Protokoll der Sitzung vom 19.10.2011

(Beifall von der CDU)

Die Problematik des Männermangels wurde daher in dem Programm auch anerkannt. Ziel des neuen Programms auf Bundesebene ist die Erprobung neuer, innovativer Konzepte, um mehr männliche Erzieher zu gewinnen, die Arbeitszufriedenheit dieser männlichen Erzieher zu steigern und dadurch

natürlich auch eine geschlechtssensible Erziehung im Vorschulalter zu fördern.

Hier kann natürlich auch nicht das Argument der zu niedrigen Entlohnung gelten; denn nach den aktuellen Zahlen der Arbeitsagentur liegt das Mindestgehalt für einen Erzieher im Durchschnitt nur um 39 € niedriger als bei einem Kfz-Mechatroniker. Und wie Sie alle wissen, liegt bei den Kfz-Mechatronikern die Männerquote bei 98 %.

Also müssen wir unbedingt das Image der Erzieher aufpolieren. Wir haben in Nordrhein-Westfalen in den letzten fünf Jahren bereits mit der Schaffung des KiBiz eine Teilreform im Bereich der Bildung geschaffen.

(Lachen von der SPD)

Genau dieses KiBiz hat nämlich dazu geführt, bestehende Arbeitsplätze im Erziehungsbereich zu sichern und neue zu schaffen.

(Widerspruch von der SPD)

Eine der wichtigsten Neuerungen des Gesetzes ist die finanzielle Sicherung des Ausbaus der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren. Junge Erwachsene, die sich jetzt in der Ausbildung zum Erzieher oder zur Erzieherin befinden, können somit eine gesicherte berufliche Zukunft erwarten. Hierfür müssen wir offensiv werben.

(Beifall von der CDU)

Entgegen Ihrer Äußerung, Frau Ministerin Schäfer, im Jahre 2003, wo Sie sich noch darauf beriefen, dass die geschützte Freiheit der Berufswahl es verbiete, Maßnahmen zur Erhöhung des Anteils männlicher Erzieher zu ergreifen, hoffe ich doch sehr, dass Sie jetzt auch das bestehende Problem des Fehlens männlicher Bezugspersonen erkannt haben und bereit sind, etwas gegen diesen Missstand zu tun.

Lassen Sie mich kurz zusammenfassen. Unsere Anstrengungen aus den vergangenen Jahren haben viele positive Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt gebracht. Aber wir brauchen dringend noch mehr Männer in den traditionell von Frauen dominierten Berufen des Erziehungswesens.

Frau Doppmeier, Sie haben Ihre Redezeit jetzt schon um 52 Sekunden überzogen.

Ich komme jetzt zum Ende.

Darum fordern wie Sie mit dem Antrag auf, ein Konzept zur Steigerung der Attraktivität von Erziehungsberufen und zur Nachfrage von Männern zu entwickeln und spezielle Schulungsprogramm für Tagesväter zu erarbeiten. – Ich danke Ihnen.

(Beifall von der CDU)

Für die Fraktion der SPD spricht jetzt Frau Steininger-Bludau.

(Ministerin Barbara Steffens: Frau Doppmei- er versteht nicht, dass es auch für Frauen at- traktiver sein sollte!)

Eva Steininger-Bludau (SPD) : Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bin bereits seit 29 Jahren in den Bereichen Kinder- und Jugendpolitik sowie Gleichstellung der Geschlechter tätig, bin also eine Frau, der man am allerwenigsten unterstellen könnte, eines unserer Geschlechter bei der Ausübung ihres Berufes benachteiligen zu wollen.

Zunächst einmal, liebe Kolleginnen und Kollegen: Ja, der CDU-Antrag geht zumindest in die richtige Richtung. Es wäre von großem Nutzen, den Beruf des Erziehers für Männer attraktiver zu gestalten und auch hierfür Anreize zu schaffen.

