Ich möchte diese Absentismus-Arithmetik - wie gesagt - nicht weitertreiben, sondern mich auf die ernsthaften und substanziellen Punkte beziehen, die dieser Bericht enthält. Es sind im Grunde drei schulpolitische Feststellungen, die an dieser Stelle zu tätigen sind.
Erstens: Der Absentismus - das unentschuldigte Fernbleiben von der Schule - ist in allererster Linie ein
Problem der Hauptschulen, und zwar der Hauptschulen in Ballungsräumen und in Städten. Das hat nichts damit zu tun, Frau Erdsiek-Rave, dass wir die Hauptschulen schlecht reden wollten; es hat aber damit zu tun, dass wir uns ein sehr genaues Bild von der Lage an den Hauptschulen verschaffen müssen, wenn wir für die Hauptschule etwas tun wollen.
Der zweite Punkt, den ich festhalten möchte, ist der Zusammenhang zwischen Jugendkriminalität und Absentismus, den Sie infrage gestellt haben. Ich darf Ihren eigenen Bericht auf Seite 12 zitieren:
„Mit häufigem Fehlen in der Schule beginnt oft ein Kreislauf, der mit einem Abbau von sozialen Bindungen anfängt und zu einer Verstärkung von emotionalen Störungen, zu Leistungsabfall, zum Wiederholen der Klassenstufe, zur Schulentlassung ohne Abschluss, zum Verlust der Chance auf einen Ausbildungsplatz, zur Erwerbslosigkeit, zum Abgleiten in die Kriminalität führen kann.“
Ich sage das ohne Triumph im Ton, sondern ich sage es, weil sich zeigt, dass wir es hier mit ganz individuellen Fällen zu tun haben, die wir in ihrer Individualität ernst nehmen müssen. Da ist es egal, ob es 15 % sind, 10 % oder 5 %. Jeder Einzelne, der aufgrund von Absentismus Gefahr läuft, der Schule und damit der Gesellschaft und einem geregelten Leben verloren zu gehen, ist es wert, dass man sich um ihn kümmert.
Deshalb müssen wir uns auch über die Gegenmaßnahmen unterhalten, meine Damen und Herren. Die Gegenmaßnahmen, die Sie nun in Ihrem Bericht aufführen, Frau Erdsiek-Rave, sind haargenau diejenigen, die in den vergangenen Jahren das Problem nicht beseitigen konnten. Ein Sozialarbeiter hat mir gegenüber im Zusammenhang mit dem Thema „Absentismus“ von einer „Kettenreaktion der Gleichgültigkeit auf allen Verantwortungsebenen“ gesprochen. Diese Kettenreaktion werden die von Ihnen genannten Gegenmaßnahmen nicht aufbrechen. Deshalb müssen wir uns überlegen, wenn wir die individuellen Probleme jedes einzelnen Schülers, der möglicherweise von Absentismus betroffen ist, sehen, ob es nicht noch weitere Maßnahmen gibt, die über das hinausgehen, was in Schleswig-Holstein im Augenblick getan wird. Deshalb kündige ich an, dass die CDU-Fraktion im Rahmen der Ausschussberatungen eine Anhörung beantragen wird. In dieser Anhörung möchten wir auch Ver
sondern es geht darum zu klären, warum Bayern eine niedrigere Absentismusquote als Schleswig-Holstein hat. Und es geht darum: Wenn es gute Gegenmaßnahmen gibt und diese helfen, dann wären wir verantwortungslos, wenn wir diese Gegenmaßnahmen nicht nutzten.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich möchte es ganz kurz machen; es erfolgt keine historische Belehrung über das Thema Absentismus.
Die SPD-Landtagsfraktion dankt der Ministerin für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur herzlich für den detaillierten Bericht zum Problem des unentschuldigten Fehlens an den Schulen in unserem Lande.
Ihre Antworten und die Darstellung dieses Phänomens zeigen uns deutlich, dass die zwischen April und Juni dieses Jahres von der Presse aufbereiteten Horrorzahlen über den Anteil an Schulschwänzern nicht nur relativiert werden müssen, sondern auch deutlich nach unten korrigiert werden müssen.
