Protokoll der Sitzung vom 25.09.2013

Zu EVIT: Die CDU stand und steht zu externer und interner Evaluation.

(Zurufe SPD)

- Gerade die Damen und Herren aus der SPD müssten das eigentlich noch aus der Zeit wissen, in der wir gemeinsam in der Großen Koalition waren. Wir stehen für externe Evaluation und wollen sie. Sie gehört mit dazu, wenn man die selbstständige Schule entwickeln will.

Ich bitte darum, das Thema ernsthaft zu diskutieren. Das ist kein Spaß. Damit werden Grundlagen für den Bildungserfolg in unseren Schulen gelegt.

(Beifall CDU und FPD)

Als weitere Rednerin hat die Kollegin Anke Erdmann das Wort.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Dr. Klug und Frau Franzen, ich glaube nicht, dass wir das Thema lächerlich gemacht haben. Ich habe ausdrücklich zwischen dem Antrag der FDP, der differenzierter ist, und dem Antrag der CDU unterschieden. Frau Franzen, wenn Sie der Meinung sind, man sollte sich mit diesem Thema ernsthaft auseinandersetzen, hätten Sie vielleicht auch einen etwas ernsthafteren und differenzierteren Antrag stellen sollen, der der Sache angemessen ist. Wir gehen bei der FDP zwar nicht in jedem Punkt mit,

(Dr. Ekkehard Klug)

aber der FDP-Antrag ist durchaus differenziert; das habe ich deutlich gemacht.

Wir haben hier darüber gesprochen, dass Spracharmut Realität ist. Wir haben die Grenzen der Methode thematisiert. Deswegen möchte ich es noch einmal von uns weisen, dass wir das Thema lächerlich gemacht hätten.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW)

Herr Dr. Klug, Sie haben gerade gesagt: Wenn man feststellt, dass etwas schädlich ist für Kinder, muss Politik handeln. Vielleicht bin ich falsch informiert. Meines Erachtens ist die Marburger Studie 2007 veröffentlicht worden. Wenn man feststellt, dass etwas für Kinder schädlich ist, muss man handeln. Ich stelle hier die Frage in den Raum, wer zum damaligen Zeitpunkt zuständig gewesen ist.

(Dr. Ekkehard Klug [FDP]: Frau Erdsiek-Ra- ve!)

- Das ist nicht tragisch. Wir haben mit unserem Antrag deutlich gemacht, dass wir dieses Thema im Ausschuss ernsthaft betrachten. Wir haben schon darauf hingewiesen, dass das IQSH da offensichtlich nachsteuert. Wir haben eine ernsthafte Debatte im Ausschuss angekündigt. Deswegen verstehe ich die Vorwürfe von Ihrer Seite, wir würden das Thema nicht ernst nehmen, überhaupt nicht. Wir stimmen die Anträge nicht weg. Wir haben einen Änderungsantrag gestellt, der auf viele Ihrer Punkte eingeht.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD und SSW)

Martin Habersaat von der SPD-Fraktion hat das Wort.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Der Kollege Dolgner hat etwas herausgefunden, was mir noch nicht bekannt war.

(Anita Klahn [FDP]: Er kann lesen und schreiben! - Weitere Zurufe)

Das passiert häufiger. Die erste Anlauttabelle in Deutschland kam 1653 auf den Markt von niemand Geringerem als Herrn Comenius, und niemand Geringerer als Goethe hat damit gelernt.

(Peter Eichstädt [SPD]: Na ja, na ja! - Weite- re Zurufe)

Ich habe versucht, in meiner Rede deutlich zu machen: Die Anwendung einer einzigen Methode an einer Schule, glaubend, dass Unterricht eine Technik ist, die mit Methode A immer Wirkung B erzielt, ist falsch. Ich wehre mich gegen die Unterstellung, wir hätten Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen in Schleswig-Holstein, die das glaubten. Natürlich muss eine Methode kritisch eingesetzt werden. Natürlich - das habe ich gesagt - ist ein Methodenmix optimal. Natürlich brauchen Kinder Rückmeldung. Ich bin sehr sicher, dass das an den Schulen in Schleswig-Holstein auch passiert.

Herr Dr. Klug, die Mengenlehre ist nicht vom Landtag verboten worden, sondern es hat sich allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, dass das möglicherweise ein Schritt in die falsche Richtung war.

(Zurufe)

Aber Mengenlehre taucht heute immer noch in den Schulen als Teil des Mathematikunterrichts auf.

(Zurufe SPD)

Viele Kolleginnen und Kollegen haben es in den Landtag geschafft, obwohl oder vielleicht weil sie in Mengenlehre unterrichtet worden sind. Letztendlich ist die Mathematik insgesamt kaum denkbar ohne Mengenlehre.

Wir sind bereit, im Ausschuss darüber zu debattieren. Wir können gern auch das IQSH einladen und uns die Veranstaltung vorstellen lassen. Ich wollte deutlich machen, dass das Thema vom IQSH aufgenommen und diskutiert wird. Vielleicht können wir die Aufregung ein weinig herunterschrauben.

Ich habe auch versucht, deutlich zu machen, dass ein blindes Anrennen gegen Reformpädagogik der falsche Weg ist. Bei der CDU setzt sich in letzter Zeit der Trend durch, alles, was ideologisch ist, sei schlecht, und ideologisch und sozialdemokratisch sei sowieso gleichzusetzen. Ich habe versucht, Ihnen zu verdeutlichen, was wir der Reformpädagogik zu verdanken haben. Ich hoffe, dass wir auch künftig reformpädagogische Ansätze an unseren Schulen zulassen werden, weil sonst Entwicklung von Schule schlechterdings nicht möglich ist. - Ich danke Ihnen zum zweiten Mal für die Aufmerksamkeit.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW und Sven Krumbeck [PIRATEN])

Für die Landesregierung erteile ich der Bildungsministerin Dr. Wara Wende das Wort.

(Anke Erdmann)

(Zurufe)

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Lieber Martin Habersaat!

(Zurufe: Oh, oh!)

Wenn man Goethe als Autorität für gutes Schreiben nimmt, muss man aufpassen. Der hat nämlich hessisch gebabbelt und auch häufig hessisch gereimt. Er würde heute den Rechtschreibregeln nicht Genüge tun können.

(Dr. Ralf Stegner [SPD]: Die CDU würde da keine Gnade finden!)

Meine Damen und Herren, 14,5 % der erwachsenen Bevölkerung zwischen 18 und 65 Jahren sind funktionale Analphabeten. Das heißt, sie können lediglich auf Grundschulniveau lesen, schreiben und rechnen. Das ist ein Wert, der besorgniserregend ist.

Im Übrigen möchte ich noch eine Anmerkung an Frau Franzen machen. Sie haben eben gesagt, Sie hätten Schreibproben von überaus intelligenten Kindern bekommen, deren Schreibproben katastrophal seien. Auch das sollten wir lernen: Analphabetismus hat überhaupt nichts mit Intelligenz zu tun.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, PIRATEN und SSW)

Wer nicht richtig schreiben und lesen kann, ist allerdings in seiner Teilhabe an dem, was wir gesellschaftliches Miteinander nennen, gehandicapt, hat Schwierigkeiten, eine berufliche Ausbildung zu machen, kann seinen Alltag nur mit Mühe bewältigen und dürfte auch in einer audiovisuellen Informationsgesellschaft wie der unseren nur mit großer Anstrengung in der Lage sein, sich zu informieren. Deshalb ist es richtig, wenn wir genau hinschauen, was an unseren Schulen passiert.

Jedes Jahr werden in Schleswig-Holstein circa 22.000 Grundschülerinnen und Grundschüler eingeschult. In etwa 1.000 ersten Klassen an 400 Grundschulen im Land geht es um eine Frage: Mit welcher Methode gelingt der Erwerb der Lese- und Schreibkompetenz am besten? Die Methode „Lesen durch Schreiben“ des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen ist nur eine Methode von vielen.

