Vielen Dank, Frau Kollegin Rydlewski. – Für die Landesregierung hat nun Frau Ministerin Löhrmann das Wort.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich werde die Sachverhalte etwas ausführlicher darstellen.
Ich habe Verständnis für Abiturientinnen und Abiturienten, die am Ende ihrer Schullaufbahn aus Sorge um ihr Abitur Petitionen und Protestmails verfassen und demonstrieren, weil sie fürchten, dass sie ungerecht behandelt werden.
Frau Gebauer, da stimme ich Ihnen zu, für die Schülerinnen und Schüler in jedem Einzelfall ist das keine Petitesse, auch wenn es keine leicht verortbaren Schuldigen gibt. Aus Sicht der Betroffenen ist kein Vorgang eine Petitesse.
Ich habe Verständnis für Eltern, die mir schreiben und sich für ihre Söhne und Töchter einsetzen, weil sie glauben, es seien falsche oder unangemessene Aufgaben gestellt worden.
renziert auf eine Stimmung gesetzt hat, pauschal von Schlamperei spricht und Äpfel mit Birnen vergleicht. Pawlow lässt grüßen.
Die schriftlichen Abituraufgaben werden in Nordrhein-Westfalen in einem sehr aufwendigen Verfahren erstellt. Die wichtigsten Elemente sind: Eine Kommission aus erfahrenen Fachlehrkräften erarbeitet die Aufgaben. Unabhängige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler begutachten sie. Lehrkräfte machen einen Praxischeck.
Frau Gebauer, dieses Element habe ich genau nach der Diskussion um 2011, wo ich ja das Verfahren, das die Vorgängerregierung angelegt hatte, eingeführt. Die Rückmeldungen zu diesem Instrument sind bezogen auf alle Fächer überwiegend sehr positiv, dass das zwar aufwendig ist, dass das aber gut ist.
Die Ausfertigung, Zusammenstellung und die Zustellung der umfangreichen Datenpakete und Downloads – das sind in diesem Jahr in NordrheinWestfalen über 10.000 Kombinationen – erfolgen durch das Schulministerium unter Wahrung komplizierter Sicherheitsmaßnahmen.
Meinem Haus obliegt – daraus habe ich nie einen Hehl gemacht – natürlich die Gesamtverantwortung für die ordnungsgemäße Durchführung des Zentralabiturs.
Aber, Herr Kaiser, Sie haben ein Zitat aus dem Zusammenhang gegriffen vom WDR und hier zum Antrag erhoben. Das ist ein bisschen dürftig, wenn Sie sich die Komplexität dieser Sachverhalte anschauen. Das ist sehr dürftig.
Es ist nicht einfach eine Frage von mehr Personal. Die Grundaufgaben sind doch die gleichen. Sie müssen nur häufiger vervielfältigt werden. Die Frage ist doch: Ist ein Stab da, und zwar ein fachkundig geschulter Stab, der auf knifflige Fragen antworten kann?
Verehrter Herr Kaiser, das war das Problem an diesem Tag. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir mal erklären würden, welche hellseherischen Fähigkeiten ich haben soll, um zu wissen, dass an diesem Tag nicht nur ein Problem auftaucht bei der SoWiAufgabe, sondern auch alle Welt aufgeregt ist, weil eine Zeitung darüber berichtet, dass es auf einmal Handyortungsgeräte gibt. Wussten Sie das? Konnte das Ministerium das ahnen? Ich bilde mir ein, dass ich das nicht ahnen konnte, dass an diesem Tag Zeitungsartikel auftauchen, die dann bearbeitet werden müssen.
oder anderen Fehler gegeben hat, anrufen und sagen, sie merken gerade, sie hätten die falsche Klausur bestellt und sie bräuchten eine andere? Schulleiter, die verzweifelt sind, weil sie möglicherweise eine falsche Aufgabe gestellt haben, müssen dann von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses in etwas längeren Telefongesprächen beraten werden, was sie denn jetzt am besten tun.
Ich behaupte, lieber Herr Kaiser, dass sich solche Vorkommnisse nicht vorhersehen lassen. Deshalb finde ich den Pauschalvorwurf von Schlamperei im Schulministerium auch angesichts dessen, was diese Leute da arbeiten, unangemessen.
Den weise ich auch aus Fürsorge für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurück. Solche Vorkommnisse können Sie nicht planen.
