Protokoll der Sitzung vom 12.07.2007

Das Verhältnis von dualer Ausbildung auf der einen Seite und den Vollzeitangeboten auf der anderen Seite hat sich also an diesen Schulen nach und nach verschoben. Das ist eine Entwicklung, die nicht nur Schleswig-Holstein erfasst hat. Wir liegen im Vergleich mit anderen Ländern bei den Neuzugängen im dualen Berufsbildungssektor fast im Bundesdurchschnitt, übrigens vor Ländern wie BadenWürttemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Diese Situation stellt uns vor die Herausforderung zu vermeiden, dass junge Menschen ohne Ausbildungsplatz an den Schulen in unnötige und

demotivierende Warteschleifen geraten. Ich mag diesen Begriff eigentlich gar nicht gern benutzen, aber oft ist es für die jungen Menschen faktisch so. Was wir hier aktuell unternehmen und ausbauen wollen, will ich an einem Beispiel kurz verdeutlichen.

In der letzten Woche habe ich die Berufliche Schule in Kiel-Gaarden besucht. Dort werden alle männlichen Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz aus dem Stadtgebiet aufgenommen. Die Gaardener Schule gehört zu den ersten im Lande, die eine Berufseingangsklasse für diese Jugendlichen zielgerichtet eingerichtet hat. Sehr praxisnah unter der Einbindung von gezieltem Coaching, individueller Betreuung und Praktika werden die Teilnehmer für den Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt fit gemacht. Diese Aufbauarbeit hat nicht nur mit fachlicher Kompetenz zu tun, sondern sie betrifft ganz stark auch den menschlichen Bereich. Es mangelt diesen jungen Menschen an Selbstbewusstsein, es mangelt ihnen oft auch an der Bereitschaft, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, und oft kommen auch häusliche Probleme, manchmal sogar Drogenprobleme oder Gewaltdelikte hinzu.

Alle Teilnehmer haben mit der Schule zu Beginn einen Lernvertrag abgeschlossen. Das Konzept ist dem Prinzip Fördern und Fordern verpflichtet und es greift. Kein Schüler ist dort in der letzten Woche ohne Perspektive entlassen worden. Alle konnten in Ausbildung, weitere Praktika oder Qualifizierung vermittelt werden.

(Beifall)

Unter welchen Bedingungen das geschieht und wie sich die Lehrkräfte der Beruflichen Schule für jeden einzelnen Schüler einsetzen, ist wirklich Maßstäbe setzend, das ist bewundernswert.

Solche auffangenden und ergänzenden Maßnahmen können hoch erfolgreich sein. Letztlich müssen sie - auch das muss man sagen - durch präventive Arbeit vor Abschluss der Schule irgendwann überflüssig werden. Genau an diesem Punkt setzt das Handlungskonzept Schule und Arbeitswelt an.

Wir werden vom kommenden Schuljahr an solche Klassen nicht nur an weiteren Beruflichen Schulen einrichten, sondern auch in den Haupt- und Förderschulen mit einem finanziellen Kraftakt dank der Tatsache, dass ESF-Mittel nun auch in der Schule eingesetzt werden können, also mit sehr viel europäischem Geld, mit Mitteln des Landes, aber auch mit erheblichen Mitteln der Arbeitsverwaltung.

Es geht um die Chance jedes Einzelnen, gerade übrigens auch junger Migranten. Es geht darum, ihre

Ausbildungsreife voranzubringen, ihre Berufsreife und Übergänge zwischen Schule und Arbeitswelt zu erleichtern, in und nach der Schule.

(Vereinzelter Beifall)

Es geht bei dem Gesamtkonzept letztlich natürlich um zukünftige, qualifizierte Arbeitskräfte für eine wachsende Wirtschaft.

Für diese anspruchsvolle Arbeit brauchen die Beruflichen Schulen Freiheit. Sie brauchen sie auch zur besseren Abstimmung mit ihren Dualpartnern. Diese Freiheit bietet ihnen die Umwandlung in ein Regionales Berufsbildungszentrum. Bis Ende nächsten Jahres wird ein Drittel der heutigen Beruflichen Schulen als RBZ arbeiten.

Über diesen Komplex ist hier oft diskutiert und berichtet worden, oft mit dem Tenor, es gebe Anlaufschwierigkeiten und Probleme. Das war auch so; das ist klar. Aber in Wahrheit hat sich dabei - von der großen öffentlichen Aufmerksamkeit weitgehend unbemerkt - so etwas wie eine kleine Zeitenwende vollzogen, an der die Beteiligten selbst den allergrößten Anteil haben.

