dass selbst die überwiegende Mehrheit der CDU-Mitglieder und -Sympathisanten diese pädagogisch-soziale Grundfrage positiv bewertet.
(Beifall bei einzelnen Abgeordneten der SPD und Angelika Gramkow, PDS – Zuruf von Vincent Kokert, CDU)
Meine Damen und Herren! Frau Präsidentin! Ich denke, unstrittig ist, dass seit Jahrzehnten eine Reform des Bildungssystems in Deutschland notwendig ist. Unstrittig ist auch, scheinbar, dass dazu seit Jahrzehnten in der gesamten Bundesrepublik eine nicht abgeschlossene Diskussion über die Ziele und Inhalte, Formen und Methoden von Schule in Deutschland besteht.
Nach den Ergebnissen der PISA-Studie ist dieser Diskussionsprozess erneut praktisch eskaliert. Zur Erinnerung aus der Geschichte kann ich Ihnen ein nettes Buch empfehlen – Bundesanzeiger „Bildung und Wissenschaft in Deutschland (West)“, Brigitte Mohr, 1991 –, wo ein paar Eckpunkte aufgezählt werden und man dazu kam, dass in den sechziger Jahren die Begabtenreserven entwickelt werden sollten, oder Georg Picht, der damals in seinem Buch „Die deutsche Bildungskatastrophe“ dringend dazu aufgefordert hatte, sich zu einer vernünftigen Entscheidung im Bildungsbereich durchzuringen. Es gab den Deutschen Ausschuss für Erziehungsfragen und Bildungswesen, es gab den Deutschen Bildungsrat, es gab eine ganze Reihe weiterer Dinge vor 1990, die zu dem Ergebnis kamen, es ist zwingend notwendig, in Deutschland längeren gemeinsamen Unterricht einzuführen.
Dieser Diskussionsprozess beinhaltet grundsätzliche Positionen, die man wie folgt beschreiben kann: Beibehaltung und Weiterentwicklung des gegliederten Schulsystems oder die Umgestaltung hin zu einem integrativen, sozial ausgewogeneren und chancengleichen, wie es international üblich ist. Und diese grundsätzlichen Positionen sind auch eine Entscheidung für oder gegen eine Marktorientierung in der Bildung, für oder gegen eine zunehmende Privatisierungstendenz in der Bildung, für oder gegen soziales, chancengleiches und gemeinsames Lernen. Diese Diskussionen, die wir in diesem
Land führen, haben auch in den PISA-Ländern stattgefunden. Sie dauerten auch dort lange und sie waren auch dort sehr kontrovers. Der Unterschied zu Deutschland und zu uns ist nur, dass die Entscheidungen dort längst gefallen sind,
sie dort inzwischen akzeptiert werden, sie ihren internationalen Erfolg nachgewiesen haben. Und da kann ich Ihnen aus der letzten GEW-Zeitung einen Artikel empfehlen: „Polen holt auf, wie kommt’s?“
Zitat: „Die erste PISA-Erhebung in Polen fand statt, kurz nachdem mit der Umsetzung der ersten Phase der Reform im Schuljahr 1999/2000 begonnen worden war. Die damals getesteten 15-Jährigen gehörten demnach zum letzten Jahrgang des alten dreigliedrigen Systems. Das spiegelte sich auch in der großen Spannbreite der Resultate von PISA 2000 wider, siehe Kasten Empfehlung. Zur PISA-Generation 2003 gehörten bereits Schüler des Gymnasiums, der neu eingeführten gemeinsamen Sekundarstufe der Klassen 7, 8 und 9. Deren PISA-Resultate zeichnen ein anderes Bild. Die Kluft beginnt sich zu schließen. Dies ist das bemerkenswerteste Ergebnis und scheint die Schulreform zu bestätigen.“
Es ist ja nun beileibe nicht so, dass es in der Bundesrepublik keine Kommissionen – auch Enquetekommission –, Gutachten, Dokumentationen oder Modellversuche gab oder gibt. Hier seien nur einige aus den letzten Jahren noch erwähnt.
die Enquetekommission „Zukünftige Bildungspolitik – Bildung 2000“, parteiübergreifend 1987 vom Bundestag eingesetzt, Vorlage der Ergebnisse 1990
die „Gemeinsame Bildungskommission“ beider deutscher Staaten, gebildet 1990 mit dem Ziel der Anpassung der Schulsysteme der DDR und der Bundesrepublik
Bildungskommission „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“, Nordrhein-Westfalen 1996, Zielvorgabe: längerer gemeinsamer Unterricht
Es wurde also wirklich viel Papier erarbeitet, unterschiedliche Positionen wurden ausgetauscht, nur eines passierte bisher nicht, es wurde weder parteiübergreifender Konsens noch parteiübergreifende Einigung erzielt. Ich frage Sie deshalb: Was versprechen Sie sich von einer neuen Kommission, wenn Sie den zentralen Ansatz eines längeren gemeinsamen Unterrichts nach wie vor reinweg ablehnen?
Was wollen Sie mit den Ergebnissen anfangen, wenn Sie schon jetzt keinen Abschlussbericht wollen, sondern nur Empfehlungen, wenn man Ihren Antrag nimmt? Warum wollen Sie die Enquetekommission gegebenenfalls über die gegenwärtige Legislaturperiode fortführen? Nun, ich denke, die Antwort ist einfach und sie ist schon gesagt. Wird der längere gemeinsame Unterricht zum Schuljahr 2006/07 eingeführt, dann hätten Sie nach der Wahl 2006 vielleicht ein Problem, wenn Sie an die Regierung kämen.
