Man muss aber auch gar nicht so weit gehen. Im letzten Jahr haben wir in Lübeck gesehen, dass die FH Lübeck eine App gemacht hat, die „mooin“ heißt. Es ist eine spezielle interaktive SprachlernApp für Syrer und Syrerinnen, die Deutsch lernen wollen. Das war sehr interessant. Wenn man dieses Produkt einmal erstellt hat, wird es nicht weniger dadurch, dass viele es nutzen. Man konnte sogar sehen, wo diese App genutzt wurde: natürlich von Leuten in Deutschland, aber auch auf der Balkanroute und in Syrien und in Nordafrika.
Das Interessante ist: Egal, wo man ist, kann man eine neue Sprache lernen, wenn man ein Smartphone hat. Das zeigt, welche Potenziale in dem Thema drin sind.
Der letzte Punkt, um noch einmal auf den Schulbereich zu kommen, ist die Plattform „Serlo“, auf der man auch sehr viele gute Unterrichtsmaterialien findet. Es geht ja nicht nur darum, dass man es sich als Lernender ansieht, sondern auch, dass Lehrkräfte einen großen Pool haben, aus dem sie sich bedienen und den sie für die Unterrichtsvorbereitung nutzen können.
Die Potenziale sind also ganz klar. Was heißt das? Ich gucke mir nun einmal nicht Hochschule oder Weiterbildung, sondern den schulischen Bereich an. Dort sind die Vorteile: Der Unterricht kann spannender werden. Es gibt ein wirklich riesiges Reservoir an Video- und Audiodateien. Es gibt ganz unterschiedlich differenzierte Unterrichtsmaterialien. Die Ranzen werden leichter und die Lehrbücher sind nicht mehr veraltet.
Auch die Unterrichtsvorbereitung wird sich für die Lehrkräfte verändern. Sven Krumbeck und auch die Ministerin haben dies bereits angesprochen. Es geht um eine Philosophie des Teilens und eine Kultur des Teilens. Ich weiß nicht, ob die Unterrichtsvorbereitung schneller wird, wenn man auf OER
Die Offenheit aber, die logischerweise mit Open Educational Resources verbunden ist, führt paradoxerweise auch zu den Hürden, die man zu nehmen hat. Es ist schon angesprochen worden: Das eine ist das breite Angebot. Schon jetzt sind eine Milliarde Werke im Netz unter Creative-Commons-Lizenzen zu haben. Die Hälfte davon kann man sogar für den Unterricht nutzen und auch bearbeiten, wenn man das möchte. Es ist schwierig, sich da zurechtzufinden.
Es wurde auch etwas deutlich, was Martin Habersaat gerade unterstrichen hat. Es ist schwer für Lehrkräfte, überhaupt zu wissen: Was darf ich dort? Auf welchem urheberrechtlichen Niveau bewege ich mich eigentlich? - Das gilt sowohl, wenn ich die Materialien nutzen will, als auch, wenn ich sie verändern oder neue Sachen einstellen will.
Frau Kollegin Erdmann, als Sie gerade den Kollegen Habersaat erwähnten, konnte ich mich leider nicht zurückhalten. Was halten Sie denn von dem Vorschlag der PIRATEN, ein Fair-UsePrinzip nach amerikanischem oder britischem Vorbild einzuführen? Auch Abstand?
- Nein, Frau Raudies, ich glaube nicht, dass dies der Punkt ist. Es ging ja nicht um eine Eins-zu-einsÜbernahme, sondern um einen speziellen Bereich. Das hat Herr Krumbeck deutlich gemacht.
Der zweite Punkt: Die Qualitätssicherung von so viel Material ist ganz klar schwierig. Unsere normale Schulbuchzulassung und Open Educational
Resources schließen sich gegenseitig aus. Ich gebe zu, dass ich hier etwas auf die Schwarmintelligenz setze: Wenn Materialien viel von Nutzerinnen und Nutzern heruntergeladen werden - so etwas wird auf diesen Plattformen ja auch deutlich -, zeigt das schon, wie sehr das Material anwendbar ist.
Über ein Gütesiegel und andere solche Fragen muss man noch einmal reden. Ich bin froh, dass die KMK intensiv darüber berät. Ich bin der Meinung, dass es gar keinen Sinn macht, dass alle Bundesländer jetzt allein loslaufen. Ich finde die im Auftrag der Bundesregierung erstellte Mapping-Studie nicht nur inhaltlich ausgezeichnet, sondern auch von der Aufbereitung her ist sie klasse. Vielleicht können wir das im Ausschuss nutzen und uns Expertise dazu einladen, das fände ich sehr gut.
