Ich eröffne die Beratung und erteile für die antragstellende Fraktion Frau Kollegin Meurer von der SPD das Wort.
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren auf den Rängen! Unter TOP 4 „Psychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in NRW ausbauen und konzeptionell weiterentwickeln“ haben wir heute über den Ausbau von Tagesplätzen, aber auch von vollstationären Pflegeplätzen für bereits erkrankte Kinder und Jugendliche debattiert.
Im nun vorliegenden Antrag geht es uns von der SPD-Fraktion um Prävention: damit das Risiko für Kinder, deren Eltern psychisch krank sind und die viermal häufiger als andere Kinder gefährdet sind, selbst psychisch krank zu werden, minimiert wird.
In meinen heutigen Ausführungen zu diesem Thema will ich zwei Punkte herausgreifen: erstens Babys von Müttern mit postpartalen Depressionen und zweitens die Kinder, deren Eltern oder Elternteile in eine psychiatrische Fachklinik eingewiesen wurden.
Die Geburt eines Kindes ist ein besonderer Moment im Leben einer Frau. Ein Kind zu erwarten und es zu gebären ist eine der eindrucksvollsten Erfahrungen, die wir machen können. Was aber, wenn nach der Geburt die böse Überraschung kommt, die Mutter in schwere Depressionen fällt, die ihrer Umwelt zunächst verborgen bleiben? 10 bis 15 % der Frauen sind davon betroffen. 1 bis 2 % entwickeln eine manifeste Psychose.
Dies wirkt sich nicht nur auf die Mutter aus. Auch der Säugling ist in Mitleidenschaft gezogen. Durch die enge Bindung des neuen Menschen zu seiner Mutter nimmt er jede emotionale Regung auf, positiv wie negativ. Die kindliche Entwicklung kann durch das Auftreten einer psychiatrischen Erkrankung der Mutter nachhaltig ungünstig beeinflusst werden.
Erkennbar werden kann eine vorliegende Störung der Bezugsperson beim Säugling durch exzessives Schreien, Schlaf- oder Fütterstörungen. Bei den Müttern lässt sich häufig mangelnde Sensitivität für kindliche Signale, Passivität oder Intrusivität feststellen. Das Kind meidet Blickkontakt und zieht sich zurück. Es können bereits im zarten Alter von sechs Monaten die Grundlagen für spätere Depressionen gelegt werden. Das heißt im Umkehrschluss: Mutter und Kind müssen gemeinsam behandelt werden, damit die Fähigkeit der Mutter, auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen, geschult wird.
Die Heidelberger Mutter-Kind-Therapie hat hier mit speziellen stationären psychiatrischen Behandlungsangeboten gute Erfolge erzielt. Diese Erfahrungen können bei der Entwicklung von Materialien mit den behandelnden Ärzten zur gezielten Information von Eltern hilfreich sein.
Nun komme ich zu Kindern, deren Eltern oder Elternteile in eine psychiatrische Fachklinik eingewiesen werden. Lange Zeit wurden die Kinder vernachlässigt und nur die Eltern behandelt. Seit den 90erJahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich dies zunächst langsam geändert. Heute gibt es in Deutschland eine sehr große Zahl von Initiativen, die sich mit Kindern psychisch kranker Eltern beschäftigen und Hilfen anbieten. Es sind aber immer noch zu wenige. Noch erhält die überwiegende Mehrheit der Kinder psychisch kranker Eltern nicht die Hilfe, die unbedingt notwendig wäre.
Kinder mit psychisch kranken Eltern sind auch heute noch gegenüber anderen Kindern benachteiligt. Hier sind die folgenden Punkte zu nennen.
Erstens: erhöhte Verletzlichkeit. Kinder mit psychisch kranken Eltern sind häufig besonders sensibel oder verletzlich. Diese Verletzlichkeit wird zu einem großen Teil vererbt. Das sagt die genetische Forschung. Sie haben zumindest zeitweilig einen besonderen Schutzbedarf.
