Ganz zum Schluss noch ein kleines Bonbon, das ich ebenfalls in der Zeitung gerade noch gesehen habe: Die Bäckerinnung beklagt, dass ihre Auszubildenden nicht in der Lage seien, auf der Torte „Happy Birthday“ richtig zu schreiben.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Inwieweit die Rechtschreibung englischsprachiger Begriffe an den Grundschulen gut unterrichtet wird oder nicht, würde einer weiteren Debatte bedürfen.
Ich habe Ihnen zwei Dinge mitgebracht, die maßgeblich für die heutige Debatte sind. Das hier ist die Anlauttabelle, die CDU und FDP interessanterweise verbieten wollen. Da haben wir sie wieder in der Reihe der Verbotsparteien.
Das hier ist „leo.“. Leo. ist eine Studie über Analphabetismus in Deutschland. Interessanterweise haben die beiden überhaupt nichts miteinander zu tun. Denn die Analphabetenrate in Deutschland war erschütternd hoch, bevor die Anlauttabelle an den Schulen zur Praxis wurde.
„Keine Experimente“ - das fordern CDU und FDP in ihren Anträgen. Das war möglicherweise dem Bundestagswahlkampf geschuldet, weil dieser Slogan im Bundestagswahlkampf ja schon einmal erfolgreich war. Wenn wir Anträge illustrierten, würde ich mir das finster dreinblickende Porträt von Adenauer neben der Unterschrift von Frau Franzen vorstellen.
Aussage der Überschrift ist ja: „Reformpädagogik ist von Übel“. Die CDU sagt uns: Nicht nur für uns und unsere Kinder, auch bereits für unsere Väter, vielleicht für unserer Väter Väter, ist Reformpädagogik schlecht. Denn was hat Reformpädagogik je für uns getan? Gut, die nicht konfessionsgebundenen Schulen und den Einzug der Kunsterziehung in den Unterricht haben wir der Reformpädagogik zu verdanken. Aber sonst war da doch nichts. Ach doch: Der Stellenwert gemeinsamer Arbeit wird Kindern heute dank der Reformpädagogik vermittelt. Die Reformpädagogik brachte die Orientierung an den Bedürfnissen des Kindes und etablierte die Erziehungswissenschaft an den Hochschulen. Das hat die Reformpädagogik schon erreicht. Das Spiel als positives Element der Pädagogik sollten wir vielleicht auch erwähnen. Das versteht sich vielleicht aber auch von selbst. Oder die Entdeckung des Praxisbezugs, Werkstattunterricht, Projektunterricht, Stationenlernen. Ich glaube, noch genauer brauchen wir es nicht. Alles sozialdemokratieverdächtiger Ideologiekram!
Die Leo.-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass 7,5 Millionen Menschen in Deutschland als funktionelle Analphabeten gelten müssen, 14 % der Bevölkerung. Diese Zahlen sind eben nicht auf die Existenz der Anlauttabelle zurückzuführen, sondern sind das Ergebnis des klassischen Unterrichts.
Und nun? Nun stehen Sie hier und sagen: Zurück auf die Schulbank, Hände auf den Tisch, Augen geradeaus und Lehrgang im Gleichschritt marsch! Da war die CDU schon einmal weiter. Eigentlich war es in diesem Hause unstrittig, dass die pädagogische Eigenverantwortung der Schulen ein hohes Gut ist. Der Antrag der FDP ist etwas differenzierter, dennoch für uns nicht zustimmungsfähig. Ihre permanenten Misstrauenserklärungen an unsere Lehrerinnen und Lehrer können wir einfach nicht teilen.
Die Meta-Studie von John Hattie hat uns vor allem eins gezeigt: Es kommt auf die Lehrerin oder den Lehrer an, im Zweifel mehr als auf die Methode. Ich bin mir sicher, dass es an unseren Schulen keine einzige Lehrerin gibt, die sich darüber im Klaren ist, dass die von ihr angewendete Methode mangelhafte Resultate erbringt, und die trotzdem unbeirrt an ihr festhält.
