Danke sehr, Herr Kley. - Für die CDU-Fraktion spricht die Abgeordnete Frau Feußner. Doch zuvor begrüßen wir Schülerinnen und Schüler des Siemens-Gymnasiums Magdeburg. Seien Sie herzlich willkommen!
- Lauter kann ich es nicht machen. Das liegt an der Technik. Ich freue mich, dass sich jemand für dieses Thema interessiert.
Ich möchte mit einer Frage beginnen. Stellen Sie sich einmal Folgendes vor: In einer Grundschulklasse haben ein Junge und ein Mädchen annähernd das gleiche Leistungsniveau und die gleiche Vornote. Beide bereiten sich auf eine Klassenarbeit vor, schreiben die Klassenarbeit, bekommen die Klassenarbeit wieder und beide haben eine schlechte Note. Der Junge ärgert sich, das Mädchen ärgert sich. Wie drückt sich der Ärger bei dem Mädchen aus? - In der Regel weint das Mädchen. Wie drückt sich der Ärger bei dem Jungen aus? - Er wird laut, vielleicht sogar aggressiv. Das ist eine typische Erscheinung bei Mädchen und Jungen.
Aber nun stellt sich die Frage, wie der Lehrer oder die Lehrerin reagiert. Ich sage bewusst: der Lehrer oder die Lehrerin. Sie tröstet nämlich in der Regel das Mädchen und schimpft mit dem Jungen. Das ist eine tradierte Frage, die im Schulwesen oft vorkommt.
Ich selbst bin von Beruf Lehrerin. In einer Veranstaltung hat einmal jemand das obige Beispiel genannt. Ich bin in mich gegangen und habe mich gefragt, wie ich reagiert hätte. - Wahrscheinlich gar nicht anders. Das macht das Problem, das angesprochen wurde, deutlich.
Der Antrag der LINKEN benennt auch ein Problem, welches wir in Ansätzen an dieser Stelle bereits mehrfach andiskutiert haben, aber das im schulischen Alltag sowie in den politischen Diskussionen kaum stattfand. Es ist sicherlich auch keine neue Erkenntnis, dass es konkrete Differenzen zwischen den Geschlechtern gibt. Dies spiegelt sich natürlich auch im Schulleben wider.
Da unser Bildungssystem die Aufgabe hat, die Fähigkeiten und Potenziale jedes Schülers, unabhängig von der sozialen Herkunft und vom Geschlecht, zu fördern, sollten eigentlich keine größeren Disparitäten diesbezüglich auftreten. Die Realität sieht doch aber etwas anders aus. Trotz verstärkter Hinwendung zu einer individuellen Förderung, vor allem in den letzten Jahren, beeinflussen sozialdemografische Merkmale den individuellen
Bildungsverlauf und auch dessen Erfolg. So gibt es zahlreiche Untersuchungen, die belegen, dass trotz einer hart erkämpften Gleichstellung von Mädchen und Jungen bzw. Frauen und Männern weiterhin Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts, und zwar in beiderlei Richtungen, vorhanden sind.
Im Schulleben ist es so, dass Jungen öfter als Mädchen verspätet eingeschult werden - das wurde bereits genannt. Sie besuchen sogar häufiger die Förderschule und auch den Hauptschulbildungsgang und machen seltener als Mädchen das Abitur. In den meisten Bundesländern müssen Jungen mehr leisten, um eine Empfehlung für das Gymnasium zu erhalten.
Trotz besserer Lernerfolge haben wiederum Mädchen bzw. Frauen kaum Chancen auf eine universitäre Laufbahn bzw. auf eine Führungsposition. Sie haben auch schlechtere Chancen bei der Erwerbsbeteiligung sowie Nachteile bezüglich des Einkommens. Andererseits muss jedoch festgestellt werden, dass Jungen während der schulischen Laufbahn geringere individuelle Lernerfolge aufweisen.
