Protokoll der Sitzung vom 30.09.2010

Wir wollen im Interesse der einzelnen Schülerinnen den individuellen Weg ermöglichen, die individuelle Lernzeit. Dazu wird auch dieser Schulversuch seinen Beitrag leisten, zu zeigen, wie man Bildungsoptionen öffnen kann, wie man mehr Schülerinnen und Schüler zu hochwertigen Abschlüssen führt. Das heißt: Das ist ein Beitrag, den dieses Land braucht, weil wir insgesamt mehr Schülerinnen und Schüler zum Schulerfolg führen müssen. Dafür müssen wir auch differenzierte Wege gehen.

(Beifall von den GRÜNEN und von der SPD)

Vielen Dank, Frau Kollegin Beer. – Als Nächstes hat für die Fraktion der FDP Herr Witzel das Wort.

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Es ist ja wirklich schon grotesk, wenn Schulministerin Löhrmann hier steht und von der Opposition einen Beitrag zur politischen Kultur einfordert.

(Minister Guntram Schneider: Ja und?)

Frau Ministerin Löhrmann, Sie sind der fleischgewordene Wolf im Schafspelz,

(Beifall von der FDP – Lachen von der SPD)

weil Sie nämlich nicht das beachten, was Ihre Ministerpräsidentin hier einfordert.

(Zuruf von den GRÜNEN)

Die steht nämlich hier im Hohen Hause, im Parlament, und redet ständig von der Stärkung desselbigen, Sie aber verstehen unter „Stärkung des Parlaments“ in Sachen Schulpolitik, Schulpolitik am Parlament vorbei zu organisieren. So verfahren Sie bei grundlegenden Schulstrukturveränderungen, so verfahren Sie bei der Länge und Ausgestaltung von Bildungswegen.

(Zuruf von der SPD: Das ist doch lächerlich!)

Das ist Ihr Beitrag zur Stärkung des Parlaments.

(Ministerpräsidentin Hannelore Kraft: Das glauben Sie doch selber nicht!)

Deshalb war das verräterisch, was Frau Beer hier für die Grünen in mehreren Wortbeiträgen erklärt

hat. Wir werden das sehr gründlich auswerten für unsere Klage gegen Ihr rechtswidriges Vorgehen, nämlich § 25

(Zurufe)

Schulgesetz zu missbrauchen, um nicht Schulversuche durchzuführen, die von einem Erkenntnisinteresse getragen sind, sondern um eine Bildungspolitik, für die Sie keine parlamentarischen Mehrheiten haben, am Parlament vorbei zu organisieren, meine Damen und Herren.

(Beifall von der FDP und von der CDU)

Deshalb: Frau Beer, uns schmerzt nicht § 25, sondern uns schmerzt, dass wir es uns nicht hätten vorstellen können, dass eine Experimentierklausel im Schulgesetz so offenkundig rechtsmissbräuchlich

(Beifall von der FDP – Sören Link [SPD]: Ha- ben Sie auch noch Jura studiert? – Weitere Zurufe von der SPD)

angewandt wird.

Ich möchte von Ihnen, Frau Ministerin Löhrmann, hier heute vor dem Parlament die Frage beantwortet haben: Was ist Ihr Erkenntnisinteresse daran, wie Schule in G9 läuft? – Das ist ja die Fragestellung, die hinter einem Schulversuch bzw. einer Versuchsschule steht. Das ist doch genauso, als wenn Sie morgen sagen: Zukünftig sollen Schulen frei entscheiden können, ob es eine vorschulische Sprachförderung gibt oder nicht. Wir machen das auf dem Wege eines Schulversuchs, um zu schauen: Was passiert mit Kindern, die – wie früher in Ihrer Regierungszeit üblich – ohne vorschulische Sprachförderung in die Schule kommen? Sie wollen nicht etwas Neues herausfinden, sondern Schulpolitik am Parlament vorbei organisieren. Das ist Ihr eigentliches Ziel.

(Beifall von der FDP und von der CDU – Sig- rid Beer [GRÜNE]: Abgewählt!)

