Protokoll der Sitzung vom 25.09.2013

(Wolfgang Kubicki [FDP]: Aber auch da muss man sich entscheiden!)

Das hören Sie aber auch von vielen Eltern, denen der Wert von Rechtschreibung eigentlich überhaupt nicht mehr klar ist. Das ist der gesellschaftliche Kontext, in dem wir uns bewegen. Ich sage nicht, dass ich das gut finde, aber ich beschreibe, dass das einer der Faktoren ist, die möglicherweise auch zu diesem „Spiegel“-Titel führen. Das ist nicht monokausal auf eine Methode zurückzuführen.

(Zuruf Tobias Koch [CDU])

Der letzte Punkt ist für mich - das hat Herr Habersaat schon angesprochen -: Wer Eigenständigkeit von Schulen im Munde führt, solche Anträge stellt und gleichzeitig EVIT abschafft, handelt in einer Weise, die für mich nicht zusammenpasst. Die Eigenständigkeit von Schulen - das sagt uns ein anderer Wissenschaftler, Herr Wößmann, der dazu viele Studien ausgewertet hat - muss unmittelbar mit einer vernünftigen Qualitätssicherung einhergehen. Die haben Sie damals im Handstreich abgeschafft.

Das sage ich in Richtung CDU: Freitags EVIT abschaffen, sonntags Reden über autonome Schulen formulieren, montags den „Spiegel“ lesen und

dienstags solche Anträge schreiben - da würde ich mir eine durchdachtere Bildungspolitik wünschen. Danke!

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD und SSW - Christopher Vogt [FDP]: Und donnerstags Fleisch essen!)

Das Wort für die Fraktion der PIRATEN hat Herr Abgeordneter Sven Krumbeck.

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich dachte immer, mich würde in der bildungspolitischen Auseinandersetzung, wie ich sie in diesem Haus kennengelernt habe, nichts mehr überraschen. Ich dachte immer, das Maß an gedanklicher Unbeweglichkeit zwischen Regierung und Opposition sei ausgereizt. Ich dachte, da gehe gar nichts mehr. Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie überraschen sogar einen neuen, unverbrauchten und weltoffenen Geist wie meinen immer wieder neu.

(Heiterkeit und Beifall PIRATEN, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

„Reform“ - das hört sich offenbar in den Ohren der antragstellenden Abgeordneten so fremd an wie ein Gedicht auf Suaheli. Schulpolitisch heißt das, da soll etwas Neues her, da machen sich Leute Gedanken über Alternativen. Das kann und darf im Rahmen der Schulgestaltung einfach nicht falsch sein. Dabei lassen sich gedankliche Feinheiten und manchmal sogar verfasste Schlussfolgerungen aus dieser Idee nie aufhalten.

Seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts beherrschten reformpädagogische Gedanken national wie international das Bildungsgeschehen. Eine neue Erziehung sollte her, eine Bildungspolitik aus einem anderen, einem kinderbezogenen Blickwinkel. Reformschulen entstanden in Deutschland. Es begann ein wachsender, internationaler Austausch. Wir verdanken dieser Ideenfreiheit Montessorioder Waldorfschulen. Ich hoffe doch, dass niemand hier in diesem Hause die Bereicherung bestreiten will, die die Schullandschaft durch diese Schulen erfährt.

(Beifall PIRATEN, Anke Erdmann [BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN], Ines Strehlau [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Lars Harms [SSW])

(Anke Erdmann)

Erst 1933 wurden reformpädagogische Gedanken durch die Nationalsozialisten verboten, sie keimten nach 1945 wieder auf und wurden in der ehemaligen DDR erneut von Staats wegen verboten. Heute diskutieren wir über den CDU-Antrag „Keine reformpädagogischen Experimente an unseren Schulen“. Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll.

(Hans-Jörn Arp [CDU]: Dann hör doch auf!)