Jetzt noch einmal zum Digitalpakt: Darüber freue ich mich auch. Wenn wir so etwas machten, würde die Opposition übrigens sagen, es sei ein Wahlgeschenk. Ich finde es gut, dass Frau Wanka diesen Digitalpakt anspricht. Mir wäre es aber wichtig, dass man es nicht nur für Anschlüsse und Endgeräte verwendet, sondern dass man die Open-Educational-Resources-Strategie gleich mitdenkt. Das gehört in eine Gesamtstrategie. Das wäre genau der richtige Punkt, weil man möglicherweise für den Anschub einer solchen neuen Plattform zunächst etwas mehr personelle und finanzielle Ressourcen braucht. Vielleicht ist das ein Teil, den man in diesen Digitalpakt mit hineinnehmen kann.
Ich freue mich auf die Beratung im Ausschuss und sage vielen Dank, liebe PIRATEN, für die heutige Debatte hier.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Auch ich danke der Ministerin für die vorgelegte Antwort auf die Große Anfrage. Eigentlich lautet der Tagesordnungspunkt „Entwicklung einer OER-Strategie“. In der Antwort auf die Große Anfrage ist nicht viel von Entwicklung, schon gar nicht von Strategie zu erkennen. Das fehlte auch in der bisherigen Debatte. Eigentlich kann man sagen:
Die zentralen Fragen, die für eine Strategieentwicklung wichtig gewesen wären, sind gar nicht gestellt und somit gar nicht beantwortet worden. Nicht alles, was in diese Richtung ging, wurde zielführend beantwortet. Ich frage also noch einmal ganz klar: Wo wollen wir hin, und was muss der Staat an dieser Stelle überhaupt regeln?
Da die Zielbeschreibung fehlte, lässt sich also auch gar nicht bewerten, ob die dargestellten Maßnahmen ausreichend sind. Somit ist die Einschätzung sehr different und geht von viel zu wenig - PIRATEN - bis genau richtig - Einschätzung der Landesregierung.
Aus liberaler Sicht sollten OER-Medien neben den klassischen Lizenzen eine zusätzliche Säule bilden, die ergänzt und nicht ersetzt. Es handelt sich, wie wir es nachgeschlagen haben, immerhin ausschließlich um offene, frei zugängliche Lehr- und Lernmaterialien. Der Staat hat sich an dieser Stelle nur um das zu kümmern, für das er auch Verantwortung trägt. Das sind in Schleswig-Holstein die Schulen und die Hochschulen.
Die Hochschulen sind meines Erachtens innovativ genug und können selbst am besten entscheiden, welche Angebote sie zur eigenen Weiterentwicklung brauchen oder anbieten wollen. Die Schritte, die die FH Lübeck unternommen hat, sind durchaus zu begrüßen.
Im schulischen Bereich ist die Situation etwas anders gelagert, da hier die Unterstützung des Unterrichts durch entsprechende Materialien klar im Vordergrund steht. Die vom IQSH bereitgestellte Mediathek bietet eine sehr gute Grundlage und wird nach Darstellung der Landesregierung auch sehr gut angenommen. Dieses Angebot sollte sukzessiv weiter ausgebaut werden. Die dafür bereitgestellten Personalressourcen sind gut dafür eingesetzt. Zu begrüßen ist, dass Planungen für eine landesübergreifende Vernetzung vorangetrieben werden.
Ich warne aber davor, OER als der Weisheit letzter Schluss zu betrachten. Die Antwort auf die Große Anfrage stellt schon klar, dass durch „Auswahl, Gestaltung und Distribution von Inhalten mit OER … von einer Steigerung von Medienkompetenz bei Lehrenden und Lernenden auszugehen“ sei.
Der Bericht geht ebenso davon aus, „dass OER zu einem Kulturwandel unter den Dozentinnen und Dozenten führt“ und dass OER „somit großes Po
tenzial (hat), zu einer Qualitätsentwicklung von Lehrmaterialien beizutragen“. Auch die Wissenschaftsministerin sieht den Turbo im Forschungsbereich durch den freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen eingeschaltet.
Ich wäre mit diesen Aussagen vorsichtig. Wir stehen am Anfang eines Prozesses, wenn vielleicht nicht ganz am Anfang des Prozesses, aber doch relativ weit vorn. Er wird sich noch über die nächsten Jahrzehnte erstrecken. An dieser Stelle wünsche ich mir mehr Realismus.
Das bringt mich zu den anderen entscheidenden Fragen: Wie können qualitativ wertvolle Inhalte bereitgestellt werden? Wie sieht es mit den Urheberrechten aus? Die Abgeordnete Franzen hat dazu schon einiges ausgeführt. Rechtssicherheit muss gegeben sein. Die Landesregierung hält völlig zu Recht fest, dass bei dem bisherigen System die fehlende Qualitätskontrolle eine ganz besondere Herausforderung darstellt.
