Protokoll der Sitzung vom 13.12.2018

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU)

Bundesweit werden 2025 etwa 25.000 Lehrkräfte fehlen. Das merken wir - die Ministerin hat es gesagt - auch in Schleswig-Holstein, und das macht der Bericht zur Unterrichtssituation deutlich. Vor

(Kai Vogel)

allem an Grundschulen, Förderzentren und beruflichen Schulen im gewerblich-technischen Bereich ist der Mangel groß. Um diesen Mangel zu beheben, brauchen wir ein Konzept. Dieses Konzept legt die Landesregierung mit ihrem Bericht vor. Die Ausstattung mit Lehrkräften wiederum hat unmittelbaren Einfluss auf die Unterrichtsversorgung. Hierzu liegt ebenfalls ein Bericht vor, den wir jetzt diskutieren. Vielen Dank, liebe Bildungsministerin, an Sie und Ihr Haus für die Erstellung dieser umfangreichen Berichte.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU)

Der Bericht zur Lehrkräftegewinnung zeigt, dass das Thema von der Landesregierung strukturiert, auf mehreren Ebenen und mit Nachdruck angegangen wird. Es ist die richtige Strategie, als Land an vielen Stellen aktiv zu werden. Die Ministerin hat die Maßnahmen schon vorgestellt. Es gibt in allen Bereichen einen bunten Strauß an geplanten und bereits durchgeführten, kurzfristig und langfristig wirkenden Maßnahmen. Unsere Landesregierung gibt wirklich Gas und nimmt die Herausforderung an.

Um den genauen Bedarf an Lehrkräften zu kennen, brauchen wir Zahlen. Wer geht wann mit welcher Fächerkombination in Pension und muss ersetzt werden?

(Peter Lehnert [CDU]: Genau!)

Wer ist wie lange in Erziehungszeit? Wie entwickeln sich die Schülerzahlen? Es ist gut, dass das Bildungsministerium die Entwicklung eines Prognosetools in Auftrag gegeben hat; es wird zum kommenden Schuljahr fertig sein und - wenn auch nicht unbedingt landesweit - an den Start gehen. Dann wissen wir genau, wie viele Lehrkräfte wir in welchen Fächern brauchen und wo wir unsere Kapazitäten anpassen müssen. Dann können wir vielleicht auch ein bisschen diesem „Schweinezyklus“ entgegenwirken, weil wir genauer sagen können, wann wir welche Lehrkräfte brauchen.

Wir warten aber nicht auf das Tool. Wir haben reagiert und schon mit der Küstenkoalition die Studienkapazitäten bei den Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen in Flensburg von 120 auf 160 Plätze erhöht, und Jamaika hat noch einen draufgelegt und die Refendariatsplätze schon 2018 um 74 erhöht und für 2019 um noch einmal 90 Plätze. Wir steuern auch bei der Zahl der Lehrkräfte nach. Mit dem Haushalt 2019 stellen wir weitere rund 400 zusätzliche Stellen zur Verfügung, statt 495 Stellen abzubauen.

Wir haben auch die aktiven Lehrkräfte im Blick: Entlastung für zusätzlich übernommene Aufgaben, A 13 für Grundschullehrkräfte, bessere Bezahlung der Grundschulleitungen, Verbesserungen beim Gesundheitsmanagement und der Bildungsbonus, der unter anderem die personelle Stärkung der Schulen mit besonderen Herausforderungen vorsieht.

(Beifall Eka von Kalben [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Dies sind Beispiele für bessere Arbeitsbedingungen und weniger Stress am Arbeitsplatz. Es ist wichtig, hieran weiter zu arbeiten; zum einen, um die Arbeitszufriedenheit zu erhöhen, zum anderen aber auch, um teilzeitbeschäftigten Lehrkräften Anreize zu bieten, ihre Stunden aufzustocken. Dieses Potenzial müssen wir unbedingt im Blick haben. Eine Stundenaufstockung vieler aktiver, teilzeitbeschäftigter Lehrkräfte würde kurzfristig gegen den Lehrkräftemangel helfen.

Eine weitere Maßnahme, die schnell Wirkung zeigt, ist der Quer-, Seiten- und Direkteinstieg in den Lehrerberuf. Die angehenden Lehrkräfte unterrichten einige Stunden, gleichzeitig werden sie im IQSH qualifiziert. Die Kultusministerkonferenz arbeitet dazu an einheitlichen Standards. Das ist notwendig. Ich bin gespannt auf das Ergebnis.

