Protokoll der Sitzung vom 23.02.2005

Gleichfalls geht der Dringliche Antrag von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zur weiteren Beratung an den Sozialpolitischen Ausschuss.

Ich stelle fest, dass die Große Anfrage heute zur Debatte stand und damit vom Verfahren her erledigt ist.

(Zuruf des Abg. Jörg-Uwe Hahn (FDP))

Sie ist besprochen.Vielen Dank, Herr Kollege Hahn.

Meine Damen und Herren, wir kommen zu Tagesordnungspunkt 48:

Antrag der Fraktion der FDP betreffend Finanzplatz Frankfurt/Rhein-Main stärken – Wettbewerbsfreundliche Rahmenbedingungen für den Finanzstandort Deutschland schaffen – Drucks. 16/3623 –

Wir rufen ihn gemeinsam mit Tagesordnungspunkt 28 auf:

Antrag der Fraktion der FDP betreffend Deutsche Börse AG – Drucks. 16/3526 –

und Tagesordnungspunkt 32:

Dringlicher Antrag der Fraktion der CDU betreffend modernes Finanzplatzmanagement führt den Standort Frankfurt in die Zukunft – Drucks. 16/3550 –

und es liegt Ihnen vor – er ist auf den Plätzen verteilt:

Dringlicher Antrag der Fraktion der SPD betreffend soziale Verantwortung darf am Bankenplatz Frankfurt kein Fremdwort sein – Drucks. 16/3675 –

Wird die Dringlichkeit bejaht? – Das ist der Fall. Dann wird er jetzt mit aufgerufen zu diesen Tagesordnungspunkten.

Als Erster hat der Antragsteller das Wort für die Fraktion der FDP, Herr Denzin.

(Beifall bei der FDP)

Herr Präsident, meine Damen und Herren! Nach der heißen Debatte heute Morgen – nachvollziehbar, ein hautnahes Thema – kommen wir jetzt zu einem Thema, das emotional sicherlich nicht so berührt, das gleichwohl genauso wichtig ist, weil es die andere Seite der Medaille ist,

(Beifall bei der FDP)

nämlich die Frage von Arbeitsplätzen und Einkommen, gesichertem Lebensstandard und Wohlfahrt.

Meine Damen und Herren, globale Entwicklungen allgemein führen logischerweise zu strukturellen Veränderungen. Die Entwicklung der Informationstechnologie beschleunigt diese Veränderungen, im Bereich der Finanzmärkte in einem Maß wie in keinem anderen Wirtschaftsbereich.

Nur noch 47 % der Umsätze der Aktienbörse Xetra und 28 % der Umsätze der Devisenbörse Eurex kamen aus Deutschland. Gleichwohl sind diese von der Deutschen Börse AG entwickelten computerbasierten Handelssysteme auch Ausdruck des hervorragenden internationalen Standings der Deutschen Börse AG als weltweiter Technologieführer.

(Beifall bei der FDP)

Meine Damen und Herren, dies ist ein Ruf, der natürlich auch das Image des Finanzplatzes Frankfurt prägt und hebt. Dennoch – hier wird deutlich, auf welch schmalem Grad wir wandeln –, die weltweite Marktführerschaft mit online abgewickelten Finanzgeschäften führt auch dazu, dass Banken mit geringer Beratungstätigkeit und somit mit geringem Bedarf an kultureller Nähe – hier vornehmlich japanische Banken – von Frankfurt nach London abgewandert sind. Das heißt, der Erfolg auf der einen Seite führt zwangsläufig zu Einschnitten auf der anderen Seite.

Genauso wie der unternehmerische Erfolg in diesem Fall im Hinblick auf die Prosperität des Finanzplatzes Frankfurt zweischneidig zu beurteilen ist, hätte die Übernahme der London Stock Exchange durch die Deutsche Börse AG auf den Standort Frankfurt bezogen Licht- und Schattenseiten.

Zweifellos wäre es für die Etablierung der Deutschen Börse im weltweiten Finanztransfer eine außerordentlich wichtige Stabilisierung ihrer Position in Europa und in der Weltspitze. Das würde auch positive Rückwirkungen auf den Standort Frankfurt haben, zumindest imagemäßig.

