Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren! Frau Stahmann hat ganz zu Beginn ihrer Rede gefragt: Warum machen wir das eigentlich? Das machen wir nicht aus schierer Langeweile, sondern um in den drei wichtigen Bereichen zu besseren Ergebnissen zu kommen.
Das Erste ist: Wir wollen versuchen, durch eine eigenständige, eigenverantwortliche Schule die unsägliche soziale Kopplung zwischen Elternhaus und schulischen Leistungen, die immer noch vorgegeben ist in unserem Land, aufzuheben und aufzubrechen. Das ist ein langer und schwieriger Prozess, dazu brauche ich gut funktionierende Schulen, in denen nicht nur die Schülerinnen und Schüler willkommen sind, sondern auch die Lehrerinnen und Lehrer. Das ist der erste, für mich als Bremer Senator wichtigste Punkt.
Der zweite Punkt ist: Die durchschnittlichen Leistungen unserer Schülerinnen und Schüler müssen besser werden. Die Spitzenergebnisse in unserem Land können absolut mithalten mit denen in Bayern und Baden-Württemberg. Mit den durchschnittlichen Leistungen aber kann ich nicht zufrieden sein, und ich bin auch heute im Jahr 2006 noch nicht zufrieden, da müssen wir noch besser werden.
Wenn ich diese beiden Thesen zusammenziehen darf: Wir müssen mehr Schülerinnen und Schüler zu einem guten Schulabschluss bringen,
damit es uns anschließend gelingt, diesen Jugendlichen auch einen Ausbildungsplatz zu besorgen. Nur wenn uns das gelingt, führt das zu einem weiteren Wachsen des Wohlstandes in unserem Land und schützt diese Menschen vor einer Arbeitslosigkeit, die garantiert auf sie wartet, wenn sie keinen schulischen Abschluss und keine berufliche Ausbildung haben.
Das ist die Begründung, warum wir hinter dieser Position stehen, warum wir das hier so betreiben, übrigens seit Jahren. Ich finde es genau richtig, was Frau Hövelmann gesagt hat, wir machen das nicht im Hauruck-Verfahren, sondern wir nehmen uns zunächst einmal die Schulen, von denen wir annehmen, dass sie dazu besonders in der Lage sind. Das sind die beruflichen Schulen.
Das haben wir oft in diesem Haus diskutiert, die machen das sehr gut. Sie sind mitten in einem Prozess, wir haben ihnen jetzt zum 1. August das Personalbudget überlassen, dort gibt es die schulscharfen Ausschreibungen, sie werden genau die Kolle––––––– *) Vom Redner nicht überprüft.
Warum, meine Damen und Herren, ist das denn so wichtig? Als ich mein Amt übernommen habe, habe ich festgestellt, dass wir zentral ausgeschrieben und dann Lehrerinnen und Lehrer zugewiesen haben. Diese kamen also an Schulen, an die sie eigentlich nicht kommen wollten, die vielleicht zu weit weg waren, die nicht das Profil hatten oder wo sie nicht erwünscht waren. Das finde ich ausgesprochen schlecht.
Ich habe das vor einigen Jahren umgestellt, dass wir 50 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer schulscharf in die Schulen geben. Das heißt, die Schulen sagen: Wen brauchen wir, welche Fächerkombination wollen wir haben, gibt es da Vorerfahrungen zum Beispiel mit Referendaren oder vielleicht einem Studenten von früher, der sich besonders bei uns engagiert hat, der dann durch ein anderes Referendariat gegangen ist in einem anderen Bundesland? Er kommt zurück, und genau den wollen wir, der passt in unser Konzept, der passt in unser Team, den wünschen wir uns für unser Team.
Dieser hat doch eine ganz andere Aufnahme als derjenige, der vom Rembertiring mit einem Schein kommt und sagt: Entschuldigen Sie bitte, ich bin hier zugewiesen worden, welche Klasse darf ich übernehmen? Mein Name ist Dr. Müller, ich möchte jetzt hier gern anfangen. Das kann doch nicht gut gehen, und jeder, der irgendwann einmal in der Personalführung tätig gewesen ist – –.
(Abg. Frau S t a h m a n n [Bündnis 90/Die Grünen]: Entschuldigung, Sie suchen Ma- the, aber ich kann nur Deutsch!)
Das kann auch häufig passieren, dass man sagt: Deutschlehrer haben wir eigentlich genug, wir bräuchten eine ganz andere Fächerkombination. Es ist aber auch der menschliche Aspekt, Frau Stahmann, dass man sagt: Ich komme in eine Schule, die hat mich ausgewählt, da bin ich unter vielen Bewerbungen ausgewählt worden, ich bin willkommen, und die freuen sich auf mich, weil sie mich brauchen! Das ist eine viel bessere Ausgangssituation, die erreicht man nur mit einer eigenverantwortlichen Schule und deshalb ist das ein Beispiel, warum unser Haus so eindeutig hinter dieser Konzeption steht.