Zunehmend denken die Beruflichen Schulen auch in europäischen Dimensionen. Dabei geht es um Austausch, es geht um Zusammenarbeit, es geht um Europafähigkeit insgesamt. Für die Zukunft der beruflichen Bildung und insbesondere des duale Systems wird nämlich die Einordnung in den europäischen Qualifikationsrahmen eine immer wichtigere Rolle spielen. Der europäische Qualifikationsrahmen wird vermutlich in der November-Sitzung des europäischen Bildungsministerrates verabschiedet werden. Er hat acht Kompetenzstufen und ist noch ein sehr abstraktes Gebilde, ebenso auch der nationale Qualifikationsrahmen, den jedes europäische Land entwickeln kann.

Es geht im Kern um ein für die berufliche Bildung in Deutschland sehr wichtiges Ziel: Viele der Qualifikationen, die in Deutschland über die berufliche Bildung erreicht werden, sind in anderen Ländern akademisch. Deswegen geht es um eine angemessene hohe Einstufung der Abschlüsse und Kompetenzen, die im deutschen beruflichen Bildungssystem erreicht und erworben werden.

(Beifall)

Ich will dazu noch einmal darauf aufmerksam machen, dass fast 90 % der Zugangsberechtigungen für die Fachhochschule, die in Schleswig-Holstein erworben werden, an einer Beruflichen Schule, an einem Beruflichen Gymnasium durch die berufliche Bildung erreicht werden. 23 % der Abiturienten er

(Ministerin Ute Erdsiek-Rave)

werben ihren Abschluss an einem Beruflichen Gymnasium. Das ist ein beachtlicher Anteil.

Darüber hinaus gilt es, die Änderungen auf europäischer Ebene offensiv als Chance zur Weiterentwicklung der beruflichen Bildung insgesamt aufzunehmen. Für diese Aufgaben und zukünftigen Herausforderungen sind die Beruflichen Schulen gut gerüstet. Wir werden auch weiterhin alles Erforderliche dafür tun, dass die Lehrkräfte die erforderliche Unterstützung für ihr großes Engagement erhalten.

Meine Damen und Herren, das nächste Ausbildungsjahr steht vor der Tür. Ich appelliere noch einmal an alle Beteiligten - das betrifft auch alle, die hier sitzen -: Gute Leistungen von Jugendlichen zu erwarten und zu verlangen, ist das eine - das muss man auch tun -, aber junge Menschen brauchen vor allem Ermutigung, sie brauchen Motivation und sie brauchen Perspektiven für ihr Leben, für ihre Arbeitswelt.

(Beifall)

Dabei sind wir alle gefragt. Die Anerkennung der Beruflichen Schulen leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Ich würde mich freuen, wenn das in der heutigen Debatte zum Ausdruck kommt.

(Beifall)

Ich eröffne die Aussprache. Für die Fraktion der FDP hat Herr Abgeordneter Dr. Ekkehard Klug das Wort.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die berufliche Bildung schafft in den meisten Fällen die Voraussetzung dafür, welche Möglichkeiten junge Menschen zur Teilhabe am Erwerbsleben erhalten. Als Brücke vom Jugendalter zum jungen Erwachsenen, der sein Leben durch eigenes Einkommen eigenständig gestalten kann, ist die berufliche Bildung damit sowohl gesellschaftspolitisch als auch im Hinblick auf die Funktionsfähigkeit unserer Wirtschaft von zentraler Bedeutung.

Dieser sehr hohe Stellenwert, der ihr zukommt, korrespondiert aber im Allgemeinen nicht mit der Beachtung, die das Thema berufliche Bildung in der Öffentlichkeit, aber auch in der parlamentarischen Arbeit erfährt. Unsere Große Anfrage, die wesentliche Aspekte der Entwicklung beruflicher Bildung betrifft, kann vielleicht dazu beitragen, dieser Thematik eine größere Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Ich möchte, was ich bei solchen Debatten sonst in der Regel nicht mache, dem Ministerien und den beteiligten Mitarbeitern, auch der anderen Häuser, für die alles in allem sehr gute, ausführliche Form der Beantwortung unserer Fragen ausdrücklich danken. Das war sicherlich mit viel Arbeit verbunden. Was die Ministerin dazu gesagt hat, sehe ich genauso. Ich möchte auch der Ministerin für ihre Rede ausdrücklich danken. Wir haben viel Übereinstimmung, auch wenn ich in dem einen oder anderen Punkt nachher noch etwas Kritisches anzumerken habe.