Deshalb, Frau Ministerpräsidentin Kraft, fordern wir Sie auf, um endlich Licht ins Dunkel zu bringen, damit sich der Nebel etwas lichtet, vor diesem Parlament eine Regierungserklärung abzugeben,

(Sören Link [SPD]: Nebel ist nur in Ihrem Kopf, Herr Witzel, nirgendwo sonst!)

wie Sie sich in den nächsten Jahren dieser Legislaturperiode die Schulpolitik in Nordrhein-Westfalen vorstellen. Damit holen wir das Thema ins Parlament, debattieren darüber und organisieren nicht Bildungspolitik am Parlament vorbei.

(Beifall von der FDP und von der CDU)

Frau Beer, wenn Sie den Hinweis geben, man sollte weiter in den Norden schauen: Wir müssen gar nicht bis Kiel gucken, sondern können schon kurz vorher in Hamburg einen Stopp machen.

(Sigrid Beer [GRÜNE]: Herr Kubicki!)

Da sehen Sie: Wenn Grüne in Regierungsverantwortung Bildungspolitik organisieren, dann gibt es Volksaufstände dagegen, weil die Menschen nicht akzeptieren, wie Sie die Gesellschaft spalten.

(Beifall von der FDP)

Dort gehen die Leute auf die Straße. Sie haben keine Mehrheit für Ihre Politik; das müssen Sie einsehen.

(Zurufe von den GRÜNEN)

Bei dem Thema G9, das Sie auf den Weg bringen, geht es um etwas ganz anderes.

(Sören Link [SPD]: Aufhören!)

Sie betreiben G9 als Einstieg in die Einheitsschule.

(Zuruf von der SPD: Endlich! – Rainer Schmeltzer [SPD]: Hat aber lange gebraucht, um die Kurve zu kriegen!)

Sie wollen Strukturen verändern, um es umso leichter zu haben, als nächsten Schritt die Gymnasien im Rahmen einer großen Fusion mit anderen Schulformen zu vereinen. Das muss jedes Gymnasium wissen, das zu G9 zurückkehrt. Das werden die Kandidaten für den nächsten Schritt Ihrer Schulpolitik, die Umwandlung zur Gemeinschaftsschule, sein. Daher geht das Thema weit über das hinaus, was Sie hier davon herausgreifen.

(Zuruf von Sigrid Beer [GRÜNE])

Weil Sie gerade auf Herrn Bos verwiesen haben, empfehle ich Ihnen einen Blick in die „Aachener Nachrichten“ von vor ein paar Tagen. Dort können Sie nachlesen, wie Herr Bos den Sachverhalt einschätzt, nämlich: Die Schüler- und Lehrerbelastung beim achtjährigen Turboabitur sei nicht höher als bei einer neunjährigen Schulzeit am Gymnasium, erklärt der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos. Nicht die Verkürzung ist der Stress, sondern die Gewöhnung an das Neue. – Für Bos ist der Streit um G8 oder G9 deshalb eine scheinheilige Debatte.

Frau Ministerin Löhrmann, wenn Sie sich nun von Herrn Bos beraten lassen, dann können Sie noch einiges lernen. – Vielen Dank.

(Beifall von der FDP und von der CDU)

Vielen Dank, Herr Kollege Witzel. – Als Nächste hat Frau Kollegin Böth für die Fraktion Die Linke das Wort.

Danke. – Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Angesichts des Publikums würde ich gerne noch einmal erläutern, Herr Witzel, worum es hier eigentlich geht. Es ist so wie

in der Schule: Man muss immer alles zweimal sagen, bevor es irgendjemand mitbekommt.

(Heiterkeit von den GRÜNEN – Dr. Gerhard Papke [FDP]: Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?)

Hier ist das Beschlussprotokoll vom 16. September, worauf Sie immer …

(Ralf Witzel [FDP]: Da ist die Überweisung beschlossen worden und nicht das Vorha- ben!)

Mir ist das klar, aber Ihnen offensichtlich nicht.

(Heiterkeit und Beifall von den GRÜNEN)

Ich erläutere das noch einmal, weil in der Zwischenzeit das Publikum gewechselt hat.