Der Bericht zeigt ebenso deutlich, wie man durch Weglassungen, Vereinfachungen und Schwarzmalerei eine öffentliche Meinung - hier insbesondere über die Schülerinnen und Schüler einer Schulart - mobilisieren kann und auch mobilisiert hat, ganz sicher nicht zum Vorteil der Hauptschule, die ohnehin schon bei den Eltern mit Akzeptanz- und auch sonst mit Imageproblemen zu kämpfen hat.
Wenn man das unentschuldigte Fehlen an den Hauptschulen der Landeshauptstadt entgegen Ihren ersten Presseveröffentlichungen und Verlautbarungen, Herr de Jager, die auch Sie abgegeben haben, um das Fünffache nach unten korrigieren muss - von 15 auf 3 % -, dann kann man schon von einer Art Überreaktion oder von einer gezielten Fehlinterpretation sprechen.
Ich kann schon verstehen, dass Sie als Opposition gern einmal auf die Hupe treten, und ich kann auch nachvollziehen, dass Sie mit so einem Alarmtritt die Landesregierung oder auch das Fachressort treffen wollen. Nur denke ich, liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU, dass man dabei nicht in die Gefahr geraten darf, die Hauptschule gleich mit zu treffen.
Diese Schulart hat ohnehin eine schwierige Schülerklientel. Die Kolleginnen und Kollegen der Lehrkörper an diesen Schulen verdienen eher unsere Zuwendung und Anerkennung.
Ich ziehe für mich und für meine Fraktion die Schlussfolgerung, dass wir im Hinblick auf die Entwicklungsnotwendigkeit unserer Schulen verstärkt eine besondere politische Sensibilität entwickeln sollten. Wir sind uns wohl in diesem Hause auch einig darüber, dass sich unsere Schullandschaft nur in einem breiten gesellschaftlichen Konsens entwickeln lässt. Stellen wir doch, wenn es um Schule und Bildung geht, unsere Investigationsmentalität etwas zurück, lassen Sie uns auf vordergründige Aufgeregtheiten verzichten und üben wir uns lieber in Gewissenhaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein.
Ich leite für mich und vor allen Dingen für die Kolleginnen und Kollegen in meiner Fraktion daraus eine zweite Regel ab: Stoßen wir eine derartige Diskussion erst einmal im zuständigen Ausschuss an und befragen wir Fachleute, statt vorschnell in die Presse zu gehen und den Eindruck zu erwecken, dass hier in Kiel tagtäglich fast 1.000 Hauptschülerinnen und Hauptschüler den Unterricht schwänzen und sich stattdessen in den Sophienhof oder an andere Stellen begeben und dort hausieren. Das ist alles so ausgesprochen worden. Nach diesem Bericht müssen wir dies alles richtig stellen und feststellen, dass die Zahlen zu 500 % übertrieben waren.
Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, macht uns in den Augen der Bürgerinnen und Bürger auch nicht glaubwürdiger. Gehen wir an solche Fragestellungen, lieber Kollege de Jager, künftig anders heran!
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Der Bericht zum Thema „Schulschwänzen“ lässt bedauerlicherweise wichtige Fragen offen. Ausgangspunkt der öffentlichen Diskussion über dieses Thema war ja bekanntlich die Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts in Niedersachsen zum Thema „Gewalterfahrungen junger Menschen in Kiel“. Das Kultusministerium stellt fest, dass die Zahlen über Abwesenheitsquoten in einzelnen Schularten quasi nur ein Nebenprodukt dieser Studie gewesen sind und dass die Untersuchung keine detaillierten Angaben zu den Ursachen des Fernbleibens vom Unterricht enthält. Das ist insoweit sicherlich eine wichtige Feststellung, aber die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang wird meines Erachtens im Bericht des Ministeriums weder gestellt noch beantwortet. Die Frage lautet: Weshalb weist die Studie gerade für Hauptschulen, Förderschulen und BVJ-Klassen - Klassen des berufsvorbereitenden Jahres - Abwesenheitsquoten, die unterschiedliche Ursachen zusammenfassen, von 15 bis über 17 % aus, das heißt, einen drei- bis viermal so hohen Anteil fehlender Schülerinnen und Schüler wie bei Gymnasien und Realschulen?
Diese Frage wird weder gestellt noch beantwortet. Meine Damen und Herren, ist denn nicht einmal der Versuch unternommen worden, dies durch Rückfrage bei dem von Professor Christian Pfeiffer geleiteten Forschungsinstitut aufzuklären?
