Für die Basiseinheit Gemeinde - das heißt, wenn die Statistik so bleiben soll, wie sie ist; das wurde ausgeführt - spricht: Die Umstellung ist technisch-organisatorisch so einfach nicht möglich und es würde einer Lex Sachsen-Anhalt bedürfen, um die Umstellung tatsächlich durchzuführen. Das wurde alles schon ausgeführt. Die bundeseinheitliche Regelung ist da usw. usf. Eine Umstellung würde wahrscheinlich einen Riesenaufwand erfordern.
Da an dieser Stelle sicherlich noch Klärungsbedarf besteht, schlagen wir vor - Herr Köck, so habe ich Sie auch verstanden -, diesen Antrag in den Ausschuss für Inneres zu überweisen, um sich noch einmal erläutern zu lassen, welches die Vor- und Nachteile sind bzw. was die Nachteile sein würden, wenn es so bleibt, wie es ist. Deswegen beantragen wir die Überweisung in den Innenausschuss. - Danke für die Aufmerksamkeit.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Da der Innenminister und mein Vorredner der CDU-Fraktion vieles von dem, was ich auch sagen wollte, bereits vorweggenommen haben, möchte ich mich lediglich auf die wichtigsten Dinge beschränken.
Auch ich sehe die Vor- und Nachteile. Bei mir überwiegen allerdings die Nachteile in der Hinsicht, dass es wirklich ein sehr besonderer Aufwand wäre, an dieser Stelle eine gesonderte Statistik für die Ortsteile einzuführen. Sie, Herr Dr. Schrader, haben eben die Begriffe „Ortsteile“ und „Ortschaften“ verwendet. Bereits hierbei gibt es Diskussionen. Es kann nur auf die Ortsteile bezogen werden. Der Begriff „Ortschaft“ wird in den jeweiligen Satzungen der Gemeinden anders definiert.
Wenn es also auf die Ortsteile bezogen wird, dann ergibt sich ein entsprechender Mehraufwand, der derzeit auch nicht in einem Bundesgesetz geregelt werden kann, sondern seitens des Landes finanziert werden müsste, sofern es zu diesem Mehraufwand bei den Gemeinden kommt. Dieses System kann auch nicht einfach mit der Gebietsreform fortgeschrieben werden. Wie es Herr Madl bereits ausführte, bedarf es einer bundesweit einheitlichen Statistik.
Es ist vielleicht einfach gedacht, aber das Problem ist weitgehender und schwerwiegender. Aufgrund der zu erwartenden hohen Kosten in diesem Zusammenhang lehnen wir diesen Antrag ebenfalls ab.
Meine Damen und Herren! Ich glaube, die Diskussion hat gezeigt, dass es beträchtlichen Diskussionsbedarf gibt, und zwar unaufgeregt und in aller Ruhe. Weshalb erheben wir die Statistiken überhaupt? - Von denjenigen, die ihre Ablehnung deutlich gemacht haben, kann man den Eindruck gewinnen - gerade beim Innenminister ist das der Fall -, dass wir eine Statistik über unsere Siedlungen und über unsere Bevölkerung im Detail gar nicht brauchen; vielmehr reicht eine Zahl am Ende, und zwar 2,4 Millionen und noch ein paar Einwohner. Ich glaube, das reicht nicht.
Der Mehraufwand ist der Aufwand, der zurzeit betrieben wird. Wenn man das System fortschreiben würde - - Über die Frage, ob man es kann und wie man es machen kann, kann man sich Vorstellungen oder Gedanken machen. Den Bürgermeistern steht es bereits frei, selber entsprechende statistische Erhebungen in ihren Verantwortungsbereichen durchzuführen.
Die Stadt Magdeburg hat sich zum Beispiel eine Satzung gegeben, um statistische Daten erheben zu können. Die Stadt Halle hat so etwas meines Wissens nicht, aber sie erhebt auf der Ebene der Stadtteile, also auf der Ebene der Ortsteile, statistische Daten zur Bevölkerungsbewegung usw. Was in Magdeburg und in Halle funktioniert, müsste auf der Landesebene in irgendeiner Form auch funktionieren.
- Die entscheidende Frage ist, ob wir es brauchen. Wenn wir es brauchen, dann finden wir auch einen Weg, wo das Geld herkommt.
Herr Schrader hat eigentlich sehr deutlich gemacht, worin das Problem besteht. Ich kann Sie nur bitten, dass wir
in aller Ruhe in den Ausschüssen darüber reden, wie wir dem Problem beikommen wollen. Wir sollten das nicht sofort beerdigen. Das wäre der Problematik nicht angemessen. Ich kann Ihnen garantieren, in einigen Jahren wird man es vielleicht bedauern, dass man heute so schnell darüber entschieden hat, sofern man heute darüber entscheidet. - Herzlichen Dank.