Rund 86.000 junge Bürgerinnen und Bürger unseres Landes werden im kommenden Schuljahr die unterschiedlichen Zweige des sehr vielfältig ausdifferenzierten berufsbildenden Schulwesens besuchen. Davon werden mehr als 57.000 Jugendliche eine Berufsausbildung im dualen System absolvieren, ein Ausbildungsverhältnis mit einem Arbeitgeber, der für den Lernort Betrieb zuständig ist, während das Land für den Lernort Berufsschule die Verantwortung trägt.

Anfang der 90er-Jahre ist allerdings in den jeweiligen Altersjahrgängen der Anteil derjenigen Jugendlichen, die unmittelbaren Zugang zum dualen System finden, von ehemals rund 75 % auf nunmehr 55 % zurückgegangen. Andere Bereiche des Berufsbildungssystems haben spiegelbildlich wachsende Anteile aufzuweisen.

Diese Entwicklung, auf die ich später noch näher eingehen werde, sollte jedoch nicht bedeuten, die Berufsausbildung im dualen System auf dem Weg zur „Restschule“ zu sehen, wie man es manchmal schon hört.

Diese klassische Form der beruflichen Bildung ist wegen der idealen Verzahnung von Theorie und Praxis nach unserer Überzeugung nach wie vor ein deutsches Erfolgsmodell, das jungen Menschen sehr gute Berufs- und Lebenschancen sichert. Darüber darf auch nicht der rückläufige Anteil dieses Sektor hinwegtäuschen, zumal die Entwicklung, die ich beschrieben habe, in der Vergangenheit auch eine Folge des Zusammentreffens sehr hoher Jahrgangsstärken bei gleichzeitig schlechter Konjunkturlage gewesen ist. Das wissen wir alle.

Heute klagen viele Betriebe schon wieder über fehlende Fachkräfte. Wer jedoch genügend Ausbildungsplätze bereitstellt und den Absolventen eine attraktive Berufstätigkeit anbietet, wird sich hierüber keine Sorgen machen müssen. Das ist der Appell an die Wirtschaft, in eigenem Interesse das Ausbildungsplatzangebot verstärkt auszubauen.

(Ministerin Ute Erdsiek-Rave)

Angesichts der besseren Wirtschaftsentwicklung und in Anbetracht der mittelfristig wirksamen demografischen Veränderung werden die Aussichten für junge Menschen mit guter Berufsausbildung von Jahr zu Jahr besser und das ist gut so. Auch diese Botschaft ist wichtig, weil sie für die nächsten Jahre steigende Chancen für junge Leute mit guter Berufsausbildung erkennbar werden lässt. Der Staat ist aufgefordert, diese Entwicklung durch gute bildungspolitische und berufspolitische Weichenstellungen zu fördern. Das betrifft unter anderem bereits im allgemein bildenden Schulwesen die Sicherstellung der für eine erfolgreiche Berufsausbildung nötigen Bildungsvoraussetzungen.

Ein spezieller Aspekt dabei ist die Notwendigkeit, durch gute Unterrichtsangebote etwa im mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Bereich die eindeutig unterbelichtete Attraktivität und das zu geringe Interesse gerade an Ausbildungsangeboten in dieser Fachrichtung zu steigern. Wir haben zum Beispiel vor ein paar Monaten von der chemischen Industrie gehört, dass es sehr schwierig ist, in dieser Branche vorhandene Ausbildungsplätze mit geeigneten Bewerbern zu besetzen, und Ähnliches kennt man auch aus anderen Bereichen. Beispielsweise gibt es auch im gewerblich technischen Bereich ein viel zu geringes Interesse. Das Interesse, das wir steigern müssen, kann man dadurch wecken, dass man schon in den allgemein bildenden Schulen den mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Fächerbereich verstärkt in den Vordergrund stellt und den Schülern attraktive Bildungsangebote unterbreitet. Ich glaube, das hätte eine stärkere Berufswahl in dieser Fachrichtung zur Folge.

Das Spektrum der Ausbildungsberufe hat sich in den letzten zehn bis 15 Jahren erheblich verbreitert. Der Trend zu Spezialberufen und zur Ausdifferenzierung in einfache zweijährige und anspruchsvolle drei- oder dreieinhalbjährige Ausbildungen, zum Teil auch im gleichen Berufsfeld, hat erkennbar zugenommen.