Es ist sicher unstreitig, dass keine angeborene neurologische Differenz zwischen den Geschlechtern existiert. Vielmehr entwickeln sich die Geschlechterdifferenzen zulasten beider Geschlechter erst später, prägen sich erst im Laufe der Kindheit und der Jugend aus und können durch das Bildungssystem aus meiner Sicht auch nicht aufgefangen werden.
Der Aktionsrat Bildung - er ist bereits mehrfach erwähnt worden - hat in seiner jüngsten Studie die Geschlechterdifferenzen detailliert betrachtet. Ein Blick wurde dabei bundesweit auf die geschlechterspezifischen Unterschiede hinsichtlich der Bildungsbeteiligung sowie des erreichten Bildungsniveaus und dessen Verteilung in den Bundesländern gerichtet. Kein Bundesland nimmt hierbei eine ganz vorbildliche Rolle ein. Wir können auch feststellen, dass die vier neuen Bundesländer im Vergleich die letzten Rangplätze einnehmen. Ich zitiere mit Ihrer Genehmigung, Frau Präsidentin, einmal aus dieser Studie:
„Alle vier neuen Bundesländer sind mindestens siebenmal auf den letzten Rangplätzen vorzufinden. Dabei streuen die Ausfälle über fast alle Parameter, die Beteiligung von Männern an früh- und grundschulpädagogischem Personal, Lernleistungen und Abschlussbeteiligungen von Jungen. Man kann auch sagen, das Risiko von Jungen, in Schule und Beruf zu scheitern, ist in diesen vier Bundesländern am größten.“
Dieser Sachverhalt, meine sehr verehrten Damen und Herren, bedarf also einer umfänglichen Analyse, wobei diese Studie eine sehr gute Grundlage dafür bilden kann.
In dieser Studie werden auch Handlungsempfehlungen an die Politik ausgesprochen, wobei auch hierin darauf hingewiesen wird - auch das hat der Minister bereits erwähnt -, dass die Bildungspolitik hierbei nicht nur allein wirken kann. Ein großer Teil dieser Handlungsempfehlungen findet sich übrigens in dem Antrag der Fraktion DIE LINKE wieder. Wir sollten diese Empfehlungen des Aktionsrates Bildung deshalb in die Diskussion im Ausschuss einbeziehen.
Liebe Kollegen! Im Ergebnis stellen die Wissenschaftler fest, dass sich die Mädchen im Durchschnitt schulschlauer verhielten. Das heißt: Sie passen sich besser
an die Anforderungen der Schule an. Deshalb, so die Fachexperten weiter, müssten die Lehrer stärker darauf achten, Jungen bei gleicher Lernleistung nicht aufgrund ihres weniger angepassten Verhaltens schlechter zu beurteilen als Mädchen.
Deshalb besteht Handlungsbedarf. Ich möchte - ebenso wie der Minister - davor warnen, die Schulen mit einer weiteren Aufgabe ad hoc zu konfrontieren. Wichtig erscheint mir, dass wir unsere Lehrkräfte zunächst dafür sensibilisieren, mehr auf die geschlechterspezifischen Merkmale einzugehen und die Problematik der Benachteiligung von Jungen stärker vor allen Dingen in ihre pädagogische Arbeit einzubeziehen. - Vielen Dank.
Meine Damen und Herren! Ich möchte mich erst einmal für die sachliche Debatte bedanken. Vor zehn Jahren ist ein ähnlicher Antrag an dieser Stelle debattiert, ja, eigentlich nur eingebracht worden. Damals war er dem Landtag noch keine Debatte wert.
Zum Verhältnis Erwerbssystem/Schule. Natürlich kann man der Schule nicht alles überstülpen; das ist keine Frage. Natürlich sind ganz viele verschiedene Bereiche an der Geschlechterkonstruktion beteiligt, aber eben auch die Schule.
Ich empfände es als wenig produktiv, wenn wir wieder nach dem Motto „Schraps hat den Hut verloren“ verfahren: eigentlich sind es die Eltern, eigentlich ist es das Erwerbssystem. Denn ich finde schon, die Weichen für die Berufsorientierung werden ganz stark in der Schule gestellt. Dort werden Interessen geweckt, dort werden Vorstellungen und Erwartungen formuliert, manchmal auch nur zum Ausdruck gebracht, ohne sie zu formulieren.
