Protokoll der Sitzung vom 26.09.2013

Nur sollte es hierbei nicht um Effekthascherei gehen. Die Problematik der Rechtschreibleistungen hat auch außerschulische Gründe. Es gilt hier so ein bisschen das Prinzip, aus dem Zusammenhang gerissen und falsch zitiert, gepaart mit Halbwissen.

Zurück zur Rechtschreibung: Früher hieß es, wer nämlich mit „h“ schreibt, ist dämlich. – Heute brauchen sich Kinder zumindest in der ersten Klasse nicht mehr als „dämlich“ titulieren zu lassen; ich hoffe, später auch nicht. Sie werden mit möglichst geringer Hemmschwelle an das Schreiben herangeführt. Sie schreiben, wie sie es hören, und müssen zeitnah vermittelt bekommen, dass es sich hier zunächst um ihre Kinderschreibweise handelt. Diese verlässlich in die Erwachsenenschreibweise zu

überführen, fordert das pädagogische Geschick der Lehrerinnen und Lehrer.

Wir werden selbstverständlich der Überweisung des Antrags in den Schulausschuss zustimmen. Jedoch Ihre gewünschten Untersuchungen durchzuführen, das dürfte schwierig werden. Es kann aber nicht schaden, sich mit dem grundsätzlichen Problem der Rechtschreibleistungen sachlich auseinanderzusetzen. Wir sollten ernsthaft überlegen, wie wir die Lehrpläne entfrachten können.

Den Blick sollten wir anschließend auf eine stärkere Gewichtung des Erwerbs und der Festigung der Kulturtechniken legen. Unser Gehirn Google und den Rechtschreibprogrammen anzuvertrauen, kann nicht Ziel einer verantwortungsvollen Bildungspolitik sein. – Ich danke Ihnen.

(Beifall von der CDU, der SPD, den GRÜNEN und den PIRATEN)

Vielen Dank, Frau Korte. – Und nun spricht für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Herr Kollege Bas.

Sehr geehrter Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Zuerst einmal eine Feststellung: An unseren Grundschulen in Nordrhein-Westfalen wird gute und professionelle Arbeit geleistet. Täglich leisten Tausende Lehrkräfte pädagogische Qualitätsarbeit, die durch eine breite Standardsicherung in den Lehrplänen des Landes Nordrhein-Westfalen abgesichert wird.

Bei der Lektüre des wirklich dramatischen FDPAntrages, der interessanterweise eine Synopse eines „SPIEGEL“-Artikels ist, wird die Methode „Lesen durch Schreiben“ als Ursache für angeblich katastrophale Ergebnisse in der Rechtschreibung unserer Kinder gesehen. Es wird der Eindruck erweckt, als ob unsere Grundschulen zu pädagogischen Experimentierlaboren verkommen, in denen ohne Regeln gearbeitet wird.

Der Antrag suggeriert ein Verständnis von Sprachunterricht in den nordrhein-westfälischen Grundschulen, welche scheinbar strikte methodische Vorgaben durch das Land bei der Gestaltung von Unterricht vorsieht. In Wirklichkeit entscheiden unsere Pädagoginnen und Pädagogen bei der Wahl der Unterrichtsmethoden selbst, um bestimmte Kompetenzstufen zu erreichen.

Wenn ein Kind Förderbedarf hat, so greift die im Schulgesetz verankerte individuelle Förderung, die an unseren Schulen überall im Land durchgeführt wird. Auch entscheidet die Schule durch didaktische Jahresplanungen und in Fachkonferenzen selber darüber, wie im Unterricht in den einzelnen Fächern vorgegangen wird.

Diese pädagogische Freiheit möchte ich auch weiterhin haben wollen; denn unsere Lehrerinnen und

Lehrer wissen doch selbst am besten, was gut für unsere Kinder ist. Daher wundert mich das Anliegen der FDP, aufgrund eines „SPIEGEL“-Artikels sofort nach dem Staat zu rufen, wenn eine solche Frage doch auch von einer Fachkonferenz geklärt werden kann.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Das hat schon etwas von Sozialismus und bevormundet unsere Schulen.

Ich glaube, dass wir über die didaktischen Fragen des Sprachunterrichts sachlich diskutieren müssen, und nicht politisch. Wir haben im Ausschuss selbstverständlich zu klären, was an der Kritik bezüglich der Methoden „Lesen durch Schreiben“ dran ist. Ich habe in meiner Lehrerausbildung gelernt, dass der Lernfortschritt von Schülerinnen und Schülern nicht nur alleine von einer einzigen Methode abhängt, sondern auch von einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Deshalb freue ich mich auf eine dementsprechende Beratung im Ausschuss und eine angeregte Diskussion. Wie ich gehört habe, soll es auch noch eine Anhörung dazu geben. In diesem Sinne – herzlichen Dank!

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Danke schön, Herr Kollege Bas. – Und nun spricht für die Piratenfraktion Frau Kollegin Rydlewski.

Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Damen und Herren! Wie bei so vielen Dingen, die mit dem Thema „Schule“ zu tun haben, ist die Gefahr groß, dass auftretende Probleme sehr schnell polemisiert werden und aus möglicherweise schwierigen Situationen „Katastrophen“ gemacht werden.

In meiner persönlichen Erfahrung scheint gerade im Bereich Schule immer irgendetwas falsch zu laufen. Was damit im Einzelnen gemeint ist, hängt sehr von der Sicht der jeweils betroffenen Schülerinnen, Lehrerinnen oder eben der Eltern ab. Das macht weder den schulischen Alltag noch schulpolitische Entscheidungen einfach.

Schulen und Lehrerinnen werden aus guten Gründen sehr weitgehende Freiheiten bezüglich der Wahl ihrer pädagogischen Konzepte zugestanden. Es bleibt aber doch immer eine politische Verantwortung; denn schließlich geht es in allen Bereichen, die mit Schule zu tun haben, um die Entwicklungs- und Lebenschancen ganzer Generationen.

Wer also wirklich der Meinung ist, dass Bildung das A und O in einem modernen Industriestaat wie der Bundesrepublik Deutschland ist – wie es ja so oft und gerne gesagt wird –, der muss dann auch dafür sorgen, dass diese Bildung bestmöglich und auf

dem aktuellen Stand ist, und dass alle beteiligten Institutionen ihren Bildungsauftrag erfüllen können.

Das fängt sicherlich damit an, dass die mit Bildung befassten Institutionen – angefangen vom Kindergarten bis zu den Hochschulen – mit einer adäquaten finanziellen und personellen Ausstattung versehen werden müssen. Das ist ein leidiges Thema, über das wir sicherlich an anderer Stelle noch öfter reden müssen.

Wir sollten aber auch im Hinterkopf behalten, dass Bildungsmethoden sich weiterentwickeln und gewissen Moden und teilweise gegenläufigen Bewertungen ausgesetzt sind, und es daher gerade die Pflicht der Verantwortlichen sein muss, stets ein Auge darauf zu haben, ob diese Methoden den gewünschten Erfolg erzielen – oder eben nicht. Wir sollten aber nicht so weit gehen, Schülerinnen und Lehrerinnen unnötig zu bevormunden. Eine regelmäßige Evaluation all dessen, was im schulischen Bereich vor sich geht, sehe ich allerdings als sinnvoll an.

Da es sicherlich unstrittig ist, dass die Methode „Lesen durch Schreiben“ in der letzten Zeit in einer ausgeprägten und sehr kontroversen Diskussion stand, kann es aus meiner Sicht auch kein Fehler sein, diese Methode einer näheren Betrachtung zu unterziehen, egal wie man nun persönlich zu ihr steht. Vor diesem Hintergrund finde ich die Punkte 1, 2, 3 und 5 des Antrags der FDP-Fraktion durchaus nachvollziehbar.

Die in Punkt 4 erhobene Forderung nach sofortiger Aussetzung der Methode „Lesen durch Schreiben“ sowie der hieraus abgeleiteten Methoden allerdings erschließt sich mir nicht und erscheint mir ein populistischer Schnellschuss zu sein.

Was, wenn sich in der geforderten Evaluation herausstellt, dass es doch nicht die Methode „Lesen durch Schreiben“, sondern andere Gründe sind, die Kinder möglicherweise am Erlernen korrekter Rechtschreibung hindern?

Was, wenn die Rechtschreibkatastrophe nur gefühlt, aber gar nicht real existiert? Dann hätten wir vorschnell eine einzelne Lehrmethode diskreditiert und völlig unnötig in die Freiheit der Methodenwahl von Schulen und Lehrerinnen eingegriffen.

Wir werden das im Ausschuss diskutieren müssen. Ich freue mich darauf. – Danke schön.

(Beifall von den PIRATEN)

Vielen Dank, Frau Rydlewski. – Für die Landesregierung spricht nun Frau Ministerin Löhrmann.

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bin für die in weiten Teilen sachlich

geführte Debatte sehr dankbar, insbesondere Ihnen, Frau Korte, weil Sie fachlich und verantwortlich Position bezogen haben und hier nicht auf einen populistischen Zug aufgesprungen sind.