Es gibt in der Pädagogik nun einmal keine einfachen Rezepte, kein: Drücke A, dann passiert B. Wir brauchen einen angemessenen Methodenmix; wir brauchen angemessene Rückmeldungen. Da stimme ich mit Ihnen durchaus überein. Und wir brauchen eine sinnvolle Mischung aus Selbständigkeit und Anleitung. Dazu kann eben auch eine Anlauttabelle gehören, deren Vorteile aufzuführen mir hier leider die Zeit fehlt.
Das IQSH wird am 23. November 2013 einen Landesfachtag „Deutsch als Zweitsprache“ durchführen. Da wird auf viele Aspekte eingegangen, die Ihnen Sorgen bereiten, was den Spracherwerb für Menschen mit Migrationshintergrund angeht. Am 28. November 2013 folgt eine Veranstaltung „Lesen und Schreiben an der Grundschule“, in der es auch um viele der angesprochenen Themen geht.
Ein wenig geht aus dem FDP-Antrag, glaube ich, der Kummer hervor, dass Sie aus Versehen EVIT abgeschafft haben, weil Sie ja immer keine externe Evaluation an den Schulen wollten.
Wenn an den Schulen Fehler gemacht werden, gibt es dafür im Schulgesetz vorgesehene Institutionen. Das sind zunächst einmal der Schulleiter, die Fachund Schulkonferenzen: Dann kommen die verschiedenen Ebenen der Schulaufsicht bis hin zum Ministerium ins Spiel. Im Schulgesetz, auch im neuen, ist jedenfalls nirgends die Rede davon, dass der Schleswig-Holsteinische Landtag die oberste Instanz der Schulaufsicht darstellt. Wir haben auch nicht vor, das in nächster Zeit zu ändern.
Wolfgang Eichler und Hans Brügelmann, auch durchaus renommierte Professoren, kommen anlässlich der aktuellen Debatte, die ja nicht nur hier
in Schleswig-Holstein geführt wird, zu dem Schluss, medienwirksame Schnellschüsse seien unangebracht. Lassen Sie uns also bitte die Debatte im Bildungsausschuss fortsetzen. Dafür brauchen wir keine Überweisung. Dafür können wir auch unserem Antrag zustimmen.
Einen letzten liebevollen, korrigierenden, nicht sanktionierenden Hinweis an die CDU, wenn Sie für eine korrekte Ausdrucks- und Schreibweise plädieren: Das Wort „Voraussetzung“ schreibt sich nur mit einem R. - Vielen Dank.
(Heiterkeit und Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW - Peter Eichstädt [SPD]: Das haben wir jede Fraktionssit- zung!)
Nun machen wir einmal hier vorn weiter. Ich erteile der Frau Abgeordneten Anke Erdmann von der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN das Wort.
Nein, Martin, ich habe eine authentische Tabelle dabei. Ich wollte dich noch einmal fragen, ob du die Rechtschreibung eigentlich mit oder ohne Anlauttabelle gelernt hast; aber wahrscheinlich kam die Anlauttabelle danach.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! An dieser Anlauttabelle macht sich wirklich ganz viel fest, weil Ihre Anträge - besonders von der CDU, weniger von der FDP - so undifferenziert sind, dass sich wirklich die Frage stellt, ob diese Anlauttabelle, die momentan an ganz vielen Grundschulen ein Element ist - in ganz vielen Schulbüchern ist sie enthalten -, jetzt auch verboten gehört. Dazu müssten Sie sich im Laufe der Ausschussberatung äußern. Ich finde, es klingt relativ unkundig in Bezug darauf, was an unseren Schulen tatsächlich passiert.