Verehrte Kolleginnen und Kollegen, dennoch sollten wir uns an den Realitäten orientieren und uns nicht im Wunschdenken verlieren. Es gibt nachweislich ein Ungleichverhältnis zwischen männlichen und weiblichen pädagogischen Kräften in Kindertagesstätten. Aber warum ist das so? – Ziehen Sie bitte die richtigen Schlüsse; denn Mann – oder Frau – sollte den Zusammenhang zwischen Qualifikationsniveau, Stellenprofil und Männeranteil schon näher beleuchten. Es muss hier zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen kommen. Das Problem ist tiefgründiger und komplexer.

Männer wählen den Beruf des Erziehers oft nicht, weil die Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten schlecht sind. Ein Koch, ein Mechatroniker oder ein Postbote stehen sich da wesentlich besser. Die Tarifstruktur ist für Männer, die eine Familie zu ernähren haben – dies gilt in gleicher Weise aber auch für Frauen –, kaum sozial verträglich, mal abgesehen davon, dass es durch Ihr KiBiz mitnichten zu neuen Arbeitsplätzen,

(Beifall von der SPD)

sondern vielmehr zu Zwangsteilzeit und befristeten Arbeitsverhältnissen sowie zu immer mehr prekären Beschäftigungsverhältnissen gekommen ist.

Männer, die sich für den Beruf des Erziehers entschieden haben, landen häufig auch nicht in Kitas, sondern in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe – und hier oftmals in der Nachtschicht. Hinzu kommt, dass sich Männer in diesem klassisch feminisierten Berufsbild häufig nicht akzeptiert fühlen und frühzeitig in andere Berufszweige wechseln. Die vorwiegend weibliche Attitüde des Umfelds ist oft ein Hemmnis. Männer müssen sich hier doppelt beweisen.

Jetzt hat sich Bundesministerin Schröder also ein neues Spielfeld gesucht und ein Modellprojekt aufgelegt: „MEHR Männer in Kitas“. Warum sollten sich junge Männer aus ihren angestammten Berufszweigen abwerben lassen? – Jetzt arbeitslose junge Männer nach Schnellkursen bei privaten Bildungseinrichtungen außerhalb der etablierten Fachschulsysteme mit Erzieherdiplomen auszustatten, kann nicht Ihr Wunsch und Wille sein, liebe Kolleginnen und Kollegen.

(Beifall von der SPD)

Was nützt dieses Diplom, wenn elementare Kenntnisse der Materie und des Fachgebiets fehlen? – Ich kann mich erinnern: Ich glaube, es war Kollege „Luschet“, der in seiner Regierungsverantwortung ein ähnliches Programm fahren wollte.

(Heiterkeit und Beifall von der SPD)

Leider blieb es wohl bei seinen Lippenbekenntnissen: Es gab weder eine Informationskampagne noch Broschüren noch Flyer noch Veranstaltungen. Es verlief sich einfach im Sande.

Dies alles müsste zukünftig berücksichtigt werden. Alte Fehler dürfen nicht wiederholt werden. Wir sollten auch sorgfältiger mit den 12,5 Millionen € aus dem Europäischen Sozialfonds umgehen, aus dem die Mittel für dieses Programm stammen.

Dies führt uns zu dem Schluss, diesen Antrag hier und heute abzulehnen. – Vielen Dank.

(Beifall von der SPD und von den GRÜNEN)

Frau SteiningerBludau, ich möchte Sie darauf hinweisen, dass es eine Vereinbarung in diesem Parlament gibt: No jokes with names.

(Zurufe von der SPD und von den GRÜNEN – Eva Steininger-Bludau [SPD]: Was habe ich denn gesagt, Frau Präsidentin!)

Ich werde das nicht wiederholen.

(Eva Steininger-Bludau [SPD]: Entschuldi- gung! Aber ich bin mir keiner Schuld be- wusst!)

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen spricht jetzt Frau Asch.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich muss sagen, dieser Antrag ist mittlerweile zu einem meiner Lieblingsanträge geworden. Ich kann eine gewisse Erheiterung nicht verbergen, wenn ich mir die erste Beschlussaufforderung an die Landesregierung durchlese. Die CDU-Fraktion beantragt hier nämlich – ich möchte Ihnen das nicht vorenthalten – „ein Konzept zur Steigerung der At

traktivität und der Nachfrage von Männern in Erziehungsberufen zu entwickeln …“.

