Protokoll der Sitzung vom 19.03.2009

Das Schlimme ist, dass das nicht nur in Deutschland so ist, sondern dass es auch im europäischen Maßstab solche Tendenzen gibt. Ich war kürzlich auf einer Veranstaltung, auf der die Präsidentin des Nationalrates von Österreich - eine für mich sehr kompetente Frau - folgende Frage gestellt hat: Ich weiß nicht - das hat in Zukunft auch etwas mit der Bezahlung zu tun - worin der Unterschied zwischen Kaffee einschenken und Benzin eingießen besteht. Ich fand diesen Satz recht niedlich. In diesem Zusammenhang hier geht das aber zu weit.

In der Vorbereitung auf die heutige Debatte habe ich mir Folgendes überlegt: Wenn die Jungs so schwach in der Lesekompetenz sind - Lesekompetenz wird vor allem im Primarbereich, also in der Grundschule erworben -, dann müsste es doch möglich sein, die Lesekompetenz der Jungen zu verbessern, indem die Primarstufe verlängert wird, sodass die Jungs nicht in der Leistung abfallen, sondern eine stärkere Kompetenz auch in den Fächern erwerben können, die auf der Lesekompetenz beruhen.

Für die Mädchen stellt sich die Frage, ob es nicht auch für sie mit Blick auf die Mathematik - das geht ja mit Rechnen los -, in der die Jungen etwas besser sind, günstiger ist, die Primarstufe zu verlängern, damit auch Mädchen die Liebe zur Mathematik und zur Physik - in Biologie und Chemie sieht das nach dem Jahresgutachten ganz anders aus - entwickeln bzw. den Anschluss halten können. Es stellt sich also die Frage, ob es nicht insgesamt günstiger ist, die Primarstufe zu verlängern, damit man dort länger gemeinsam lernen kann, um die Kompetenzen der Geschlechter insofern zu erhöhen.

Weiter will ich auf dieses Thema nicht eingehen. Ich freue mich darüber, dass Einigkeit darin besteht, über diesen Antrag nicht sofort abzustimmen, und dass dieser Wunsch auch von der Antragstellerin geäußert wurde, sondern dass der Antrag an die Ausschüsse überwiesen werden soll. Er ist wirklich sehr umfangreich. In ihm sind Forderungen enthalten, die sich vielleicht etwas schneller umsetzen lassen. Über andere Forderungen müssen wir aber erst einmal diskutieren: Was kann man überhaupt machen? Was kann man nicht tun? Wie kann das funktionieren?

Deshalb plädiere ich dafür und bitte darum, den Antrag zur federführenden Beratung an den Ausschuss für Bildung, Wissenschaft und Kultur und zur Mitberatung an

den Ausschuss für Soziales zu überweisen. - Ich danke Ihnen.

(Beifall bei der SPD)

Danke, Frau Schmidt. - Für die FDP-Fraktion spricht der Abgeordnete Herr Kley.

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren!

(Beifall bei der CDU)

Ich bedanke mich dafür, dass die Kollegen von der CDU erkannt haben, dass es bei diesen Themen manchmal wichtig ist zuzuhören. Da die Reihen etwas gelichtet sind, wäre es vielleicht ganz gut, Herr Gürth, wenn Sie zusätzlich zu dem Beifall noch den einen oder anderen Kollegen in den Raum holen würden. Gerade Bildungsthemen sind für dieses Haus von großem Interesse, da sie über die Zukunft unseres Landes entscheiden.

(Beifall bei der FDP)

Vielleicht könnte insbesondere im Falle der Ignoranten noch das eine oder andere an Kenntnis vermittelt werden.

Auch ich würde mich natürlich darüber freuen, meine Damen und Herren, wenn wir zum Thema der Geschlechtergerechtigkeit in der Schule noch einmal in einem erweiterten Kreis darüber nachdenken würden, dass nicht allein die Schule für die Entwicklung von Jungen und Mädchen zuständig ist, sondern in sehr großem Maße auch das Elternhaus, die Familie.

