Wer nicht ordentlich lesen kann, wer sich in unserer Schriftkultur nicht souverän und sicher bewegen kann, der verlangsamt seinen eigenen Bildungsverlauf, weil der weitere Verlauf der persönlichen Bildung auf diese Kernkompetenzen aufsetzt.
Deshalb dürfen wir es nicht hinnehmen, wenn diese Kernkompetenzen fragil sind. Es ist nicht nur ein Ärgernis, wenn die Kinder nicht ordentlich lesen und schreiben können. Es verlangsamt die Dynamik der individuellen Entwicklung und Bildung.
Deshalb begrüße ich diesen Antrag. Das ist ein vernünftiger Antrag, der ein Ziel beschreibt, das wir teilen und
für das die Landesregierung in der Tat - das wurde bereits gesagt - eine ganze Reihe von Initiativen ergriffen hat.
Ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob man wirklich von einem Konzept reden kann; denn ein Konzept setzt voraus, dass wir das andernorts fix und fertig entwickeln und dann mehr oder weniger verbindlich auf die Schulen wie ein Netz sozusagen sinken lassen.
Das wird sicherlich nicht gehen, zumal wir alle wissen, dass die Schule die Aufgabe hat, die Lesekompetenz zu stärken, das Lesen zu üben, zu festigen und im Übrigen auch gute und inhaltsreiche Lektüre zur Verfügung zu stellen; denn es geht nicht nur um die Technik des Lesens.
Gleichwohl wissen wir aber auch, dass gerade das Lesen mit Kindern auch außerhalb der Schule von enormer Bedeutung ist, und zwar schon in Gestalt der Tatsache, dass man sich von seinen Kindern vorlesen lässt, dass man ihnen vorliest, dass man sie mit Büchern ausstattet, dass man die Selbstverständlichkeit einer Bibliothek zu Hause pflegt und damit eine alltägliche Lesekultur.
Dies alles sind Dinge, die die Schule aufgreifen, unterstützen, forcieren und potenzieren kann, die sie aber nur sehr schwer auslösen kann. Insofern wäre dies eine Idee der Leseförderung, die zwischen Schule und außerschulischer Wirklichkeit angesiedelt werden müsste.
Dafür haben Landesliteraturtage eine sehr große Bedeutung. Ich habe übrigens für die Landesliteraturtage, die uns jetzt bevorstehen, selbst den Vorschlag gemacht, einen Kinderliteraturtag einzuflechten, an dem es um das Lesen geht. Es wird ein einzelner Tag innerhalb der Woche sein, an dem man sich insbesondere den Kindern und der Kinderliteratur zuwendet.
Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass wir in Verbindung mit dem neuen Lehrplan für die Sekundarschule, der im Herbst in die Erprobungsphase gehen wird, einen Lektüreplan entwickeln, aber nicht mit einer drögen Abfolge von Pflichtliteratur, sondern mit literarischen Kategorien, Genres und Epochen, aus denen jeweils exemplarisch ausgewählt werden kann. Die Auswahl aber muss verbindlich sein.
Es kann nicht sein, dass jemand am Ende seiner Schullaufbahn zum Beispiel noch nie etwas vom Balladenwerk der Klassik gehört hat. Dabei ist es nicht so wichtig, welche Ballade man parat hat und kennt. Aber noch nie davon gehört zu haben und niemals auch nur eine kennengelernt und - es mag Sie erschrecken - zumindest in Teilen auswendig gelernt zu haben - - Ich bin ganz und gar dafür. Ich könnte das noch.
Ich finde übrigens auch den Zusammenhang zwischen Literatur und Gesellschaft wichtig. Nehmen wir einmal Heinrich Heine: Eine außerordentlich spannende Geschichte, mit der man Literatur interessant machen kann. Es geht um wesentlich mehr als um Lesetechnik.
Bei Iglu haben wir - wenn auch mit einer sehr kleinen Zahl von Schulen - einen ganz guten Erfolg vorweisen können. Hinsichtlich der Lesekompetenz sind wir unter den ersten vier. Das Problem ist aber, dass 25 % der Kinder, die gut lesen können, merkwürdigerweise angeben, nicht aus freien Stücken und auch nicht gern zu le
Erst durch Leselust wird das Interesse entfacht und wird einem auch bewusst, welche Defizite man hat. Wenn man nämlich lesen will, weil es etwas Spannendes zu lesen gibt, aber nicht lesen kann, dann könnte das für die Kinder ein Stimulus sein, auch tatsächlich fleißig lesen zu üben.
