Für die Messung von Bildungsfortschritt und Verstehensprozessen allerdings ist dieses Messinstrument völlig ungeeignet. Deshalb misst man mit der Qualitätsanalyse auch nicht den Bildungsfortschritt von Schülerinnen und Schülern, sondern Abläufe innerhalb der Schule und des Unterrichts, die sich quantifizieren lassen.
Im Unterricht sind das unter anderem der Einsatz von Medien, der Zeitanteil verschiedener Unterrichtsmethoden und Sozialformen, der Aktivitätsanteil von Lehrkraft und Schülern, der Anteil der individuellen Lernwege im gesamten Lernprozess, der Umgang mit Sprache, die Problemorientierung der Stundenanlage – um nur die wichtigsten zu nennen. Dies alles hält der Qualitätsprüfer in einer Hospitationsphase von 20 Minuten fest. Er besucht also während einer Unterrichtsstunde zwei verschiedene Klassen und platzt auch mitten in den Unterricht hinein.
Die Urteile der Qualitätsprüfer lauten dann auch schon mal so – dieses Zitat habe ich aus einer Abschlussbeurteilung übernommen –:
Bezüglich vieler Kriterien zeigen sich Stärken an dieser Schule. Es sind insbesondere zu nennen: die Schülerorientierung, die in der Regel den Lernprozess unterstützende Lernumgebung, das Unterrichtsklima sowie die Qualität der eingesetzten Medien.
Zum Verstehensprozess ist hier natürlich nichts gesagt. Jetzt kommt es aber – natürlich als Kritik –:
Entwicklungsbedarf sieht das Qualitätsteam in der stärkeren Individualisierung von Unterricht und der häufigeren Übertragung von Selbstverantwortung für den Lernprozess besonders im Hinblick auf Planungsbeteiligung von Schülerinnen und Schülern
und wie viel Zeit dann der Tatsache geopfert werden soll, dass Schüler ihren Unterricht ständig selbst planen sollen. Hier scheint man doch in autoritärer Form den Lehrern eine Unterrichtsform vorschreiben zu wollen und ihre pädagogische Freiheit massiv einzuschränken.
Letztlich entpuppt sich die Qualitätsanalyse als Instrument eines Obrigkeitsstaates, mit dessen Hilfe er seine Beamten zu Ausführenden seiner eigenen Vorstellungen degradiert. Die Lehrkräfte bräuchten aber Freiheit für ihren Unterricht.
Jetzt könnte man ja sagen: Qualitätssicherung muss man natürlich haben, selbstverständlich. – Aber eben nicht auf diese Weise. Denn wenn sie doch so effizient ist – seit 2005 gibt es sie –, wie ist es dann zu erklären, dass es zu einem Bildungsabbau kommt? Das müsste doch im Gegenteil zu einer Bildungsexplosion in diesem Lande führen. Eigentlich müssten die Schulen glänzen.
Nein, die unselige Allianz einer scheinmodernistisch orientierten, damals wenigstens neoliberal agierenden CDU/FDP mit einer utopistisch-autokratisch ausgerichteten Linken hat zu der katastrophalen Zerstörung unseres Bildungssystems geführt.
In der Qualitätsanalyse bildet sich diese unselige Allianz wunderbar ab: auf der einen Seite betriebswirtschaftliche Maßstäbe der Leistungsmessung von Schulen, die handelnde Menschen dort zu ökonomischen Größen herabwürdigt, auf der anderen Seite gleichzeitig damit verbunden die Möglichkeit, ideologisch motivierte Kriterien für Unterricht als Richtlinie zu setzen, nach denen sich – natürlich unter Aufgabe der eigenen Freiheit – alle zu richten haben, unabhängig vom Erfolg dieses Modells.
Interessant war die Aussage eines Qualitätsprüfers mir gegenüber in der Pilotphase der Qualitätsanalyse 2005 – ich habe das nämlich sofort mitmachen dürfen –, der sich ebenfalls beklagte, dass der Anteil von kooperativen Lehrformen unglaublich wenig zu beobachten gewesen sei und dass das doch eigentlich
zum Unterricht nicht passe. Was ihn allerdings besonders erfreut hat: Die Stundenergebnisse, also die Erkenntnisse, die die Schüler jeweils in den Stunden gewonnen haben, seien doch hervorragend gewesen.
Ich erlaubte mir zu antworten, dass möglicherweise ein Zusammenhang bestehe zwischen Plenum und lehrerorientiertem Unterricht und den hervorragenden Ergebnissen der Schülerinnen und Schüler. Da konnte er mir nur zustimmen, wenn auch schweigend.
Man muss sich nicht wundern, dass das Bildungsniveau in diesem Land gesunken ist, wenn die Lehrkräfte zu Unterrichtsmethoden gezwungen werden, die zwar formale Kriterien einhalten, jedoch das Ziel von Unterricht gar nicht mehr verfolgen.
Es gibt viele Lehrer, die vermuten, die QA sei lediglich ein trojanisches Pferd, mit dessen Hilfe die Kriterien von Unterricht installiert werden, die im Referenzrahmen Schulqualität vorgegeben sind. Darin ist die Ausrichtung von Lehr- und Lernprozessen auf selbstständiges und selbstreguliertes Lernen die Kernforderung, der sich alle anderen unterzuordnen haben.