Es gibt ein anderes kleines Beispiel, das ich an der Stelle Ihnen auch immer gern mitteile, das hat mit Eigenständigkeit eigentlich relativ wenig zu tun, aber ich sage es trotzdem einmal. Wir machen seit einigen Jahren eine Budgetierung aller Schulen im Rahmen der kleinen Renovierungsmaßnahmen. Wir nennen die Aktion „Schöne Schulen“. Da hat uns das Parlament einen Betrag, der ist gar nicht so hoch, ich glaube, eine Million Euro oder so etwas, zur Verfügung gestellt. Für alle Schulen ist das wenig, wenn man bedenkt, dass wir 177 Schulen haben. Mit die
sen ganz geringen Mitteln aber können die Schulen unglaublich viel umsetzen, weil sie kreativ sind, weil sie die billigsten Zugriffsmöglichkeiten haben, weil sie nicht europaweit ausschreiben müssen.
Ohne irgendwelche Reglementierungseinrichtungen haben sie die Möglichkeit, mit 10 000, 11 000 oder 12 000 Euro ihre Schule zu verschönern.
Ich erlebe dann, dass sie sagen: Mit dem Geld können wir durch Spendenaufrufe, durch einen Flohmarkt und dieses oder jenes den Betrag verdoppeln oder verdreifachen! Mit einem Mal sehe ich, dass ohne europaweites Ausschreibungsverfahren und ohne zwischengeschaltete Einrichtungen, Organisationen und Bürokratien viel mehr mit dem Geld erreicht wird, als wenn wir 2, 3, 4, 5 oder 10 Millionen Euro staatlichen Geldes einsetzen. Das ist die Wahrheit aus siebeneinhalb Jahren Erfahrung in diesem Amt! Deshalb finde ich es richtig, diesen Bereich den Schulen zu übertragen und zu sagen: Ihr wisst besser, ob ihr jetzt Stühle braucht oder Tische, ob ihr eine neue Gardine, einen Beamer oder Atlanten benötigt. Dies, finde ich, sind ganz klare Signale dafür, dass es richtig ist.
Wer aber A sagt, meine Damen und Herren, muss auch B sagen. Jetzt zu sagen – liebe Frau Allers, ich widerspreche Ihnen ungern, Sie wissen das –, die sollen eigenständig, eigenverantwortlich werden, aber ob wir dann Noten geben oder nicht, das wollen wir bitte doch vom Rembertiring oder von der Deputation aus regeln, nein, das geht nicht, wenn die Schule der Meinung ist, aufgrund des Profils und aufgrund des Konzepts sagen wir, wir können den Kindern nicht serienweise die Fünfen hineinschreiben, wir demotivieren sie damit nur.
Ich will Ihnen das auch noch einmal an einem ganz praktischen Beispiel deutlich machen, an dem Sie das auch sofort nachvollziehen können, Frau Allers. Eine Schule hat eine Schülerin – das ist ein Fall, der mir vor wenigen Jahren untergekommen ist, ich habe ihn aber gut behalten, weil das die Notenfrage so sehr betrifft –, das nicht besonders gut ist in einem Fach, es ist gerade neu in die Klasse gekommen. Dieses Kind müsste eigentlich eine unterirdische Zensur bekommen, es wäre eigentlich nicht benotbar und müsste nach unseren Gesetzen, Regelungen und Verordnungen eine 6 bekommen. Es ist aber ein ganz wunderbares Kind.
In der Grundschule wollen wir unsere Kinder motivieren, eigentlich bis zur 13. Klasse. Wir wollen sie, wie ich das in meinem Studium bei Professor Tausch an der Universität Hamburg gelernt habe, mit positiven Reenforcements, das heißt mit ständigen Belobigungen, motivieren, mit Endorphinausschüttung, das habe ich von Professor Roth an dieser Universi
Da sagt die Lehrerin dieser Schülerin: Warum gebe ich diesem Mädchen keine 6? Ich habe überall das, was dieses Mädchen an guten Dingen in diese völlig verkorkste Arbeit hineingeschrieben hat, mit einem grünen Stift unterstrichen, alles Positive. Sie hat nicht mit einem roten Chaos das Blatt so vernichtet, dass dieses Kind weinend aus der Klasse gegangen wäre. Sie hat auch die Mutter zu einem Gespräch gebeten und gesagt: Ich habe Ihrer Tochter keine Zensur gegeben, weil ich eigentlich eine 6 hätte darunter schreiben müssen. Ihre Tochter, die jetzt seit wenigen Wochen hier in meiner Klasse ist, ist aber so eine wunderbare Bereicherung für unsere Klasse, dass ich Ihre Tochter nicht weinend aus der Klasse laufen sehen will, sondern ich möchte sie pädagogisch begleiten, sodass, wenn sie das nächste Mal, wenn sie auch nur 3 Wörter besser geschrieben hat, als sie es beim letzten Mal gemacht hat, mit Freude das nächste Mal wieder in ihre Schule und ihre Klasse kommt. Das ist eine Pädagogik, die ich richtig finde, und das spricht für eine eigenständige Schule.