Solange hier keine Klarheit geschaffen ist, bleibt auch die Auskunft des Ministeriums, eine ergänzende Abfrage des Kieler Schulamtes habe für den Befragungstag lediglich einen Anteil von 3 % unentschuldigt fehlender Schülerinnen und Schüler ergeben, letztlich unbefriedigend.
Die enorm hohe Fehlquote bei Hauptschülerinnen und -schülern, Förderschülerinnen und -schülern, Schülerinnen und Schülern, die in BVJ-Klassen die Ausbildungsreife erlangen sollen, ist an sich schon ein Alarmsignal. Ob die Schülerinnen und Schüler nun mit oder ohne Entschuldigung fehlen, ist letztlich nicht entscheidend. Allenfalls die Erklärung, dass nun zufällig in diesem Untersuchungszeitraum an den Schulen eine Grippewelle geherrscht habe, wäre wirklich Anlass zur Entwarnung. Aber davon ist hier auch nicht die Rede gewesen.
Es bleibt das Faktum, dass die hohen Fehlquoten Schularten beziehungsweise schulische Angebote betreffen, in denen sich insbesondere in Großstädten überdurchschnittlich viele Fälle mit Lernschwierigkeiten, sozialen Problemlagen, Motivationsproblemen und auch Verhaltensauffälligkeiten konzentrieren.
Wir wissen doch auch aus anderen Daten, dass es in diesem Bereich dramatische Fehlentwicklungen in unserem Bildungswesen gibt.
Zu Beginn der Neunzigerjahre gab es in diesem Land einen Anteil von gut 5 % aller Schülerinnen und Schüler, die unser Schulsystem ohne jeglichen Bildungsabschluss verlassen haben. Inzwischen liegt der Anteil dieser Schülerinnen und Schüler, die keinen Bildungsabschluss in unseren Schulen erhalten, bei gut 7,5 %; der Anteil ist im Laufe der Neunzigerjahre deutlich gestiegen.
Wir wissen, dass es zugleich - das wird auch in den nächsten Jahren so weitergehen - auf dem Arbeitsmarkt eine Entwicklung gibt, die ein immer höheres Qualifikationsniveau voraussetzt, eine Entwicklung, in deren Verlauf auch immer mehr Jobs, die nur geringe oder gar keine Qualifikationen erfordern, wegfallen. Diese Jobs werden wegrationalisiert, und zwar in einem erheblichen Umfang.
Diese beiden Tendenzen, die man sich einmal nebeneinander vor Augen führen muss - auf der einen Seite ein steigender Anteil von Schulabgängern, die keinerlei Bildungsabschluss mitbekommen, auf der anderen Seite eine Veränderung auf dem Arbeitsmarkt, die ein immer höheres Qualifikationsniveau voraussetzt und immer weniger Jobs bestehen lässt, die nur geringe Qualifikationsvoraussetzungen erfordern -, diese Schere, die sich hier auftut, beschreiben eine soziale Zeitbombe, die in unserem Land tickt. Ich meine, dass man auch das Thema Fernbleiben vom Unterricht im weitesten Sinne in diesen Kontext stellen muss. Es geht um die Frage: Was muss man tun, um diesem bildungsfernen und mit Lern- und Motivationsproblemen belasteten Teil der Schülerschaft eine Bildung mitzugeben, die dann auch für die weitere Entwicklung im beruflichen Bereich Lebensperspektiven ermöglicht. Wenn hier in den nächsten Jahren nicht deutlich eine Umkehr der Tendenz, die wir heute und in den letzten Jahren feststellen können, erfolgt, ergibt sich daraus politischer und sozialer Sprengstoff.
Meine Damen und Herren, wir werden über das eine oder andere in diesem Zusammenhang noch im Ausschuss zu diskutieren haben. Ich stimme mit der Ministerin darin überein, dass es bei der Lösung des Problems Schulschwänzen vor allem darum geht, die Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe zu verbessern, dass es auch darum geht, Ganztags- und Betreuungsangebote zu schaffen, die ganz gezielt für die Klientel, von der ich gesprochen habe, Hilfen gibt
und bessere Voraussetzungen schafft. Das ist für mich der entscheidende Ansatz und nicht, Kollege de Jager, die Frage nach dem Einsatz der Polizei.