Wichtig ist es auch, junge Leute dafür zu gewinnen, Lehramt zu studieren. Das Freiwillige Soziale Jahr Schule ist dabei ein Erfolgsprojekt, um den Rollenwechsel von der Schülerin zur Lehrkraft auszuprobieren.

Ein Problem ist die weiterhin hohe Abbruchquote der Lehramtsstudierenden im MINT-Bereich. Die Flensburger Uni scheint da auf einem guten Weg zu sein. Sie hat im aktuellen Hochschulranking in Mathe einen Spitzenplatz belegt.

Mit der erleichterten Anerkennung von im Ausland erworbenen Lehramtsabschlüssen, dem Ausbau der Nachqualifizierung auch für Lehrkräfte, die nur ein Fach studiert haben, werden weitere Fachkräfte gewonnen. Bei allen Bemühungen, Lehrkräfte zu gewinnen, bleibt zentral, die Studien- und Arbeitsbedingungen weiter zu verbessern. Daran werden wir in Jamaika weiter mit aller Kraft arbeiten.

Wir sind dabei auf einem guten Weg. Die Investitionen in Bildung zahlen sich aus. Das zeigt der Bericht zur Unterrichtsversorgung. Wir nähern uns hier den 100 %. Nur die berufsbildenden Schulen liegen mit 92 % noch etwas zurück, aber auch hier geht es aufwärts.

(Ines Strehlau)

Eine Baustelle bleibt die Lehrkräfteversorgung an Grundschulen, Förderzentren und beruflichen Schulen. Zwischen 3 % und 9 % der Unterrichtenden hat keine abgeschlossene Lehrerausbildung. Auch die Höhe des Unterrichtsausfalls und der Vertretungsstunden ist noch nicht befriedigend. Wir brauchen eine noch bessere Unterrichtsversorgung, damit bei notwendigem Vertretungsunterricht nicht so häufig die Doppelbesetzung aufgelöst wird. Für Differenzierung braucht es genügend Personal in den Klassen.

Der Bericht zeigt auch, dass die inklusive Bildung weiter steigt. Während die Förderzentren ein Minus von rund 70 Schülerinnen und Schülern, das sind prozentual minus 1,5 %, zu verzeichnen haben, ist die Schülerzahl in inklusiven Maßnahmen um 570 oder 5,2 % angestiegen. Im beruflichen Bereich freut es mich, dass die Schülerzahl im Übergangsbereich um 870 Schülerinnen und Schüler gesunken ist.

Wichtig ist allerdings, zu wissen, welche Gründe zu diesem Rückgang geführt haben. Wichtig ist auch, ob es mit Hilfe der Jugendberufsagenturen gelingt, dass alle Jugendlichen auf dem Weg von der Schule in die Ausbildung erfasst werden und niemand verlorengeht. Es gibt viele weitere interessantere Fragen, die wir weiter im Bildungsausschuss beraten werden. - Vielen Dank.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und FDP)

Das Wort für die FDP-Fraktion hat die Abgeordnete Anita Klahn.

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Auch von meiner Seite Dank an das Ministerium für die Erarbeitung der beiden Berichte. Ich möchte an dieser Stelle hervorheben: Die Konzeption zur Lehrkräftegewinnung ist ein Kraftakt gewesen. Das macht man nicht so nebenbei. Ich bin sehr froh und dankbar, dass wir auch im Rahmen der Koalitionsverhandlungen breit diskutiert haben, nämlich dass es eines der wichtigen Anliegen auch in dieser Legislaturperiode sein muss, mehr Menschen dafür zu begeistern, den Lehrerberuf zu wählen, denn er ist einer der schönsten und attraktivsten Berufe, die es gibt. Was kann es Besseres geben, als unseren Kindern Wissen zu vermitteln?

Meine Damen und Herren, von den Lehrkräften hängt vieles ab, das wissen wir nicht erst seit Hattie. Das haben die Ministerin und auch viele meiner Vorredner gesagt. Eine gute Lehrerin und ein guter Lehrer sind entscheidend dafür, wie erfolgreich eine Schulbahn verläuft - oder eben auch nicht. Umso schlimmer ist es also, wenn der Lehrer fehlt, wenn der Unterricht ausfallen muss oder wenn sich ein Lehrer nicht mit dem Stoff auskennt. Wir haben oft genug darüber gesprochen, dass insbesondere an den Grundschulen gerade in den naturwissenschaftlichen Bereichen fachfremd unterrichtet werden muss. Darum schließt sich im Nachgang der Kreis, und wir bekommen keine Mathematik-, Physikoder Chemielehrer.

