Protokoll der Sitzung vom 03.03.2010

(Beifall bei der FDP und der CDU)

Sie haben vorhin gesagt, die Schweiz betreibe ein Geschäftsmodell, das darauf angelegt sei, Gesetze zu brechen.

(Tarek Al-Wazir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja, so ist es!)

Herr Kollege Al-Wazir, das ist freundlicher als das, was der libysche Staatspräsident vor einer Woche über die Schweiz gesagt hat.Ihre Behauptung ist dennoch eine Unverschämtheit.

(Beifall bei der FDP und der CDU – Zuruf des Abg. Axel Wintermeyer (CDU))

Wenn Sie über sozialen Frieden und Ausgleich in der Gesellschaft fabulieren, dann wäre es schön, wenn Sie sich zumindest einmal bemühen würden, von Ihrem hohen Ross herunterzukommen und die Maßstäbe, die Sie bei anderen anlegen, bei sich selbst anzulegen. Das würde uns in diesem Landtag Freude machen.

(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der CDU)

Ich bin sehr gespannt, ob wir hierzu heute noch eine persönliche Erklärung hören werden.

(Axel Wintermeyer (CDU):Viel zu feige!)

Richtig, ich glaube auch, dass er nicht den Mumm haben wird, das zu tun.

Herr Kollege Bocklet,wenn es einen sozialen Ausgleich in einer Gesellschaft geben soll, dann muss man sich um alle Gruppen kümmern.Wir sind der Auffassung, dass es sinnvoll ist, sich Gedanken darüber zu machen, wie man die Hartz-Gesetze weiterentwickeln kann – dazu werde ich gleich kommen – und wie man die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen entlasten kann, die den Karren in diesem Land ziehen. Diese Frage darf doch noch in der Bundesrepublik gestellt werden, und darum geht es.

(Beifall bei der FDP und der CDU)

Es geht darum, wie man den Mittelstandsbauch abbaut. Es geht darum, wie man es schafft, dass kleine und mittlere Einkommen beim Lohnabstandsgebot präferiert werden. Herr Kollege Spies, zu dem Beispiel, das Sie vorhin genannt haben,kann ich Ihnen nur sagen,dass Sie sich bitte besser informieren sollten.

Sie haben das Beispiel des Schneeschippens gebracht. Ich will Ihnen erklären, in welchem Kontext Herr Westerwelle das gesagt hat. Herr Westerwelle hat gesagt: Wenn jemand eine staatliche Leistung bekommt, dann ist es richtig,dass er eine eigene Leistung dagegenstellt.– Dabei

sind wir uns doch sicher einig. Was ist aber im Zusammenhang mit dem Schneeschippen passiert?

(Willi van Ooyen (DIE LINKE): Der Schnee ist weg! Das ist gelaufen!)

Der sagenumwobene Regierende Bürgermeister von Berlin, Herr Wowereit – wir wissen alle, dass Herr Wowereit kein FDP-Mitglied ist –, hat nach dieser Diskussion 650 Stellen für Schneeschipper ausgeschrieben. Wissen Sie, wie viele Leute sich darauf beworben haben? In Berlin haben sich etwa 27.000 Menschen auf diese Stellen beworben. Das zeigt doch, dass diese Menschen Leistung bringen wollen. Sie wollen ihnen nur keine Möglichkeit dazu geben, und das unterscheidet uns voneinander.

(Beifall bei der FDP und der CDU – Tarek Al-Wa- zir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Mein Gott!)

Fakt ist, seitdem Schwarz-Gelb in diesem Land regiert, sind viele Fehler dieser rot-grünen Gesetze revidiert worden. Ich will als Beispiel das Schonvermögen nennen.Wir halten es für richtig, dass derjenige, der sein Leben lang gearbeitet und vieles von dem erwirtschafteten Geld zurückgelegt hat, besser behandelt wird als derjenige, der alles ausgegeben hat.

(Beifall bei der FDP und der CDU)

Deshalb war es richtig und sozial vernünftig, das Schonvermögen zu erhöhen. Es ist außerdem klug, darüber zu debattieren, wie man ein Lohnabstandsgebot erreichen kann, sodass sich Arbeit wieder lohnt. Die Liberalen machen dazu in der nächsten Woche eine große Veranstaltung in Berlin, zu der ich Sie alle gern einlade. Einer der Hauptredner wird Wolfgang Clement sein.

(Marcus Bocklet (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wo sind denn Ihre Vorschläge?)

Spätestens heute nach der Rede von Herrn Kollegen Spies wäre er mit Sicherheit ausgetreten. Das kann man mit Sicherheit sagen.

Ich halte es für richtig, dass man mit einem der Väter dieser Hartz-Reform, der lange in der SPD gefeiert worden ist, darüber diskutiert, wie man das Hartz-System weiterentwickeln kann.Wie kann man das,das er gemeinsam mit Gerhard Schröder auf den Weg gebracht hat,weiterentwickeln?

Eines muss doch klar sein, und darüber kann es keinen Dissens in diesem Land geben: Wir müssen es schaffen, dass sich Arbeit wieder lohnt, dass Menschen, die arbeiten,am Ende des Monats das Gefühl haben und auf ihrem Kontoauszug erkennen, dass es sich gelohnt hat. – Herr Kollege Al-Wazir, da muss man nicht den Kopf schütteln, sondern einfach nur mitmachen.

(Beifall bei der FDP und der CDU)

Herr Kollege, Sie müssen zum Schluss kommen.