Es geht in diesem Jahr bislang – toi, toi, toi, denn die Nachschreibeklausuren laufen nämlich noch – im Wesentlichen um zwei Vorgänge. Es geht um zwei Vorgänge.
Beim Leistungskurs Sozialwissenschaften fehlte für den Schwerpunkt Wirtschaft das entsprechende Aufgabenset beim ersten Download. Der Fehler wurde nach Rückmeldungen aus Schulen innerhalb einer Stunde korrigiert. Es wurde versäumt, parallel zu dieser Korrektur die Schulen zur Sicherheit zu informieren. Das haben meine Mitarbeiter zutiefst bedauert. Sie sind nämlich ausgesprochen gewissenhaft.
Ich habe mich unmittelbar entschieden, dass wir den Abiturientinnen und Abiturienten auf freiwilliger Basis eine Nachschreibemöglichkeit einräumen, und mich ohne Umschweife bei den jungen Menschen für diesen von meinem Haus zu verantwortenden Fehler entschuldigt.
Von den potenziell 48 Schulen blieben dann aber nur vier übrig, die den Abiturienten wirklich die falschen Aufgaben gestellt haben. Ein Teil der Aufgaben war im Übrigen identisch. Auch vielleicht darum, weil das nämlich durchaus auch lösbar war – wir reden von einem Leistungskurs –, haben von potenziell 109 Schülerinnen und Schülern nur 18 von der Nachschreibemöglichkeit Gebrauch gemacht.
Der Schulleiter einer betroffenen Schule, der natürlich zunächst seinem Unmut Luft macht, kommt zu dem Schluss – ich zitiere –:
Zweitens. Der Erstellung der Mathematikaufgaben galt aufgrund der Vorgeschichte eine besondere Aufmerksamkeit, wenn Sie so wollen mit Netz und
doppeltem Boden. Im Ergebnis: Einvernehmen in den Kommissionen, anders als in den Vorjahren keine nennenswerte Rückmeldung aus den Schulen am Tag des Downloads.
Das will ich auch noch einmal sagen. Wenn die Aufgaben eingestellt sind und große Probleme auftreten, dann melden sich die Lehrerinnen und Lehrer und sagen: Moment, da stimmt etwas nicht. – Das war an diesem Tag bezogen auf das Fach Mathematik nicht der Fall. Es gab keine nennenswerten Rückmeldungen von den Fachlehrerinnen und Fachlehrern.
Erst nach dem faktischen Schreiben begann durch die Abiturientinnen und Abiturienten die öffentliche Diskussion über die Angemessenheit der Aufgaben und das Formieren des Protests.
Parallel sind aber auch gegenteilige Rückmeldungen dokumentiert, und zwar in einem nennenswerten Umfang. Es nimmt in letzter Zeit zu, dass die gegenteiligen Rückmeldungen dokumentiert werden. Sie, Herr Kaiser, scheinen sich ja nur auf die Rückmeldungen zu beziehen, in denen ein Vorwurf an das Ministerium konstruiert wird.
„Der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben war einfach nur fair. Der Umgang passte zur Bearbeitungszeit, und die geforderten Methoden waren einfacher als in den von meinem Mathelehrer üblicherweise gestellten Klausuren. Dank der im Internet veröffentlichten Anforderungen und der im Buchhandel erhältlichen Klausursammlungen der letzten Jahre war der Inhalt der Prüfungen sogar extrem vorhersehbar.“
„Meiner Meinung nach waren die Aufgaben gut verständlich und mit etwas Vorbereitung auf die Prüfung auch durchaus lösbar. Zudem wurden sie zumindest an jeglichen Schulen in Oberhausen und Mülheim entgegen mancher Aussagen alle zuvor im Unterricht behandelt.“
Obwohl die fachliche Korrektheit und grundsätzliche Lösbarkeit nicht infrage standen – ich hätte also direkt sagen können, es sei alles in Ordnung –, habe ich die Aufgabenkommission und den Fachkoordinator Mathematik um Stellungnahme gebeten, und zwar nicht abstrakt, sondern ich habe natürlich die Kommission die bis dato vorliegenden Kritikpunkte, die inhaltlich substantiiert waren, prüfen lassen und um Stellungnahme gebeten. Erst danach haben wir unseren Abwägungsprozess getroffen. Außerdem hat Herr Staatssekretär Hecke in meiner Vertretung die Petition „faires Abitur“ entgegengenommen und mit einer Delegation gesprochen.
