Beim Unterricht, getrennt nach Geschlechtern, besteht die Gefahr, dass, wenn man das ausschließlich auf diese Merkmale bezieht, damit die individuellen Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen nicht ausreichend wahrgenommen werden. Die Modalitäten einer Trennung muss man daher genau reflektieren und pädagogisch beobachten. Diagnosen zu stellen müssen Lehrerinnen und Lehrer lernen, sonst ist es ein Rückschritt und führt zu keinem Fortschritt.
Die Krise der Jungen können die Schulen nicht alleine lösen. Eltern und Erzieher sind ebenso gefordert und brauchen dazu unsere Unterstützung. Geschlechtsbewusster Umgang ist Bestandteil einer guten individuellen Förderung. Das beginnt ab dem ersten Lebenstag in der Familie, in der Kita, in der Schule. Übrigens bedaure ich es sehr, dass sich dieser Antrag nicht mit der Kita auseinandersetzt;
denn wenn wir geschlechtsbezogene Erziehung praktizieren, dann wäre es notwendig, dass dies auch bei der Kita anfängt.
Darauf müssen die professionellen Bildungsakteure ebenso vorbereitet werden wie die Eltern, und ein Problembewusstsein muss herangebildet werden.
Dieser Antrag, meine Damen und Herren, ist im Grundsatz zu unterstützen – aber auch nur im Grundsatz. Er muss ergänzt werden um die Forderung nach einer Veränderung der Schulstruktur, die insbesondere Jungen benachteiligt. Dazu, meine Damen und Herren, müssen Sie das Schulgesetz ändern. Wir sind Ihnen dabei gerne behilflich.
Zudem müssen Sie Mittel für die Weiterbildung und Unterstützungssysteme für Lehrer und Lehrerinnen einsetzen.
Wir nehmen das Angebot an, darüber mit Ihnen in einen offenen Dialog einzutreten. Das wäre übrigens der erste offene Dialog, den wir mit Ihnen in diesem Hause führen können.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zu relativ später Stunde ein aus unserer Sicht interessantes und wichtiges Thema. Ich behaupte, wäre ich nicht auf einer Mädchenschule gewesen, stünde ich heute vielleicht nicht hier. Das will ich zu Anfang einfach mal sagen, weil dieser geschützte Raum, den ich in damaliger Zeit erfahren habe, möglicherweise dazu beigetragen hat, dass ich meine Potenziale gut entfalten konnte. Im gemischten Leben und Lernen der Grundschule habe ich das anders wahrgenommen. In der Uni war ich so weit gerüstet, dass es mit der Auseinandersetzung dann ganz gut geklappt hat.
Was will ich damit sagen? – Ich will damit – erstens – sagen, dass es richtig und wichtig ist – ich stehe natürlich zum koedukativen Unterricht –, die Koedukation weiterzuentwickeln. Der erste Antrag – das ist die zweite persönliche Anmerkung –, den ich 1995 in diesem Hause engagiert vorangetrieben habe, war der Antrag zur Weiterentwicklung der reflexiven Koedukation – damals haben Sie von der CDU ihn, meine ich, abgelehnt, weil er von Rot-Grün kam –, um damit deutlich zu machen, dass man geschlechterbezogen, genderbezogen, was auch die FDP in vielen Punkten abgelehnt hat, darauf schauen muss, wie es darum bestellt ist und was wir dafür tun müssen, damit Mädchen und Jungen ihre Potenziale gut entwickeln können, aber vor allem darauf schauen muss, was wir tun müssen, damit die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, zwischen Jungen und Mädchen vorankommt.
Den Satz möchte ich noch beenden, dann gestatte ich gerne eine Zwischenfrage, obwohl es mich schon etwas irritiert, dass diejenigen, die gerne Zwischenfragen stellen, selbst keine zulassen.
Ich werde aber selbstverständlich Ihre Frage, Frau Pieper-von Heiden, gleich zulassen; das spricht vielleicht im Nachhinein für meine Mädchenschule.