Zweitens: traumatische Erfahrungen. Sehr viele Menschen haben Angst vor psychisch kranken Menschen. Meistens ist diese Angst völlig unberechtigt. Für Kinder, die ja körperlich und seelisch schwächer sind, kann es besonders bedrohlich sein, wenn sich die Eltern auf einmal so anders verhalten oder für das Kind unberechenbar werden. Wenn nun gerade die Hauptbezugsperson, die Mutter oder der Vater, die dem Kind normalerweise Sicherheit und Schutz gibt, das Kind bedroht, an wen soll es sich dann wenden? Dazu kommt, dass in extremen Fällen psychische Erkrankungen dazu führen können, dass Kinder misshandelt werden.
Drittens: gefährdete Grundbedürfnisse. Genauso wie die meisten Menschen wollen auch Menschen mit einer psychischen Erkrankung gute Eltern sein. Kinder von psychisch kranken Eltern erhalten von ihren Eltern aber manchmal nicht die Zuwendung, Förderung und Anleitung, die sie brauchen. Die wichtigsten Grundbedürfnisse werden nicht oder nur eingeschränkt erfüllt. Grundbedürfnisse sind: basale körperliche Bedürfnisse, emotionale Zuwendung, stabile Sicherheit vermittelnde Beziehungen in der Familie, sensorische intellektuelle Anregungen, um entwicklungsgerechte Erfahrungen machen zu können, sowie das Bedürfnis, Grenzen sozialer Regeln, Normen und Werte kennenzulernen und einzuüben.
Viertens: eingeschränkte Kindlichkeit. Weil die elterliche Funktionsfähigkeit bei einer psychischen Erkrankung häufig reduziert ist, stehen die Kinder manchmal vor Aufgaben, mit denen sie eigentlich überfordert sind. Sie fühlen sich gezwungen, vernünftiger und weitblickender zu sein als ihre Eltern. Insbesondere bedeutet es eine massive Belastung und Überforderung für ein Kind, wenn es die Verantwortung dafür übernehmen muss, dass seine psychisch kranke Mutter zwangsweise in die Klinik eingewiesen wird.
Fünftens: zusätzliche Risikofaktoren. Wenn in einer Familie ein Vater oder eine Mutter psychisch krank ist, ist das sehr oft nicht das einzige Problem in der Familie. Häufig tritt eine Kumulierung psychosozialer Risikofaktoren wie niedriger sozialer Status, Arbeitslosigkeit, finanzielle Probleme, ungünstige Wohnbedingungen, eheliche Konflikte, familiäre Gewalt, häufigere Beziehungswechsel und Trennungserfahrungen der Kinder schon allein durch die Klinikaufenthalte auf. Diese Kumulierung erhöht das Risiko für eine psychische Störung beim Kind. Hinzu kommt die Sprachlosigkeit, die Tabuisierung, die Unfähigkeit oder das Verbot, über die Krankheit zu sprechen.
Eine Hilfe für die Kinder können pädagogische Angebote in der Kinder- und Jugendarbeit sein, aber auch ein Landesprogramm mit dem Ziel, an jeder psychiatrischen Fachklinik eine Anlaufstelle zur Förderung und Unterstützung der Kinder einzurichten.
Wir haben in ganz Deutschland, aber auch bei uns in Nordrhein-Westfalen einen großen Nachholbedarf bei der Behandlung und Therapie von psychisch kranken Kindern. Ebenso besteht bei uns Nachholbedarf bei der Prävention von psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen.
Hier haben wir einen konkreten Anknüpfungspunkt. Unterstützen Sie unseren Antrag – zum Wohle unserer Kinder, damit uns kein Kind verloren geht. – Danke.
Herr Präsident! Verehrte Damen, meine Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Kinder von psychisch kranken Eltern haben ein stark erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens selbst eine psychische Störung zu entwickeln. Die Erkenntnisse über die Risiken für diese Kinder müssen bei der praktischen Versorgung berücksichtigt werden. Entscheidend für den Erfolg von Präventionsmaßnahmen sind eine qualifizierte Behandlung der elterlichen Erkrankung, Psychoedukation sowie spezielle Hilfen, die der jeweiligen Familiensituation angepasst sind, beispielsweise Familienhilfe und der Zugang zu Selbsthilfegruppen.