Über „Pro Lesen“ der KMK ist bereits im Antrag berichtet worden. Am Welttag des Buches beteiligen wir uns übrigens mit rund 18 000 Schülern unseres Landes. Wir haben über Vorlesewettbewerbe, Lesewettbewerbe und Wettstreite gesprochen. Es gibt sehr viele Veranstaltungen auch im Bereich des öffentlichen Bibliothekswesens, gerade für Kinder, sodass wir guten Grund haben, all diese Aktivitäten im Ausschuss einmal in einem gewissen Zusammenhang und mit einem systematischen Anspruch darzustellen, um dann gemeinsam zu überlegen, welche konzeptionellen Schlüsse man ziehen kann.
Wenn wir uns darauf verständigen, dass wir nicht sozusagen ein imperatives Lesekonzept vorgeben, das nur noch verwirklicht werden muss, sondern uns überlegen, wie wir verschiedenen Initiativen so bündeln, entwickeln, qualifizieren und ausbauen können, dass Leseförderung in Schule und außerschulischer Welt bis hin in die Familien hinein stattfindet, dann kann man einen solchen Antrag nur gutheißen. Wir sollten ihn deshalb im Ausschuss in Ruhe erörtern. - Vielen Dank.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Eine aktuelle Studie der Stiftung Lesen - „Vorlesen im Kinderalltag 2008“ -, betreffend Kinder im Alter von vier bis elf Jahren, zeigt auf, dass in 37 % der deutschen Familien gar nicht vorgelesen wird, obwohl sich fast alle Kinder wünschen, dass vorgelesen wird. Und nur in 8 % der Familien, in denen vorgelesen wird, wird durch die Väter vorgelesen. Mehrheitlich übernehmen Mütter und damit Frauen diese Aufgabe.
Diese Ergebnisse, denke ich, beschreiben einen Teil der Problematik sehr genau. Kinder, denen nie oder selten vorgelesen wurde, werden wahrscheinlich später auch seltener eigenständig zu einem Buch greifen.
Dies bestätigen auch die Ergebnisse der Iglu-Länderstudie. So gaben 21 % der Befragten Viertklässler in Sachsen-Anhalt an, in ihrer Freizeit nie oder nie zum Vergnügen zu lesen - so war das mit der Lust. Dieser Wert liegt deutlich über dem deutschen Mittel von 14 %.
Dabei, meine Damen und Herren, fällt die deutliche Differenz zwischen Mädchen und Jungen auf. Bei den Mädchen lesen nur 15 % ungern; sie haben also mehr Lust. Bei den Jungen sind es 26 %. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, behaupte ich, wenn in deutschen Familien kaum Väter vorlesen. Das hat wohl auch etwas mit der Vorbildwirkung zu tun.
- Ja, liebe Männer, so ist die Welt. - Meine Damen und Herren! Schaut man sich die Ergebnisse der Schüler in Sachsen-Anhalt im Hinblick auf die Lesekompetenz im Rahmen der Iglu- und der Pisa-Länderstudien an, ist festzustellen, dass sich unsere Viertklässler sowohl im nationalen als auch im internationalen Vergleich relativ gut schlagen. Das ist schon gesagt worden. Mit 555 Punkten rangiert Sachsen-Anhalt über dem deutschen Durchschnitt, insbesondere nur zehn Punkte hinter den führenden Staaten wie Russland und Kanada.
Bei den im Rahmen der Pisa-Studie gestesteten 15-Jährigen sieht es dagegen nicht ganz so gut aus. SachsenAnhalt hat sich gegenüber den ersten Studien mit 487 Punkten zwar verbessert und befindet sich jetzt im Bereich des OECD-Durchschnitts von 492 Punkten - das ist erfreulich -, von den führenden Nationen sind wir aber doch noch weit entfernt. Zum Vergleich: Korea erreicht 556 Punkte und Finnland 547.
Was passiert da eigentlich zwischen dem 4. und dem 9. Schuljahrgang? - Das ist die spannende Frage. Man könnte fast glauben, dass die Lesekompetenz wieder verloren geht. Das heißt, die Lust am Lesen nimmt nicht zu, sondern ab.