Aber ich möchte trotzdem gerne den Gedanken zu Ende führen: Wir müssen uns darum kümmern. Aber – das möchte ich dazusagen – den Zungenschlag, der in der politischen Diskussion oft eine Rolle spielt, dass es mit Mädchen jetzt genug gewesen sei, jetzt sollten die Jungen drankommen, teilen wir Grüne auf jeden Fall nicht.
Sind Sie der Meinung, dass man geschlechterdifferenzierten Unterricht überwiegend nicht machen sollte, um nicht zu riskieren, dass die besonderen Begabungen der Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern, die es ja gibt, oder der Jungen in eher sprachlichen Fächern nicht berücksichtigt werden oder durch differenzierte pädagogische Ansprache, die Rücksicht auf das Geschlecht nimmt, nicht angesprochen werden mit der drohenden Folge, dass diese Begabung im Schulsystem verloren gehen könnte? – Mädchen und Jungen denken ja nicht anders, sondern gleich, wenn sie ähnlich begabt sind. Sie denken unterschiedlich, wenn sie unterschiedlich begabt sind. Das unterscheidet sich nicht nach Geschlecht, sondern nach Potenzial.
(Lachen von der SPD – Gerda Kieninger [SPD]: Was soll dass denn für eine Frage sein? Dass ist nicht zu fassen!)
Ich hatte gerade versucht, das deutlich zu machen. Offenbar haben Sie nicht verstanden, dass ich dafür bin, dass Mädchen und Jungen ihre Potenziale unabhängig von ihrer Herkunft und unabhängig von ihrem Geschlecht entwickeln können, damit wir sie zu bestmöglicher Bildung und zu bestmöglicher Entwicklung ihrer Potenziale führen. Ein Ansatz der Grünen lautet, dass man kein Kind zurücklassen sollte, kein Junge und kein Mädchen.
Auf die Frage, auf die Sie in diesem Zusammenhang abstellen, ist die Kollegin Hendricks bereits eingegangen. Aber dazu kommen wir in der weiteren Diskussion.
Ich bin dafür, dass man die Frage der Gleichberechtigung und der Geschlechtergerechtigkeit unseres Schulsystems insgesamt und umfassend
angeht. Schulerfolge von Mädchen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sozialisation, Bildung und Erziehung weiterhin unreflektierte geschlechtspezifische Rollen zuweisen. Die Rollenzuweisung ist nämlich nach wie vor sehr darauf ausgerichtet, trotz der guten Erfolge der Mädchen, dass Mädchen auf bestimmte Zukunftsperspektiven festgelegt werden, dass sie ein eingeschränktes Berufswahlverhalten haben usw. Das ist nach wie vor nicht überwunden. Deswegen muss dem auch weiterhin unsere Aufmerksamkeit gelten.
Aber es muss uns zu denken geben, in welch hohem Maße Jungen Bildungsverlierer sind, in welch hohem Maße Jungen damit zu Problemfällen, zu hoffnungslosen Fällen werden. Das ist richtig, das darf so nicht bleiben, und deswegen werden wir uns auch gerne an der weiteren Diskussion beteiligen.
Wir Grüne wollen nicht, dass irgendwer zu einem hoffnungslosen Fall wird. Dazu gehört aber mehr, als das, was Sie in Ihrem Antrag vorschlagen. Der Bereich der Kindergärten ist schon genannt. Die Rollenausprägung, die Muster, die Festlegungen finden im Wesentlichen in den Jahren eins bis sechs statt. Deswegen gilt es, darauf den Blick zu richten. Wir dürfen auch nicht außer Acht lassen, welch großen Anteil nach wie vor die Werbung, die Bilder, die dargestellt werden, die „heimlichen Lehrpläne“ in den Schulmaterialien spielen. Wenn man früher Englischbücher aufschlug, putzte die Frau die Fenster, und der Mann ging aus dem Haus und verdiente das Geld. All das gehört dazu, wie Mädchen und Jungen sozialisiert werden.