Ungefähr so könnte man den Erkenntnisstand zusammenfassen, den Fritz Mattejat und Helmut Remschmidt im vorigen Jahr in ihrer großen Übersichtsarbeit mit dem Titel „Kinder psychisch kranker Eltern“ veröffentlicht haben. Die beiden Autoren stammen aus der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Philipps-Universität Marburg. Prof. Remschmidt ist Mitglied im Vorstand des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer. Wer nachle
Elf Monate nach dieser wichtigen Publikation legt uns nun die SPD-Fraktion einen Antrag vor, in dem zum einen aus dieser und anderen wichtigen Arbeiten zur Situation der betroffenen Kinder zitiert wird und zum anderen einige Forderungen aufgestellt werden, die mir allerdings mehr politisch als fachlich motiviert zu sein scheinen. Ich habe den leisen Verdacht, dass dieser Antrag Ihnen vor allem dabei helfen soll, eine Runde Schwarzer Peter zu spielen.
Dadurch wollen wir uns aber nicht ablenken lassen. Lassen Sie mich deshalb zunächst sagen, worin ich die wichtigsten Probleme sehe, unter denen Kinder psychisch kranker Eltern leiden.
Erstens. Die Kinder sind verängstigt und verwirrt, weil sie die Probleme der Eltern nicht einordnen und nicht verstehen können.
Zweitens. Die Kinder glauben, dass sie an den psychischen Problemen der Eltern schuld sind. Sie sagen sich: Mama ist krank, Mama ist durcheinander, Mama ist traurig, weil ich böse war, weil ich mich nicht genug um sie gekümmert habe.
Drittens. Die Kinder haben den – meist begründeten – Eindruck, dass sie über ihre Familienprobleme mit niemandem sprechen sollen. Sie haben die Befürchtung, dass sie ihre Eltern verraten und etwas Böses tun, wenn sie sich an Personen außerhalb der Familie wenden.
Viertens. Die Kinder wissen nicht, an wen sie sich mit ihren Problemen wenden sollen, und haben niemanden, mit dem sie darüber sprechen können. Das heißt, dass sie alleingelassen sind.
Allerdings gibt es kein einzelnes Reaktionsmuster, das man als typisch für Kinder von psychisch kranken Eltern herausarbeiten könnte, sondern man kann sowohl ein Geschwisterkind finden, das zum Beispiel mit Flucht aus der Familie, mit Rückzug reagiert, und ein anderes, das zum Beispiel mit einer hohen Verantwortungsübernahme antwortet.
Auch die klinischen Erscheinungen psychischer Störungen bei solchen Kindern können höchst unterschiedlich sein. Selbst bei widrigsten Bedingungen findet man immer wieder Kinder, die diese Belastungen anscheinend unverletzt überstehen. Die Forschung über diese Fähigkeit, der sogenannte Resilienz, sucht deshalb nach Mechanismen, die die Unterschiedlichkeit der Entwicklungsverläufe erklären und Hinweise für Präventionsansätze liefern können. Im Prinzip geht es bei der Prävention darum, die häufig vorhandenen psychosozialen Belastungen zu reduzieren und individuelle und soziale Schutzfaktoren zu stärken, um eine normale Entwicklung zu ermöglichen.
Grundlage aller Prävention ist eine qualifizierte und effektive Behandlung der elterlichen Erkrankung. Die psychischen Auffälligkeiten der Kinder können
Der zweite Bestandteil der Prävention sind sogenannte psychoedukative Interventionen, bei denen Information zur Verfügung gestellt wird, die Anwendung der Information auf den individuellen Fall erfolgt und zur offenen Kommunikation über die Erkrankung in der Familie ermutigt wird.
Die dritte Komponente sind spezielle Hilfen, die an die jeweilige Situation der Familie angepasst sind und nach genauer Indikationsstellung erfolgen sollten.
Von zentraler Bedeutung ist es, dass die für die Kinder und Jugendlichen zuständigen Fachleute und Einrichtungen wie Schulen, Jugendämter, Psychiater, Kinder- und Jugendpsychiater, psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendpsychotherapeuten eng zusammenarbeiten. Besonders wichtig wird die Rolle der Lehrer sein, die Probleme der Kinder häufig am ehesten bemerken und in Abstimmung mit den Eltern weitere Hilfen einschalten können.
Wir verfügen also über eine ganze Reihe von Ansatzpunkten, mit denen ein finanziell ausreichend ausgestattetes Gesundheitswesen – diese Debatte wird anderenorts geführt – sowie eine finanziell ausreichend ausgestattete Jugendhilfe bei hinreichender Aufmerksamkeit sehr segensreich wirken können.
