Ich habe jetzt eine ganz konkrete Frage an den Kultusminister. Er hat ja eben gesagt, dass er viel im Lande herumkomme. Er war zusammen mit mir in Lingen an der Integrierten Gesamtschule, an der Marienschule, einer Konkordatsschule - das ist eine Haupt- und Realschule -, sowie an der Friedensschule, ebenfalls eine Haupt- und Realschule. Wir haben dort mit vielen Schülerinnen und Schülern sehr intensive Gespräche geführt. Hatte er beim Besuch dieser Schulen den Eindruck, dass die Schüler der Integrierten Gesamtschule ihre Karriere schon sicher verplant, die Schüler an den beiden anderen Schulen ihre Chancen aber schon sozusagen vertan haben? Oder war es nicht eher so, dass alle drei Schulen einen hervorragenden Eindruck gemacht haben?
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Kollege Rolfes, das war einer von vielen Schulbesuchen, die ich im Lande trotz aller Arbeitsbelastung mache. Das war auch der Hintergrund dafür, dass ich an allen Schulen im Grunde genommen vernünftige Verhältnisse vorgefunden habe. Dort wird fleißig gearbeitet. Gerade in den Hauptschulen habe ich motivierte junge Leute angetroffen, die neben dem schulischen Normalprogramm noch
viele andere Dinge machen. Man darf sagen: Wenn das alles vernünftig weitergeht, werden die ihren Lebensweg entsprechend gehen, auch wenn sie von der Hauptschule kommen. Deshalb darf man dies nicht über Gebühr diskreditieren.
Wir haben in Lingen auch die IGS besichtigt. Vielleicht war der Unterschied zwischen ihr und der örtlichen Hauptschule in wohl verstandenem Sinne auch deshalb nur so wenig erkennbar, weil an der IGS Lingen - das betrifft übrigens auch viele andere Integrierte Gesamtschulen im Lande - 80 % Kinder mit Hauptschulempfehlung sind. Auch das muss man sich einmal vergegenwärtigen. Das wollte ich vorhin in einer anderen Richtung ergänzen. Sie müssen bei vielen Gesamtschulen hinterfragen: Warum ist die Bildungsbeteiligung der Kinder mit Gymnasialempfehlung dort so schwach? Das lässt ja Sorge um das Schicksal der Gesamtschulen aufkommen - einmal so herum gedacht.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Uns wird ja immer unterstellt, wir würden die Qualität und das Engagement der Arbeit an der Hauptschule schlechtreden und deswegen die hier angesprochenen Ergebnisse produzieren. In Wirklichkeit geht es uns um die besondere Schulform Hauptschule, die wir für nicht mehr geeignet halten, die Kinder für die Zukunft so vorzubereiten, wie sie es brauchen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine Umfrage des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung eingehen, die zu dem Ergebnis kam, dass zwei Drittel der Hauptschullehrkräfte der Auffassung sind, dass man die Kinder länger gemeinsam unterrichten sollte, statt sie schon nach der Grundschule auf verschiedene Schultypen zu verteilen. Ich frage die Landesregierung, worin nach ihrer Auffassung die Gründe dafür liegen, dass Hauptschullehrkräfte selbst es offenkundig für verfehlt halten, die Hauptschule als Teil eines gegliederten Schulsystems aufrechtzuerhalten, und die Hauptschule als Schulform nur noch von Lehrkräften befürwortet wird, die dort selbst nicht unterrichten wollen.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Frau Kollegin Steiner, Herr Professor Rolff ist ja ein geachteter Mann. Ich glaube, er hat sich auch in die Diskussion über die Einführung der Eigenverantwortlichen Schule in Niedersachsen sehr stark eingebracht. Das findet meine ausdrückliche Wertschätzung. Nun haben manche Befragungen allerdings auch ihre Tücken. Bei der Befragung, die wir offenbar beide meinen, hat man sich an knapp 1 000 Hauptschullehrer gewandt und dann ein bestimmtes Ergebnis bekommen. Bei den Schulbesuchen, die wir in Niedersachsen an den Hauptschulen machen, erklären sich tausende von Lehrerinnen und Lehrern; ebenso geschieht das auf Veranstaltungen. In solchen Gesprächen ist absolut nicht die Grundtendenz und schon gar nicht eine Tendenz bei zwei Dritteln der Lehrerinnen und Lehrer an Hauptschulen feststellbar, dass sie sagen: Schafft die Hauptschule ab! Das ist doch alles Quatsch! Wir machen dort keine ordentliche Arbeit usw. - Das ist mitnichten so. Die Lehrerinnen und Lehrer weisen auf Probleme hin, sie haben gewisse Ansprüche an den Staat, an gewisse Fördermechanismen, vielleicht auch im Hinblick auf Arbeitszeit oder was sonst bei einem solchen Gespräch Thema sein könnte. Das Plädoyer der niedersächsischen Lehrerinnen und Lehrer an den Hauptschulen ist durchweg so, dass sie sagen: Die Hauptschule beibehalten und richtig machen und vor allem das Diskreditieren einstellen!