Damit müssen wir uns insgesamt auseinandersetzen, welches Bild hier von Karriereplänen und Zukunftsbezogenheit von Jungen und Mädchen gegeben wird. Wir müssen uns auch damit auseinandersetzen – ich bin gespannt, wie weit wir im weiteren Prozess zueinander finden –, welches Bild von Männlichkeit unsere Gesellschaft transportiert und weitervermittelt. Das gehört mit zu dieser Fragestellung. Dabei geht es nicht nur um Sprachunterricht, bei dem wir Jungen fördern müssen, sondern auch um Sensibilität, um Pflege, um Häuslichkeit, um „weibliche“ Elemente im „männlichen“ Charakter, die wir zukünftig finden und entfalten müssen.
Sie Ihren Antrag eingebracht haben, ein Fachgespräch geplant. Wir werden uns intensiv mit der Frage geschlechtergerechter Pädagogik von Kindesbeinen an auseinandersetzen.
Insofern bieten wir an, dass wir möglicherweise am Ende dieses Diskussionsprozesses zu einem interfraktionellen Antrag kommen, wenn Ihre Haltung das zulässt. In der Regel wollen Sie das nicht gerne, aber wir als Grüne bieten das ausdrücklich an. – Herzlichen Dank.
Vielen Dank, Frau Löhrmann. – In Vertretung für Frau Ministerin Sommer hat wiederum Frau Ministerin Thoben das Wort.
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Frau Löhrmann, was männlich und weiblich ist, und welche Eigenschaften dabei eine Rolle spielen oder welche typisch sind, haben wir schon vor 25 Jahren hier im Landtag debattiert. Ich kann mich sehr gut erinnern, dass ich damals mal vorgetragen habe, dass ein Mann seine Männlichkeit nicht verliert, wenn er mal zugibt, dass er etwas nicht weiß, dass er schwach ist oder weint, und dass eine Frau ihre Weiblichkeit nicht verliert, wenn sie entscheidungsfreudig ist. Wenn wir uns gemeinsam daran erinnern, kriegen wir vielleicht auch zu dem heute anstehenden Thema etwas Gemeinsames auf die Reihe.
In dem Antrag wird auf etwas aufmerksam gemacht, das lange ein Schattendasein führte. Die Zahlen sprechen allerdings eine ziemlich deutliche Sprache. Die amtlichen Schuldaten in Nordrhein-Westfalen belegen: Zwei Drittel aller Schulabbrecher und zwei Drittel der Schülerschaft von Förderschulen sind männlich.
Gleichzeitig macht der Schulleistungsvergleich PISA 2003 darauf aufmerksam, dass ein Viertel der 15-jährigen Schüler in Nordrhein-Westfalen einfache Texte nur oberflächlich verstehen kann. Dass sich dies auf ihre spätere Erwerbstätigkeit auswirkt, brauche ich nicht ausdrücklich zu betonen.
Auf der anderen Seite – da bin ich diesem Antrag dankbar; denn er spricht eine sehr klare Sprache – fehlen uns besonders im Bereich der Naturwissenschaften, der Technik und der Informatik, weibliche Nachwuchskräfte.
Hieran muss sich nach unserer Überzeugung endlich etwas ändern. Für eine gezielte Jungen- aber auch Mädchenförderung brauchen wir ein Konzept, das die Bedürfnisse von Lehrerinnen und Lehrern mitberücksichtigt.
Die Landesregierung begrüßt den Antrag der Regierungsfraktionen ausdrücklich. Gleichzeitig freue ich mich, heute in Vertretung von Ministerin Sommer darauf hinweisen zu können, dass das Schulministerium ein Konzept zur Jungenförderung erstellt hat, dessen Eckpunkte ich kurz vorstellen möchte:
Erster Eckpunkt: Ein geschlechtergerechter Unterricht trägt den unterschiedlichen Lernzugängen von Mädchen und Jungen Rechnung. Schulen haben Möglichkeiten, Jungen und Mädchen zeitweise getrennt zu unterrichten, um auf spezielle Bedürfnisse besser eingehen zu können. Dabei wird am Grundsatz der Koedukation als Regelfall festgehalten.