Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kollegen Abgeordnete! Vielen Dank für die Beant wortung der Großen Anfrage zum Thema „Informationsver halten der Jugendlichen“, die uns eine Fülle von Material be schert hat.
Doch was bedeutet Informationsverhalten? Ist es wirklich wichtig, zu wissen, wie oft ein Jugendlicher am Tag die Such maschine Google nutzt? Ob YouTube wirklich immer der In formation dient oder doch eher der Unterhaltung, kann eine solche Untersuchung schwer feststellen.
Wir sollten den Blick ein wenig weiten und uns über die Fol gen dieser Entwicklung Gedanken machen. Der Wandel des Bewusstseins ist etwas, was sich einer empirischen Untersu chung weitgehend entzieht. Im Bildungsbereich sehen wir ver schiedene Ansätze, mit den Herausforderungen des neuen In formationszeitalters umzugehen. In Waldorfschulen z. B. wird versucht, den Gebrauch dieser Geräte zurückzudrängen. In anderen Schulen, darunter vielen Privatschulen, wird hinge gen versucht, den PC, das Tablet und das Laptop ab der fünf ten Klasse in den Unterricht aller Fächer einzubeziehen.
Anstatt uns darüber zu unterhalten, ob diese Entwicklungen gut oder schlecht sind, sollten wir die Veränderungen als ge sellschaftliche Entwicklung akzeptieren,
uns aber über die Folgen Gedanken machen. Tablets und Lernsoftware sind nicht dazu geeignet, die Leistungsunter schiede in der Klasse auszugleichen. Lernen wird immer im Kopf stattfinden und nicht im Smartphone.
(Beifall bei der AfD – Abg. Dr. Hans-Ulrich Rülke FDP/DVP beschäftigt sich mit seinem Smartphone. – Abg. Karl Zimmermann CDU zu Abg. Dr. Hans- Ulrich Rülke FDP/DVP: Kollege Rülke, haben Sie das gehört? – Gegenruf des Abg. Dr. Hans-Ulrich Rülke FDP/DVP: Jawohl!)
Es gibt heutzutage bei einigen Menschen die Vorstellung, dass das Wissen selbst nicht mehr wichtig ist; man müsse nur wis sen, wo das Wissen zu finden ist. Dieser Vorstellung möchten wir vehement widersprechen.
Die Informationsflut, der wir ausgesetzt sind, macht deutlich, was Wissen eigentlich ist: Wissen ist Verstehen, Wissen ist Grundlagenwissen.
(Abg. Brigitte Lösch GRÜNE: Wissen Sie, was Sie reden? – Abg. Karl Zimmermann CDU: Wissen ist Macht!)
Der Atomisierung der Informationen möchten wir gerade in der Schule die Bedeutung des Grundlagenwissens entgegen setzen.
Die Grundlagen sind in den Naturwissenschaften sehr wich tig. Von Professoren wurde darauf hingewiesen, dass die Leis tungen im Fach Mathematik absinken, weil das Grundlagen wissen in der Mittelstufe nicht mehr genug geübt wird.
Für das Erwerben des Grundlagenwissens braucht man Durch haltevermögen und Konzentration. Dies ist eine Frage der Willenskraft. Es ist verschiedentlich festgestellt worden, dass die Konzentrationsfähigkeit bei Jugendlichen abnimmt. Es wird schwieriger, sich längere Zeit einer bestimmten Sache zu widmen. Damit eng zusammen hängt das Problem, sich bei schwierigen Aufgaben durchzubeißen, dranzubleiben an der Aufgabe, auch wenn sie nicht sofort gelingt.
(Abg. Brigitte Lösch GRÜNE: Woher wissen Sie das? – Gegenruf des Abg. Emil Sänze AfD: Schule des Lebens!)
Lernen ist mehr als informieren. Lernen ist mehr als Informa tionsverhalten. Einzelinformationen sind heutzutage überall 24 Stunden am Tag zugänglich. Aus diesem Grund ist die Stär kung des Grundlagenwissens umso wichtiger.
Es sollte Informatikunterricht geben, damit diejenigen, die da für geeignet sind, das Programmieren frühzeitig lernen. Wir brauchen eine gezielte Förderung in den MINT-Fächern.
Wahre Bildung verändert sich nur sehr langsam. Wir brauchen nicht in blinden Aktionismus zu verfallen aus Angst, der Di gitalisierung hinterherzuhinken.
Abschließend ist zu sagen, dass wir die positiven Aspekte der Digitalisierung nutzen sollten und den Gefahren des Internet zeitalters Maßnahmen entgegensetzen müssen.
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kol legen! Zuerst möchte ich mich bei der Landesregierung für die sehr ausführliche Beantwortung der Großen Anfrage der Grünen und der CDU bedanken. Die Entwicklung des Infor mationsverhaltens von Jugendlichen ist ein wichtiges Thema, weswegen es ja auch die JIM-Studie gibt, die regelmäßig er neuert wird und eigentlich von allen Abgeordneten gelesen werden sollte. Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen und der CDU hätten der Landesregierung viel Arbeit erspart, wenn sie ihren Abgeordneten einfach empfohlen hätten, die neue JIMStudie zu googeln. Das wäre auch ökologisch vorbildlich ge wesen und hätte die Medienkompetenz der Regierungspartei en unter Beweis gestellt.