Aber auch hier gibt es eine aus hessischer Sicht – ich sage bewusst: auch aus deutscher Sicht – gefährliche Kehrseite der Medaille, nämlich dann, wenn wesentliche Geschäftsbereiche wie der Aktienhandel und das Derivatgeschäft, der Eurex, und damit auch der entsprechende Stab qualifizierter Mitarbeiter nach London verlagert würden. Wo die Schnittstelle zwischen dem betrieblich größten Nutzen der Börse AG und dem möglichen Nutzen der RheinMain-Region, Standort Frankfurt, oder auch dem geringsten Einschnitt liegt, ist sicherlich nicht einfach auszutarieren.

(Norbert Schmitt (SPD): Das stimmt!)

Hier wird es auch bei dem Börsenrat, einer weltweit einzigartigen Einrichtung, die etwas mit der Situation der Wertpapierbörse in Frankfurt als öffentlich-rechtliche Anstalt zu tun hat und Klammer zu der geschäftsführenden Börse AG ist, interessant sein, wie der Börsenrat, der aus Fachleuten von Anlegern,Bankern usw.zusammenge

setzt ist, darauf reagiert und welchen Rat letztendlich der Börsenrat geben wird.

(Beifall bei der FDP)

Nur eines, meine Damen und Herren und Herr Minister: Das Land kann sich nicht vornehm zurückhalten.

(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der SPD)

Sie haben schon in Ihrer Aufsichtsfunktion über die Frankfurter Wertpapierbörse einen Auftrag. Ich möchte hier sagen, mein Kollege Dieter Posch hat in einem Schreiben an den Ministerpräsidenten Mitte Dezember sehr dezidiert Probleme angesprochen. Wir haben bis heute noch keine Antwort.

(Nicola Beer (FDP): Hört, hört! – Ruth Wagner (Darmstadt) (FDP): Das ist unerhört!)

Es ist nicht nur ein Thema, das heute die Zeitungen füllt, sondern richtigerweise ein Thema, das uns und den Standort Frankfurt, die Region Rhein-Main, das Land Hessen, aber auch Deutschland interessiert,

(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der SPD)

weil der Finanzstandort Deutschland identisch mit dem Finanzplatz Frankfurt ist. Er steht und fällt damit.

(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der SPD)

Ich mache es mir nicht leicht. Wir dürfen es uns gemeinsam nicht leicht machen. Auch alle kritischen Auseinandersetzungen im Sinne der Gefahren, die ich eben bei dem Deal mit London aufgezeigt habe, müssen eines einräumen:Wenn die Deutsche Börse AG hier nicht zum Zug käme und Euronext,der Wettbewerber aus Paris,die Londoner übernehmen würde, hätte das natürlich auch direkt und indirekt enorme Auswirkungen auf den Standort Frankfurt.Auch das müssen wir sehen.

(Norbert Schmitt (SPD):Auch da hat er Recht!)

Insgesamt wird klar, auf welchem schmalen Grat wir wandeln.

(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der SPD)

Meine Damen und Herren, wenn es denn bei diesen rationalen Überlegungen bliebe, könnte man abwägen. Ich habe aber hier den Eindruck – viele Kommentatoren ebenfalls, wie ich lesen kann –, dass die Entscheidungssituation von vornherein von einer sehr persönlichen Duftnote überlagert worden ist.

(Beifall bei der FDP)

Ich kann Ihnen nur sagen, das gilt sowohl für den Börsenchef Seifert wie auch für seinen Schweizer Landsmann Ackermann. Auch wenn beide in der Schweiz vielleicht Bodenhaftung verloren haben oder nie hatten, so muss beiden Herren klar sein, dass auch ein Globalplayer einen Heimathafen braucht.

(Beifall bei der FDP und der SPD)

Meine Damen und Herren, wenn Herr Seifert gestern in der Pressekonferenz diejenigen, die diese Übernahme mit Folgen für Frankfurt kritisch beurteilen, als Finanzplatzromantiker bezeichnet, als Regionalchauvinisten oder – nicht so ausgesprochen, aber nach dem Kontext so ge

meint – Provinzler, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben,

(Evelin Schönhut-Keil (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Die sind halt völlig abgehoben!)

dann kann ich nur sagen, auch in London herrscht nichts anderes als schnödes Standortinteresse.

(Beifall bei der FDP, der SPD und bei Abgeordne- ten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Nor- bert Schmitt (SPD):Völlig losgelöst!)

Wer die Pharmakonzentration noch im Kopf hat, weiß, dass das in Paris nicht anders, sondern noch viel schlimmer ist.