Für unrealistisch halte ich allerdings die Verheißung, nach der es machbar sein soll, dass aus dem Risiko keine Erkrankung entsteht – ich wiederhole: keine Erkrankung entsteht –, wenn differenzierte und flächendeckende Präventionsangebote zur Verfügung stehen. Diese Perspektive Ihres Antrags ist mir doch etwas zu optimistisch. Ich glaube, dass sie notwendigerweise enttäuscht werden muss.
Das ist auch der Grund dafür, weswegen ich ein bisschen kritisch bin, wenn Sie die Vorhersage, dass keine Erkrankung entsteht, mit der Forderung nach einem Landesprogramm verknüpfen, ohne überhaupt eine Bestandsaufnahme der bereits realisierten Hilfen vorzunehmen. An dieser Stelle, finde ich, haben Sie bei einem sonst absolut ernsten Thema ein bisschen den Wunsch nach parteipolitischem Geländegewinn zu sehr in den Vordergrund gerückt. Denn die Verheißung „keine Erkrankung“ kann auch bei der besten Prävention nie eingelöst werden. Wenn man es so macht wie im Antrag, erweckt jede einzelne Störung, die noch auftritt, den Eindruck, als wäre etwas unterlassen worden und nicht genügend geschehen.
Ich habe diesen Mangel aber nicht beschrieben, um dem Anliegen der SPD-Fraktion zu widersprechen, sondern um darauf hinzuweisen, dass wir sehr damit einverstanden sind, das Thema im Ausschuss sorgfältig zu erörtern, auch wenn wir dem Text in dieser Form nicht zustimmen können. Ich bin sicher,
dass es klug und richtig ist, dabei auch die Debatten, die in Nordrhein-Westfalen etwa im Bereich der Katholischen Fachhochschule in Paderborn oder auf verschiedenen Kongressen wie zum Beispiel dem Deutschen Jugendhilfetag geführt werden, einzubeziehen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Kollege Henke ist eigentlich schon sehr ausführlich auf die Problematik, was psychische Erkrankungen der Eltern bei ihren Kindern bewirkt, eingegangen, welche Fragen und Schuldgefühle aufgeworfen werden, welche Schwierigkeiten es in dem System gibt, Eltern wie auch Kindern zu helfen.
Wir stimmen völlig in der Einschätzung überein, dass es sich um ein immenses Problem handelt. Es gibt eine halbe Million Kinder in Deutschland mit zumindest einem psychisch kranken Elternteil. Das ist eine große Zahl. Die betroffenen Familien sind häufig sozial isoliert, was zur Folge hat, dass Hilfen erst gar nicht in Anspruch genommen werden, auch wenn massive psychische Probleme auftreten und das Umfeld aufmerksam wird.
Frau Meurer hatte angesprochen, dass Mütter häufig direkt im Wochenbett an einer Depression erkranken, diese Erkrankung aber häufig erst gar nicht oder sehr schwer entdeckt wird, auch weil sich Mütter für das schämen, was sie in dem Moment empfinden. Häufig lassen sie schon ihren Ehemann oder ihre Familie gar nicht wissen, welche Probleme sie haben. Oft sieht man das dann erst an dem gestörten Mutter-Kind-Verhältnis, weil dort die emotionale Beteiligung fehlt.
Wenn es aber erkannt wird, stehen wir vor dem Problem, dass wir eben nicht das ausfinanzierte Gesundheitssystem haben, wie zumindest ich es mir wünschen würde. Damit sind wir wieder bei einem Punkt, über den wir eben bereits gesprochen haben: Wir haben ein rationiertes System. Wenn eine Mutter mit einer akuten Wochenbettdepression ambulant behandelt werden will, wartet sie zum Teil drei oder vier Monate auf einen Facharzttermin. Ist sie dann beim Facharzt, gilt diese Flatrate, die bei einem Psychiater niedriger ist als bei einem Kinderpsychiater. Ich hatte heute Mittag die Quote für einen Kinderpsychiater im Rheinland genannt: Ein Erwachsenen-Psychiater erhält eine Quartalspauschale von etwa 45 €, mit der er die Mutter drei
An diesem immensen Problem müssen wir arbeiten. Für mich muss diese Pauschalierung, diese Rationierung in diesem Bereich weg. Anders werden wir keine qualitativ sinnvolle Behandlung hinbekommen.