Macht man sich die Mühe und analysiert die Verteilung der Schüler auf die unterschiedlichen Kompetenzstufen, so muss man feststellen, dass bei unseren Viertklässlern im Jahr 2006 der Schüleranteil in den unteren Kompetenzstufen relativ gering war. Dies gilt jedoch auch erstaunlicherweise für den Schüleranteil in der Kompetenzstufe V, also in der Gruppe mit der höchsten Kompetenz.
Bei den getesteten 15-Jährigen in Sachsen-Anhalt erreichten 21,5 % nur die unterste Kompetenzstufe bzw. sind sogar unter ihr geblieben. Frau Fiedler hat gesagt, was das bedeutet.
Genau betrachtet lagen also fast 10 % der Schüler unter der Kompetenzstufe I. Das heißt, sie erkennen den Hauptgedanken eines Textes überhaupt nicht. Sie sind damit eine große Risikogruppe, wie sich im Jahr 2003 mit 22,1 % zeigte. Der Anteil dieser Gruppe hat sich kaum reduziert.
Die höchste Kompetenzstufe erreichten im Jahr 2003 7,4 % der Schüler. Im Jahr 2006 waren es 9,2 %. Das ist eine Steigerung der Zahl der sehr guten Schüler und Leser. Aber innerhalb Deutschlands findet sich SachsenAnhalt damit nur auf Platz 12 wieder.
Letztlich ergibt sich die Verbesserung der Lesekompetenz um fünf Punkte in der Pisa-Studie durch eine Erhöhung des Anteils der Schüler in den oberen Kompetenzstufen. Der Anteil der Risikogruppe - um die müssen wir uns vor allen Dingen kümmern - bleibt nahezu konstant. Das ist bedenklich. Das ist auch die Ursache für Leistungsversagen im weiterführenden Schulbereich.
Also: Die Differenz bei der Lesekompetenz zwischen Jungen und Mädchen in Sachsen-Anhalt, wie übrigens auch in allen anderen Bundesländern, ist signifikant. Die Mädchen erreichten im Jahr 2006 517 Punkte, die Jungen hingegen nur 475 Punkte.
Jetzt habe ich mir überlegt, ob ich es mache. Ich mache es jetzt doch. Wir haben heute früh einen kleinen Lacher wegen des Y-Chromosoms gehabt. Nun wissen wir,
- Ja, das ist ja auch gut so. - Aber vielleicht ist das eine Ursache. Wir diskutieren ansonsten auch über Begabungen und Vererbungen. Aber muss man nicht wirklich auch die Frage stellen, wie wir unsere Schüler in dem Bereich fördern und fordern?
Also das Problem ist definiert. Punkt 1 des Antrags der LINKEN kann sich jeder aus den Studien heraussuchen. Es geht wirklich darum, ein vernünftiges Maßnahmenpaket zu schnüren, das dazu führt, dass die untere Gruppe wirklich in eine bessere Leselage versetzt wird. Genauso müssen wir auch die Zahl der Spitzenleser erhöhen.
Die grundsätzliche Frage lautet also: Wann und wie entsteht die Lesekompetenz und wie lässt sie sich verfestigen? - Klar ist, dass es ein Entwicklungsprozess ist, ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Teilfertigkeiten und -fähigkeiten. Ich denke, dass gerade in der Grundschule der parallele Schrifterwerb dabei eine Rolle spielt.
Daneben denke ich auch - darüber sollten wir schon im Ausschuss diskutieren -, dass die Vorschulzeit wichtig ist, wenn es um den Grundstein für die Lesesozialisation und die Leselust geht. Ich glaube eben, die Familien spielen dabei schon eine Rolle - siehe die angesprochene Befragung.
Meine Damen und Herren! Sprache und Denken hängen nun einmal eng miteinander zusammen, Lesen und Sprechen ebenfalls, was wieder Rückwirkungen auf das Denken hat. Ich will an den Bericht über die Schulinspektion erinnern. Es ist erschreckend, dass dort festgestellt wird, dass Schüler häufig, in mehr als zwei Dritteln der Fälle, nur mit einem Wort oder nur mit Satzbrocken antworten. Das heißt, dass die Ausübung von Sprache auch ein vernünftiges Denken steuert
Meine Damen und Herren! Ich schlage vor, den Antrag an den Ausschuss zu überweisen, weil ich denke, dass wir den vorschulischen Bereich in die Beratung einbeziehen müssen; denn es geht wirklich um sehr grundsätzliche Rahmenbedingungen, die einmal einer Untersuchung unterzogen werden müssen. - Vielen Dank.