An dieser Stelle sind wir mit verschiedenen Initiativen gestartet. Ich freue mich, dass mit dem Haushalt gestern auch diese Projekte beschlossen wurden, weil ich mir davon verspreche, dass wir zusätzliche Lehrkräfte gewinnen.

(Beifall FDP)

Meine Damen und Herren, dass der Bedarf an Lehrkräften in den nächsten Jahren extrem ansteigen wird, wissen wir nicht erst durch die BertelsmannStudie. Unsere Zahlen differieren ein wenig. Ich war der Meinung, dass es eher 35.000 Lehrer sein werden, die uns bis 2025 fehlen werden. Meine Kollegin Ines Strehlau hat gerade eine andere Zahl genannt, aber ich finde: Es ist egal, ob es ein paar mehr oder weniger sind, diese Zahl im fünfstelligen Bereich ist einfach erschreckend.

Die Gründe dafür, dass man sich so verkalkuliert hat, sind sicherlich zum Teil in der Migration zu suchen, aber, und das freut mich besonders, auch in einer steigenden Anzahl von Geburten.

Leider hat sich auch in Schleswig-Holstein die Regierung in der Vergangenheit immer auf alte Prognosen verlassen, obwohl wir neue angemahnt hatten und dies erkennbar war. Man hat geglaubt, dass sich die Schülerzahlen schlicht und einfach rückläufig entwickeln werden, und man hat daraus die falschen Konsequenzen gezogen. Diese Fehler korrigiert jetzt diese Koalition.

Ich finde es sehr gut und auch sehr wichtig, dass wir das auf einer soliden Datenbasis tun. Deshalb finde ich es gut, dass wir erstmals mit Experten ein Prognose-Tool entwickelt haben, denn nur so können wir wissen, was auf uns zukommt, und wir können besser planen. Kein Betrieb in der freien Wirtschaft hätte überleben können, wenn man das nicht macht. Ich habe mich wirklich seit über 20

(Ines Strehlau)

Jahren gefragt, warum das nicht für den Lehrerberuf möglich ist.

(Beifall FDP, CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Meine Damen und Herren, Lehrkräfte sind in Deutschland so gefragt wie selten zuvor. Wir stehen in einem Wettbewerb mit allen anderen Bundesländern, auch das ist hier angemerkt worden. Ich finde die Klage des Kollegen Vogel, an dieser Stelle zu sagen, wir seien so schlecht, ein bisschen schräg. Das waren wir auch schon in der letzten Legislaturperiode. Das hätte auch die letzte Koalition verändern können, wenn sie gewollt hätte. Von daher: Herr Vogel, es war Ihre Ministerin. Vielleicht sprechen Sie sie noch einmal daraufhin an, warum sie das nicht wollte.

Meine Damen und Herren, wir haben auf den Weg gebracht, die Besoldung für Grundschullehrkräfte auf A 13 zu erhöhen. Das wollte die letzte SPD-Bildungsministerin irgendwie noch nicht. Es steigen die Anwärterbezüge, und die Jubiläumszuwendung wird wieder eingeführt, und wir müssen feststellen: Es geht nicht nur um das Geld. Der Lehrerberuf muss schlicht und einfach attraktiver werden. Es ist das erste Mal, dass wir uns um das Thema Lehrergesundheit kümmern und dass wir auch hier eine umfassende Studie auf den Weg gebracht haben, damit deutlich wird, wo Verbesserungen herbeigeführt werden müssen.

Auch müssen wir durch aktive Werbung auf die Vorteile des Lehrerberufs hinweisen. An dieser Stelle begrüße ich sehr, dass das Ministerium endlich eine entsprechende Kommunikationsstrategie entwickelt hat, sodass wir auf Messen und im Internet heute moderner und frischer auftreten, als wir dies früher getan haben. Das ist ganz wichtig. Eines ist auch wichtig: Die beste Werbung für den Lehrerberuf machen ein engagierter, zufriedener Lehrer oder eine engagierte, zufriedene Lehrerin.

Meine Damen und Herren, auch die Berufsorientierung an den Schulen wollen wir verbessern. Wir wollen Oberstufenschülern die Chance geben, dass sie zum Beispiel im MINT-Bereich ihr Wissen an die Grundschüler weitergeben. Daraus können fantastische Synergien entstehen. Vielleicht gewinnen wir so den einen oder anderen Bewerber für das Lehramt Mathematik oder Technik.