Dabei geht es mir wie den meisten hier im Saal, die Verbotsforderer mit eingeschlossen - das ist doch das Dilemma -, dass gesicherte Informationen über die Methode gar nicht vorliegen. Die umfangreiche Berichterstattung zu dem Thema, die wir in den letzten Tagen in der Presseberichterstattung verfolgen konnten, unterstreicht vor allem eines: Es gibt keine deutlichen, aussagekräftigen wissenschaftlichen Evaluationen zu dem Thema. Kritiker beschwören das Ende des Abendlandes und die totale Verdummung der Kinder. Anhänger von Jürgen Reichen, dem Urvater der Methode „Lesen durch Schreiben“, schwören darauf. Manche bemängeln, dass die Kinder in der Anfangsphase zu viele Fehler im Vergleich zu traditionell unterrichteten Schülern machen. Fast alle kommen am Ende aber überein, dass sich dieses Defizit zum Ende der Grundschulzeit relativiert hat oder gar nicht mehr feststellbar ist. Dann kommen auch noch die Praktiker, die Pädagogen, hinzu, die auch mit Mischformen arbeiten und gute Ergebnisse erzielen. Ich bin mir sicher, dass diese Ergebnisse gut sind, denn sonst würden unsere Lehrer das nicht machen.

Fakt ist aber: So ganz genau weiß das offenbar keiner. Wenn Sie mich fragen, muss ich sagen, dass ich es auch nicht weiß. Aber anstatt Dinge zu verbieten, von denen ich keine Ahnung habe, bin ich neugierig genug, mich schlaumachen zu lassen. Darum legen wir einen Änderungsantrag vor, der uns schlaumachen soll und nicht einen wie die FDP, die schlaumachen und ablehnen von vornherein zwingend gleichsetzt.

(Beifall PIRATEN, vereinzelt SPD, BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Darum bitte ich um eine fundierte Aufarbeitung der Methode und anschließende Diskussion im Ausschuss. Ich möchte die Debatte auch dazu nutzen, auf das hinzuweisen, was die Grundschulen vermutlich mehr beschwert als die Auswahl zwischen verschiedenen pädagogischen Ansätzen für die optimale Vermittlung von Kompetenzen und Wissen: Ihnen fehlt nämlich die Zeit, um sich in diesem Fall

der Rechtschreibung nachhaltiger zu widmen, als sie es müssten. Darüber müssen wir reden.

Und wir müssen darüber reden, dass Schülerinnen und Schüler zum Beispiel durch moderne Technik mehr Kompetenzen erwerben, was in Teilen zulasten der Rechtschreibung geht. Wie wir das am Ende zusammenbringen und auflösen, daran müssen wir uns messen lassen. Darum sollten wir der Sache dienen und nicht irgendwelchen ideologischen Vorbehalten. - Vielen Dank.

(Beifall PIRATEN, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Das Wort hat Frau Abgeordnete Jette WaldingerThiering von der SSW-Fraktion.

Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Mit Blick auf die vorliegenden Anträge von CDU und FDP zu Lehrmethoden in unseren Grundschulen bin ich für einen Hinweis besonders dankbar: Die Methodenfreiheit an Schulen ist ein hohes Gut. Das hält zumindest die FDP in ihrem Antrag fest. Das ist schön. Ehrlich gesagt, alles andere hätte mich bei einer Partei, die stets die Eigenverantwortlichkeit der Menschen betont, auch sehr gewundert. Was die Autonomie der Schulen bei der Unterrichtsgestaltung angeht, so scheinen wir uns also im Grundsatz einig zu sein. Wenn wir schon bei Grundsätzen sind, dann hoffe ich, dass auch die Notwendigkeit von reformpädagogischen Ansätzen insgesamt nicht ernsthaft bestritten wird. Für den SSW ist die Reformpädagogik jedenfalls unverzichtbar.

Wer als Lehrerin oder Lehrer tätig ist oder sich anderweitig mit Schulbildung befasst, der weiß, dass moderne oder eben einfach unkonventionelle Methoden immer mit großer Aufregung und mit Geschrei verbunden sind. Nur zur Erinnerung: Wenn zum Beispiel die damaligen Kritiker der Ganzwortmethode recht behalten hätten, dann könnten heute ganze Generationen von Menschen nicht lesen. Ich will damit nur sagen, dass die Aufregung meistens deutlich größer ist als die vermeintlich negativen Auswirkungen einer Methode.

