Protokoll der Sitzung vom 26.01.2017

(Birgit Herdejürgen [SPD]: Ich nicht! Kai wahrscheinlich! - Zurufe)

- Herr Dolgner ist nicht da, wenn man ihn braucht. Das ist Finnisch und bedeutet Schule für höhere Berufsbildung. Finnland gehört nämlich zu den wenigen Ländern in Europa, die eine ähnliche Trennung zwischen Universitäten und Fachhochschulen haben wie Deutschland. Es ist auch gar nicht so einfach, den Begriff „Fachhochschule“ in andere Sprachen zu übersetzen, ohne dass man Missverständnisse auslöst. Unsere Fachhochschulen haben sich deswegen überwiegend dafür entschieden, sich den englischen Namenszusatz „University of Applied Sciences“ beizufügen. Es gibt allerdings auch wichtige Stimmen in der FH-Szene, die die interessante These vertreten, dass „Fachhochschule“ ein ebenso bekanntes wie anerkanntes und erhaltenswertes Qualitätssiegel ist und im Namen beibehalten werden sollte.

In der Öffentlichkeit ist es immer noch so, dass der Blick auf unser Hochschulsystem oft zunächst auf die Universitäten fällt und erst dann auf die vermeintlich wenigen anderen. Dass das schon quantitativ nicht passt, belegt die einfache Tatsache, dass wir hier über 17.000 Studierende in mehr als

100 Studiengängen sprechen, oder der Umstand, dass die Fachhochschule Kiel nach der Zahl ihrer Studierenden die zweitgrößte Hochschule des Landes ist.

Die Küstenkoalition wollte den Blick der Öffentlichkeit deshalb auf unsere Fachhochschulen lenken und hat eine Bestandsaufnahme in Form einer Großen Anfrage erbeten. Weil sich einige über die Zahl der Abgeordneten wunderten, die vom Herrn Präsidenten eben vorgelesen werden mussten - das liegt daran, dass unsere Geschäftsordnung keine gemeinsame Große Anfrage mehrerer Fraktionen kennt, sich aber einzelne Abgeordnete unterschiedlicher Fraktionen zusammentun können.

(Dr. Ralf Stegner [SPD]: So lernen wir jeden Tag neu!)

- Genau, das mussten wir auch lernen, als wir die Anfrage stellen wollten. Für die Antwort bedanke ich mich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Ministerien, der Hochschulen und des Statistischen Landesamts.

Die Antwort zeigt, dass wir in Schleswig-Holstein auf dem richtigen Weg sind. Seit 2010 konnten die Grundhaushalte der Fachhochschulen um rund ein Viertel angehoben werden. Nachdem die Mittel für den Baubereich von 2011 bis 2012 nahezu halbiert wurden, sind sie seit 2014 wieder um fast 5 Millionen € angestiegen. Das ist gut investiertes Geld, wie man an laufenden und anstehenden Bauprojekten vielerorts sehen kann.

(Beifall Dr. Ralf Stegner [SPD])

- Das Beispiel aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde kommt erst jetzt, Herr Dr. Stegner: Der Fachbereich Agrarwissenschaft der Fachhochschule Kiel, der in Osterrönfeld liegt, bekommt 2,6 Millionen € für ein neues Labor- und Seminargebäude.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Für den Kollegen Baasch erwähne ich das dringend benötigte und im letzten Jahr endlich verbindlich beschlossene dreigeschossige Seminargebäude für die FH Lübeck mit Gesamtbaukosten in Höhe von 7,8 Millionen €.

(Vereinzelter Beifall SPD, BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN und SSW - Wolfgang Baasch [SPD]: Sehr gut!)

Unsere Fachhochschulen leisten seit vielen Jahren in den Bereichen der Diversity und Inklusion Großes. Das sind weder Sahnehäubchen noch ideologische Irrwege, sondern es geht dabei um Studier

(Ministerin Kristin Alheit)

barkeit und Ausschöpfung von Bildungspotenzialen. Das bezieht die Belange von Menschen mit Behinderung ebenso ein wie die Belange von Menschen mit nicht deutscher Muttersprache, derer, die familiäre Verantwortung mit den Anforderungen eines Studiums verknüpfen müssen, und derer, die als Erste in ihrer Familie ein Hochschulstudium beginnen. In diesem Zusammenhang möchte ich das wichtige Engagement und die gute Zusammenarbeit mit „ArbeiterKind.de“ hervorheben.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Die Erfolge unserer Fachhochschulen werden auch bundesweit anerkannt, so zum Beispiel im Rahmen des CHE-Rankings, bei dem unsere Fachhochschulen bei verschiedenen Kriterien mit den Studiengängen Betriebswirtschaft und Maschinenbau in der bundesweiten Spitzengruppe vertreten sind.