Natürlich brauchen wir ausreichende Ausbildungskapazitäten, das ist hier gesagt worden. Daran haben wir gearbeitet. Natürlich müssen wir diejenigen, die ein Studium abgeschlossen haben, in den

Vorbereitungsdienst übernehmen können; deshalb haben wir die Zahl der Ausbildungsplätze erhöht.

Wir wissen, dass viele dieser Maßnahmen erst langfristig zum Erfolg führen. Aus diesem Grunde begrüße ich für meine Fraktion, dass wir den Quer-, Seiten- und Direkteinstieg geregelt haben. Das ist das betone ich aus voller Überzeugung - zwar nicht das Mittel der ersten Wahl, aber ohne das Engagement dieser Personen bekämen wir die jetzige Lage nicht in den Griff und sähe die Unterrichtsversorgung nicht so gut aus. Ich sage aber auch ganz klar: Es ist nicht so, dass wir komplette Laien auf die Schülerinnen und Schüler loslassen. Alle besitzen gute Vorkenntnisse in ihren Fächern, sie haben studiert, und sie müssen sich, soweit es nötig ist, pädagogisch nachschulen lassen. Damit möchte ich all denen die Sorge nehmen, die das immer wieder vielleicht aufgrund nicht ausreichender Informationen diskutieren.

Meine Damen und Herren, wir packen die Probleme an, wir verschleppen nicht. Wir stellen nicht nach dem Prinzip „Pi mal Daumen“ ein. Für uns steht Bildung an erster Stelle.

Ich möchte an dieser Stelle den engagierten Lehrkräften im Land danken, die unter teilweise nicht ganz einfachen Bedingungen guten Unterricht machen. Bei meinem letzten Schulbesuch in Reinbek wurde mir gezeigt, dass man den digitalen Unterricht gern umsetzen möchte, aber wenn der Schulträger nicht dafür sorgt, dass ein Klassenzimmer über mehr als eine einzige Steckdose verfügt, wird es schwierig. An dieser Stelle ist für uns noch viel zu tun.

Ich freue mich, dass wir den Kurs der letzten Legislaturperiode fortsetzen können, mehr in Bildung zu investieren. Das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Ich freue mich, dass wir - wenn ich mich richtig erinnere - so viele Lehrkräfte im System haben wie nie zuvor, dass wir uns auf dem Weg zur hundertprozentigen Unterrichtsversorgung befinden, und das hoffentlich auch bald für die beruflichen Schulen. Das lässt mich positiv in die Zukunft blicken. Ich freue mich auf die Beratungen im Ausschuss. - Vielen Dank.

(Beifall FDP, CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Das Wort für die AfD-Fraktion hat der Abgeordnete Dr. Frank Brodehl.

(Anita Klahn)

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrte Ministerin! Vielen Dank auch von meiner Seite für den Bericht zu den Themen Unterrichtsausfall, Unterrichtsversorgung, Lehrergewinnung. Vieles Richtige ist bereits gesagt worden. Ich möchte einiges ergänzen oder besonders betonen.

Mir ist zum Beispiel die Tatsache noch nicht klar genug formuliert, dass es nach wie vor eine große Diskrepanz zwischen den Zahlen zum Unterrichtsausfall einerseits und dem Gefühl der Eltern andererseits gibt, dass zu viel Unterricht ausfällt. Die statistischen Zahlen haben sich auf jeden Fall gebessert, aber wenn wir Eltern fragen würden, wie viel Unterricht ausfällt, würde niemand die Antwort erwarten: Nur 2 % fallen aus, 98 % werden gegeben. Das werden wir nicht erleben. Eltern erleben zu häufig, dass ihre Kinder früher als erwartet zu Hause sind. Wenn man nachfragt, kommt die lapidare Antwort: Der Unterricht ist ausgefallen. - Sie kennen das ja. Wenn man fragt, wie es in der Schule war, kriegt man die Antwort: Es war gut.

Das ist die Realität. Wenn wir die beschriebene Diskrepanz nicht einfach wegdiskutieren wollen ich bin dankbar, dass Sie das angesprochen haben -, dann sollten wir dieser Sache auf den Grund gehen. Die statistischen Aussagen hierzu sind nicht zufriedenstellend. Wenn wir die Hintergründe für den Stundenausfall insgesamt in den Griff bekommen wollen, sollten wir den Mut haben, dieser Sache stärker auf den Grund zu gehen.