Pe titionsausschuss zu behandeln.

Wölfe in Deutschland? Meine Damen und Herren, in einem dünn besiedelten Landstrich ja,

(Abg. Alexander Salomon GRÜNE: Also in Hohen lohe!)

aber meines Erachtens nicht in Baden-Württemberg. Ich las se mich in der Anhörung gern davon überzeugen, dass das al les nicht wahr ist. Aber die steigenden Zahlen zeigen es: Wir hatten in Deutschland 2009/2010 sieben Rudel und zwei ter ritoriale Paare. 2014 waren es 35 Rudel und acht territoriale Paare und 2016 bereits 46 Rudel mit 15 territorialen Paaren. Dies ist also tatsächlich ein Thema, und deshalb ist es richtig, dass wir es so behandeln wie dargelegt.

Meine Damen und Herren, es geht u. a. um Erfahrungen aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Ich bin auch dankbar, dass sich heute Mittag die beiden Ausschüsse auf die entsprechenden Referenten verständigen konnten. Unter ih nen ist ein Vertreter aus der Schweiz, ist ein Betroffener aus Brandenburg etc. Deren Erfahrungen werden wir also mit ein binden, und ich freue mich auf die Anhörung. Wir brauchen also eine Abwägung, und wir müssen uns vorbereiten.

Noch einmal: Wer will den Wolf? Brauchen wir ihn? Diese Fragen müssen wir uns wirklich stellen. Wie bereiten wir uns vor? Vor allem ist auch die Frage, ob dies ein echter ökologi scher Mehrwert ist. Die Welt hat sich seit 1800 verändert. Können wir uns einfach bieten lassen, dass der eine oder an dere, der dies extrem gern hätte, es auch macht?

(Abg. Jürgen Walter GRÜNE: Willkommenskultur!)

Diejenigen, die betroffen sind, sollten, meine ich, alle zu der geplanten Anhörung kommen. Ich darf heute schon sagen: Ich stehe voll hinter den Forderungen des Badischen Landwirt schaftlichen Hauptverbands.

(Abg. Alexander Salomon GRÜNE: Voll hinter dem Wolf!)

Dessen Mitglieder sehen nämlich die Gefahren.

Das Motto kann also nicht lauten: Wir haben keine Probleme mit dem Wolf, also schaffen wir uns welche; wir wollen ihn unbedingt haben. – Biber, Kormoran und Waschbär lassen grüßen. Ich unterstütze, wie gesagt, auch die Resolution des BLHV. Alle, die nicht betroffen sind, meine Damen und Her ren, wollen den Wolf haben. Wer aber betroffen ist, hat gewis se Befürchtungen und will ihn in der Regel nicht.

Meine Damen und Herren, wir wollen uns darüber unterhal ten, und ich freue mich auf diese Anhörung, die wir offen und fachlich fundiert durchführen werden. Dann sehen wir, wie es weitergeht.

Nach meiner Einschätzung gebe ich dem Wolf in den dicht besiedelten Räumen kaum eine Chance – außer er wird zum Stadtwolf. Das kennen wir aus Berlin. Wenn wir uns mit dem Förster am Wannsee unterhalten, was er zu Wildschwein, Waschbär und Fuchs sagt, dann wollen wir den Wolf bei uns – selbst in Stuttgart, am Nesenbach – nicht haben.

(Beifall bei der FDP/DVP und Abgeordneten der AfD – Zuruf des Abg. Jürgen Walter GRÜNE)

Zur Begründung des An trags der Fraktion GRÜNE erteile ich das Wort dem Kollegen Dr. Rösler.

(Abg. Jürgen Walter GRÜNE: Der letzte Wolfsro mantiker! – Gegenruf des Abg. Dr. Friedrich Bullin ger FDP/DVP: Das muss ins Protokoll: „Der letzte Wolfsromantiker“! – Zuruf von der SPD: Hat es kei nen ausgestopften? – Weitere Zurufe)

Sehr geehrter Herr Präsi dent, werte Kolleginnen und Kollegen! Zwischen Märchen und Mythen, zwischen Werwolf und Weisheit, zwischen Ver harmlosung und Übertreibung – das ist Canis lupus, der Wolf. Ich habe tatsächlich – man darf ja keine ausgestopften Tiere mehr hierherbringen – auch keinen lebendigen dabei.

Da habe ich Sie ja gestern vorgewarnt.

(Abg. Reinhold Gall SPD: Sehr gut, Herr Präsident! – Abg. Jürgen Walter GRÜNE: Ist der Präsident kein Tierfreund? – Zuruf von den Grünen: Gut, Herr Prä sident!)

Wohl kein Tier hat in den letzten zehn Jahren so viel Aufmerksamkeit erhalten und so viel Aufregung – wie beispielsweise bei Herrn Bullinger – verursacht. Der Wolf breitet sich in Europa aus. Es stellt sich auch gar nicht die Frage, ob man ihn haben will oder nicht; er kommt ganz einfach.

Ich habe es 1992 zum ersten Mal persönlich im Parc national du Mercantour an der Grenze zwischen Italien und Frankreich erlebt. Genau in diesem Nationalpark, genau in diesem Jahr war es, dass die ersten französischen Wölfe oder die ersten Wölfe, die aus der Population in den Abruzzen, die die Aus rottungsorgien im 19. und 20. Jahrhundert überlebt hatten, nach Frankreich kamen.

Der verbesserte Schutz in Italien hat damals, 1992, dazu ge führt, dass sich diese kleine Population aus den Wäldern und Gebirgen der Abruzzen als sogenannte alpine Population aus gebreitet hat, und zwar so erfolgreich, dass wir heute in Ba den-Württemberg deren Nach-Nachfahren beobachten kön nen – wenn auch meist tot.

Erfolgreich waren wir Menschen – apropos – eben im 19. Jahr hundert. Damals rotteten wir den Wolf auch bei uns in BadenWürttemberg aus. Das entstammte dem mittelalterlichen Na turverständnis: Wenn ein einziger Wolf in einer Nacht prob lemlos ein, zwei Schafe riss, bedeutete das damals gegebe nenfalls die Vernichtung der Lebensgrundlage einer ganzen Familie. Die Situation ist heute eine ganz andere. Außerdem hat sich auch unser Naturverständnis geändert. Auch Landes jägermeister Friedmann sagt: Wenn der Wolf kommt, ist er ein natürlicher Bestandteil der biologischen Vielfalt hier bei uns im Land.

(Beifall bei Abgeordneten der Grünen sowie des Abg. Raimund Haser CDU)

Der Wolf kommt wieder. Der Wolf kommt wieder, genauso wie der Steinadler und der Wanderfalke, genauso wie die Wildkatze und wahrscheinlich auch einmal der Luchs. All die se Arten hatten wir ausgerottet – ganz oder weitestgehend. Es gab systematische Vernichtungsfeldzüge mit viel Hass und viel Hetze – mit prominenter Unterstützung. Ich zitiere ein mal: