Protokoll der Sitzung vom 27.03.2014

Deshalb ist die Forderung, bei der Ausgestaltung des Landesvorhabens „Kein Abschluss ohne Anschluss“ eine gendersensible Berufswahlorientierung stärker zu gewichten und Mädchen entsprechend in den Blick zu nehmen, richtig. Dazu brauchen wir aber auch auf Bundesebene eine flächen

deckende Ausweitung von Gender-Trainings für die Beschäftigten der Berufsberatungen in den Arbeitsagenturen.

Sie merken: Alles gute Gründe, unserem Antrag zuzustimmen. Dazu lade ich alle Fraktionen des Landtages ein; denn es ist sicherlich unser gemeinsames Ziel, stereotypes Berufswahlverhalten von Mädchen und jungen Frauen zu durchbrechen. Gleichzeitig wäre eine Zustimmung zu unserem Antrag für den heutigen „Girls’Day“ ein wichtiges Signal. – Vielen Dank.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Vielen Dank, Frau Kollegin. – Für die zweite antragstellende Fraktion Bündnis 90/Die Grünen spricht Frau Kollegin Paul.

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Allen Girls’Days und Boys’Days zum Trotz ändert sich das Berufswahlverhalten junger Menschen kaum. Scheinbar zieht es Mädchen und Jungen nach der Schule auf vermeintlich sicheres Terrain. Mädchen wählen überdurchschnittlich häufig sogenannte Frauenberufe und Jungen sogenannte Männerberufe. In nur wenigen Berufsfeldern spielt das Geschlecht kaum eine Rolle.

Bekannte Rollenbilder scheinen jungen Menschen eine vermeintliche Sicherheit auf ihrem Weg durch den Dschungel der Lebensplanung zu geben. Bei allein 350 Ausbildungsberufen ist es schwierig, den richtigen zu finden, zumal wenn die Jugendlichen mit 15 oder 16 – aber auch mit 17 oder 18 – neben der Berufsfindung auch noch damit beschäftigt sind, ihre eigene Identität zu finden. In dieser Phase scheint es besonders schwierig, festgefahrene Rollenbilder aufzubrechen und den Jugendlichen Perspektiven jenseits festgefahrener und ausgetretener Rollenbilder aufzuzeigen.

Bei Frauen ist die Konzentration auf Berufsgruppen, die von einem Geschlecht dominiert werden, noch ausgeprägter als bei Männern. Laut Zahlen von IT.NRW waren 1999 67,7 % der weiblichen Erwerbstätigen in einem Bereich tätig, der zu den Frauenberufen gezählt wird. Zehn Jahre später waren es 67,1 %. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich diese Zahl im Verlauf weiterer zehn Jahre wesentlich ändern wird.

Wenn diese Berufswahl den eigenen Interessen entspricht, spricht aus meiner Sicht auch überhaupt nichts dagegen, in solche Berufszweige zu gehen.

Über die dringend notwendige Aufwertung und gerechte Entlohnung dieser Tätigkeiten haben wir schon ausführlich gesprochen. Denn es geht ja nicht darum, alle Mädchen und alle Frauen in andere besser bezahlte Berufszweige zu befördern, son

dern es geht darum, die eigenständige Existenzsicherung von Frauen zu ermöglichen, und das in dem Beruf, den sie für sich als den richtigen anerkannt und ausgewählt haben.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Allerdings gilt es, genau hinzuschauen und möglicherweise auch ganz neue Talente zu entdecken. Dazu trägt der Girls’Day bei. Und er kommt auch an bei den Mädchen. 95 % der Mädchen gaben an, ihnen habe der Girls’Day gut oder sogar sehr gut gefallen. Immerhin 35 % konnten sich vorstellen, ein Praktikum oder gar eine Ausbildung in einem der vorgestellten Betriebe zu machen.

Auch die Unternehmen profitieren; denn durch den Girls’Day werden viele Unternehmen überhaupt erst auf die Potenziale von Frauen und Mädchen aufmerksam gemacht. Er ist also keine Einbahnstraße, die nur einseitig Mädchen neue Perspektiven eröffnen hilft, sondern auch Unternehmen öffnet er die Augen, neue Potenziale und auch neue Mitarbeiterinnen zu finden.

Aber genau wie beim Boys’Day ist die Berufswahlorientierung kein Tagesausflug. Deshalb fördern wir Geschlechtersensibilität als Schlüsselkompetenz für die Begleitung von Jugendlichen im Übergang Schule und Beruf und erweitern so den Blick für die Wahrnehmung individueller Kompetenzen, aber auch für das kritische Hinterfragen vermeintlicher Zuschreibungen nach Geschlecht.

Mit dem Projekt „GenderKompetent“ fördert die Landesregierung ein Projekt, das genau dort ansetzt. Das FrauenForum Münster, die FUMA Fachstelle Gender, das Handwerkerinnenhaus in Köln und das Kompetenzzentrum Technik-DiversityChancengleichheit haben sich zusammengeschlossen, um im Verbund die kommunalen Akteurinnen und Akteure zu beraten und zu qualifizieren. Berufsberaterinnen und Berufsberater, Vertreterinnen und Vertreter von Kammern und Verbänden und alle anderen an dem Prozess Beteiligten sollen fit gemacht werden, um Übergangsprozesse geschlechtersensibel und genderkompetent gestalten zu können.

Aber auch die Schule ist gefragt. Die neue Potenzialanalyse soll helfen, die individuellen Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen systematisch in die Berufsfindung einzubeziehen. Ein zentraler Baustein muss dabei ganz eindeutig die Geschlechtersensibilität sein. Denn bislang sind Geschlechterrollen offensichtlich ein ganz starker Berufsberater. Nur, ob das auch immer ein guter Ratgeber ist, ist eine andere Frage. Deswegen ist eine verstärkte Einbeziehung von Gendersensibilität sowohl für die Jungen als auch für die Mädchen ganz zentral bei einer Neuausrichtung der Berufswahlorientierung von Jugendlichen. – Vielen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Vielen Dank, Frau Kollegin Paul. – Für die CDU-Fraktion spricht Frau Kollegin Milz.

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Auch ich finde den Girls’Day klasse. Ich habe dabei schon viele Mädchen in das Thema „Politik“ eingeführt. Das hat auch schon zu dem einen oder anderen Interesse an der Jungen Union geführt.

(Heiterkeit und Beifall von der CDU)

Beim Lesen der Überschrift des vorliegenden Antrages denkt man erst mal: Prima! – Liest man weiter, kommt aber in vielen Worten leider nicht viel und schon gar nichts Neues. Ich hatte ein bisschen den Verdacht, dass hiermit – genau wie gestern mit dem Antrag zum Equal Pay Day – ein Jahresereignis abgehakt werden soll. Nachher hat sich bei mir die Vermutung noch verstärkt, dass das so ist, weil es nämlich eine direkte Abstimmung gibt, das heißt eine vertiefte Diskussion in den Ausschüssen wohl gar nicht erwünscht ist. Wenn wir nämlich dort diskutieren würden, dann könnten wir auch Frauen einladen, die gute Ideen haben, wo man ansetzen könnte, Frauen, die selbst ihren Weg gemacht haben und heute erfolgreich weiblich mitten im Leben stehen.

Wir haben das gestern mit drei Arbeitsgruppen unserer Fraktion getan. Wir haben Unternehmerinnen eingeladen. Die waren unglaublich spannend und haben uns auch sehr viel Spannendes aus ihrer Vita erzählt und auch von den Sachen, die sie für zukunftswürdig halten würden.

Wir haben auch über die Gründe gesprochen, woher das auch von den Antragstellern zu Recht beklagte Wahlverhalten eigentlich kommt und was man vielleicht anders machen kann, wo man anders ansetzen kann, als das die Antragsteller hier leider tun. Ich nenne Ihnen mal Beispiele dafür, alle aus den gestrigen Gesprächen, die mich wirklich sehr begeistert haben.

Junge Mädchen entscheiden über ihren Berufswunsch auch danach, welches Image eine Tätigkeit hat. Die Vorstellungen davon, welche Tätigkeiten schön sind und welche eben nicht, verändern sich über Generationen. Wenn wir aber nicht so lange warten wollen, bis eine neue Mädchengeneration Blaumänner schick findet, sollten wir darüber nachdenken, wie wir das Image von Blaumännern verbessern können.

Frau Kollegin Milz, wenn ich einmal unterbrechen darf: Frau Paul würde Ihnen gerne eine Zwischenfrage stellen. Wollen Sie die zulassen?

In Ordnung, ja.

Dann machen wir das so. – Frau Paul, bitte schön.

Vielen Dank, Herr Präsident. – Vielen Dank, Frau Kollegin, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. Sie hatten ja gerade ausgeführt, dass Sie es schade finden, dass der Antrag nicht überwiesen wird, da man sich im Ausschuss ja vertieft mit den Projekten auseinandersetzen könnte.

(Andrea Milz [CDU]: Genau!)

Würden Sie mir zustimmen, dass sich der Ausschuss in den letzten zwei Sitzungen zum einen ausführlich mit dem Übergangssystem Schule und Beruf beschäftigt hat – eingeladen war auch das Konsortium, von dem ich gerade gesprochen habe – und zum anderen in der letzten Sitzung mit Vertretern eines Universitätsprojekts zur Förderung von Mädchen in MINT-Berufen diskutiert hat?

Die Tagesordnungen konnten wir natürlich beide lesen, da wir des Deutschen mächtig sind. Also: Ja.

Ich meine aber, man sollte noch über ganz andere Sachen diskutieren. Deswegen will ich Ihnen jetzt ein paar Beispiele nennen, die bei uns gerade gestern erst aufgekommen sind. Meine Bitte wäre es gewesen, sich mal nicht nur auf das zu konzentrieren, was wir in NRW schon haben – mit einem Effekt, der vielleicht zu gering ist, was wir alle ja immer wieder beklagen –, sondern tatsächlich auch mal neue Ideengeber einzuladen, auf die wir vielleicht nicht sofort kommen.

(Beifall von der CDU)

Ich führe das einfach mal weiter aus und komme zu der Frage: Was ist heute Image? Sie alle wissen das selber: Manche Sachen werden einfach nur deshalb abgelehnt, weil sie ein schlechtes Image haben. Was kann man also tun?

Wenn ich zum Beispiel Unternehmen anspreche, die Mädchen oder junge Frauen beschäftigen, die erfolgreich „andere“ Berufe ergriffen haben und zum Beispiel als Mechatronikerinnen, Schreinerinnen oder Ingenieurinnen arbeiten, und diese bitte, persönlich in Schulen zu gehen, dann wirken diese Besuche ganz anders, als wenn ich mir das von einem Professor theoretisch bescheinigen lasse. Das ist nur eine Idee, um Vorurteile abzubauen und Vorbilder dahin zu schicken, wo junge Frauen wirklich noch offen sind für neue Ideen. In späteren Jahren sind sie dies ja oftmals nicht mehr.

Ein weiteres Beispiel wurde gestern auch diskutiert: Junge Mütter erkennen nicht selten, dass sie Familie und Beruf viel flexibler unter einen Hut bekommen können, wenn sie sich selbstständig machen. Obwohl man vermuten könnte, dass gerade junge Mütter sehr stark auf Sicherheit setzen, gibt es

überall Beispiele dafür, dass der Sprung in die Eigenständigkeit bei entsprechender Unterstützung erfolgreich geschafft werden kann und die Lebenszufriedenheit dadurch steigt. Haben wir hier wirklich schon alles getan, um Existenzgründerinnen – und hier speziell jungen Müttern – zu helfen?

Erlauben Sie mir, noch ein Beispiel zu nennen: Wer hilft, Frauen anzusprechen und ihnen Mut zu machen, wenn es zum Beispiel um eine Unternehmensnachfolge geht? Wir stehen bei Firmenübergaben vor großen Generationswechseln, die unglaubliche Chancen für Frauen bieten, Verantwortung zu übernehmen und dabei tatsächlich glücklich zu werden. Nicht jede Frau kommt auf die Idee, dass das etwas für sie sein könnte. Helfen wir ihnen doch dabei, sie auf diese Idee zu bringen.

Damit das gelingt, brauchen die vielen Handwerksbetriebe weiblichen Nachwuchs. Er muss nicht immer aus Haupt-, Gesamt- oder Realschulen kommen. Viele Studierende erkennen nach einiger Zeit, dass sie nicht auf dem richtigen Weg sind. Gerade Studienabbrecherinnen könnte man aktiv Chancen in einem Ausbildungsberuf bieten, um vielleicht einen ganz anderen Weg als den ursprünglich geplanten zu beschreiten – möglicherweise nicht in einem Büro, aber zufriedenstellend und durchaus zur vielfältigen Weiblichkeit passend.

In diesem Sinne hätte ich mir jetzt mehr Raum für wirklich neue Ideen und Diskussionen gewünscht. Da Sie das als Regierungsfraktionen aber nicht wollen, werden wir Ihrem Antrag der vielen Worte und der inhaltlichen Leere nicht zustimmen können.

(Beifall von der CDU)

Vielen Dank, Frau Kollegin Milz. – Für die FDP-Fraktion spricht jetzt Frau Kollegin Schneider.

Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Schön, dass wir nach dem FDP-Antrag zum Boys’Day von Rot-Grün nun einen Antrag zum Girls’Day vorgelegt bekommen!

Die relativ geringe Bereitschaft von Mädchen, einen technischen Beruf zu ergreifen, ist in der Tat bedauerlich und hat für die Wirtschaft gravierende Auswirkungen; denn gerade in den technischen Berufen droht ein Mangel an qualifizierten Nachwuchskräften. Das Landesvorhaben „Kein Abschluss ohne Anschluss – Übergang Schule-Beruf in NRW“ stellt auch aus unserer Sicht einen wichtigen präventiven Beitrag in der Ausbildungspolitik dar. Schülerinnen und Schüler können künftig noch gezielter über Ausbildungsmöglichkeiten und Berufschancen informiert werden.

Daher haben wir uns in unserem Antrag zum Thema „Boys’Day“ mit der Neugestaltung des Übergangssystems positiv auseinandergesetzt. Es wird

auf dem Arbeitsmarkt hoffentlich Druck aus dem Kessel nehmen, indem es einen Beitrag zur Entspannung auf dem Markt für den Fachkräftenachwuchs leistet.

Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, sind einige Unternehmen richtigerweise und auch in ihrem eigenen Interesse ausgesprochen kreativ geworden, beispielsweise ein DAX-notiertes Chemieunternehmen aus Leverkusen.

Um sich qualifizierte Fachkräfte zu sichern, sind die Aktivitäten im Bereich des Ausbildungsmarktes im Jahr 2012 verstärkt worden. So beteiligt sich das Unternehmen an regional wichtigen Ausbildungsmessen und nimmt mit unternehmenseigenen Events wie „neXt Azubi“ gezielt interessierte junge Menschen ins Visier. Weiterhin beteiligt sich das Unternehmen am Girls’Day und fördert mit seinem Programm „XOnce“ junge Menschen mit fehlender Ausbildungsreife, mit dem Ziel, diesen eine spätere Ausbildung zu ermöglichen. Abgerundet werden diese Aktivitäten dadurch, dass Kinder und Jugendliche an ihren Schulen besucht werden, um diese für technische Berufe zu begeistern – und zwar schon ab der Grundschule.

Grundschüler? – Genau das macht Sinn; denn mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule sind die ersten Weichen bereits gestellt: Regelklasse, MINT-Klasse oder doch die Sprachenklasse?

Ich besuchte kürzlich ein Gymnasium in meiner Heimatstadt und konnte hier feststellen: Die Sprachenklasse besteht zu 70 % aus Mädchen, eine MINT-Klasse besteht sogar zu 100 % aus männlichen Schülern. Dies beweist wieder einmal sehr deutlich: Mädchen und Jungen sind zwei paar Schuhe bzw. Geschlechter und die altbekannten Rollenklischees gibt es nach wie vor. Um diese Rollenklischees aufzubrechen, müssen wir viel früher als bisher Talente identifizieren und unterstützen.