Selbstreguliertes Lernen impliziert aber ein bestimmtes methodisches Prinzip, das einer didaktischen Logik – der Selbststeuerung – und einer weltanschaulichen Prämisse – dem Konstruktivismus – verpflichtet ist. Beide sind höchst umstritten und stehen in diametralem Gegensatz zu den Bildungsvorstellungen, die bisher für die Einrichtung unseres Bildungssystems und die Unterrichtsgestaltung maßgebend waren. – Herzlichen Dank.
Herr Landtagspräsident! Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Die Qualität unserer Schulen zu steigern und die Unterrichtsentwicklung voranzutreiben, ist das oberste Ziel der NRWKoalition.
Wir wollen wieder beste Bildung ermöglichen und die Potenziale unserer Schulen sowie unserer Lehrerinnen und Lehrer weiter stärken. Das ist nach jahrzehntelanger verfehlter Bildungspolitik in NRW – vor allem in den letzten sieben Jahren – schwer genug.
Im Jahr 2006 wurde von der damaligen Landesregierung ein neues zentrales Messinstrument für die Entwicklung und Sicherung der Qualität eingeführt. Eine Entwicklung, so auch jede Schulentwicklung, ist ein
ständiger Prozess, der sich den aktuellen Herausforderungen stellen muss. Ein Prozess benötigt eine Bestandsaufnahme, damit er weiterentwickelt werden kann. Ganz platt gesagt: ohne Anfang auch kein Ende.
Damit komme ich zum Antrag der AfD. Hier gilt eher der Spruch: kein Anfang und kein Ende. Bei der Durchsicht des Antrags fand ich in Ihrer Argumentation keinen wirklich begründeten Anfang. Ich fand ein Ende, das, wie so oft bei Ihren Anträgen, nur ein direktes Beenden sieht, ohne sich den Entwicklungen im Prozess zu widmen.
Ihre Darstellungen zur Auflösung des Landesinstituts in Soest und zur Neugründung von QUA-LiS haben nur indirekt etwas mit Ihrer Intention zu tun, die Qualitätsanalyse abzuschaffen. Ihre Darstellungen hinsichtlich der Kosten helfen auch nicht weiter, um die Qualität an den einzelnen Schulen zu verbessern.
Ihre Vergleiche, beispielsweise mit den marktwirtschaftlichen Instrumenten, machen keinen Unterricht besser. Alle Instrumente einer Messung bedürfen einer Überprüfung und eines genauen Hinsehens.
Der politische Dreiklang unseres Ministerpräsidenten Armin Laschet – Zuhören, Entscheiden und Handeln – bestimmt auch unsere politische Arbeit. Die NRW-Koalition wird sich von keiner der Oppositionsparteien drängen lassen, von diesem Grundsatz abzukehren.
Dies gilt für uns bei allen bildungspolitisch relevanten Themen. Wir springen nicht auf die Züge der AfD oder der anderen Parteien auf, sondern wir schauen genau hin.
Kommen wir zum Hinsehen: Ja, auch wir sehen im Bereich der Qualitätsanalyse Handlungsbedarf. Aus eigener Erfahrung, aber auch aus vielen Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen sehen wir die Notwendigkeit, beim Prozess noch einmal genauer hinzuschauen. Die Zielrichtung und der Aufwand müssen klar definiert werden.
Die Anhörung im Jahr 2015 zeigte bei den damaligen Experten eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung über die Effizienz der Qualitätsanalyse. Die Erfahrungen der Schulen sind insgesamt sehr unterschiedlich, weil die Voraussetzungen, die Entwicklungsprozesse und somit auch die Ergebnisse je nach Schulform und nach Lage der Schule sehr unterschiedlich ausfallen.
Das ist bei vielen Dingen in unserem Land so. Schulen in sozialen Brennpunkten oder Schulen in bester Wohnlage haben andere Herausforderungen, aber auch andere Chancen bei der Schulentwicklung. Das heißt aber nicht, dass eine Prozessbetrachtung nicht auch Sinn machen könnte.
Ich persönlich muss den QA-Prüfern, die im Jahr 2015 in meiner Grundschule waren, eine hohe Professionalität, große Fachkenntnis und eine hervorragende Beratungskompetenz bescheinigen. Die aus der Qualitätsanalyse erarbeiteten Zielvereinbarungen waren für meine Schule durchaus ein Gewinn und wurden für die Schulentwicklung genutzt. Ob jedoch der Aufwand, vor allem im personellen Bereich, diesen Gewinn aufwiegt, stand auch hier infrage.
Dies muss für unsere kommenden Beratungen und Diskussionen aber die Grundlage sein, vor allem vor dem Hintergrund, dass wir als NRW-Koalition den Lehrerinnen und Lehrern zukünftig mehr Zeit geben wollen und wir uns eine Entbürokratisierung wünschen. Nach dem genauen Hinsehen werden wir entscheiden und anschließend handeln. Dies geschieht nach dem Duktus: Wir steigern die Schulqualität.
Liebe Kolleginnen und Kollegen der AfD, lieber Herr Seifen, ich möchte auf einen Passus etwas genauer eingehen, der die inhaltliche Schwäche Ihres Antrags darlegt. Unter Punkt 4 schreiben Sie – es wäre schön, wenn Sie zuhören würden, Herr Seifen –, die QA sei ein „untaugliches Verfahren zur Erfassung des Bildungsstands“. – Ja, das ist richtig. Das Verfahren der Qualitätsanalyse soll auch nicht den Bildungsstand erfassen, definieren oder überprüfen, sondern Anschübe zur Schulentwicklung geben.
Das sollten Sie als ehemaliger Schulleiter wissen, der die Qualitätsanalyse selbst an seiner Schule hatte, und zwar im Jahre 2005, wie Sie eben sagten.