Nach einem intensiven Abwägungsprozess habe ich gestern folgende Entscheidung getroffen: Es gibt keine Nachschreiboption oder pauschalen Bonuspunkte. Die Stellungnahme der Aufgabenkommission und die differenzierten Rückmeldungen aus der Schulöffentlichkeit, wie oben ansatzweise erläutert, rechtfertigen aus pädagogischen und rechtlichen Gründen keine Nachschreibemöglichkeit für die Mathematikaufgaben. Eine solche Entscheidung wäre willkürlich, rechtsstaatlich angreifbar und könnte die gesamte Abiturprüfung in Nordrhein-Westfalen juristisch anfechtbar machen. Dass ich nicht leichtfertig entscheide, erkennen Sie auch daran, dass ich vor zwei Jahren, als mir die Kommission gesagt hat, ich könne das stehen – die Fehler in der Aufgabenführen waren keine Fehler; das war kein Vergleich zum Oktaeder des Grauens, Herr Kaiser, das wissen Sie –, eine Nachschreibemöglichkeit eingeräumt habe, weil die Rückmeldungen seinerzeit so eindeutig kritisch waren. Ich habe mich hier aber in Kenntnis der Gesamtlage wissentlich anders entschieden.
Für die laufenden Korrekturen und Bewertungen der Klausuren in den Schulen habe ich die Fachlehrkräfte Mathematik ausdrücklich darin bestärkt, auf der Grundlage der Kriterien und unter Berücksichtigung der unterrichtlichen Voraussetzungen ihren Beurteilungsspielraum bei der Gesamtbeurteilung auszunutzen. Dies schließt ein, dass kritische Hinweise zur Formulierung und zum Umfang der Aufgaben aufgefangen werden können. Diese Entscheidung steht auch im Einklang mit der Stellungnahme der Aufgabenkommission.
Ich weiß – die Rückmeldungen sind ja erfolgt –, das stellt natürlich die betroffenen Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern, bei denen häufig der Frust über das G8 noch einmal hochkommt, nicht zufrieden. Das verstehe ich. Ich kann aber aus den oben genannten Gründen nur um Verständnis bitten.
Meine Damen und Herren, die Aufgabenkommission rechnet nicht damit, dass es zu deutlich schlechteren Ergebnissen kommen wird. Erste Rückmeldungen schon erfolgter Korrekturen stimmen mich zuversichtlich, dass sich diese Einschätzung bewahrheitet. So schreibt ein Lehrer – ich zitiere –:
„Ich bin mit meinem Kurs komplett fertig, andere Kollegen teilweise oder zum Teil auch. Die Klausuren fallen ganz normal aus, meist nahezu Punktlandungen, auch bei meinen Kollegen, so die Rückmeldungen. Andere berichten bei eigentlich schwächeren Schülern sogar von Abweichungen nach oben.“
Meine Damen und Herren, im Netz kursiert der Vorwurf, die Aufgaben seien extra schwer gestaltet worden, um den Andrang an die Universitäten zu vermindern, was ich wahrscheinlich mit Kollegin Schulze ausgeheckt hätte. Ich frage Sie: Nehmen wir uns dann ausgerechnet das Fach vor, und zwar nur das Fach, auf das in den letzten Jahren alle Welt sieht, oder stellen wir uns nicht ein bisschen
geschickter an und verteilen das auf die Fächer, damit es nicht auffällt? Dieser Vorwurf ist wirklich absurd.
Seit ich im Amt bin, gilt ein Grundsatz: Es gibt keine politische Einflussnahme auf die Aufgabenstellung. Es gibt keine Ansagen, es besonders leicht oder besonders schwer zu machen, weil es hier – das hat Frau Gebauer zu Recht gesagt – um eine Abiturprüfung geht, die bundesweit vergleichbar sein muss. Handelte man hier anders, würde man das Zentralabitur insgesamt diskreditieren, und daran sollten wir alle kein Interesse haben.
Wenn Probleme auftreten, werden sie geklärt und, wenn möglich, geheilt. Herr Kaiser, auch hier sagen Sie etwas, was nicht stimmt. Niemand, auch ich nicht, kann versprechen, dass es nie einen Fehler gibt. Denn wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Entscheidend ist, wie man mit diesen Fehlern umgeht.