(Wolfgang Jüttner [SPD]: Jetzt kommt Klarheit herein! - Zuruf von der SPD: Oh, jetzt werden wir schlau!)
Ich stelle nur eine Frage, hoffe aber natürlich, dass wir durch die Antwort des Ministers schlauer werden. - Herr Minister, ich möchte noch einen etwas anderen Aspekt ansprechen. Sie haben vorhin von der inhaltlichen Neuausrichtung der Hauptschule
im Hinblick auf die Arbeitswelt gesprochen. Es war von 60 bis 80 Praxistagen in den Schuljahrgängen 8 und 9 die Rede, ebenso von verschiedenen Modellen an den Hauptschulen, die dabei mitwirken. Kann man jetzt nach fast zwei Schuljahren ansatzweise schon erkennen, ob sich diese Neuausrichtung bewährt hat? Eröffnen wir den Hauptschulen damit jetzt vielleicht eine schöne Chance, im Hinblick auf die Arbeitswelt etwas ganz Besonderes anzubieten? Erfolgt damit nicht auch in besonderer Weise eine Vorbereitung auf die Arbeitswelt? Es ist ja das Ziel auch der Hauptschule, dass durch die berufliche Orientierung Inhalte vermittelt werden, die man dann anwenden kann, wenn man in einen Beruf hineingeht. Werden die Hauptschulen durch diesen Ansatz also vielleicht besser?
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Kollege Klare, sicherlich ging auch die Grunddiskussion in den letzten Jahren, als man sich über das Schicksal der Hauptschule Gedanken gemacht hat, in die Richtung, dass vonseiten aller Praktiker, vonseiten aller aus Wirtschaft und Wissenschaft gesagt wurde: Macht für diese jungen Menschen vor allem berufsorientierende Angebote! - Das haben wir an den verschiedensten Standorten ausprobiert. Ich habe gelegentlich gesagt, dass die Beteiligten an bestimmten Standorten - die Berufsschulen, die örtlichen Schulen; manchmal waren sogar noch die Arbeitsbehörden dabei - manchmal besser waren als die Landespolitik, egal wer jeweils regiert hat, weil die Beteiligten manche Dinge zusammengebracht haben, weil sie Erfahrungswerte ermittelt haben, auf denen wir aufbauen konnten. Auf dieser Grundlage haben wir dann gesagt: Es ist wohl richtig, 60 bis 80 Praxistage in den Schuljahrgängen 8 und 9 für die Berufsorientierung anzubieten. - Der erste Jahrgang ist abgeschlossen. Der zweite kommt jetzt hinzu. Haben Sie großes Meckern im Lande gehört? - Ich nicht.
Partiell hieß es vielleicht, man habe nicht den passenden Platz gefunden oder man müsse noch etwas anders machen. Generell gab es aber eine Bejahung des Modells. Generell wurde gesagt:
Das ist richtig so. Wir können da und dort allerdings noch besser werden. - Gott sei Dank - das gilt natürlich nicht für alle Standorte; wo Strukturschwäche herrscht, gibt es auch mal ein Problem macht die Wirtschaft weitgehend mit. Die Wirtschaft bejaht das Modell. Sie sagt: Auf diese Weise lernen wir die jungen Leute vielleicht schon etwas eher kennen. - Man guckt, ob man zueinander passt. Das ist in Tischlereibetrieben, Metzgereien oder bei den Büroberufen der Fall.
- Auch an den Berufsschulen. Es sind alle gewissermaßen viel besser unterwegs. Wenn sie hören, wie wir jetzt wieder herumjammern, sagen sie: Die Praktiker vor Ort sind viel besser und viel weiter als wir miteinander.
