Protokoll der Sitzung vom 25.09.2013

(Lars Harms)

Änderungsantrag der Fraktion der PIRATEN Drucksache 18/1191

Wird das Wort zur Begründung gewünscht? - Das ist nicht der Fall.

(Unruhe)

- Meine Damen und Herren, würden Sie mir bitte etwas mehr Aufmerksamkeit schenken? Denn ich muss jetzt eine Antwort auf die Frage bekommen, ob durch die Vorlage des gemeinsamen Antrags der ursprünglich durch die Fraktion der PIRATEN eingereichte Änderungsantrag in der Drucksache 18/1191 seine Erledigung gefunden hat. - Der Kollege Krumbeck nickt. Das werte ich jetzt als Zustimmung.

Dann erteile ich nun der Kollegin Heike Franzen das Wort für die Aussprache.

(Beifall Dr. Heiner Garg [FDP] und Wolf- gang Kubicki [FDP])

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vielen Dank für die Vorschusslorbeeren dahinten aus der Ecke.

(Beifall Dr. Heiner Garg [FDP])

Meine Damen und Herren, wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass es notwendig ist, nicht nur über die Methode „Lesen durch Schreiben“ zu diskutieren, sondern ihre Anwendung an unseren Grundschulen infrage zu stellen. Denn hier dürfen die Kinder erst einmal munter drauflos schreiben, so wie sie es hören und ohne dass sie dabei korrigiert werden. Teilweise werden Rechtschreibfehler bis zu zwei Jahre nicht oder nur unregelmäßig korrigiert. So können Kinder falsche Wortschemata und Muster abspeichern und sich falsche Lösungsstrategien einprägen. Hat sich dieses Muster erst einmal eingeprägt, dann kann man es nur mühsam wieder loswerden. Wir wissen doch alle, wie schwer es uns fällt, uns eine über Jahre hinweg antrainierte Bewegung wieder abzugewöhnen.

Professor Manfred Spitzer, ein renommierter Hirnforscher mit dem Schwerpunkt Lernen, hat es auf den Punkt gebracht. Er hat das menschliche Gehirn mit einer verschneiten Landschaft verglichen. Beim Lernen bilden sich Spuren. Diese Spuren werden mit dem Wirkstoff Dopamin verfestigt. Dopamin wird ausgeschüttet, wenn wir Erfolgserlebnisse haben, also beispielsweise bei einem Lob einer Lehrerin für einen geschriebenen Text. Über

diese Spuren weiß man, dass man sie nur schwer wieder verändern kann. Hat sich also erst einmal etwas im Kopf verfestigt, fällt es einem viel schwerer, sich dieses wieder abzugewöhnen. Genauso ist es auch bei der Rechtschreibung. Hat man sich falsche Schreibweisen angewöhnt, weil man sie vielleicht sogar so gelernt hat, fällt es nicht nur Kindern viel schwerer, sich umzugewöhnen und die richtige Schreibweise zu lernen. Da ist es doch sinnvoller, gleich den richtigen Weg zu gehen.

Inzwischen gibt es zwölf empirische Studien und Modellversuche, in denen „Lesen durch Schreiben“ mit systematisch aufgebauten Lese-SchreibKursen verglichen wurde. Die bekannteste ist sicherlich die Marburger Studie. Die Ergebnisse sind mehr als besorgniserregend. Die Rechtschreibleistungen waren während der gesamten Grundschulzeit schlechter, und die Gefahr, eine Lese-Rechtschreibschwäche zu entwickeln, war deutlich größer. Insbesondere die Kinder mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Elternhäusern haben bei dieser Methode das Nachsehen.

Waren die Unterschiede des sozialen Umfelds in den 70er-Jahren noch so gut wie nicht zu erkennen, so klafften sie insbesondere in den letzten zehn Jahren, in denen „Lesen durch Schreiben“ in unseren Schulen vermehrt zum Einsatz gekommen ist, deutlich auseinander. Das zeigt unter anderem die Langzeit-Vergleichsstudie von Professor Wolfgang Steinig von der Universität Siegen. Es besteht also Handlungsbedarf an unseren Grundschulen.

Auf die Kleine Anfrage zu diesem Thema, die ich an die Ministerin gerichtet habe und in der ich gefragt habe, ob das IQSH Fortbildungsmaßnahmen zum Thema „Lesen durch Schreiben“ anbietet, habe ich folgende Antwort erhalten - ich zitiere -:

„Nein. Das IQSH bietet lediglich Fortbildungen an, die den Grundsätzen des Lehrplans und den KMK-Bildungsstandards entsprechen und auf den Spracherfahrungsansatz aufbauen...“

Der Umkehrschluss ist also: „Lesen durch Schreiben“ entspricht nicht den Grundsätzen des Lehrplans und den KMK-Bildungsstandards, an denen sich unsere Schulen orientieren müssen.

