Protokoll der Sitzung vom 26.11.2003

(Beifall im ganzen Hause)

Viele Menschen, ob Sportler oder andere, gewinnen durch ihre Leistungen Anerkennung und Achtung. Aber nur wenige gewinnen die Herzen. Sie haben die Herzen der Hamburgerinnen und Hamburger ganz sicher gewonnen, aber nicht nur deren Herzen, auch das Herz meiner Fraktion, das links schlägt. Ich glaube, das ist okay.

(Vereinzelter Beifall bei der SPD)

Jeder von uns hat vermutlich eine andere Erklärung, was das Einmalige an Ihnen ist. Darüber zu reden, ist ziemlich schwer. Der Satz, der mir immer am besten gefallen hat, hieß: Uwe Seeler stand immer mit beiden Beinen auf der Erde. Ich will nicht über Ihre Fußballerbeine reden, die sind legendär. Ich bleibe bei den beiden Beinen, mit denen Sie immer auf der Erde standen. Etwas pathetischer: Ihnen ist der Ruhm nie zu Kopf gestiegen. Sie sind tatsächlich immer normal geblieben.

Nun ist das in unserer Zeit, in unserer Mediengesellschaft, mit der Normalität so eine Sache, in der sich eigentlich jedes Idol selbst inszeniert und manchmal weniger die Leistung, als das In-Szene-Setzen zählt. All das sind Sie nicht. Sie stehen für das glatte Gegenteil, nämlich für einen Menschen, der immer das, was er macht, zuallererst gut machen wollte. Sie stehen für Bescheidenheit; das hat keine Tradition. Bescheidenheit ist etwas ganz Zeitloses. In dieser Bürgerschaft – wenn ich das einmal so sagen darf – ist sie nicht weit verbreitet. Sie passt nicht so ganz zu Politikern. Insofern sind Sie vielleicht heute auch für uns ein Vorbild.

(Beifall im ganzen Hause)

Wenn die Hamburgerinnen und Hamburger – oder auch die Quiddjes wie ich – von Uwe Seeler sprechen, dann sagen sie: "Uns Uwe". Was sagt uns nun dieser Schnack? Es sagt uns, Uwe Seeler gehört zu Hamburg, er gehört einfach dazu, es ist sein Hamburg. Sie waren und sind der Botschafter dieser Stadt. Niemand hat sie dazu ernannt, Sie selbst vielleicht am aller wenigsten. Aber die Hamburgerinnen und Hamburger haben Sie dazu ernannt und Sie finden es gut. Sie sollen es bleiben.

Sie haben einmal über sich und Ihre Familie gesagt: Wir sind eben einfache Leute. Lassen Sie mich das so sagen: Die Kunst der Einfachheit beherrschen wenige, in diesem Parlament sogar ganz wenige. Auch hier sind Sie ein Vorbild. Sie sind sich selbst und Ihrer Stadt immer treu geblieben. Sie wollten nie mehr scheinen als sein. Damit stehen Sie in der besten hanseatischen Tradition.

Die Hamburgerinnen und Hamburger haben Sie vor Jahren eigentlich längst zum Ehrenbürger gemacht. Das sagt der Schnack "Uns Uwe" aus. Deshalb bleibt uns heute nur zu vollenden, was schon längst entschieden ist. Zum Abschluss sage ich Ihnen im Namen der Hamburger Sozialdemokraten, aber ich glaube auch im Namen des ganzen Hauses: Danke schön für das, was Sie für uns getan haben.

(Beifall im ganzen Hause)

Das Wort hat jetzt Herr Dr. Freytag.

Frau Präsidentin, lieber Uwe Seeler, meine Damen und Herren! Sepp Herberger hat einmal gesagt: Das Erstaunlichste an Uwe Seeler ist, dass er nur Freunde hat. Obwohl dies nicht wirklich erstaunlich ist, hatte Sepp Herberger Recht.

Ich habe mich gefragt, woran das liegt und worin das Phänomen Uwe Seeler begründet ist. Die Erinnerung an meine eigene Kindheit liefert eine Antwort für mich. Uwe Seeler hat mein eigenes Leben und auch das Leben vieler meiner Freunde beeinflusst. Er hat darin Spuren hinterlassen.

Im Alter von zehn Jahren wurde Uwe Seeler Mitglied beim HSV. Im gleichen Alter sind eine Reihe meiner Freunde und ich selbst auch Mitglieder eines Fußballclubs geworden: Wandsbeker FC, Ende der Sechzigerjahre. Uwe Seeler war natürlich unser sportliches Idol. Wir wollten so sein wie er: Nationalspieler, Fußballer des Jahres, Mittelstürmer, Torschützenkönig, die Nummer 9 tragen, Torjäger sein. Uwe Seeler war unser Vorbild.

