(Beifall von der SPD, von den GRÜNEN und von Gunhild Böth [LINKE] – Zuruf von der CDU: Sie machen hier ein Fass auf!)
Meine Damen und Herren von der FDP, besonders gewundert hat mich, dass Sie offenbar selbst davon ausgehen, dass Ihr Antrag hier und heute keine Mehrheit finden wird. Wie sonst ist es zu erklären, dass Sie einerseits beantragen, das Modellvorhaben Gemeinschaftsschule nicht in die Praxis umzusetzen, gleichzeitig aber fordern – ich zitiere –, „die letztendliche Entscheidung, ob Schulen an diesem Schulversuch teilnehmen wollen, den betroffenen Schülern, Eltern und Lehrern zu überlassen.“ – Ja, was denn nun? Wenn wir den Schulversuch, wie von der FDP beantragt, nicht durchführen, können wir die Entscheidung zur Teilnahme kaum den Schülern, Eltern und Lehrern überlassen, wie ebenfalls von der FDP beantragt.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich frage Sie ernsthaft: Wollen Sie ein Vorhaben verhindern, mit dem die Kommunen die Möglichkeit erhalten, weiterführende Schulen wohnortnah zu erhalten, und zwar unter Einschluss gymnasialer Bildungswege? Wollen Sie wirklich verhindern, dass Schulträger unter Einbeziehung der Eltern und der Schulen und nach Anhörung der Nachbarkommunen selbst darüber entscheiden, ob sie längeres gemeinsames Lernen unter einem Dach organisieren? Wollen Sie nicht zur Kenntnis nehmen, dass Nichtstun oder alles beim Alten zu belassen, wie Sie es fordern, de facto bedeutet, dass immer mehr Schulstandorte – oft die letzte weiterführende Schule am Ort – dann geschlossen werden müssen? Das ist die Konsequenz Ihrer Haltung, meine Damen und Herren.
Was den Entschließungsantrag der Linkspartei angeht – ich habe es schon formuliert –: Selbstverständlich berichte ich gerne.
Das ist nicht gnädig, sondern für mich eine Selbstverständlichkeit. Das hatte ich im Schulausschuss auch schon gesagt.
Meine Damen und Herren, mit dem Schulversuch Gemeinschaftsschule steigen wir in die praktische Erprobung eines erfolgversprechenden Modells für die Schule der Zukunft ein. Wirken Sie doch einfach daran mit!
Lassen Sie mich schließen mit Victor Hugo – Herr Pinkwart, wir haben ein gleiches Motto auf unseren Seiten –: „Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Wir finden, die Zeit für die Gemeinschaftsschule in NordrheinWestfalen ist gekommen. – Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Vielen Dank, Frau Ministerin Löhrmann. – Als nächster Redner spricht für die CDU-Fraktion Herr Prof. Dr. Dr. Sternberg.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Am 16. September, in der vorvorigen Plenardebatte, sagte hier in diesem Raum die Ministerpräsidentin Kraft zu Frau Beuermann von der Linkspartei: „Aber wir sollten noch einmal darüber reden, wo eigentlich der Unterschied zwi
schen Gesamtschulen und Gemeinschaftsschulen liegt.“ – Ja, wo liegt der Unterschied eigentlich? Was macht den Unterschied zwischen Gesamt- und Gemeinschaftsschulen aus?
Meine Damen und Herren, seit gut einer Woche wissen wir, was der Unterschied ist. Die Eckpunkte für das, was Sie fälschlicherweise als Gemeinschaftsschule bezeichnen, sind vorgelegt – obwohl der Begriff verfassungs- und schulgesetzwidrig ist, denn da ist die Gemeinschaftsschule klar definiert; Gemeinschaftsschule kann das Kind also nicht heißen, aber gut. Die Eckpunkte der sogenannten Gemeinschaftsschule zeigen: Der Unterschied zur Gesamtschule liegt in den 40 % weniger Kindern, die eine Jahrgangsstufe in der neuen Schule benötigt. Statt – wir haben es schon gehört – viermal 28 gleich 112 braucht man für die Jahrgangsstufe an einer dieser neuen Schulen nur dreimal 23 gleich 69 Schüler.
Die Zahl von 112 für eine Gesamtschule ist ja nicht einfach beliebig gegriffen. Der Grund liegt darin, dass man an diesen Schulen ein ordentliches, differenziertes Lehrangebot bieten und eine wirklich individuelle Förderung erreichen kann. Das hat man für die Gesamtschule einmal so ausgerechnet. Jetzt bekommen wir ein Gesamtschulmodell, bei dem das Ganze mit 40 % weniger Kindern möglich sein soll.
Meine Damen und Herren, den Kindern in der neuen ersten Profilschule, wie sie in Ascheberg heißen soll, soll eine angemessene Bildung und Ausbildung für alle ihre Interessen und Begabungen in einer Ausrichtung an Realschule, Hauptschule und Gymnasium garantieren.
Alle Untersuchungen zum Schulwesen zeigen, dass in solchen kleinen und undifferenzierten Systemen die hochbegabten Kinder nicht angemessen gefördert werden.