Unsere Fachhochschulen haben ihre Studiengänge so organisiert, dass die große Mehrheit der Studierenden ihren Bachelor innerhalb der mittlerweile üblichen Kennziffer „Regelstudienzeit plus zwei Semester“ erreicht. Fast alle Studierenden erreichen den Master innerhalb der vorgesehenen sechs Semester. Wir haben hier bei verschiedenen Gelegenheiten darüber diskutiert, welche Gründe es dafür gibt, dass Studierende die Regelstudienzeit deutlich überschreiten oder ihren ursprünglich gewählten Studiengang, wenn nicht sogar das Studium insgesamt, abbrechen. Es gibt dafür so vielfältige Gründe, dass sich einfache Strategien verbieten.

Drei Dinge sind aber unerlässlich. Erstens: Den Studieninteressenten muss bereits vor der Erstimmatrikulation Gelegenheit gegeben werden, sich über Inhalte und Anforderungen des Studiums klar zu werden.

(Zuruf: Guter Vorschlag!)

Deswegen ist es wichtig, dass unsere Fachhochschulen vor Studienbeginn gute Angebote bereitstellen und dafür bundesweit gelobt werden.

(Vereinzelter Beifall SPD, BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN und SSW)

Zweitens: Studierende müssen kurzfristig Zugang zu Beratung haben, die ihnen hilft, Durststrecken im Studium zu überwinden. Dabei helfen die an Fachhochschulen oft kurzen Wege zwischen Studierenden und Lehrenden sowie die an unseren Fachhochschulen institutionalisierten und professionalisierten Beratungsangebote.

Drittens: Die Hochschuldidaktik muss stetig weiterentwickelt werden, und ihre Erkenntnisse müssen den Weg in die Hochschulpraxis finden. Die Angebote an hochschuldidaktischen Seminaren werden deshalb stetig ausgeweitet und hoffentlich auch genutzt. - Ich habe schon Ideen für weitere Fragen für die nächste Legislaturperiode.

Eine Baustelle, an der wir in Bezug auf alle Hochschulen, besonders aber in Bezug auf die Fachhochschulen weiter arbeiten müssen, ist der nach wie vor sehr geringe Anteil der Professorinnen. Für die Fachhochschulen insgesamt liegt dieser Anteil seit 2010 bei ungefähr 13 % bis 14 %. Er steigt in den letzten Jahren aber kaum noch an. Das gilt auch für die Funktionen in der Selbstverwaltung. Heute ist Frau Helbig als weibliche FH-Präsidentin der Fachhochschule Lübeck noch ein Ausnahmefall.

Unsere staatlichen Fachhochschulen haben intensive Kooperationen mit anderen Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen im Ausland aufgebaut. Die Bandbreite reicht von der Karibik bis zum Kaukasus - und umfasst natürlich auch Finnland. Dieses internationale Agieren hat damit zu tun, dass die Fachhochschulen gerade für ausländische Studierende aus asiatischen Ländern attraktiv sind. Kiel, Lübeck und Heide arbeiten unter anderem mit verschiedenen Hochschulen in China eng zusammen, das als Wirtschaftspartner Deutschlands in Zukunft immer wichtiger wird.

Die Fachhochschulen sind für den Technologietransfer mit der örtlichen und regionalen Wirtschaft prädestiniert. Hier werden allein an der FH Kiel jährlich rund 10 Millionen € bewegt. Wir haben uns bei der letzten Novellierung des Hochschulgesetzes die Möglichkeit geschaffen, den FHStudierenden über Promotionskollegs den Weg zum Doktortitel zu eröffnen.

(Uli König [PIRATEN]: Und wann kommt‘s?)

- Das Promotionskolleg ist noch in der Gründungsphase.

(Volker Dornquast [CDU]: Schwierige Ge- burt!)

Wir werden uns gemeinsam in der nächsten Legislaturperiode darüber freuen können, die ersten Absolventen unserer Fachhochschulen ihren Doktortitel feiern zu sehen.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

(Martin Habersaat)

Gerade wegen dieser vielen Erfolgsstorys ist es wichtig, dass der Landtag sich auch in der nächsten Legislaturperiode mit Stärken und Schwächen der Entwicklung unserer Fachhochschulen auseinandersetzt und nach Wegen sucht, bei den Defiziten politisch nachzusteuern.