Allerdings hätte dann die Landesregierung nicht die dankba re Aufgabe erhalten, uns allen mitzuteilen, dass sie die JIMStudie aufmerksam gelesen hat und in der Lage ist, die Inhal te auf 15 Seiten gedrucktem Papier wiederzugeben. Dass die Landesregierung dabei ihre eigene Arbeit lobt, gehört natür lich auch dazu und sorgt nach den Schlagzeilen der letzten Ta ge für eine positive Stimmung zwischen den Koalitionären.
Was ich allerdings vermisse, ist die Frage, was die Regierung daraus schließt, welche neuen Ideen sie daraus entwickelt, welche Gefahren und Chancen sie sieht.
Ergebnisse wie die der ARD/ZDF-Studie, dass Personen zwi schen 14 und 29 Jahren im Durchschnitt täglich acht Stunden elektronische Medien aller Art nutzen, machen mich schon nachdenklich. Die JIM-Studie von 2015 zeigt auch, dass be reits die Zwölf- bis 13-Jährigen im Schnitt 160 Minuten am Tag im Internet surfen. Bei den 18- bis 19-Jährigen sind es schon über vier Stunden. Auf Tageszeitungen entfallen in die ser Altersgruppe acht Minuten am Tag.
Auch wissen wir – das ist erfreulich –, dass Jugendliche nach wie vor viele Bücher lesen, wobei es immer noch so ist, dass Mädchen mehr lesen als Jungen. Auch ohne die Landesregie rung hätten wir allerdings gewusst, dass Jungen häufiger Com puterspiele machen als Mädchen und sich mehr für Sporter
eignisse interessieren. Auch beim Interesse an der Bundespo litik liegen Jungen vorn, während sich Mädchen wie schon in meiner Schulzeit offensichtlich mehr für Stars, aber auch Mo de und – man höre! – für Kultur interessiert zeigen.
Was die Landesregierung nicht zu wissen scheint, ist die Tat sache, dass wir die Jugendlichen nicht über die Vielfalt mo derner Medien informieren müssen. Auch zur Nutzung dieser Medien müssen wir sie keineswegs motivieren. Daher ist die Frage 6 falsch gestellt, weil Jugendliche die neuen Medien ganz intensiv von selbst nutzen und auf diesem Gebiet wahr scheinlich den allermeisten in diesem Hohen Haus überlegen sind.
Uns geht es darum, die Chancen und Risiken der Digitalisie rung und des Medienkonsums zu sehen und Antworten dar auf und Lösungen dafür zu haben. Es geht aus unserer Sicht um die Vermittlung von Medienkompetenz und das Erlernen, wie sich die sich teilweise heftig widersprechenden Informa tionen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen lassen. Was sind Fake News? Was ist real? Was ist in einer Demokratie im In ternet erlaubt? Wo fangen Hetze und Hass an? Wie schützen sich Kinder und Jugendliche davor, sich selbst im Internet zu entblößen? Das kann die Schule allein nicht leisten. Da sind nicht zuletzt auch die Eltern gefragt, eigentlich wir alle.
Mein Dank gilt hier den Organisationen, die in den Bereichen Medienkompetenz und politische Bildung für junge Menschen tätig sind: die Landesanstalt für Kommunikation, das Landes medienzentrum, die Landeszentrale für politische Bildung und die Polizei. Sie alle leisten Hervorragendes, wenn es darum geht, Medienkompetenz an junge Menschen, aber auch an Lehrerinnen und Lehrer und die Eltern zu vermitteln.
Ich zitiere Professor Spitzer aus Ulm, den viele hier auch ken nen, mit der geäußerten Sorge um die digitale Demenz. Er weist nach, dass vor allem Kinder und Jugendliche, wenn sie acht Stunden am Tag digital unterwegs sind, an Schlafstörun gen und Unaufmerksamkeit leiden, Übergewicht haben, weil sie sich zu wenig bewegen, gewaltbereit, nervös und aggres siv sind. Daher plädiert er für die Einschränkung dieser Me dien.
Wenn ich die Aussagen von Spitzer lese und mir dann die ma nischen Twitter-Attacken von Donald Trump vergegenwärti ge, sage ich: Der Mann hat recht.
Wir hier im Landtag können diese Entwicklung sicherlich nicht aufhalten, und wir wollen sie auch nicht aufhalten. Des halb müssen wir in die Medienkompetenz der Kinder, der El tern und der Lehrer investieren und die Angebote in diesem Bereich stärken.
Wichtig ist mir, festzustellen, dass es in einer Demokratie un erlässlich ist, dass die Menschen aller Generationen auf un abhängige, nicht von kommerziellen Interessen gesteuerte Medien zurückgreifen können. Dies ist nur möglich, wenn wir