Aber es war nicht unbedingt nur der herausragende Fußballspieler, der uns fasziniert hat, denn gute Fußballspie

ler gab es viele. Der Mensch Uwe Seeler war schon immer etwas Besonderes. Ich erinnere mich noch sehr genau an mein erstes Sportbuch, das ich geschenkt bekam. Hier ist es. Ich habe es gestern aus einem Bücherschrank hervorgeholt. Es ist 35 Jahre alt und zeigt "Uns Uwe" bei einem seiner spektakulärsten Einsätze. Ich habe dieses Buch damals – genau wie meine Freunde – verschlungen. Wir waren weniger fasziniert von dem sportlichen Teil des Buches, denn dass Sie ein guter Mittelstürmer waren, wussten wir. Uns hatten es mehr die uns besonders interessierenden Kapitel angetan. In einem dieser Buchkapitel stand ein ganz entscheidender Satz, der uns sehr nachdrücklich beeindruckt hat:

"Uwe Seeler ist nicht käuflich."

Das war die erste Spur, die Uwe Seeler bei uns allen hinterlassen hatte: Geld ist nicht alles im Leben.

Damals waren wir Jungs mit vielen Wünschen, aber mit wenig Taschengeld. Ich erinnere mich daran, dass mir meine strengen Eltern pro Tag 10 Pfennig Taschengeld gaben. Das waren in guten Monaten 3,10 DM, in schlechten Monaten 2,80 DM. Meine Freunde und ich lasen dann in dem Buch, wie Uwe Seeler mit Geld umgeht. Ich möchte aus dem Buch zitieren. Ich habe es damals mit Wonne gelesen:

"Es war im April 1961. Da stand Inter Mailand vor Uwe Seelers Tür. Nicht irgendwelche Vermittler, nein, es war höchst persönlich Helenio Herera, seinerzeit der beste und höchst dotierteste Fußballtrainer der Welt. Herera war dabei, die Mannschaft seiner Träume mit einem Mittelstürmer Uwe Seeler zu formieren. Uwe Seeler hat aber nicht gleich eingeschlagen. Einen Typen wie diesen 24jährigen Hamburger hatten die Mailänder noch nie getroffen. Sie hielten aber sein Zögern für berechnende Taktik.

Da zog Herera den vorletzten Trumpf aus seiner Tasche: '900 000 DM Handgeld für Sie, Uwe Seeler'."

Für heutige Verhältnisse sind dies mehrere Millionen Euro.

Herera war das Siegen gewohnt und vernahm aber beinahe fassungslos die Antwort von Uwe Seeler:

"Nein, danke. Ich weiß nicht, was mit mir geschieht, wenn ich vielleicht wieder nach Deutschland zurück will."

Die Verhandlungen wurden vertagt.

"Dann zog Herera seinen allerletzten Trumpf aus der Tasche:

Wir zahlen Ihnen 600 000 DM Handgeld für zwei Jahre und zusätzlich Prämien und Gehalt. Sie verpflichten sich nur für diesen Zeitraum. Wenn Sie danach zu einem anderen Verein zurück wollen, können Sie ohne jegliche Ablösesumme gehen."

Das hätte bedeutet – so steht es hier – ein Profi Uwe Seeler wäre – im Gegensatz zu allen anderen Berufsspielern auf der Welt – sein eigener Herr gewesen. Er hätte 24 Monate lang einen unglaublich gut bezahlten Italien– Trip unternehmen können. Anschließend hätte er – als wäre nichts gewesen – zu seinem alten Verein, dem HSV, zurückreisen oder sich aber noch einmal an anderer Stelle zum Höchstkurs verkaufen können.

Meine Damen und Herren! In dieser Zeit – Uwe Seeler hat das heute in der "Bild"-Zeitung erwähnt – bekamen Sie Post von dem Präsidenten der Hamburgischen Universität, Professor Dr. Helmut Thielecke. Er schrieb Ihnen:

"Ich selbst bin aufs Tiefste von dem Zynismus betroffen, mit dem gewisse Manager besonders tüchtige junge Menschen zu Objekten ihrer Spekulation machen und sie damit oft genug in ihrer inneren Entwicklung zermürben und sie schließlich zu Bankrotteuren des Lebens werden lassen."