(Heiterkeit und Beifall von den GRÜNEN und von der SPD)

Meine Damen und Herren, ich glaube nicht, dass die männlichen Erzieher allesamt so unattraktiv sind. Ich habe mir überlegt, ob da nicht eine gewisse Projektion vorliegt und ob man nicht ein Projekt zur Steigerung der Attraktivität der männlichen Abgeordneten oder vielleicht sogar speziell der männlichen CDU-Abgeordneten auflegen sollte.

(Beifall von den GRÜNEN, von der SPD und von der LINKEN – Dr. Carolin Butterwegge [LINKE]: Da hätten wir aber viel zu tun!)

Vielleicht könnten wir Frauen uns zusammenschließen und gemeinsam eine Projektgruppe gründen. Es würde uns bestimmt etwas einfallen.

(Beifall von den GRÜNEN, von der SPD und von der LINKEN)

Aber jetzt mal im Ernst: Der Antrag weist nicht nur diesen grammatikalischen Mangel auf, sondern er enthält auch auf Seite 1 unten den wirren Satz: „Neue werden Arbeitsplätze hinzukommen“. Ich weiß nicht, welcher Gruppe Sie sich mit dieser Diktion anschließen wollen. Ich habe Ihnen im Ausschuss zweimal gesagt, dass Sie das ordentlich fassen und einen Neudruck herausgeben sollten. Das ist nicht erfolgt. Für einen parlamentarischen Antrag finde ich das nicht angemessen.

Das Ziel hingegen teilen wir. Wir brauchen aber von der CDU-Fraktion nicht dazu aufgefordert zu werden; denn wir haben das im Koalitionsvertrag formuliert. Wir haben gesagt, wir möchten mehr Männer in Erziehungsberufen und wir möchten dazu auch ein Konzept entwickeln. Ich finde es bedauerlich, dass wir – Rot-Grün, Herr Jörg und ich – Ihnen das Angebot gemacht haben, gemeinsam zu einer Antragstellung zu kommen, Sie das aber nicht aufgegriffen, sondern gesagt haben: Wir wollen über diesen Antrag jetzt abstimmen. – Ich finde das bedauerlich.

Klar ist: Wir haben zu wenig Männer im Erziehungsberuf und in den Kitas. Aber klar ist auch der Grund. Der Grund ist, dass dies ein Beruf ist, der eine geringe Wertschätzung, eine geringe Reputation und noch dazu eine geringe Bezahlung hat. Viele Männer wissen, sie können damit keine Familie ernähren. Deswegen ergreifen sie den Beruf nicht. Da müssen wir ansetzen.

Wir müssen erstens etwas dafür tun, dass die Wertigkeit steigt – die Wertigkeit von Tätigkeiten in pädagogischen Berufen insgesamt –, und wir müssen zweitens dafür sorgen, dass der Stresslevel in den Kitas sinkt. Das wäre eine Maßnahme, mit der wir junge Männer tatsächlich motivieren könnten, den Erzieherberuf zu ergreifen.

(Beifall von den GRÜNEN und von der SPD)

Sie aber haben – das ist die ernste Situation – mit Ihrem Kinderbildungsgesetz in CDU-Verantwortung dazu beigetragen, dass der Stresslevel in den Einrichtungen massiv gestiegen ist und es jetzt schon so ist, dass viele, die eine Ausbildung in den Berufskollegs abgeschlossen haben, sich nicht entscheiden, in der Kita zu bleiben, weil sie einfach sehen, dass da sozusagen das Verhältnis zwischen der Belastung im Alltag einerseits und der Bezahlung andererseits nicht stimmt. Das müssen wir verändern. Da haben wir angefangen. Wir haben im 1. KiBiz-Änderungsgesetz dafür gesorgt, dass es personelle Entlastung in den Einrichtungen gibt.