Tagesordnungspunkt 39: Zweite Beratung: Avontec am Standort Niedersachsen halten! - Antrag der Fraktion der SPD - Drs. 15/747 Beschlussempfehlung des Ausschusses für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr Drs. 15/1159
Die Beschlussempfehlung des Ausschusses lautet auf Ablehnung. Eine Berichterstattung ist nicht vorgesehen.
- Herr Oppermann, Sie haben sich jetzt mündlich zu Wort gemeldet. Vom Grundsatz her sind die Wortmeldungen schriftlich abzugeben. Ich bitte, dass Sie das in Zukunft beachten.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wir hatten im Januar eine Debatte über eines der Erfolg versprechendsten Biotech-Unternehmen in Niedersachsen, die Avontec aus Göttingen, die entschieden hatte, ihr Management nach München zu verlegen. Die Forschungsabteilung sollte in Göttingen bleiben.
Ich möchte noch einmal in Erinnerung rufen, was das für ein Unternehmen ist. Es ist keines der vielen Forschungsunternehmen mit ungewissem Ausgang, die über Jahre hinweg große Kapitalraten brauchen und einen hohen Personaleinsatz haben, sondern ein Unternehmen mit einer biopharmazeutischen Entwicklungsrichtung - es ist erst im Jahre 2001 gegründet worden -, dem es gelungen ist, in drei Bereichen vielversprechende Medikamente zu entwickeln: zum einen im kardiovaskulären Bereich und in zwei anderen Fällen gegen Entzündungskrankheiten, gegen Volkskrankheiten wie Schuppenflechte oder Asthma. Die Medikamente bzw. Präparate befinden sich bereits in der klinischen Erprobung. Die große klinische Studie steht allerdings noch aus. Dem Unternehmen ist es schnell gelungen, in einer ersten Finanzierungsrunde auch mit örtlichen Kapitalgebern 7,5 Millionen Euro aufzutreiben. Jetzt steht die zweite Finanzierungsrunde an. Es werden ungefähr 20 Millionen Euro benötigt.
Und dann kam die Entscheidung: Wir gehen nach München. Als Grund wurde angegeben, dass in München die große Mehrzahl der Wagniskapitalfinanzierer Deutschlands ihren Sitz hat, dass es dort leichter ist, an Geld zu kommen und dass dort auch ein günstiges Umfeld für Biotechnologieunternehmen ist.
Wir haben die Landesregierung damals mit diesem Antrag gebeten, sich um diesen Fall zu kümmern. Es geht nicht um die Verlegung eines beliebigen Unternehmens von einem Bundesland in ein anderes, sondern bei diesem Unternehmen geht es um einen Hoffnungsträger.
Deutschland hat ja vor einigen Jahren eine Aufholjagd gestartet - übrigens noch unter der CDURegierung, noch unter Herrn Rüttgers; das will ich gerne einräumen -, um im Bereich der Biotechnologie gegenüber den führenden Briten oder Amerikanern aufzuholen. Wir haben den Abstand verkürzt. In Niedersachsen gab es in den vergangen Jahren - ich rede jetzt nicht von den letzten eineinhalb Jahren; da war das Thema bundesweit ziemlich tot - gegen den Trend eine überdurchschnittli
che Zahl von Unternehmensgründungen, und zwar überwiegend in Braunschweig, in Hannover und in Göttingen.
Es ist der Versuch gemacht worden, Wagniskapital bereitzustellen. Das ist nicht immer gelungen; aus dem Land ist viel Geld herausgeflossen, und das ist sicherlich kritisch zu würdigen. Aber jetzt haben wir die Situation, dass ein Unternehmen, das nun wirklich großen Erfolg zu haben verspricht und das wir in Deutschland dringend brauchen - das wir übrigens mit gewaltigen Kraftanstrengungen in Niedersachsen hervorgebracht haben -, nach Bayern abwandert. Dies können wir so nicht akzeptieren. Es kostet ja ungeheuer viel Geld und Engagement, dass so etwas überhaupt entsteht. Das ist ungleich mehr als das, was sie jetzt an Kapitalfinanzierungsraten benötigen. Deshalb haben wir noch einmal die Bitte an Sie, in letzter Minute vielleicht doch noch umzudenken und etwas zu tun.