Darüber hinaus hat mir die Ministerin mitgeteilt, dass Schulbuchzulassungen in Schleswig-Holstein nicht mehr stattfinden, dass sie keine Erkenntnisse habe, an welchen Schulen „Lesen durch Schreiben“ angewendet wird, dass sie aber ganz sicher ist, dass das Buch „Lara und ihre Freunde“, welches die Methode „Lesen durch Schreiben“ konsequent um

(Vizepräsidentin Marlies Fritzen)

setzt, an keiner einzigen Schule eingesetzt wird. Woher wissen Sie das eigentlich, Frau Ministerin, wenn Sie es nicht erheben?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die CDU-Fraktion ist weit davon entfernt, in die pädagogischen Freiheiten der Schulen einzugreifen. Wenn sich aber zeigt, dass Unterrichtsmethoden in ihrer Wirkung auf den Schreiberwerb so unterschiedlich sind, dann sollten wir auf die systematisch aufgebauten Lese-Schreib-Kurse setzen, die offensichtlich erfolgreicher sind. Auf „Lesen durch Schreiben“ sollten wir verzichten. Wir brauchen guten Unterricht für unsere Kinder.

Herr Stegner, Sie haben heute Morgen gesagt - er ist gar nicht mehr da; aber an der Stelle gebe ich ihm recht -, wir dürften kein Kind zurücklassen. Deswegen brauchen wir die besten Unterrichtsmethoden für unsere Kinder, die beste Methodik, um Schreiben und Rechtschreibung zu erlernen. Da uns heute eine ganze Reihe von Anträgen vorliegt, schlage ich für die CDU-Fraktion vor, alle Anträge in den Bildungsausschuss zu überweisen. - Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall CDU und FDP)

Vielen Dank, Frau Franzen. - Für die FDP-Fraktion hat die Abgeordnete Anita Klahn das Wort.

(Zuruf SPD)

- Ihr habt keinen Antrag gestellt.

Ich hoffe, er kann es verkraften. Ich sehe schon, dass er die Anlauttabelle dabei hat. Wunderbar!

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Uns liegt hier ein äußerst ernstes Thema vor; denn es geht um nicht weniger als die Frage, wie unsere Kinder richtig schreiben lernen. Das ist eine der zentralen Fertigkeiten in unserer modernen Wissensgesellschaft. Ich habe gerade eben eine E-Mail mit der Information bekommen, dass ein Physiker versucht hat, seine Ausbildung hier in Deutschland anerkannt zu bekommen. Es handelt sich um einen Menschen mit Migrationshintergrund. Das ist daran gescheitert, dass er nicht über genügend Sprachkenntnisse verfügt. Er ist fachlich kompetent, aber sprachlich durchgerasselt. Das heißt, die deutsche Rechtschreibung und das Beherrschen der Grammatik sind von zentraler Bedeutung.

Der Philologenverband erklärt zu Recht, dass die von uns kritisierten Methoden wie „Lesen durch Schreiben“ einen Riesenschaden bei unseren Kindern anrichten. Es ist sogar nachgewiesen, dass dadurch die Rechtschreibschwäche gefördert worden ist. Aus Nordrhein-Westfalen gibt es einen ganz aktuellen Bericht zu dem Fehlerquotienten. Im Jahre 1972 entfielen auf 100 Wörter sieben Fehler. Im Jahre 2012 sind von 100 Wörtern 16 falsch geschrieben worden.

(Zuruf Martin Habersaat [SPD])

- Genau, Herr Habersaat! Das hat nichts damit zu tun, dass wir mehr Kinder mit Migrationshintergrund bei uns haben; vielmehr ist das völlig unerheblich.

Bei der Methode „Lesen durch Schreiben“ - wir haben es von der Kollegin Franzen schon gehört wird erst zu einem späten Zeitpunkt mit dem Rechtschreibunterricht begonnen. Rechtschreibfehler werden durch die Lehrer nicht korrigiert. Somit prägen sich falsche Schreibweisen ein. Sie können später nicht wirklich gut repariert werden. Aus diesem Grunde schießen Nachhilfeinstitutionen wie Pilze aus dem Boden, um das später Kindern in der Sekundarstufe beizubringen.

Die Bildungsforschung verdeutlicht - Frau Franzen hat den Namen Steinig erwähnt, es gibt allein von ihm zwölf Studien dazu -, dass das Umkehrlernen von einmal Gelerntem lange dauert und zudem nicht wirklich etwas bringt.