Hinsichtlich der Spezialisierungstendenz hört man unterdessen Rufe, diesen Trend zu stoppen und die Zahl der Ausbildungsberufe radikal zu verringern. Meines Erachtens, Frau Ministerin Erdsiek-Rave ich sage das auch an die Adresse von Herrn Austermann -, muss man an dieses Thema mit großer Vorsicht und Augenmaß herangehen. Denn eine starke Reduzierung der Anzahl von Ausbildungsberufen birgt auch das Risiko, dass sich dadurch Betriebe, die sich gerade auf die von ihnen angebotenen Spezialberufe fixieren, veranlasst sehen, nicht mehr in bisherigem Maße Ausbildungsplätze anzubieten.

Ich weiß beispielsweise aus Gesprächen mit Vertretern der Kieler Wirtschaft, wie sehr die hiesigen Automobilhäuser an dem Spezialberuf des Automobilkaufmanns hängen. Gleiches kann man beispielsweise für den Spezialberuf des Kaufmanns im Dialogmarketing für CallCenter konstatieren.

Also, es hat bereits eine starke Spezialisierung gegeben und diese führt gerade im Berufsschulangebot zu Problemen. Wie gesagt: Wenn man an eine stärkere Zusammenfassung denkt, dann muss man dieses Thema mit Augenmaß angehen, um negative Begleiterscheinungen oder gar Kollateralschäden zu vermeiden.

Vielleicht besteht ein gangbarer Weg darin, dass man in verwandten Berufen die Ausbildung und den Unterricht in der Berufsschule zumindest im ersten und vielleicht auch im zweiten Ausbildungsjahr im Sinne der Vermittlung von gemeinsamen Grundlagen zusammenfasst. In diese Richtung könnte man verstärkt gehen, um in der Endphase der Berufsausbildung im dritten Ausbildungsjahr eher die speziellen Teile zu vermitteln. Ich denke, das ist ein Weg, der sinnvoller wäre, als nun Knall auf Fall die Zahl der Ausbildungsberufe zu reduzieren.

(Beifall bei FDP, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN und SSW)

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Denn hier kann man einiges an Porzellan zerschlagen.

Als einen großen Erfolg sehe ich die in den letzten Jahren verstärkt erprobten kürzeren zweijährigen Ausbildungsberufe an. Die Regierung sagt, dass inzwischen 6 % aller Ausbildungsverhältnisse auf dieses spezielle Segment entfallen. Mit diesem Instrument kann man Schüler, die Probleme haben, eine anspruchsvollere dreijährige Berufsausbildung zu bewältigen, in eine reguläre Berufsausbildung hineinholen. Dies beinhaltet auch die Perspektive, ihnen später die Möglichkeit der Weiterqualifizierung zu eröffnen.

Ich finde es sehr wichtig, dass die Regierung im Bericht feststellt, dass das verstärkte Angebot an zweijährigen Ausbildungen nicht dazu geführt hat, dass es zu einem Verdrängungseffekt gekommen ist, dass sich also die Zahl der anspruchsvolleren dreijährigen Berufsausbildungen rückläufig entwickelt hat. Das hat man eben nicht festgestellt. Es ist vielmehr ein gutes Zusatzangebot, das neue Zugangsmöglichkeiten zum Berufsleben eröffnet.

Eine wachsende Anzahl von Jugendlichen erhält auch außerhalb des dualen Systems eine schulische Berufsausbildung. In den letzten 15 Jahren hat sich

(Dr. Ekkehard Klug)

diese Zahl von rund 2.700 auf 5.500 verdoppelt und die Inhalte entsprechen - wie die Regierung dabei feststellt - weitgehend jenen in verwandten Ausbildungsberufen des dualen Systems, zum Beispiel beim Kaufmännischen Assistenten dem Ausbildungsberuf des Bürokaufmanns.

Weil viele Absolventen ihre Berufsaussichten verbessern wollen, indem sie anschließend eine weitere Berufsausbildung im dualen System machen, stellt sich die Frage, in welchem Umfang die schulischen Leistungen, die sie erbracht haben, im Sinne einer Anrechnung berücksichtigt werden können. Die Regierung setzt hier auf individuelle Lösungen und auf freiwillige Vereinbarungen mit den Betrieben. Mich interessiert, in welchem Umfang diese Option tatsächlich genutzt wird.

(Beifall der Abgeordneten Angelika Birk [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])