Mein Eindruck auch aus einer nicht repräsentativen Kurzumfrage, die ich durchgeführt habe, ist, dass die Reinform eigentlich in keiner Grundschule wirklich verwendet wird. Vielleicht ist das eine zu verstiegene These. Vielleicht können wir das herausbekommen. Die meisten Grundschulen, die ich kenne und die mit Anlauttabellen arbeiten, haben eben eine zweite Schiene, ganz logischerweise. Es
Ein Blick in die Wissenschaft zeigt es. Frau Franzen, Sie verweisen auf die Marburger Studie, die uns seit 2007 vorliegt - so viel zu der Frage, wann wissenschaftliche Erkenntnisse möglicherweise auch in der Politik ankommen. Es wird zwischen Schreiben und Rechtschreiben unterschieden. Logischerweise gehört das irgendwann zusammen. Beim Englischunterricht fangen Sie auch erst einmal an, drauflos sprechen zu lassen; denn wenn Sie anfingen, jeden einzelnen Fehler sofort zu korrigieren, käme man zu gar nichts. Der erste Punkt im Unterricht ist also: Trau dich! - Darum geht es auch bei dem Schreiben nach dieser Methode. Ich kenne sehr viele Grundschulen, die genau nach diesem ersten Aspekt Sicherungssysteme und Rechtschreibkurse ganz normal laufen lassen.
Die Ergebnisse der Hirnforschung, die Sie jetzt hier bemühen, sagen natürlich: nichts Falsches trainieren! - Das stimmt. Die Hirnforschung haben Sie bisher aber immer gern übersehen. Nehmen wir einmal die Ergebnisse von Hüther und Spitzer, die Sie erwähnt haben. Das sind Leute, die sich sehr stark für den Wandel in den Schulen aussprechen, die sich für Differenzierung starkmachen. Da können Sie keine Rosinenpickerei betreiben und sagen: Die Hirnforschung sagt uns, diese Methode muss verboten werden.
Stattdessen sagt die Hirnforschung eigentlich genau das Gegenteil von dem, was Ihr Antrag will. Sie sagt nämlich: Wir brauchen Reformen, wir brauchen Schulmethoden, die ein bisschen auf die Hirnforschung abstellen.
Ich bin wie die meisten von uns keine Pädagogin, aber ich glaube, diese Anlauttabelle hat deshalb einen solchen Durchmarsch gemacht, weil man damit differenzierten Unterricht machen kann. Aber ich glaube, uns allen ist klar, dass es Grenzen gibt. Eine Grenze ist zum Beispiel, ob die Lehrkräfte Zeit haben, die Schreibergebnisse mit einer individuellen Rückmeldung zu versehen. Das wäre ein wichtiger Bestandteil.
Natürlich bereitet eine solche Anlauttabelle auch Probleme, wenn man Kindern gegenübersitzt, die sprachlich noch einen ganz weiten Weg zu gehen haben. Ich war vor zwei Wochen in einer Schule und habe, bevor Ihr Antrag kam, mir genau das noch einmal ansehen können. Wenn ein Kind „Krokodil“ schreiben sollte, aber „Totodil“ sagt, dann
- „Alligator“ hätte vielleicht geklappt. Dann erzähle ich noch die Anekdote, Lars Harms. In diesem Unterricht, wurde das Kind gefragt: Krokodil? - K wie Koffer. Dann wurde nach dem O gefragt. Da wurde sehr lange darüber nachgedacht, wie das O wohl klingt. Die Lehrerin machte verschiedene Vorschläge nach der Anlauttabelle, zum Beispiel auch Oma.
Ich will es nur kurz sagen: Wir sehen die Notwendigkeit, ernsthaft über diese Methode und die Grenzen dieser Methode zu diskutieren, wir wissen aber auch, dass viele Kinder damit sehr gut schreiben gelernt haben. Deswegen ist eine Verbotsdebatte an dieser Stelle komplett daneben. Der gesellschaftliche Kontext, in dem wir uns bewegen, muss sich in vielerlei Hinsicht mit Spracharmut auseinandersetzen, und er muss sich auch damit auseinandersetzen, dass viele Leute sagen: Wozu eigentlich Rechtschreibung, ich habe ein Autokorrekturprogramm! - Uli König nickt.