Zur Frage Gängeln oder nicht Gängeln! Manche Schulen haben den Eindruck, dass wir sie furchtbar gängeln. Leider habe ich es immer noch nicht geschafft, den tiefen Graben zwischen meinen Schulen und der Bildungsbehörde so einzugrenzen, dass er nicht mehr sichtbar ist, er ist es nach wie vor.
Ich hoffe, nicht ganz der Grand Canyon, das wäre zu schlimm! Ich hoffe, dass da schon einige Brücken geschlagen worden sind, wo wir in die Schulen gehen können, dass wir nicht so eine große Kluft haben. Das Entscheidende ist aber, Frau Stahmann, dass wir es erreichen müssen, dass die Schulen verstehen, dass wir sie unterstützen und sie nicht in ihrer Arbeit behindern wollen.
Ich habe mich übrigens eben ein bisschen gewundert: Gestern haben Sie noch etwas ganz anderes von mir gefordert, Frau Stahmann!
Ja, das wussten Sie, da hätten Sie mich nicht provozieren dürfen! Sie haben eben gesagt, weniger Bürokratie aufbauen, lieber Herr Senator. Gestern haben Sie genau das Gegenteil gesagt: Lieber Herr
Senator, bei der Frage des Unterrichtsausfalls genügt nicht, was Sie an Statistiken bundesweit führend eingeführt haben, sondern wir wollen jetzt noch genau wissen, welche Stunden ausgefallen und von wem sie vertreten worden sind, also ein deutliches Plus an Bürokratie!
Dann müssen Sie jetzt einmal Ihrem Senator einen klaren Auftrag geben! Gott sei Dank brauchen Sie keinen klaren Auftrag zu geben, das machen die beiden anderen Fraktionen für mich! Insofern nehme ich das auch nicht ganz so wild.
Ein Gängeln führt also nicht zum Ziel. Es ist wunderbar, dass wir die Schulen auf diese Eigenständigkeit vorbereiten, da sind wir mitten in dem Prozess. Ich bin ziemlich sicher, dass wir diesen Prozess mit der Unterstützung des Hauses weiterhin positiv durchsetzen werden. – Vielen Dank!
Herr Präsident, meine Damen und Herren! Autonomie, liebe Frau Stahmann, ist das, was sich die Linke unter ziemlich willenloser Beliebigkeit vorgestellt hat. Das ist genau das, was wir nicht wollen, und darum reden wir von einer eigenständigen oder eigenverantwortlichen Schule.
Verantwortung gehört in die Schule. Die Begrifflichkeit hatten wir eigentlich schon längst geklärt, aber es war mir klar, dass von irgendwoher tatsächlich noch einmal wieder dieser Autonomiegedanke hier ins Haus getragen werden würde.
Meine Damen und Herren, ich möchte doch noch einiges zu den pädagogischen Fragen sagen. Wir ha––––––– *) Vom Redner nicht überprüft.
ben immer völlig klar gesagt, dass es eine eigenverantwortliche Schule mit pädagogischen Freiheiten im Rahmen klar gesetzter Normen und Standards geben muss. Beliebigkeit hat in Bremen zu den PisaErgebnissen geführt, und so etwas werden wir nicht noch einmal mitmachen, das sage ich für die CDUFraktion ganz deutlich!
Dazu gehört, wenn 15 andere deutsche Bundesländer Noten geben, dann wird es auch in Bremen Noten geben. Wir haben in Bremen ein sehr modernes Benotungs- und Bewertungssystem eingeführt mit diesem Senator, in dieser Koalition, und dieses Bewertungssystem ist noch keine 3 Jahre alt, meine Damen und Herren, auch wenn sich der Herr Senator jetzt in Zeiten von Vorlistenaufstellungen der SPD nicht mehr so genau daran erinnern mag, was er da beschlossen hat. Wir haben nämlich gesagt, wir haben auf der einen Seite Lernentwicklungsberichte und auf der anderen Seite eine zusammenfassende Benotung, und daran werden wir auch in Zeiten von eigenverantwortlicher Schule nicht rütteln.