Danke sehr. - Damit kommen wir zur Abstimmung über die Drs. 5/1789. Ich würde, bevor wir in eine Einzelabstimmung eintreten, zunächst über die Frage abstimmen lassen wollen, ob der Antrag überwiesen werden soll. Wer einer Überweisung in den Ausschuss zustimmt, den bitte ich um das Kartenzeichen. - Das sind die Oppositionsfraktionen. Wer ist dagegen? - Das sind die Koalitionsfraktionen. Damit ist die Überweisung des Antrages in den Ausschuss abgelehnt worden.
Wir stimmen über die Drs. 5/1789 ab. Wer dieser seine Zustimmung gibt, den bitte ich um das Kartenzeichen. - Das ist der Antragssteller. Wer ist dagegen? - Das sind die Koalitionsfraktionen. Wer enthält sich der Stimme? - Das ist die FDP-Fraktion. Damit ist der Antrag abgelehnt worden.
Frau Präsidentin! Meine Herren und Damen! Mancher von Ihnen wird gedacht haben, so ein Gewese um das bisschen Lesen, das lernt man irgendwann in der Grundschule und dann kann man es halt sein Leben lang. Bei Ihnen ist das sicher so.
Es sind auch viele Akademiker unter Ihnen. Aber wenn man die gesamte deutsche Bevölkerung betrachtet, dann stellt man fest, dass das nicht so ist. Wir sollen in Deutschland vier Millionen Erwachsene haben, die funktionale Analphabeten sind.
Ein funktionaler Analphabet ist ein Mensch, der einfache Wörter, vielleicht sogar kurze Sätze lesen kann. Seitdem wir im Zusammenhang mit dem Begriff „Lesekompetenz“ das Wort „Pisa“ nicht nur mit dem schiefen Turm in Verbindung bringen, sondern mit dem Schreckerlebnis, das uns Deutschlands 15-jährige Schüler seit dem Jahr 2000 bereitet haben, wissen wir auch, wie die OECD-Kommission den Begriff „Lesekompetenz“ definiert. Darin heißt es - ich zitiere -:
„Lesekompetenz heißt, geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.“
Nach dieser Definition reicht es nicht aus, wenn ich die Buchstaben kenne, sie in Laute übersetzen kann und diese Kunstzeichen, nämlich Buchstaben, auch in Wörter kleiden kann. Ich muss, wenn ich lesekompetent bin, das Beziehungsgeflecht der Wörter zueinander durchdringen können und daraus herauslesen, was mir der Text mit all seinen zusätzlichen Informationen - das können Grafiken, Tabellen, Diagramme, Abbildungen und anderes sein - sagen will, und muss das für mich umsetzen können.
Wie sieht es damit bei uns im Land Sachsen-Anhalt aus? - Nach einem sehr schlechten Start in der PisaStudie im Jahr 2000 haben sich die 15-Jährigen in Sachsen-Anhalt in der Länderwertung nunmehr auf Platz 10 vorarbeiten können. Damit liegen sie etwas unterhalb des gesamtdeutschen Mittelwertes und des OECD-Mittelwertes. Aber was sagen solche Platzierungen und Mittelwerte schon über die konkrete Leseleistung aus?
Mehr Gewicht, so finde ich, hat die folgende Aussage. Zum Messen von Lesekompetenz gibt es bei Pisa eine Kompetenzskala von I bis V, wobei die Stufe I die niedrigste und die Stufe V die höchste Kompetenz kennzeichnet. Ein Anteil von ca. 10 % der Schülerinnen und Schüler erreichen die Kompetenzstufe V; damit sind sie Expertenleser. Das ist sehr gut; das ist jeder zehnte Schüler. Aber ein Anteil von 21,5 % erreicht die Kompetenzstufe I oder liegt gar darunter. Das ist jeder fünfte Schüler. Damit sind sie eigentlich potenzielle funktionale Analphabeten. Hiervon sind wesentlich mehr Jungen als Mädchen betroffen.
Den folgenden Befund finde ich sehr merkwürdig: Die Lesekompetenz ist in den letzten Jahren nicht nur bei den 15-Jährigen getestet worden, sondern auch bei den Zehnjährigen. Schon bei einem ersten Test dieser Art im Jahr 2001 ergab sich, dass die Zehnjährigen, also Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse, sehr viel bessere Ergebnisse erreichten als die fünf Jahre älteren Schülerinnen und Schüler.