Man soll mit Einschätzungen und Lob ja vorsichtig sein, wie ich eben schon gesagt habe. Hellseher sind wir nicht. Wenn wir die Erfahrungen aus dem nächsten Jahr noch dazunehmen und dann evaluieren, können wir aber, wie ich glaube, sagen, dass wir den richtigen Weg gefunden haben, um diesen jungen Leuten gerecht zu werden. Sie mögen nun sagen: Das können Sie alles nur erfüllen, wenn Sie eine gemeinsame Schule vorsehen. Auch in einer gemeinsamen Schule müssen Sie aber wieder darauf gucken: Welchen Menschen habe ich vor mir? Hat er Bedarf an berufsorientierenden Maßnahmen? - Dann müssen Sie solche Maßnahmen auch dort vorhalten. Sie ändern die Situation doch nicht durch das Auswechseln von Türschildern. Hinter allem steht immer die konkrete Maßnahme.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich habe Erfahrung mit Antworten auf Fragen nach Zahlen betreffend den Übergang von der Grundschule zur Hauptschule. Ich habe für meinen Landkreis im November eine entsprechende Frage an die Kreisverwaltung gestellt. Diese hat dann beim Landesschulamt nachgefragt. Man konnte die gewünschten Zahlen dort nicht liefern. Ich habe dann einen Brief an die Landesschulbehörde ge
schrieben, bekam darauf aber keine Antwort, auf die einzelnen Schulen bezogen. Danach habe ich einen Brief an den Minister geschrieben, bekam aber wieder keine Antwort. Im letzten Plenum habe ich dann eine mündliche Anfrage gestellt. Daraufhin bekam ich eine Antwort. Für den Landkreis Soltau-Fallingbostel lautet das Ergebnis - Sie haben vorhin davon gesprochen, dass es sich bei diesem Landkreis um einen gesetzten Landkreis handele, wo die Übergangszahlen nach Ihrer Einschätzung stabil seien -, dass die Zahl der Schüler, die von ihren Eltern angemeldet werden, weiter zurückgegangen ist. Können Sie mir erklären, wie das kommt?
Herr Minister, ich habe noch eine zweite Frage. Sie haben zu Beginn Ihrer Antwort darauf hingewiesen, dass Sie ein Sozialarbeiterprogramm aufgelegt haben. Das ist auch dankenswert. Ich möchte Sie nur fragen, wie es eigentlich in den Räumen Niedersachsens ist, wo die Kommunen aufgrund der haushaltsmäßigen Gegebenheiten nicht in der Lage sind, die kommunale Gegenfinanzierung durchzuführen?
Danke schön, auch dafür, dass Sie gleich gesagt haben, dass dies zwei Fragen waren. - Für die Landesregierung antwortet Herr Minister Busemann.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Jüttner, ich bin, ehrlich gesagt, verblüfft, dass dem versierten, von mir so geschätzten Haushälter bei der zweiten Frage ein solcher Irrtum unterläuft. Die Sozialarbeiterstellen werden von uns finanziert. Die Anstellungsebene ist lokal. Da gibt es keine Gegenfinanzierung. Es gibt sie allenfalls bei den sächlichen Kosten in belangloser Weise. Wir zahlen, und vor Ort wird eingestellt. So einfach ist es. Ich bin, wie gesagt, etwas verblüfft. Wir können uns aber beide noch kundig machen.
Nehmen wir einmal den Fall, dass wir einen vergleichsweise kleinen Hauptschulstandort haben, der für eine halbe Stelle ausgelegt ist. Wenn der Landkreis aber meint, er würde dort gern eine ganze Stelle haben, so ist das seine Angelegenheit. Manche taktieren ja auch anders. Sie sagen: Der Landkreis hat eine volle Stelle. Der Sozialarbeiter sagt dann vielleicht: Halt, da läuft ein Programm des Landes. Wir drücken eine halbe Stelle dann hinüber an die Hauptschule und lassen den Kultusminister diese halbe Stelle bezahlen. Dann sind wir auch wieder glücklich. - Das ist eine andere Variante.
Das Programm, das wir durchführen, haben Sie übrigens einmal eingeführt. Dann hatte ich das Malheur. Es gab drei Jahre lang eine Anschubfinanzierung. Alle haben das Programm gelobt, aber dann fehlte wieder die Knete. Wir hatten das ja schon einmal, Herr Jüttner.
Es war ein gutes Programm, aber das Geld reichte gerade einmal für 170 oder 190 Standorte. Es reichte nur bis ein paar Tage über den Wahltermin hinweg. So ist das im Leben.