Protokoll der Sitzung vom 15.12.2010

Auch dabei wird die Landesregierung die Schulen unterstützen, etwa mit Mustercurricula als Hilfe für die Entscheidungen der Fachkonferenzen.

Leitlinie der Überarbeitung muss sein, mehr Freiräume für Wiederholung, Übung und Vertiefung zu schaffen und die geforderten Kompetenzen zu vermitteln, ohne die Qualität der gymnasialen Ausbildung einzuschränken. Außerdem gilt es, Synergieeffekte zwischen Fächern und Fächergruppen zu erkennen und zu nutzen. Entsprechende Arbeitsgruppen werden zu Beginn des Jahres 2011 ihre Arbeit aufnehmen.

Der dritte Punkt besteht in der flexiblen Nutzung von Ergänzungsstunden zur individuellen Förderung. Ergänzungsstunden sind eine der Möglichkeiten, um jede Schülerin und jeden Schüler individuell zu fördern. Sie müssen Teil eines guten und wirksamen Förderkonzepts werden. Wir wollen besonders wirksame Beispiele des Einsatzes von Ergänzungsstunden zum Nutzen aller Schulen aufbereiten – nicht, um sie 1:1 zu übertragen, sondern um Impulse für Konzepte zu geben, die dann auf die jeweilige Schule zugeschnitten werden können. Dabei geht es sowohl um Konzepte in Ganztags- als auch in Halbtagsgymnasien.

Der vierte Punkt betrifft das Thema „Fremdsprachen“. Seit dem Jahr 2006/2007 starten unsere Schülerinnen und Schüler in Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen mit ihrer zweiten Fremdsprache in Klasse 6. Das ist im Grunde folgerichtig, da wir ja auch mit der ersten Fremdsprache so viel früher anfangen.

Erfolg wird das frühere Erlernen der zweiten Fremdsprache aber nur dann haben, wenn sich der Unterricht am Alter, den Vorkenntnissen und möglicherweise auch an den Herkunftssprachen der Kinder orientiert. Dafür werden wir weitere Hilfen für die Lehrkräfte entwickeln. Die fachlichen Netzwerke für Französisch und Latein werden konkrete Unterrichtsreihen speziell zum Fremdsprachenbeginn in Klasse 6 für alle Schulen bereitstellen. Gerade im Bereich der Fremdsprachen müssen neue Konzepte umgesetzt werden, die die Schülerinnen und Schüler vom häuslichen Lernen, also den Hausaufgaben, entlasten.

Zum fünften Punkt, der Flexibilisierung der Schulorganisation. Die Organisation des Schulalltags hat großen Einfluss auf das Lernen – von der Stundenverteilung auf die einzelnen Jahrgangsstufen über die Stundenplangestaltung bis hin zur Ausgestaltung der Mittagszeit an Tagen mit Nachmittagsunterricht oder in Ganztagsschulen.

Viele Schulen haben neue Formen der Rhythmisierung entwickelt. Dort lernt man nicht mehr im 45Minuten-Takt, sondern eher in 60-, 75- oder 90Minuten-Phasen. Das Ziel: Zeiträume für längere Lernphasen, Phasen des Übens, des Wiederholens und Erprobens sowie für Formen des kooperativen oder binnendifferenzierenden Arbeitens zu schaffen. Diese Rhythmisierung hat unmittelbar Einfluss auf die Unterrichtsgestaltung und auf Haus- bzw. Schulaufgabenkonzepte. Hierin liegen deutliche Entlastungspotenziale, vor allem für die Schülerinnen und Schüler, aber auch für Lehrerinnen und Lehrer; denn der so angelegte Unterricht kann stressfreier gestaltet werden. Auch für die Schulorganisation stellt das Ministerium geeignete Maßnahmen, Tipps und Beispiele zusammen.

Der sechste Punkt besteht in der Weiterentwicklung von Ganztag und pädagogischer Übermittagbetreuung. Wir wissen, dass der Ganztag gerade im Hinblick auf die Umsetzung des achtjährigen Bildungsgangs an unseren Gymnasien einen Innovationsschub bewirkt. Im Ganztag werden integrierte Lernzeiten entwickelt, sodass sich letztlich Hausaufgaben weitgehend erübrigen. Doch auch in Halbtagsschulen bewegt sich vieles: Die Einführung der pädagogischen Übermittagbetreuung trägt zur Entspannung bei, auch wenn die räumlichen Voraussetzungen noch nicht in dem Maße zur Verfügung stehen, wie es erforderlich wäre.