(Heinz Müller, SPD: Das passiert nicht. – Torsten Renz, CDU: Da machen Sie sich mal keine Gedanken!)
Da Sie ihn nicht wollen, müssen Sie ihn dann wieder abschaffen, aber damit würden Sie genau das tun, was Sie anderen Regierungen in diesem Land immer wieder vorgeworfen haben.
(Harry Glawe, CDU: Sie haben ja richtig Visionen! – Wolf-Dieter Ringguth, CDU: Sie haben hellseherische Fähigkeiten, Herr Bluhm.)
Vielleicht ein Beispiel aus dem wirklichen Leben: Der Schüler Andreas – das ist Zufall, dass der auch so heißt –,
der kommt aus Ahrensburg bei Hamburg. Nach der 4. Klasse schrieb ihm die Grundschullehrerin ins Zeugnis: „Ungeeignet für das Gymnasium“. Seine Eltern akzeptierten das Urteil nicht. So kam der Junge doch auf eine höhere Schule. Hätte er keinen Professor für Erziehungswissenschaften zum Vater gehabt, was wäre wohl aus ihm geworden? In der höheren Schule musste Andreas wie hunderttausende von Kindern in Deutschland an sich zweifeln: Bin ich vielleicht der falsche Schüler auf der richtigen Schule oder doch der richtige in der falschen Umgebung? Wir können die Schullaufbahn von Andreas weiterverfolgen. Die Übergangsempfehlung seiner Grundschule erhielt er bereits 1974. „Zwischen Klasse 7 und 10 wurde ich vom schlechten ängstlichen zum guten mutigen Schüler“, erinnert sich dieser Mann. Musik war dabei wichtig. Er spielte im Ahrensburger Jugendorchester die Geige, dort traf er den Dirigenten Karl-Heinz Färber. Der wurde für ihn ein Lehrer, an den er sich dankbar erinnert, der hat jedes einzelne Instrument hervorragend aufgebaut und dann alle zum Orchester zusammengeführt. Sein Abitur machte Andreas mit 1,0, einen Jugend-forscht-Preis gewann er und studierte mit großem Erfolg Physik in Deutschland und Mathematik in Australien. Das ist wohl nicht die typische deutsche Bildungsbiographie, aber doch eine, die zu denken geben muss. Die Rede ist nämlich von den ersten 25 Jahren im Leben des Erfinders von PISA Andreas Schleicher.
einem wirklich spannenden Institut in Deutschland, das da den ganzen Tag, 365 Tage im Jahr, seit vielen Jahren
forscht. Und der Leiter dieses Instituts für Schulentwicklung kommt zu dem Ergebnis, Zitat: „Das Ergebnis von IGLU ist insgesamt für die Schulentwicklung erfreulich und von Wichtigkeit.“ Das zeigt, wenn der Unterricht gut ist und die äußeren Rahmenbedingungen stimmen, kann man in Deutschland gute Schule machen. Das ist die eine Botschaft. Die andere, wir sind in der gesamten OECD das Land mit der schärfsten sozialen Auslese. Das bestätigt IGLU auch ganz klar. Sie entsteht durch das mehrgliedrige Schulsystem und führt zu einer Diskrepanz guter und schlechter Leser. Als Konsequenz müssen wir, was ja begonnen hat, die innere Schulreform konsequent durchführen. Wir müssen viel individualisierter in den Klassen arbeiten. Hier können wir von Schweden, aber auch von den Niederlanden viel lernen. Wir müssen aber auch an der Schulstruktur arbeiten, damit sie der inneren Form nicht entgegenläuft. Die Strukturfrage jetzt zu diskutieren, das steht wirklich auf der Tagesordnung. Und das, meine Damen und Herren, wollen Sie mit Ihrem Antrag zur Einberufung einer Enquetekommission verhindern. Das machen wir nicht mit!
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und einzelnen Abgeordneten der PDS – Zuruf von Reinhard Dankert, SPD)
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und einzelnen Abgeordneten der PDS – Volker Schlotmann, SPD: Genau. – Reinhard Dankert, SPD: Das war’s. Wir können abstimmen.)
Einzelbeispiele habe ich auch. Aus Studien kann ich auch zitieren, Zitate, die Ihnen sicherlich nicht passen werden. Aber ich zitiere mal aus der „Süddeutschen Zeitung“ vom 15.02.2005, da geht es nämlich um das von Ihnen gerade angeführte schwedische Modell. Schweden liegt bekanntlich bei PISA auf Platz 14, Deutschland auf Platz 16. Die Qualität der schwedischen Gesamtschule lässt sich an folgenden Zahlen und Zitaten messen. Ich zitiere: „Von den Jugendlichen, die im Herbst 2000 mit der Gymnasialschule begannen, haben drei Jahre später“ – das bedeutet, Klasse 1 bis 10 gemeinsamer Unterricht und dann erst für drei Jahre aufs Gymnasium, dann die studien- und berufsvorbereitende Ausbildung – „44 Prozent das Ausbildungsziel nicht erreicht. Bei den berufsvorbereitenden Programmen waren es sogar 48.“ Wenn Sie das für unsere Jugendlichen wollen, Herr Bluhm, dann kann ich Ihnen dazu nur gratulieren.