Aber ich spreche jetzt einmal nicht von den Hochbegabten, sondern von einer ganz anderen Gruppe, die mir mindestens ebenso wichtig ist, weil ich selbst aus diesem Bereich komme, nämlich denjenigen, die einen Handwerksberuf ergreifen wollen. Ich frage mich: Wie will man mit diesen Lerngruppen eine Berufsorientierung sicherstellen, wie sie zurzeit und gerade in den letzten Jahren ausgebaut und an den Hauptschulen unseres Landes sehr gut entwickelt worden ist? Wie kann man eine solche Berufsorientierung in so kleinen Einheiten, die sich wahrscheinlich wieder hauptsächlich auf das Gymnasium, auf den gymnasialen Abschluss konzentrieren, gewährleisten? Ich habe den Eindruck, gerade in diesem Bereich der richtigen Qualifikation für handwerkliche Berufe haben wir immer noch riesige Defizite.
Damit ein bisschen klarer ist, dass das immer noch eine riesige Rolle spielt: Die Ausbildungsverträge
im Handwerk Nordrhein-Westfalens sind im Jahr 2009 zu 49 % mit unmittelbaren Hauptschulabsolventen abgeschlossen worden. Das nur als Hinweis darauf, dass das Kaputtreden der Hauptschule nicht die tatsächlichen Ausbildungsverhältnisse widerspiegelt.
Abiturienten spielen nach wie vor in den handwerklichen Ausbildungsberufen und übrigens auch in den Ausbildungsberufen der IHK fast keine Rolle. Im Handwerk waren es im letzten Jahr 9 %. Das waren übrigens hauptsächlich Goldschmiedinnen.
Das deutsche Handwerk hat 2009 trotzdem über 10.000 Ausbildungsplätze nicht besetzen können. Die hohe Zahl derjenigen, die ohne Abschluss in Nordrhein-Westfalen die Hauptschule verlassen und die nicht ausbildungsfähig auf den Arbeitsmarkt kommen, muss eigentlich alle beunruhigen, die sich in Schulpolitik in diesem Land engagieren.
Ich finde es bedauerlich, dass wir ständig den Fokus auf die gymnasiale Ausbildung und die Hochschulzugangsberechtigung legen.
(Beifall von der CDU – Sören Link [SPD]: Wer macht das denn? Zeigen Sie mir einmal den, der das hier macht!)
Meine Damen und Herren, diese Menschen und ihre Bildungserfordernisse werden in den Debatten zum Schulwesen sträflich vernachlässigt. Ich glaube, sie werden auch in diesem neuen Schultyp ganz eindeutig zu kurz kommen.
Herr Kollege, vielen Dank, dass Sie eine Zwischenfrage gestatten. Sie suggerieren ja mit Ihrem Redebeitrag erneut, dass die Landesregierung durch aktives Tun die Hauptschule benachteiligen wolle. Können Sie mir einmal sagen, wie die Schulanmeldezahlen für die Hauptschulen unter anderem in den Städten Münster, Essen und Köln zu Ihrer Regierungszeit aktuell für dieses Schuljahr ausgesehen haben?
auch darauf zu sprechen. Ich bin weit davon entfernt zu sagen, dass wir kein Problem in der Schulstruktur hätten, gerade auf dem Lande.
aus welchen Gründen auch immer. Aber wir werden da übrigens auch aus demografischen Gründen Änderungen machen.
Kleinen Moment; ich komme darauf. – Dass die Kommunen eine verlässliche und demografiefeste Schulversorgung haben wollen, ist doch völlig einsichtig. Die Schulentwicklungsplanungen zeigen eben auch auf dem Land selbstverständlich Handlungsbedarf. Da erteilt übrigens niemand irgendjemandem Denkverbote.
Nur – das sei am Rande gesagt – diese Debatten überdecken ständig die wirklich wichtigen Fragen der Bildungspolitik, wie sie die Betroffenen, die Kinder, die Eltern und die Lehrerinnen und Lehrer, sehr genau kennen. Vor allem die Frage, wie guter Unterricht möglich ist, tritt in den Hintergrund. Aber im Moment geht es um die Schulstruktur.
Wir haben im geltenden Schulgesetz ein Modell, das eine verlässliche und faire Schulversorgung in der Sekundarstufe I erlaubt. Wir haben die Verbundschule aus Haupt- und Realschule, wie sie in den vergangenen Jahren 20 Mal genehmigt worden ist. Das war übrigens auch der Weg, auf dem Ascheberg war. Wird die Verbundschule, die nach Gesetz möglich ist, künftig überhaupt noch genehmigt? Oder wird den Kommunen sehr intensiv nahegelegt, auf diesen neuen sehr unklaren Schultyp einzuschwenken?
Meine Damen und Herren, ich kann mir durchaus vorstellen, dass man in diesen Verbundschulen noch Ausbaupotenziale hat und dass man zum Beispiel durch nähere Absprachen und Verträge mit umliegenden Gymnasien einen optimalen Übergang in die Oberstufe ermöglicht. Es gibt ja solche Schulverbünde bereits in Aachen und anderswo. Schon heute erwerben in Nordrhein-Westfalen 34 % der Realschulabsolventen eine Hochschulzugangsberechtigung. Das heißt, auch die zehnjährige Verbundschule, die Hauptschule und die Realschule, sind alles andere als Sackgassen des Bildungssystems.
Danke schön, Herr Kollege. Ich bin ganz froh, dass ich nicht sofort dazwischengekommen bin, denn jetzt habe ich vernommen, dass vielleicht doch eine Öffnung da sein könnte. Sie haben gesagt, Kooperationen mit Gymnasien seien vorstellbar.
Deswegen möchte ich Sie fragen: Haben Sie irgendwo gefunden, dass Gymnasien zwangsweise in einer Gemeinschaftsschule mitmachen sollen? Und warum ist es nicht vorstellbar, dass sie freiwillig mitmachen? Sie haben es ja gerade angedeutet. Das könnte ja eine interessante Auskunft sein.