Daten zur Verbreitung der Methode an unseren Grundschulen werden nicht erhoben. Allerdings wissen wir, dass „Lesen durch Schreiben“ in vielen

Grundschulen praktiziert wird, aber in der Regel nicht in Reinkultur. Häufig wird mit der Anlauttabelle, die wir bereits zweimal vorgeführt bekommen haben, von Jürgen Reichen gearbeitet. Die Anlauttabelle ermöglicht Schreiben von Anfang an. Selbstständig und in ihrem individuellen Tempo schreiben Schülerinnen und Schüler Texte auf der Basis ihres eigenen Wortschatzes. Auch wenn der Schwerpunkt hierbei auf der Verschriftung von Sprache liegt, wird ganz nebenbei über Hypothesenbildung zum richtigen Schreiben Rechtschreibsensibilität entwickelt. Zu Ihrer Information: Mittlerweile haben mehrere Schulbuchverlage die Idee der Anlauttabelle von Reichen aufgegriffen und in ihre Lese- und Schreibbücher aufgenommen.

Schreiben- und Lesenlernen ist ein individueller Denkentwicklungsprozess. Nicht jedes Kind ist gleich. Die Methode „Lesen durch Schreiben“ ist nicht für jedes Kind geeignet. Das hat uns auch die Marburger Studie, die von den Gegnern der Methode stets zitiert wird, vor Augen geführt. Allerdings: Der Erkenntniswert einer jeden Studie ist ein relativer. Er hängt nicht allein von der jeweiligen Fragestellung, sondern auch vom Methodendesign, vom theoretischen Rahmen, den Vergleichskohorten, den zeitlichen und lokalen Parametern ab.

Wir haben eben gehört - ich glaube, das war Frau Klahn -, dass ein Text, der hundert Worte umfasst hat, früher mit einer Fehlerquote von acht Fehlern und heute mit einer Fehlerquote von 16 Fehlern geschrieben wurde. Wir haben aber zum Beispiel nicht die Information gehabt: Waren das die gleichen Wörter?

Dennoch nehme ich jede Studie ernst. Wenn es stimmt, dass in Hessen im Jahr 2007 der Anteil rechtschreibschwacher Kinder nach der Anwendung der Methode von Reichen bei 23 % lag, im herkömmlichen Unterricht aber nur bei 5 %, dann müssen wir genauer hinsehen.

(Beifall im ganzen Haus)

Wenn allerdings meine eingangs genannten Zahlen ebenfalls stimmen, dass nämlich 14,5 % der erwachsenen Bevölkerung lediglich auf Grundschulniveau lesen und schreiben können, sind die Ergebnisse der Marburger Studie zumindest mit Vorsicht zu betrachten. Wie erklärt es sich, dass die Marburger Studie den herkömmlichen Lese-, Schreib- und Lernmethoden eine Erfolgsquote von 95 % bescheinigt, wir aber von 14,5 % funktionalen Analphabeten sprechen? Da gibt es zumindest aus meiner Sicht ein Logikproblem.

(Vizepräsidentin Marlies Fritzen)

Ich sage Ihnen heute: Wir werden uns mit den Leistungsprofilen der unterschiedlichen Methoden beschäftigen. Dabei setze ich auf Lehrerbildung und Fortbildungsangebote und nicht auf Verbote.

Das IQSH - das hat bereits Herr Habersaat erwähnt - wird am 28. November 2013 in Kronshagen ein Bildungsforum veranstalten, das sich dem Thema Lesen- und Schreibenlernen in der Grundschule widmet. Es wird um Ergebnisse wissenschaftlicher Studien gehen und um daraus resultierende Anregungen für die Schulpraxis. Danach werden wir alle klüger sein, sofern wir bereit sind, sachlichen Analysen ein Ohr zu schenken.