(Beifall SSW und Eka von Kalben [BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN])

Deshalb denke ich, wir alle sind gut beraten, wenn wir auch mit diesem Thema sachlich umgehen. Wenn ich mir den Antrag der CDU anschaue, dann

(Sven Krumbeck)

bitte ich um etwas mehr Verhältnismäßigkeit. Unsere Grundschulkinder hier im Land sind ganz sicher keine Versuchskaninchen, die durch Verbote gewisser Methoden vor den allzu experimentierfreudigen Lehrerinnen und Lehrern geschützt werden müssen. SPD, Grüne und SSW trauen - wie die PIRATEN - genau diesen Lehrkräften eine sehr genaue Urteilsfähigkeit zu, wenn es um die Wahl, die Abwahl oder eben den erfolgreichen Mix von Lese- und Schreibmethoden geht. Kein Zweifel: Unsere Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen sind es, die grundsätzlich am besten beurteilen können, welche pädagogischen Mittel zu welchen Erfolgen führen und welche nicht. Wir wissen, dass wir uns auch in dieser Frage auf sie verlassen können.

Auch wenn es um die konkrete Methode ,,Lesen durch Schreiben“ geht, halte ich eine sachliche und differenzierte Betrachtung für angemessen. Sicher lassen sich auch bei dieser Methode Belege wie etwa in der von Frau Franzen herangezogenen Marburger Studie - finden, die zu einem negativen Ergebnis kommen. Aber wenn die GEW davon ausgeht, dass dieser Ansatz als einer von vielen an rund 80 % unserer Grundschulen zum Einsatz kommt, dann kann er so katastrophal nicht sein. Wenn wir dazu noch bedenken, dass diese Methode nicht erst seit gestern und so gut wie nie in Reinform angewendet wird, dann sollten wir nach Auffassung des SSW zumindest nicht in Panik verfallen.

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Wir halten die pädagogische Freiheit unserer Lehrerinnen und Lehrer für wichtig, und wir sehen auch den Mehrwert, den der Mix aus verschiedenen Methoden bringt. Uns allen dürfte klar sein, dass Kinder völlig unterschiedlich auf die verschiedenen Methoden ansprechen.

Natürlich nehmen wir auch die Sorge mancher Eltern ernst, nach der ihre Kinder durch bestimmte Ansätze an ihren Lernerfolgen gehindert oder sogar abgehängt werden. Aus diesem Grund halten wir es für sinnvoll, dass die Landesregierung die an den Grundschulen angewendeten Methoden unvoreingenommen auf ihre Stärken und Schwächen hin untersucht. Auf dieser Basis können wir dann eine sachliche Auseinandersetzung über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Ansätze führen. Dies wäre dann tatsächlich im Sinne der Kinder und Eltern in Schleswig-Holstein. Ich möchte noch einen Satz sagen: Wenn alle unsere Grundschüler nach dem Ende der zweiten Klasse hundertprozentige Rechtschreibfähigkeiten hätten, dann müssten wir

uns morgen nicht über G 8 oder G 9 unterhalten, sondern über G 7.

(Beifall SSW, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Sven Krumbeck [PIRATEN])

Zu einem Dreiminutenbeitrag erteile ich Herrn Abgeordneten Dr. Ekkehard Klug das Wort.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich finde es recht erstaunlich, wie die Kolleginnen und Kollegen von SPD, Grünen und SSW das Thema hier eher ins Lächerliche ziehen. Betrachten Sie die Realität in den Schulen: Wenn Eltern aus Familien, in denen beide Elternteile einen hohen Bildungsstand haben, feststellen, dass Kinder mit einem Gekrakel und Geschreibsel aus der Grundschule kommen, über das sie entsetzt sind, dann fangen sie an, selbst mit ihren Kindern zu üben, oder sie organisieren Nachhilfe, weil sie daran interessiert sind, dass ihre Kinder eine gute Rechtsschreibung erlernen. Was ist die Folge? - Die Folge ist, dass die Kluft bei den Rechtsschreibkenntnissen zwischen Kindern, die aus bildungsnahen Elternhäusern kommen, und jenen, die aus bildungsfernen Elternhäusern kommen, sehr schnell viel größer wird, als sie sonst wäre. Das ist die Folge.

(Beifall FDP und CDU)

Sie tragen doch immer das Ziel vor sich her, Kindern aus bildungsfernen Schichten und aus bildungsfernen Familien bessere Chancen zu eröffnen. Das, was hier in der schulischen Realität passiert, führt genau zu dem Gegenteil. Natürlich kann man trefflich darüber streiten, wie wichtig und wie bedeutend Rechtsschreibkenntnisse sind. Wenn sich aber die Auseinanderentwicklung so dramatisch vollzieht, wie das vielfach der Fall ist, dann ist die Folge, dass die Bildungs- und auch die Lebenschancen von Kindern aus bildungsfernen Familien - ich sage es vorsichtig - jedenfalls nicht gefördert werden. Es droht eher das Gegenteil.