Herr Professor Dr. Thielecke schrieb weiter:

"Wer würde es Ihnen, Herr Seeler, verdenken, wenn Sie dieser nahezu übermächtigen Versuchung nachgeben. Doch wenn Sie dieser Versuchung widerstehen, dann wäre das ein leuchtendes Fanal, durch das Sie eine abschüssige Bahn beleuchten, die Menschen zur Besinnung zu rufen und sie davor zurückschrecken zu lassen."

Wir alle kennen das Ende der Geschichte. Der selbstbewusste Herr Herera hielt Ihnen siegessicher den Füllfederhalter hin. Aber Uwe Seeler sagte:

"Danke, meine Herren. Danke für Ihr Interesse, ich bleibe in Deutschland."

An diesem Tag wurde Uwe Seeler ein Volksheld.

(Beifall im ganzen Hause)

Uwe Seeler hat aber nicht nur unsere Herzen erobert, er war auch für uns Kinder im sonstigen Alltag ungemein praktisch, denn Uwe Seeler hieß für uns auch: Wir durften länger aufbleiben. Ich erinnere genau die Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko mit Fernsehübertragungen bis tief in die Nacht hinein. Unvergessen bleibt das Kopfballtor von Uwe zum 2:2 gegen England und ebenso das Spiel des Jahrhunderts im Halbfinale gegen Italien. Da durften wir Kinder lange aufbleiben; das gab es sonst nur bei Mohammed Ali, der damals noch Cassius Clay hieß.

Ich erinnere mich auch noch sehr genau an das Abschiedsspiel von Uwe Seeler, das 1972 im ausverkauften Volksparkstadion stattfand. Der HSV spielte gegen eine Weltauswahl. Das war ein tolles Spiel, die Atmosphäre im Volksparkstadion war fantastisch. Das Ergebnis war nicht wirklich wichtig. Ich glaube, der HSV hat 3:7 verloren. Aber mit besonderem Schmunzeln erinnere ich mich daran, dass im Laufe dieses Spiels allen Beteiligten auffiel, dass Uwe noch kein Tor geschossen hatte. Schließlich begab es sich dann, dass auch die Abwehr der Weltauswahl fest entschlossen war, das Projekt "Uwes letztes Tor" aktiv zu begleiten.

(Heiterkeit im ganzen Hause)

Als Uwe Seeler in den Strafraum stürmte, interessierten sich die für ihn eigentlich zuständigen Abwehrspieler weniger für den Ball, als vielmehr für den Korridor, der frei gemacht wurde, damit Uwe mit Wucht den Ball ins Tor schießen konnte, was er dann auch zum Jubel aller Hamburger tat. Dazu gratuliere ich noch einmal.

(Beifall im ganzen Hause)

Ich möchte im Namen der CDU–Fraktion, lieber Uwe Seeler, mit diesen wenigen persönlichen Eindrücken betonen, wie viele Spuren Sie im Leben vieler junger

Menschen hinterlassen und warum Sie so viele Freunde gewonnen haben.

Hamburg verehrt Sie nicht nur als herausragenden Sportler, sondern vor allem als geradlinigen und bodenständigen Menschen. Wie kein anderer haben Sie die Ehrenbürgerwürde der Freien und Hansestadt Hamburg verdient.

(Beifall im ganzen Hause)

Das Wort hat Herr Frühauf.

Frau Präsidentin, lieber Herr Seeler, meine Damen und Herren! Ich wurde im Jahre 1958 geboren. Schon in meinen ersten Lebensjahren bekam ich zu hören, dass ein Uwe Seeler sein erstes Länderspieltor geschossen hatte. Wenn ich mich recht erinnere, war das bei der Weltmeisterschaft in Argentinien.

Immer wieder hörte ich im Laufe meiner Kindheit, dass Uwe Seeler sportliche Erfolgsmeldungen produzierte. Er war Torschützenkönig in der Oberliga, 1960 Fußballer des Jahres, 1964 Torschützenkönig in der Bundesliga und so weiter. Ich weiß es nicht mehr, ob ich so viel Taschengeld bekam wie Herr Dr. Freytag. Es hätte in jedem Fall nicht ausgereicht, eine Einzelkarte oder eine Dauerkarte für den HSV zu kaufen. Deshalb bat ich meine Eltern, da ich diesen hervorragenden Sportler einmal selbst erleben wollte, mich doch einmal in das Stadion mitzunehmen, um einem Fußballspiel live beizuwohnen. Ich durfte dort auf der Tribüne Platz nehmen.

Sobald Uwe Seeler den Strafraum erreichte oder