Wir haben im Ausschuss gehört, dass die Landesregierung mit der Firma Gespräche aufgenommen hat. Leider, Herr Hirche, haben Sie das nicht persönlich gemacht. Ich hätte das in einer solchen Situation für angemessen gehalten. Aber gut, Sie haben immerhin einen Referatsleiter geschickt, der die Situation sondiert hat.
Avontec ist immer noch in der Verhandlung über die zweite Finanzierungsrunde. Der letzte Stand, der uns vor zehn Tagen im Ausschuss mitgeteilt wurde, war, dass der Lead Investor, also der führende Investor, bei dieser anstehenden 20Millionen-Runde noch nicht festgelegt worden ist und dass das Unternehmen dann, wenn es gelungen wäre, durch eine Investorengruppe, durch Public Private Partnership oder wie auch immer, in Niedersachsen 10 bis 11 Millionen Euro aufzubringen, im Lande geblieben wäre.
Ihre Mitarbeiter - das will ich nicht bestreiten - haben sich erkennbar bemüht. Angeblich sind 3,5 Millionen Euro zusammengekommen. Aber das reicht nicht. Herr Hirche, da haben Sie Ihre Hausaufgaben nicht gemacht.
Sie haben zwar die NBank schlussendlich dann doch gestartet, aber die NBank konnte nur 500 000 Euro Beteiligungskapital über die NBG zur
Verfügung stellen. Die NORD/LB verfügt über kein Risikokapital. Die Töchter NORDholding oder HANNOVER Finanz machen keine Frühphasenförderung. Wir haben in diesem Bereich ein Vakuum im Lande. Deshalb wandert dieses Unternehmen ab.
Der Ministerpräsident hat beim letzten Mal ja persönlich in die Debatte eingegriffen. Er hat gesagt, wir sind mit dem Unternehmen in guten Gesprächen. Aber Sie haben auch erwähnt, Herr Wulff, dass ein Life Science Capital Fonds über BioRegioN und die NBank aufgelegt werden soll. Dieser Life Science Capital Fonds ist aber bis heute nicht zustande gekommen.
Es gibt keine Instrumente, so aussichtsreiche und Erfolg versprechende Unternehmen in Niedersachsen zu finanzieren und zu halten. Wenn wir darauf hinweisen, Herr Ministerpräsident und Herr Wirtschaftsminister, dann machen wir das nicht - wie Sie uns letztes Mal vorgeworfen haben -, um den Standort Niedersachsen schlecht zu reden. Ganz im Gegenteil: Diese Firma ist ein Beweis der Leistungsfähigkeit unserer Wissenschaft und unserer Wirtschaft. Aber sie muss jetzt Rahmenbedingungen in Niedersachsen vorfinden, mit denen sie überleben und mit denen sie die Abwanderung in andere Bundesländer vermeiden kann.
Deswegen haben wir noch einmal die ganz herzliche Bitte: Lassen Sie das Unternehmen nicht ziehen! Versuchen Sie, im letzten Moment eine Lösung zu finden! Es wäre ein furchtbares Signal, wenn ein so gutes Unternehmen in der entscheidenden Phase, in der es an der Schwelle zur Profitabilität steht, weggehen muss, weil hier keine ausreichende Finanzierung zu bekommen ist. Vielen Dank.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Damen und Herren! Kolleginnen und Kollegen! Der Weggang der Firma Avontec ist ein schmerzlicher Ver
lust für den Biotechnologiestandort Niedersachsen. Gerade in einem Schlüsseltechnologiefeld wie der Biotechnologie ist der Verlust größer als die aktuellen elf Arbeitsplätze. Nicht nur die Firmenleitung, die zurzeit Ihren Antrag diskutiert, Herr Oppermann, sondern sogar die gesamte Firma inklusive Forschungsabteilung wird offensichtlich nach München verlegt.
Ohne daraus voreilige Schlüsse zu ziehen, müssen wir aber doch feststellen, dass der vorliegende Antrag Niedersachsen nicht genützt hat. Weder die Geschäftsleitung noch die Investoren haben sich von unserer öffentlichen Erörterung beeindrucken lassen.