Ich freue mich auf die weitere Debatte. Herr Kollege AlWazir,dabei werden wir die GRÜNEN und die SPD nicht aus der Pflicht entlassen. Das waren Ihre Reformen. Diese haben vom Bundesverfassungsgericht eine Rote Karte bekommen.Wir werden uns nun gemeinsam darum

bemühen, dass diese Reformen wieder auf die richtige Spur kommen.

(Beifall bei der FDP und der CDU)

Schönen Dank, Herr Kollege Rentsch. – Zu einer Kurzintervention haben sich erst Herr Wilken und dann Herr Bocklet gemeldet. Bitte schön, Herr Wilken, zwei Minuten Redezeit.

(Tarek Al-Wazir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ist gegen Mindestlöhne, will keine höheren Zuverdienste und sagt,Arbeit muss sich lohnen!)

Danke, Herr Präsident. – Herr Rentsch, Sie wollten sich gerade nicht durch Zwischenfragen in Ihrem Agitationsfluss stören lassen. Deswegen müssen wir den Weg der Kurzintervention wählen. Ein bisschen Verständnis habe ich dafür. Sie wären wahrscheinlich vollkommen aus dem Takt gekommen bei dem, was Sie gesagt haben.

Ich möchte nur kurz etwas zu zwei Sachen sagen, und ich hoffe, dass Sie das in einer Antwort richtigstellen. Sie haben gesagt, die Arbeitslosigkeit kommt uns als Staat zu teuer. – Das ist vollkommen richtig. Warum tun Sie dann nichts gegen Arbeitslosigkeit? Warum wollen Sie dann weiter Steuern senken? Warum wollen Sie den Staat weiter ärmer machen? Warum wollen Sie dem Sozialstaat die Finanzgrundlage entziehen?

(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zurufe von der CDU und der FDP)

Sie haben zweitens auch gesagt, dass es den armen RotGrünen doch nicht übel genommen werden darf, etwas Richtiges getan zu haben bei den Agenda-2010-Gesetzen, bloß weil – das haben Sie gesagt – denen die Wähler davongelaufen sind. – Entschuldigen Sie, welches Selbstverständnis haben wir im Haus? Vertreten wir hier nicht das Volk, und haben wir nicht darauf zu hören, was das Volk von uns als parlamentarischen Vertretern will? Vielleicht bei Ihnen nicht, aber ich verstehe mich in der Tradition.

(Beifall bei der LINKEN – Hans-Jürgen Irmer (CDU): Das sagt der Richtige!)

Letzte kurze Bemerkung. Sie haben gesagt, Sie wollten eine gerechte Verteilung haben. Für Ihre Klientel glaube ich Ihnen das. Aber wenn wir an Gerechtigkeit denken, dann denken wir an alle in dieser Gesellschaft. Wenn wir Umverteilung sagen, dann denken wir an alle in dieser Gesellschaft und nicht an eine bestimmte Klientel, sehr geehrte Herren von der FDP.

(Beifall bei der LINKEN – Zurufe von der FDP)

Danke schön, Herr Wilken. – Herr Bocklet, bitte.

Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren! Herr Kollege Rentsch, ich fand, Ihre Rede war ein weiterer Beweis dafür, dass Sie mit Vokabular wie „man wird doch mal drüber reden dürfen“, „man wird doch mal

sagen dürfen“, „wir wollen mal daran erinnern“, eine Emotion schüren in diesem Lande. Sie arbeiten mit einer Halbwahrheit, die sagt: Eigentlich ist da etwas falsch, irgendwie dubios, dubios. – Im Bauch einiger Rechtspopulisten erzeugt das das Gefühl: Irgendwas ist da falsch.

(Zurufe von der FDP)

In fünf Zwischenrufen habe ich Sie darum gebeten, ein einziges Mal dazu Stellung zu nehmen, was die FDP an der Hartz-Gesetzgebung ändern will. Nichts haben Sie dazu gesagt, gar nichts.

(Lebhafter Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der SPD und der LINKEN – Zuruf des Abg.Wolfgang Greilich (FDP))

Sie predigen – auch Sie, Herr Greilich –, dass diese Menschen angeblich einen anstrengungslosen Wohlstand wollen. Das predigen Sie, aber Sie sagen nicht mit einem Ton, ob Sie die Sanktionen verschärft haben wollen. Sie sagen nicht mit einem Ton, welche Maßnahmen Sie in der Gesetzgebung über die Regelsätze verändert haben wollen. Nichts, Sie trauen sich nicht, in einem Punkt konkret zu werden. Man hört von Ihnen gar nichts.

(Willi van Ooyen (DIE LINKE): 10. Mai! – Petra Fuhrmann (SPD): NRW-Wahl!)

Wenn Sie zu Recht bemerken, wir haben ein Problem mit dem Lohnabstand, dann geht es darum, dass es skandalöse Niedriglöhne in diesem Land gibt und wir Mindestlöhne brauchen. Sie sagen aber nicht, warum Sie das nicht wollen.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,der SPD und der LINKEN)

Richtig perfide wird es, wenn Herr Westerwelle mit angewidertem Gesichtsausdruck fordert, diese Leute sollten einmal erklären, warum sie nicht Schnee schippen wollten. Mit diesem Ausdruck im Gesicht hat er angewidert sagen wollen, diese Leute wollten nicht arbeiten.

Jetzt passiert Folgendes: Auf 600 Stellen bewerben sich 27.000 Menschen und dokumentieren, dass sie arbeiten wollen.Aber Ihnen fällt nichts Besseres ein, als das umzudrehen. Das ist geradezu pervers. Diese Menschen wollen arbeiten, sogar Schnee schippen.