Ich hätte hier gern umfangreiche Erfolgsgeschichten einzelner Fachbereiche erzählt. Allerdings hätten dafür nicht einmal die mir zugestandenen zehn Minuten Redezeit ausgereicht. Deswegen sage ich nur: Es gibt fantastische Fachbereiche an unseren Fachhochschulen. Ich kann alle jungen Menschen in Schleswig-Holstein nur ermuntern, sich diese anzusehen, wenn sie ein Studium anstreben.

(Beifall SPD und SSW)

Wir haben für die Zeit bis 2022 eine lange hochschulpolitische Agenda. Wir wollen den ersten FH-Absolventen zu ihrer Promotion im Rahmen des Kollegs gratulieren. Natürlich gibt es schon FH-Studierende, die auf anderen Wegen promoviert haben. Wir wollen gemeinsam mit dem Bund die laufenden Hochschulpläne planungssicher fortschreiben. Wir wollen speziell für die deutschen Fachhochschulen eine Bundesinitiative erreichen, die mit der Exzellenzinitiative für Universitäten korrespondiert. Wir wollen die Profilbildung unserer Fachhochschulen weiter unterstützen. Wir wollen die internationale Sichtbarkeit unserer Fachhochschulen verstärken. Dazu gehören auch immer mehr englischsprachige Studienangebote. Wir wollen den Investitionsstau an den Hochschulen weiter abbauen. Wir wollen die Digitalisierung der Hochschulen und Open Access weiter verstärken.

(Uli König [PIRATEN]: Sehr schön!)

Wir wollen den Frauenanteil unter den Professorinnen erhöhen.

Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, die Antwort der Landesregierung auf die Große Anfrage an den Bildungsausschuss zu überweisen, und ende zur Stärkung der deutsch-finnischen Wissenschaftsbeziehungen mit den Worten: kiitos mielenkiinnostanne - Vielen Dank.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Das Wort für die CDU-Fraktion hat der Herr Abgeordnete Dornquast.

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herzlichen Dank für diese Große Anfrage. Die Antworten bringen viele Informationen, lassen aber leider auch viele und insbesondere perspektivische Dinge offen. Eine zufriedenstellende Bilanz über die letzten viereinhalb Jahre lässt sich daraus in keinem Fall ablesen, ganz im Gegenteil: Die Hochschulen sind und bleiben die Stiefkinder unserer Regierung.

(Beifall Johannes Callsen [CDU])

Sie entwickeln sich immer mehr zum Sozialfall aber deswegen sind sie ja auch dem Sozialministerium zugeordnet.

(Dr. Ralf Stegner [SPD]: Das ist ja ein Ka- lauer! - Weitere Zurufe)

- Der war gut, sogar Herr Dr. Stegner reagiert.

Einleitend möchte ich - sicherlich für uns alle - feststellen, dass unsere Fachhochschulen sich trotz der nicht immer leichten Rahmenbedingungen, die im Wesentlichen von uns als Politik beeinflusst sind, ein hervorragendes Niveau erhalten und ausgebaut haben. Leider fehlt in der Antwort auf die Große Anfrage eine eindeutige lobende Aussage in diese Richtung. Sie, Frau Ministerin, haben das mündlich nachgeschoben: schönen Dank dafür.

Bei den Studentenzahlen fehlen in diesem Bericht leider wieder einmal die ganz aktuellen Zahlen von 2015/2016 und 2016/2017, obwohl diese dem Ministerium vorliegen. Für 2015/2016 liegen sie seit über einem Jahr, für 2016/2017 seit einigen Monaten vor. Sich darauf zu berufen, dass die statistischen Zahlen des zuständigen Bundesamtes fehlten, war schon bei der Antwort auf meine Kleine Anfrage falsch. Alle Zukunftskonzepte und Pläne brauchen natürlich die ganz aktuellen Zahlen, um vernünftig darauf aufbauen zu können. Wahrscheinlich gibt es aber gar keine Zukunftskonzepte, die in Arbeit sind.

Es sind in der Antwort die Fächer der verschiedenen Fachhochschulen ausführlich aufgeführt. Mindestens genauso interessant wäre gewesen, ob es für diese gegebenenfalls den Numerus Clausus gibt, und wenn ja, wie sich dieser im Laufe der Jahre verändert hat. Interessant ist weiterhin, dass sich die Betreuungsdichte von Studenten zu Professoren weiter verschlechtert hat.