Sie alle wissen, dass auch nach der Schule Rechtschreibkenntnisse in vielen Bereichen von Bedeutung sind. Fragen Sie einmal den Herrn Innenminister nach den Eingangstests für den Polizeidienst in Schleswig-Holstein, und zwar dann, wenn dort Deutschtests geschrieben werden. All das ist nicht nebensächlich, und es ist nicht ins Lächerliche zu ziehen. Ich darf Sie daran erinnern: Es ist schon lange her und viele werden es nicht selbst erlebt ha

(Jette Waldinger-Thiering)

ben, dass festgestellt wurde, dass die Mengenlehre als Methode eine verheerende Wirkung auf den Erwerb von mathematischen Kenntnissen hat. Man hat die Mengenlehre wieder abgeschafft.

Mit anderen Worten: Wenn man feststellt, dass etwas wirklich nicht förderlich ist für Kinder, dann ist es nach meiner Auffassung schon Sache der Politik, den Schulen einen richtigen Weg zu ebnen. Das kann man in angemessener Form tun, der FDP-Antrag schlägt - wie ich meine - auch in vernünftiger Weise einen Weg vor. Deshalb bitte ich Sie: Ziehen Sie das Thema nicht so, wie das hier in dieser Debatte passiert, ins Lächerliche, sondern bemühen Sie sich ernsthaft darum, für die jungen Leute, für die Sie angeblich etwas tun wollen, auch in der schulischen Realität etwas zu bewirken.

(Beifall FDP und CDU)

Das Wort hat Frau Abgeordnete Heike Franzen von der CDU-Fraktion.

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! In der Tat, ich möchte dort anschließen, wo Ekkehard Klug geendet hat. Ich glaube, wir sollten in dieser Debatte sehr viel ernsthafter mit diesem Thema umgehen. Ich kann Ihnen gern Zuschriften von Eltern zeigen, die ich in der letzten Zeit bekommen habe, und zwar mit Schriftproben aus vierten Klassen. Die Eltern verzweifeln, weil die Kinder im Lesen und Schreiben dorthin gekommen sind. Das sind keine dummen Kinder, das sind auch keine Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern. Das betrifft unter anderem Kinder von Akademikern, deren Eltern verzweifeln, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen können und wie sie ihre Kinder auf den nächsten Bildungsweg vorbereiten sollen.

Wir reden hier über eine Fertigkeit, die Grundvoraussetzung ist, um in unserem System Bildungserfolge sicherstellen zu können. Ohne eine sichere Rechtschreibung werden diese Kinder keine Chance haben. Sie wollen doch die Abiturquote erhöhen. Sie werden keine Chance haben, gute Haupt- und Realschulabschlüsse zu realisieren, wenn die Kinder nicht in der Lage sind, vernünftig zu schreiben.

Zu der Frage der Eigenständigkeit von Schulen: Wir stehen in der Tat für die selbstständige Schule. Wir werden morgen darüber diskutieren, wie weit Sie bereit sind, pädagogische Freiheit in den

Schulen zuzulassen, wenn es um die Frage der Unterrichtsgestaltung geht, die Sie einschränken wollen. Hierzu sage ich: Es ist pädagogische Freiheit, zu entscheiden: Wie unterrichte ich, was habe ich für Kinder, welche Lehrkräfte habe ich vor Ort und wie gestalte ich den Unterricht; binnendifferenziert oder äußerlich differenziert. All dies gehört in der Tat in die Entscheidung der Schulen.

Meine Damen und Herren, Eigenständigkeit von Schule hat da Grenzen, wo wir Vorgaben machen, nämlich in den Lehrplänen und Bildungsstandards der KMK. Daran haben sich unsere Schulen zu orientieren. Das ist auch richtig so. Dort werden die wissenschaftlichen Grundlagen gelegt, an denen sich die Schulen orientieren müssen. Ich hoffe, dass die Ministerin dazu noch einmal ein klärendes Wort sagt, wie sie mir in ihrer Antwort auf meine Kleine Anfrage mitgeteilt hat, dass das nicht konform geht mit den Lehrplänen und den KMK-Standards.

Zu EVIT: Die CDU stand und steht zu externer und interner Evaluation.