Ganztagsschulen und pädagogische Übermittagbetreuung geben die Möglichkeit, andere Berufsgruppen aus Jugendhilfe, Kultur und Sport sinnvoll ein

zubeziehen. Die Landesregierung wird den Ausbau der Ganztagsschulen auch in den Gymnasien bedarfsgerecht fortsetzen und in allen anderen Gymnasien die Weiterentwicklung der Konzepte der pädagogischen Übermittagsbetreuung unterstützen.

Zum siebten Punkt, der nachhaltigen Unterstützung und Qualifizierung der Lehrkräfte. Lehrerinnen und Lehrer stehen vor ständig neuen Herausforderungen. Auch und gerade für sie gilt daher die Weisheit: Lernen ein Leben lang. – Nur brauchen sie dafür auch die angemessene Unterstützung und passgenaue Angebote. Neue Anforderungen wie Diagnose- und Beratungskompetenz, individuelle Förderung und kompetenzorientiertes Arbeiten als gängiges Unterrichtsprinzip haben in der bisherigen Lehrerausbildung noch nicht die ihnen gebührende Beachtung gefunden. Dafür braucht es gute Fachfortbildungen, ebenso wie allgemeine Qualifizierung für gute Unterrichts- und Schulentwicklung.

Meine Damen und Herren, Schulen lernen von Schulen. Es gibt etliche Schulen, an denen vieles sehr gut funktioniert. Ein zentraler Punkt bei der Unterstützung der Schulen besteht für die Landesregierung deshalb darin, die Vernetzung zu fördern. Jede Schule hat ihre eigenen Stärken, die sie weitergeben kann, und sie lernt zugleich von den Stärken der anderen.

Viele wünschen sich beim Thema G8 eine Art Befreiungsschlag. Den gibt es nicht, und den kann es in der derzeitigen Situation bei diesem komplexen Thema leider auch gar nicht geben. Was es aber gibt, ist ein ernsthafter, seriöser und wirksamer Umsetzungsprozess dieses Handlungskonzepts. Und auch der kommt nicht auf Knopfdruck oder par ordre du mufti mittels Erlass.

J. F. Kennedy hat gesagt: „Wir müssen die Zeit als Werkzeug benutzen, nicht als Sofa.“ Da der Prozess für die Akzeptanz und Optimierung des G8 ungeheuer wichtig ist, möchte ich den Schulen ein Unterstützungssignal geben: einen zusätzlichen pädagogischen Tag.

Alle genannten Maßnahmen müssen in den Schulen aufgegriffen und in den Alltag integriert werden. Dafür braucht es Zeit und Freiraum für Entwicklung. Und dieser Prozess muss systematisch angegangen werden. Dazu dient der pädagogische Tag, an dem sich die Schulen ausschließlich mit dieser Thematik beschäftigen können. Darin weiß sich die Landesregierung mit Lehrerverbänden, der Schulleitervereinigung sowie Schüler- und Elternvertretungen einig. An diesem Tag soll und kann sich die Schule intensiv mit der Weiterentwicklung des achtjährigen gymnasialen Bildungsgangs und den Möglichkeiten seiner Ausgestaltung und Optimierung auseinandersetzen. Dabei – das ist mir sehr wichtig – sollen alle am Schulleben Beteiligten einbezogen werden, also auch die Eltern und die Schülerinnen und Schüler.

Meine Damen und Herren, wenn im Ergebnis diese Maßnahmen überall umgesetzt würden, gäbe es einen ungeheuren Schub zur weiteren Akzeptanz der Schulzeitverkürzung. Aber auch wenn die Schulen nur schrittweise vorgehen, entsteht ein Effekt und entsteht besseres Lernen. Das ist das Ziel dieses Pakets. Dieses Ziel teilt die Landesregierung mit den an diesem Paket Beteiligten.

Ihnen allen möchte ich an dieser Stelle herzlich danken und sie auch nennen: der Landeselternschaft Gymnasien, der Elterninitiative „Gib Acht“, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, dem Philologen-Verband, der LandesschülerInnenvertretung, den beiden Direktorenvereinigungen, Herrn Prof. Dr. Bos, den Bezirksregierungen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in meinem Haus.

Meine Damen und Herren, dieser Prozess braucht größtmögliche Unterstützung. Die breite Unterstützung der Beteiligten und Betroffenen haben wir. Auch die von Ihnen hier im Hause erhoffe und erwarte ich. Ich bitte Sie als Abgeordnete: Werden Sie Ihrer Verantwortung gerecht. Tragen Sie dazu bei, dass möglichst viel davon Wirklichkeit wird.

