Sie hat damit auch die Familien davon entlastet, sich zu früh mit Fragen der Schullaufbahn befassen zu müssen. Die hohe Prognosesicherheit bietet hier den Eltern im weiteren Prozess eine erhebliche Hilfe. Die Kinder im Alter von acht bis zehn Jahren sind von dem Auslesedruck befreit. Dies ist entwicklungspsychologisch richtig, wichtig und hat viele Tränen verhindert.
Zweitens. Kinder aus bildungsfernen Schichten werden durch die Orientierungsstufe gefördert und erhalten mehr Chancen auf höherwertige Abschlüsse.
Drittens. Soziales Lernen ist nach wie vor eine Kategorie für Schlüsselqualifikationen, die im weiteren Berufsleben dringend gebraucht werden.
Viertens. Bei den Wiederholern haben wir in Niedersachsen im Vergleich zu anderen Bundesländern die niedrigste Zahl.
Fünftens. Dass die Mädchen inzwischen einen höheren Anteil an den höheren Bildungsabschlüssen haben als die Jungs, war vor mehr als 20 Jahren auch noch nicht denkbar.
Diese Aufzählung ließe sich mit weiteren Punkten positiv fortsetzen. Auch sie werden Bestandteil einer echten Debatte über die Frage sein, ob sie so stimmen oder nicht.
Eine offene Debatte sollte allerdings auch zu anderen Punkten geführt werden: Im Rahmen einer Orientierung auf Europa und im Hinblick auf die bereits begonnene Einführung der ersten Fremdsprache in Klasse 3 muss überlegt werden, welche Lehrplanänderungen zum Fremdsprachenangebot erforderlich sind. Inwieweit können Lehrkräfte, die bisher ausschließlich an Orientierungsstufen unterrichten, auch im Primar- und Sekundarbereich eingesetzt werden? Und wie kann hier die Arbeit vermehrt abgestimmt werden? Weiterhin ist eine verbesserte Anbindung der Orientierungsstufe z. B. in Schulzentren oder auch an Haupt- und Realschulen erforderlich. Dies wird an vielen Stellen allerdings schon praktiziert. Wie können die individuellen Fähigkeiten und Neigungen sowie die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Schü
lerinnen und Schüler besser als bisher berücksichtigt werden? Dazu gehört auch, erkennbar leistungsschwache Kinder aus der Grundschule in ihrer Lernmotivation zu stärken und damit zu verbesserten Lernergebnissen zu führen.
Es muss auch über die Frage diskutiert werden, inwieweit die erheblich längeren Schulzeiten in den anderen europäischen Ländern mit in diese Debatte einbezogen werden müssen. Die meisten Länder haben erheblich längere gemeinsame Schulzeiten als wir. Es gilt, die unbestrittenen Erfolge der Orientierungsstufe zu würdigen und notwendige Maßnahmen zur Problemlösung zu treffen. Die plakative Forderung nach Abschaffung der Orientierungsstufe, Herr Busemann, ist kein Lösungsvorschlag. Eines allerdings, Herr Busemann, ist durch keine noch so kluge Maßnahme aus der Welt zu schaffen, nämlich dass bei dem bestehenden gegliederten Schulwesen zu einem gesetzten Zeitpunkt immer eine Schullaufbahnentscheidung getroffen werden muss.
Ziel sozialdemokratischer Bildungspolitik ist deshalb weiterhin, das Schulsystem so zu strukturieren und mit pädagogischen Zielen zu versehen, dass es den vielfältigen Bildungspotentialen der Kinder zu einem Höchstmaß an Chancengleichheit und einer bestmöglichen Entwicklung ihrer Persönlichkeit verhilft. Auf dieser Basis werden wir die künftigen Gespräche führen und in einen Dialog eintreten. Lassen Sie mich noch eines sagen: Wir haben vor dem Dialog keine Angst; denn Dialog bedeutet für uns: Weiterentwicklung und Stärkung. Wir werden ihn offensiv führen. Sollten Sie dabei an unserer Seite stehen, würden wir uns freuen. Es ist allerdings zu vermuten, dass Sie auch hier wieder das machen, was Sie schon bei der VGS gemacht haben. Das Ergebnis werden wir dann gemeinsam kennen lernen.
Wenn Sie mir am Schluss dieser Diskussion durch ein Handzeichen deutlich machen, dass Sie den Antrag zur weiteren Beratung an den Kultusausschuss überweisen wollen, dann verspreche ich Ihnen, die heutige Sitzung gleich zu schließen. Das reicht.