Damals waren das bloß fünf Schulen. Der gleiche Befund hat sich aber im Jahr 2006 wiederholt, sogar in noch stärkerem Maße. Damals haben aus SachsenAnhalt immerhin 25 Grundschulen teilgenommen. Wenn die Zehnjährigen besser als die 15-Jährigen lesen können, dann scheint es so, als würden sie das Lesen innerhalb von fünf Jahren wieder verlernen.
Welche Ursachen es dafür gibt, habe ich noch nicht herausfinden können. Vor Kurzem habe ich auf dem Bildungskonvent einen Experten vom Pisa-Team Deutschland hierzu befragt. Er meinte, das sei zwar ein interessanter Forschungsgegenstand, aber eine richtige Antwort darauf wisse er auch nicht.
Für mich gibt es nur eine Schlussfolgerung: In der Schule muss für die Lesekompetenz einfach mehr getan werden. Das hat auch die Landesregierung erkannt und Initiativen zur Leseförderung angekündigt. Diese sehen zurzeit so aus, dass an dem landesweiten Projekt der Bundesinitiative „Pro Lesen“ zwölf Schulen des Landes teilnehmen mit dem Ziel, bis zum Jahr 2010 Materialien und Strategien zur Leseförderung zu entwickeln. Das ist gut für diese zwölf Schulen, und das ist auch gut für die Zeit nach dem Jahr 2010, wenn diese Materialien und Strategien zur Verfügung stehen.
Was machen bis dahin aber die übrigen 942 Schulen? - Sie machen viel. Es gibt schon sehr gute Erfahrungen. Manches Schulprogramm lebt von Lesekompetenz. In
der Zwischenzeit könnte an vielen Schulen noch viel mehr und auch gezielter etwas getan werden. Gute Erfahrungen gibt es inzwischen auch am Lisa, dort wird auch weiter daran gearbeitet.
Außerdem gibt es Vorleseaktionen. Das ist gut. Es gibt in mehreren Orten Lesepatenvereine. Das ist ein tolles bürgerschaftliches Engagement. Das habe ich mir selber angeschaut. Das ist wunderbar. Es gibt eine vielerorts hervorragend funktionierende Zusammenarbeit zwischen Schulen und Bibliotheken. Außerdem gibt es Verbindungen zwischen Schulen und dem FriedrichBödecker-Kreis.
Das alles trägt zur Lesemotivation bei, aber es erzeugt nicht zwangsläufig Lesekompetenz. Hierzu ist beharrliche systematische Arbeit an allen Schulen notwendig, zurzeit besonders an den weiterführenden Schulen, so scheint es mir jedenfalls.
Das ist auch deshalb notwendig, weil Lesekompetenz eine Kernkompetenz ist. Lernen geht in allen Fächern nun einmal nicht ohne Lesen. Davon hängen Zensuren, Schullaufbahnen und Schulabschlüsse ab. Es wäre interessant, einmal einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen der Pisa-Studie und den Schulabgängern ohne Abschluss und sogar jungen Arbeitslosen herzustellen.
Wenn Sie also auch der Meinung sind, dass es nicht nur dem Einzelnen Freude macht, ein schönes Buch zu lesen, sondern dass vom Lesen erfolgreiche Bildungsbiografien abhängen, dann sollten wir im Landtag ein Auge darauf haben, was dazu in den Schulen des Landes passiert und was künftig nach einem Rahmenkonzept im Dreiklang von Lesemotivation, grundlegendem Lesekönnen und sinnverstehendem Lesen von Texten passieren sollte. Ich bitte Sie deshalb um Zustimmung zu unserem Antrag.
Danke sehr für die Einbringung, Frau Fiedler. - Für die Landesregierung spricht nun Kultusminister Professor Olbertz. Bitte sehr.
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir haben in diesem Hause sehr schnell Einigkeit darüber, dass Lesen eine Schlüsselkompetenz ist, die auch die Basis für den weiteren Bildungsverlauf und auch den Bildungserfolg ist. Wenn es stimmt, dass Bildung ein kumulatives Geschehen ist, dann ist die Basis Kommunikation und Verständigungsfähigkeit, das ist ganz klar.
Wer nicht ordentlich lesen kann, wer sich in unserer Schriftkultur nicht souverän und sicher bewegen kann, der verlangsamt seinen eigenen Bildungsverlauf, weil der weitere Verlauf der persönlichen Bildung auf diese Kernkompetenzen aufsetzt.