Nehmen wir als Beispiel das Thema Unterrichtsmaterial. Die Theorie ist bestechend, aber in der Praxis steckt noch Arbeit dahinter, wenn man seine Vorbereitungen für andere aufbereitet. Eine vollständig aufbereitete und mit methodisch-didaktischem Überbau versehene Materialsammlung macht man nicht mal so eben nebenbei, insbesondere wenn es qualitativ gut sein soll. Das müssen Lehrer neben ihrer alltäglichen Arbeit machen, und wir wissen, wie die Arbeitsbelastung von Lehrern aussieht. Eine Studie arbeitete diese Problematik bereits auf. Sie hat dargestellt, dass es schwer ist, Anreize zu setzen, da Freistellungen die Unterrichtsversorgung weiter belasten würden, und Zwang kann keine Lösung sein.
Allein an diesem einen Beispiel sieht man, dass wir das Thema pragmatisch angehen sollten. OER stellt eine Ergänzung dar, die weiter unterstützt werden muss, aber wir müssen uns auch der Limitationen bewusst sein. Natürlich müssen wir uns auch darüber bewusst sein, dass damit die Ausstattung an den Schulen einhergeht. Es ist schön, dass wir an dieser Stelle jetzt Bundesmittel zur Verfügung haben, aber wer weiß, was die Materialien und die technische Ausstattung kosten, der muss sagen, dass das am Ende nicht viel Geld ist. Wir müssen auch für die Wartung Personalressourcen haben.
Das ist also ein großer, bunter Blumenstrauß, und ich bin gespannt auf die weiteren Beratungen im Ausschuss. - Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Sehr geehrter Herr Landtagspräsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Auch ich möchte mich bei den PIRATEN für die Große Anfrage bedanken, die uns für das Land Schleswig-Holstein, für unsere Schulen und nicht zuletzt für unsere Hochschulen eine Bestandsaufnahme gegeben hat. Sie gibt uns eine gute Datengrundlage, aufgrund derer wir weiter gut beraten können. Vielen Dank auch an die Ministerin für die Beantwortung und ihren Bericht.
Manche Kinder lernen am besten mit Karten, andere mit Videos. Wieder andere klicken sich durch unterschiedliche Texte. In der Wissensvermittlung spielen heutzutage Anschaulichkeit und Aktualität eine große Rolle. Die Zeiten von Schullandkarten, einfarbigen Vervielfältigungen und unleserlichen Kopien sind wohl - Gott sei Dank - endgültig vorbei. Die Landesregierung hat in Sachen medialer Versorgung der Schulen enorm viel geleistet. Medienrecherche und Medieneinsatz gehören mittlerweile einfach zum Arbeitsalltag in der Schule dazu.
Heute können Pädagogen auf anschauliche Medien zu fast allen Themen zugreifen. Jeder Schüler, jede Studentin verfügt über Ressourcen. Diese zu erkennen und an sie anzudocken, ist die Herausforderung moderner Pädagogik. Dabei helfen moderne Medien, denn sie ermöglichen in nie gekannter Weise das Selbststudium sowie individualisiertes und vernetztes Lernen. Darum ist es notwendig, dass sie frei verfügbar sind, sodass im Extremfall jede Schülerin und jeder Schüler in einer Klasse mittels des eigenen Mediums lernen kann und es im Gruppenunterricht oder zu Hause weiter nutzen kann. Ein Audio-Sprachkurs ist in der Regel aber nicht unter 40 oder 50 € zu haben, sodass er den Kindern begüteter Eltern vorbehalten bleibt. Darum ist der Zugang zu kostenfreien Medien von immenser Bedeutung, und genau das meint schließlich OER. Freie Lern- und Lehrmittel sind nicht an eng begrenzte Lizenzen gebunden, wie es bei den berühmten Klassensätzen im Schulbuchbereich der Fall ist.
Allerdings ist die Qualitätskontrolle nach meiner Auffassung noch nicht zufriedenstellend gelöst. Das gilt vor allem, wenn es um die Weitergabe teilweise selbst erstellter Medien gilt, die inzwischen massenhaft auf YouTube hochgeladen werden. Einige Videos sind wirklich ausgesprochen hilfreich,
andere stellen die Fakten schlichtweg falsch dar. Nur weil etwas medial vermittelt wird, muss es nicht automatisch heißen, dass das entsprechende Medium sachlich richtig und pädagogisch geeignet ist. Wir benötigen also weiterhin professionelle Pädagogen, die Studierende und Schülerinnen und Schüler bei der Vermittlung unterstützen. Die Lehrkräfte werden in Schleswig-Holstein entsprechend geschult. Die Landesregierung unterstützt das, indem sie sich als Schirmherrin für OER engagiert. Vielen herzlichen Dank.