Es kommt darauf an, die Schulzeitverkürzung so weiterzuentwickeln, dass Kinder und Jugendliche in unserem Land einen guten Unterricht bekommen, einen weiterführenden Abschluss erlangen und nicht zuletzt dass sie die Zeit haben und Anregung erhalten, ihre Persönlichkeit innerhalb und außerhalb von Schule zu entfalten. In diesem Zusammenhang möchte ich aus einer Elternzuschrift zitieren:

„Gesunde Persönlichkeitsentwicklung und Bildung sollten die obersten Ziele unseres Handelns bzw. Einwirkens sein. Dafür brauchen die Menschen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Freiräume und Luft.“

Dann werden Gymnasien zu dem, was eigentlich alle von ihnen erwarten: Lernorte zur Entdeckung und Förderung der Persönlichkeiten und Talente, die eine zukunftsfähige Gesellschaft braucht und erwartet. Denn auch für die Gymnasien unseres Landes gilt: Kein Kind darf verlorengehen. – Herzlichen Dank.

(Beifall von der SPD und von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der LINKEN)

Vielen Dank, Frau Ministerin Löhrmann. – Ich eröffne die Aussprache über die Unterrichtung der Landesregierung. Als Erster hat Prof. Dr. Sternberg für die CDUFraktion das Wort.

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Liebe Frau Ministerin, wir haben

heute Morgen eine Unterrichtung der Landesregierung zum Thema Gymnasium. Über diese Unterrichtung bekamen wir heute Morgen Informationen ins Fach gelegt. Sie werden verstehen, dass wir, wenn wir erst heute Morgen einen Text bekommen, hier nicht auf die Details angemessen eingehen können.

(Ministerpräsidentin Hannelore Kraft: Die ha- ben wir nie bekommen, nicht einmal mor- gens!)

Die sieben aufgerufenen Handlungsfelder berühren zudem sehr zentrale Felder, auch Felder der Fachpädagogik, sodass das Parlament für eine angemessene Behandlung auch gar nicht der richtige Ort ist. Die politische Debatte wird hier geführt. Pädagogische Dinge können, müssen durchaus mit erörtert werden; diese entziehen sich jedoch der politischen Debatte.

Frau Ministerin, Ihre Feststellung zum G8/G9Angebot ist mir sehr wichtig. Sie haben gesagt, ein Ergebnis stand schnell fest: Ein einfaches Zurück zum neunjährigen Gymnasium steht nicht mehr zur Debatte. Dafür haben die Schulen zu viel Arbeit investiert. – Meine Damen und Herren und Frau Ministerin, das hätten Sie sehr viel einfacher und früher haben können. Das habe ich bereits vor drei Monaten, am 16. September, an dieser Stelle gesagt. Dies konnten Sie auch aus den Stellungnahmen aller Fachleute erfahren. Es will eben kaum jemand zurück. Und wenn zum Beispiel ihr Parteifreund in Münster wieder G9 an seinem Gymnasium einführen will, dann hat das andere schulstrategische Gründe.

Warum jetzt diese Unterrichtung? – Ich glaube, Sie versuchen mit einer Flucht nach vorne aus einem offensichtlichen Ladenhüter doch noch einen Bestseller zu machen. Wie das? – Dass sich die Schulen nicht umentscheiden würden, zumal unter den Bedingungen veralteter Bücher, unklarer Begleitung, und das – damit schrecken Sie die Eltern ab – im Stundenumfang von G8, das war zu erwarten.

Aber ich muss sagen: Sie haben Glück gehabt, dass es so ist. Denn hätten wir eine andere Akzeptanz dieser Alternativstellung gehabt, dann hätten wir nicht nur ein Durcheinander unter den Ländern Deutschlands, sondern auch innerhalb NordrheinWestfalens.

Es war völlig richtig, dass wir damals die dreijährige Oberstufe beibehalten haben, denn diese dreijährige Oberstufe wird den Schülern sehr nutzen, wenn es um den Übergang von der Realschule zur gymnasialen Oberstufe des Gymnasiums und des Berufskollegs geht, was ja zurzeit immerhin fast 34 % der Realschulabsolventen machen.

Herr Prof. Dr. Sternberg, Frau Beer würde Ihnen gerne eine Zwischenfrage stellen. Lassen Sie diese zu?

Aber immer gerne, Frau Beer.

Danke schön, Herr Kollege. Ich weiß nicht, ob Sie im weiteren Verlauf Ihrer Rede noch darauf zu sprechen kommen, aber ich habe das Gefühl, dass Ihre Ausführungen überhaupt nichts mit dem zu tun haben, was die Ministerin vorgetragen hat.

(Zurufe von der CDU)

Sind Sie der Meinung, Herr Sternberg, dass es nicht dringenden Bedarf gibt, am real existierenden G8 im Land Entlastungen für Schülerinnen und für Lehrer und Lehrerinnen zu schaffen?