Meine Damen und Herren, ebenso verkennen „Lesen durch Schreiben“ und ähnliche Methoden den Lernprozess des Schriftspracherwerbs. Die Lernforschung zeigt: Der Schriftspracherwerb und die richtige Rechtschreibung sind ein schrittweiser Lernprozesse, den sich Schülerinnen und Schüler nicht selbstständig erarbeiten können, sondern bei dem sie ausdrücklich der Anleitung des Lehrers bedürfen. Auch ist ein nachhaltiges Üben des Erlernten unerlässlich. Der grundsätzliche Ansatz dieser Methoden kann nicht funktionieren. Kinder sollen sich ja nach Gehör mit Hilfe von Anlauttabellen das Schreiben am besten noch selbst beibringen. Also die Lernanfänger - wir reden hier wirklich von Kindern der ersten und zweiten Klasse - müssen alle Wörter, die hier angeboten werden, selbstständig erlernen, sauber artikuliert aussprechen können und durch genaues Hinhören erkennen, wie das Wort gesprochen wurde.

Ich nenne ein Beispiel: Zwischen Wende und Wände ist sicherlich ein inhaltlicher Unterschied, wenn ich einmal die Kehrtwende meine und wenn ich

(Heike Franzen)

einmal von Wänden spreche. Wir können auch noch die Bildungsministerin hinzufügen, die auch Wende heißt. Sie sehen also, dass allein der Buchstabe E doch sehr viel mit sich bringt.

Außerdem soll den Kindern nicht vermittelt werden, dass die Schrift ein Abbild der Lautsprache ist. Kollege Kubicki hat mich gerade gefragt: Wie machen das eigentlich die Menschen, die ausgeprägte Dialekte beherrschen? Werden sie jemals die Hochsprache, das Hochdeutsche, beherrschen können? Ich erinnere an den Physiker, von dem ich eingangs sprach.

(Christopher Vogt [FDP]: Was hat Günther Oettinger gemacht?)

Dazu kommt: Mangelnde Differenzierungsfähigkeit, die natürlich auf mangelnder Übung beruht, weil es sich um Erstklässler handelt, wird den Schülern zum Verhängnis. Insbesondere bei Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern und Kindern mit Migrationshintergrund führen diese Methoden zu schlechten Rechtschreibkompetenzen. Sie speichern nur ein undifferenziertes, unstrukturiertes Konglomerat von Lauten und aufgenommenen Wortruinen und sind fest davon überzeugt, dass es Deutsch sei.

(Wolfgang Kubicki [FDP]: Genau!)

Dazu kommt, dass die Kinder erschwert Lesen und Schreiben lernen, weil wir auch nicht mehr die lateinische Schrift haben. Wir schreiben in Großbuchstaben, wo verbundene Buchstaben nicht mehr zeigen, wo ein Wort anfängt und aufhört. Auch da gibt es deutlich Nachbesserungsbedarf.

Auch steht die Methode „Lesen durch Schreiben“ nicht in Einklang mit dem Lehrplan, da der Lehrplan Deutsch in der Primarstufe die Notwendigkeit des richtigen Schreibens auch als fächerübergreifendes Unterrichtsprinzip hervorhebt und das Erkennen von Fehlern sowie das Nutzen von Fehlern zur Weiterentwicklung der Schreibfähigkeit fordert.

Ich widerspreche damit klar den Aussagen des Ministeriums, welches in der Presse behauptet, erst am Ende der zweiten Klasse müsse das mit der Rechtschreibung schon klappen. Meine Damen und Herren, wie bitte schön soll das am Ende der zweiten Klasse plötzlich von heute auf morgen mit der richtigen Rechtschreibung klappen, wenn ich es nicht einmal geübt habe und schrittweise dahin geführt werden kann?

(Sandra Redmann [SPD]: Fragen Sie mal meine Tochter! Die hat das auch gelernt!)

- Mein Sohn hat auch Lesen und Schreiben gelernt, aber nur aufgrund der Tatsache, dass wir im Elternhaus tüchtig geholfen haben.

Kindern Schreibkompetenz und Rechtschreibung zu vermitteln ist von außerordentlicher Bedeutung, da Menschen mit Defiziten in der Schreibkompetenz häufig ihre bürgerlichen Rechte nicht wahrnehmen können und Schwierigkeiten haben, sich in die Gesellschaft zu integrieren.

Frau Kollegin, kommen Sie bitte zum Schuss.

Ich komme zum Ende, ja.

Es muss Aufgabe von Schule sein, alle Kinder vor diesem Schicksal zu bewahren.

(Beifall FDP und CDU)