Ich denke, dort hätten wir schon die Chance - um in der Perspektive der Mädchen zu bleiben -, die Mädchen eben auch für MINT-Fächer zu interessieren, auf diesen Gebieten Kompetenzen zu entwickeln. Umgekehrt hätte ja die Fachwissenschaft selbst damit eine zusätzliche Dimension - ich will es einmal so beschreiben: ein Stück weit eine weibliche Dimension. So ungenau lasse ich es einmal.
Ich kann gut damit leben zu sagen: Wir diskutieren im Ausschuss darüber, welche Handlungsfelder es im Bereich der Schule gibt.
- Ja, Herr Kley, nutzen Sie die Chance, der Einheitsschule an passender Stelle eine reinzudrücken. Ich sage es einmal so: Ich habe eine „monoedukative Struktur“ nicht gefordert, keinesfalls, ich weiß nicht, da haben Sie etwas durcheinandergebracht, wie Sie übrigens auch immer wieder die Begriffe „Einheit“ und „Gemeinschaft“ durcheinanderbringen wollen.
Denn die Gemeinschaftsschule verzichtet darauf, äußerlich zu selektieren. Die sagt nämlich nicht: „Du dahin, du dahin und du dahin!“ Sie sagt vielmehr: Weil es eben keine äußere Differenzierung gibt, gucken wir einmal, wie man innen drin mit Heterogenität und Vielfalt umgehen kann; und da gibt es eine ganze Menge.
Umgekehrt frage ich: Sie haben doch von Spätentwicklern gesprochen, wollen aber schon bei Schülern ab der Klasse 4 eine sichere Prognose dazu abgeben, wie sich die Schüler entwickeln werden. Das halte ich für sehr fragwürdig.
Wir treten in das Abstimmungsverfahren zur Drs. 5/848 ein. Ich habe keine abweichende Meinung zu dem Ansinnen gehört, den Antrag zur federführenden Beratung in den Bildungsausschuss und zur Mitberatung in den Ausschuss für Soziales zu überweisen. Wer dem zustimmt, den bitte ich um das Kartenzeichen. - Das sind alle Fraktionen. Damit ist der Antrag in die genannten Ausschüsse überwiesen worden und der Tagesordnungspunkt 8 ist beendet.
Bericht über den Stand der Beratungen zum Entwurf eines Gesetzes zur Änderung der Gemeindeordnung für das Land Sachsen-Anhalt in der Drs. 5/489
Meine Damen und Herren! Gemäß § 14 Abs. 2 der Geschäftsordnung des Landtages können fünf Monate nach der Überweisung eines Beratungsgegenstandes eine Fraktion oder acht Mitglieder des Landtages verlangen, dass der Ausschuss durch den Vorsitzenden oder einen Berichterstatter dem Landtag einen Bericht über den Stand der Beratungen erstattet.
Ich erteile zunächst einem Mitglied der Fraktion DIE LINKE zur Begründung des Verlangens das Wort. Danach wird vom Ausschuss für Inneres der erbetene Bericht abgegeben werden. Daran anschließend wird eine Fünfminutendebatte in der Reihenfolge CDU, FDP, SPD, DIE LINKE stattfinden. Das Wort erhält zunächst für die Fraktion DIE LINKE der Abgeordnete Herr Thiel.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Das Verlangen nach einer Berichterstattung gemäß § 14 Abs. 2 unserer Geschäftsordnung ist in diesem Hohen Hause nicht neu. Das letzte Mal zur 40. Sitzung im Mai 2008 hat die Fraktion der FDP Ähnliches beantragt. Damals ging es ebenfalls um einen Gesetzentwurf zur Änderung kommunalrechtlicher Vorschriften. Der kleine Unterschied besteht darin, dass es damals um einen Gesetz