Ich möchte mich an der öffentlichen Kritik von Firmenentscheidungen auch nicht beteiligen und nur ganz kurz die offensichtlichen Gründe darlegen:
Erstens. Avontec wächst aus der Forschungsphase in die Produktentwicklung. Die Firma benötigt Produktmanager mit Erfahrung in der pharmazeutischen Großindustrie, einen Finanzvorstand mit guten Kontakten zu internationalen Kapitalgebern und international erfahrene Patentanwälte. Die Gesellschafter sehen dafür in München bessere Voraussetzungen.
Zweitens. Die Firma steht vor der zweiten Finanzierungsrunde; Sie haben es bereits gesagt. Sie braucht für die weitere Produktentwicklung einen Lead Investor und Wagniskapital. In München stehen allein zwölf einschlägige Venture-CapitalGesellschaften bereit.
Drittens. Avontec entwickelt Produkte für die Pharmaindustrie. Die Kunden, die zwingend die spätere Markteinführung übernehmen müssen, sitzen vermehrt im Süden und Westen der Republik.
Viertens. Der Gründer von Avontec, Herr Professor Hecker, kommt ursprünglich aus Heidelberg. Er ist aktuell einem Ruf an die Universität Heidelberg gefolgt, obwohl ihm die Universität Göttingen alle personellen, räumlichen und finanziellen Wünsche in ihrem Bleibeangebot erfüllt hat.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, politisch interessanter als die Gründe für diese aktuelle Einzelentscheidung ist meiner Meinung nach die folgende Erkenntnis: Bei der Firmenentscheidung ist es ausdrücklich nicht um einen Wettlauf um aktuelle Förderangebote zwischen Bayern und Niedersachsen gegangen. Aber wir müssen erkennen, dass in den letzten zehn Jahren Bayern einen an
deren Weg gegangen ist. Dort wurde ein gründerfreundliches, technologiefreundliches, aber vor allem auch kapitalfreundliches Umfeld geschaffen. Während zahlreiche private Venture-Capital-Gesellschaften ihren Sitz in München haben, hat die alte Landesregierung in ihrer Staatsgläubigkeit eine Risikokapitalgesellschaft aus Steuergeldern gespeist. Wie gründlich das daneben gegangen ist, hat uns der Landesrechnungshof gerade eindrucksvoll vorgerechnet. Mit dem Weggang von Avontec verschlechtert sich übrigens die Nutzenbilanz von IMH in Niedersachsen noch weiter.
Junge und innovative Unternehmen, meine Damen und Herren, brauchen Risikokapital. Dieses kann im großen Stil nur privates Kapital sein. Spekulative Investments auf Kosten der Steuerzahler darf es nicht geben. Auch wenn die Verlockungen groß sein mögen: Staatliche Steuerung und Globalplanung bringen keine Innovationen. Nur der Wettbewerb bringt wirklich neue Ideen. Das ist ein Wettbewerb zwischen Unternehmen, aber auch zwischen Standorten.
Die Aufgabe des Staates in diesem Wettbewerb ist nicht, fehlende Investoren zu ersetzen, sondern die Schaffung von günstigen Rahmenbedingungen und Standortattraktivität.
Die neue Landesregierung hat den Mangel in Niedersachsen erkannt und vom ersten Tag an für mehr private Investoren in Niedersachsen geworben. Niedersachsen präsentiert sich gezielt auf der Biotechnica, auf der BIO in San Francisco usw.
Unser Ziel ist in Wort und Tat, wirtschaftsfreundlichste und wachstumsstärkste Region Deutschlands zu werden.
Sie hören von der Niedersächsischen Landesregierung seit 16 Monaten keine Forderung nach Vermögensteuer, nach Erbschaftsteuer oder sonstigen Steuern mehr. Wir reden nicht den ganzen Tag nur von den Risiken der Gentechnik, sondern auch einmal von deren Chancen und Zukunftspotenzialen.
Sie haben nichts unversucht gelassen, die Firma zu halten. Sie haben aktiv um Wagniskapital im Rahmen eines niedersächsischen Konsortiums geworben. Die Landesregierung hat gemeinsam mit der Stiftungsuniversität Göttingen alle Bleibevoraussetzungen für Professor Hecker sichergestellt.
Den vorliegenden Antrag werden wir ablehnen. Die Landesregierung hat schon lange vor Antragstellung das Gespräch mit Avontec gesucht und alle möglichen Hilfen angeboten. Eine nachträgliche Aufforderung braucht diese Regierung nicht. - Ich danke Ihnen.