Frau Beer, es steht ganz außer Frage, dass eine so richtige Entscheidung wie die Einführung von G8 erhebliche Feinsteuerung benötigt. Das passiert seit Jahren an den Schulen und auch im Ministerium. Dies ist übrigens auch von der Vorgängerregierung so gehandhabt worden. Es steht ganz außer Frage, dass ein so wichtiger Prozess wie die Umstellung der gymnasialen Bildung, des Abiturs von G9 auf G8 einer Fülle von Maßnahmen, Begleitungen, Unterstützungen bedarf. Ich hätte niemals behauptet, dass dieser Prozess abgeschlossen ist. Er ist von uns so in Gang gesetzt worden und läuft hervorragend. Das muss selbstverständlich passieren. Ich gehe davon aus, dass jeder politische Entschluss nachher solche Feinsteuerungen findet.

Meine Damen und Herren, die Lösung für die angeblichen Versäumnisse sehen Sie eben in der Arbeit Ihrer Vorgängerin. Die erfolgreiche Arbeit der Schulpolitik zwischen 2005 und 2010 ist soeben in den PISA-Untersuchungen festgestellt worden.

(Gunhild Böth [LINKE]: Oh! Ausgerechnet am Gymnasium! – Zurufe von der SPD)

Wenn da gesagt wird, dass wir in den Bereichen der schwachen Leistungen aufgeholt haben, dann finde ich das eine außerordentliche Bestätigung dessen, was wir gemacht haben. Auch Sprachstandsfeststellung, Sprachförderung und vor allen Dingen Qualitätsverbesserung durch mehr Ressourcen in diesem Bereich, nämlich die über 8.000 neuen Lehrer, haben ihre Wirkung gezeigt.

(Lachen von Sören Link [SPD])

Herr Prof. Sternberg, entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie schon wieder unterbreche. Der Kollege …

Meine Damen und Herren, einen sehr viel gewichtigeren Grund für das, was wir heute in der Unterrichtung über G8/G9 gehört haben, liest man in einem sehr

bemerkenswerten Interview in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom vorvergangenen Sonntag. Da lassen Sie, Frau Löhrmann, sich mit der Bemerkung zitieren, die Alternativstellung von G8/G9, dieser gesamte Prozess sei „demokratietheoretisch höchst interessant“, und das führe „zu einer höheren Akzeptanz“. – Das stimmt.

Es geht also um die Akzeptanz von G8 dadurch, dass die Akteure selbst sich dafür entscheiden. Kompliment, Frau Löhrmann, das ist nicht schlecht gemacht, aber ein Rohrkrepier bleibt das Thema trotzdem; denn die Schulen könnten sich ja fragen, ob sie wirklich ernst genommen worden sind bei solchen Schulalternativsetzungen, die keine wirklichen Alternativen sind.

Aber, Frau Löhrmann, Sie sind großzügig. Sie machen nicht nur die Vorrangstellung des Unterrichtes zunichte, für die wir damals sogar darauf gedrängt haben, dass Schulkonferenzen außerhalb der Unterrichtszeit stattfinden,

(Gunhild Böth [LINKE]: Die Schulkonferen- zen waren schon immer außerhalb des Un- terrichts!)

weil der Unterricht das wichtigste ist und der Unterrichtsausfall bekämpft werden sollte. Nein, Sie offerieren sogar noch einmal einen pädagogischen Tag. Damit kann man allerdings wirklich einen schnellen Beifall bekommen. Wir fühlen uns bestätigt, dass nicht Schulformdebatten, sondern die Qualitätsverbesserung des Unterrichtes die entscheidende Lösung für die Probleme ist.

Meine Damen und Herren, in dem Interview in der vorvergangenen Woche steht aber noch mehr Spannendes. Da heißt es nämlich unter anderem: „… die Gymnasien werden sich verändern müssen“. Da wir heute über Gymnasien sprechen, ist es vielleicht ganz gut, das einmal zu thematisieren. Und weiter: „für ganz andere Schülerinnen und Schüler“ müssten Sie sich öffnen. Was heißt das? – Die Gymnasien werden verändert. Sie müssen alle Angemeldeten annehmen, sie dürfen keinen mehr von der Schule verweisen,

(Beifall von der SPD)

sie sollen jedes Kind zum Abschluss führen, sie sollen die Berufsorientierung und die Gleichrangigkeit aller Abschlüsse gewährleisten. Das heißt im Klartext, meine Damen und Herren, die Gymnasien sollen im Grunde genommen zu Gesamtschulen mutieren. Sie sollen sich klar verändern.