Der Antrag der FDP dramatisiert und pauschalisiert Rechtschreibdefizite, die es gibt, doch der Antrag bildet die Realität in keiner Weise ab. Die von manchen empfundene mangelhafte Rechtschreibfähigkeit von Kindern und Jugendlichen ist empirisch nicht bestätigt. Das zeigt ein Blick in die IGLUStudie oder den IQB-Ländervergleich. Auch der VBE bescheinigt den Grundschulen – ich zitiere –: „Rechtschreibunterricht funktioniert!“

Herr Lindner hat gestern Herrn Beckmann und den VBE als wegweisend und nahe an der Praxis beschrieben. Ich empfehle den Artikel in der Verbandszeitung.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Uns sind natürlich die Rechtschreibdefizite Einzelner nicht gleichgültig, und Rückmeldungen von besorgten und verunsicherten Eltern, die vielleicht durch die große Rechtschreibreform der 90er-Jahre subjektiv verstärkt werden, sind in jedem Fall ernst zu nehmen. An dieser Stelle jedoch eine Argumentation an den Tag zu legen, wie es die FDP tut, halte ich für völlig übertriebene pauschalisierende Panikmache, und sie ist extrem unfair der hervorragenden Arbeit unserer Lehrerinnen und Lehrer in den Grundschulen gegenüber. Das möchte ich hier einmal ausdrücklich feststellen.

(Beifall von den GRÜNEN)

Wie für jede Unterrichtsmethode gilt auch für das Konzept „Lesen durch Schreiben“, dass es sich nicht um eine autodidaktische Methode handelt. Selbstverständlich werden die Schülerinnen und Schüler in ihrem individuellen Lernweg unterstützt. Dies ist auch die Vorstellung, die der VBE von individuellem Rechtschreibunterricht hat.

Mit Preisen ausgezeichnete Schulen wie die Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund, die WartburgGrundschule in Münster oder die Ketteler-Schule in Bonn arbeiten erfolgreich mit einem schulinternen Rechtschreibkonzept, das verknüpft mit weiteren Materialien den Grundsätzen des Prinzips „Lesen durch Schreiben“ folgt.

Ohne zu sehr auf die fachlichen Aspekte dieser Methode eingehen zu wollen, werden selbstverständlich die Grundlagen gelehrt, die der Lehrplan vorsieht, beispielsweise die Einsicht in die Lautstruktur der Sprache sowie die Laut-Buchstaben

Entsprechung der Alphabetschrift. Der Lehrplan beschreibt sehr detailliert, welche Kompetenzen wann erwartet werden, und selbstverständlich ist die Rechtschreibung auch ein Element der Leistungsbewertung.

Auch im Erlernen der Rechtschreibung setzen wir auf die Eigenverantwortung der Schulen, die Quali

tät des Unterrichts und die Kompetenz der Lehrkräfte. Sie gestalten die Förderung der Schülerinnen und Schüler mit einem hohen Maß an Verantwortung. So verfahren im Übrigen sehr viele Bundesländer, unter anderem Hessen, Niedersachsen, Saarland und Bayern, vier Bundesländer in denen Sie zumindest mal mit regiert und auch dort nicht eingegriffen haben. Das zeigt doch, wie unseriös hier das Vorgehen der FDP ist, meine Damen und Herren.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Beide Forderungen der FDP sind abzulehnen, weil sie an der Realität vorbeigehen.

Erstens: Da es bereits verbindliche Vergleichsarbeiten als Maßnahme zur Weiterentwicklung der Unterrichtsqualität gibt, sind keine neuen Erhebungen notwendig.

Schon unabhängig von dieser Debatte liegt ein zentrales Augenmerk auf der Rechtschreibung an unseren Schulen, und wir haben bereits vielfältige Möglichkeiten der Qualitätsanalyse.

Zweitens. Ein Verbot von Methoden ist absolut nicht hilfreich. Zum einen gibt es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die eine solche Vorgehensweise rechtfertigen, zum anderen wäre dies für mich ein nicht akzeptabler Eingriff in die Eigenverantwortung der Schulen und die selbstständige Gestaltung des Unterrichts durch die Lehrkräfte. Das haben alle bis auf die FDP erfreulicherweise in großer Einmütigkeit hier gesagt.

Wir wollen Methodenvielfalt in unseren Schulen. Denn schließlich sind auch unsere Schülerinnen und Schüler vielfältig. Unsere Schulen und unsere Lehrkräfte wissen am besten, wie sie bestimmte Fertigkeiten vermitteln und darüber mit Eltern ins Gespräch kommen. Die vorhandenen Möglichkeiten, dies zu überprüfen, halte ich für völlig ausreichend. Ich hoffe, dass die Debatte im Ausschuss ähnlich differenziert und nach vorn gerichtet geführt wird, statt zu pauschalisieren und die Arbeit in den Grundschulen zu diskreditieren. Das halte ich für nicht zielführend. – Herzlichen Dank.