(Zuruf von Herrn Gürth, CDU)

Deshalb, Herr Gürth, sollte vielleicht gerade jene Partei, die das Bild der traditionellen Familie, in der der Vater zu Hause ist und vorlesen kann - wer sich die Lesestudie einmal anschaut, wird feststellen, dass es für die Lesefreudigkeit zu 75 % entscheidend ist, ob sich der Vater zu Hause damit beschäftigt -, so hoch hält, diesbezüglich klares Profil zeigen.

(Beifall bei der FDP - Zuruf von der CDU: Das machen wir!)

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Während die sozialen und ethnischen Disparitäten bereits bei Schuleintritt vorhanden sind und wir an dieser Stelle, also in diesem Hohen Hause, aber auch an anderen Stellen darüber diskutieren, wie man diese Unterschiede ausgleichen kann, wie die Schule in die Lage versetzt werden kann, die Unterschiede, die aus der sozialen Herkunft, die aus dem Elternhaus resultieren, über die Schulperiode auszugleichen, wie sie die Kinder dazu bringen kann, dass sie am Ende der Schulzeit die gleichen Möglichkeiten haben, verhält sich dies bei der Unterscheidung nach Geschlecht gerade umgekehrt.

Zum Zeitpunkt des Schuleintritts gibt es keine Disparitäten. Das heißt, Jungen und Mädchen kommen mit denselben Möglichkeiten undifferenziert in die Schule. Wir stellen fest, dass am Ende der Grundschulzeit plötzlich Entwicklungsunterschiede vorhanden sind. Aber, meine Damen und Herren, - darin möchte ich dem Herrn Minister ausdrücklich Recht geben - es ist die Frage zu stel

len, ob dies immer der Schule anzulasten ist oder ob auch andere, normale physiologische Entwicklungen parallel stattfinden, die wir in der Schule bei der gemeinsamen Erziehung berücksichtigen müssen.

Interessant ist an dieser Stelle der Satz, der in dem viel zitierten Gutachten des Aktionsrates Bildung steht, nämlich: Heterogenität ist eine der wesentlichen Ursachen der Probleme im deutschen Bildungssystem. Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich glaube, das wird uns immer erhalten bleiben. Wenn wir die Heterogenität der Menschen ablehnen, wird die Entwicklung zum Stillstand kommen. Damit müssen wir leben.

(Beifall bei der FDP)

Natürlich müssen wir Heterogenität auch positiv begreifen. An anderer Stelle müssen wir sie einfach so akzeptieren. Wenn wir feststellen, dass die blanken Zahlen aussagen, dass Jungen später eingeschult werden, dann mag das wohl daran liegen, dass ihre Entwicklung zu diesem Zeitpunkt etwas anders ist als die der Mädchen und dass es durchaus berechtigt ist und die Chancen der Jungen verbessert, wenn sie später eingeschult werden, weil sie dadurch in der Schule erfolgreicher sind. Dieser statistische Mangel muss kein realer Mangel in der Schule sein. Wir müssen die Daten vernünftig interpretieren.

Auf der anderen Seite kann sich sehr wohl die Unterrichtsgestaltung auf den Unterrichtserfolg auswirken. Darin möchte ich Ihnen, werte Kollegin Bull, Recht geben. Die Zusammensetzung der Lehrerschaft ist gerade in den neuen Bundesländern im Primarbereich bezüglich des Anteils männlicher und weiblicher Kollegen sehr ungünstig.

Hierbei geht es nicht um die Darstellung von traditionellen oder tradierten Geschlechterbildern, sondern es geht um das Verständnis von bestimmten Verhaltensweisen, die sich bei Mädchen und Jungen sehr wohl unterschiedlich ausprägen und aus der jeweiligen Sicht von Männern oder Frauen im Kollegium ganz unterschiedlich interpretiert werden können, woraus dann auch unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen werden.

Ich glaube, dass die Frage der Benachteiligung beim Übertritt auf das Gymnasium nicht leistungsbezogen ist oder auf Schwierigkeiten der Schule gründet, sondern im Wesentlichen darauf beruht, dass die Schulangepasstheit der Mädchen bei gleicher Leistung zu einer günstigeren Beurteilung als bei Jungen führt, weshalb innerhalb der Kollegien eine vernünftige, ausgleichende Sicht dringend vonnöten ist.

Ganz verrückt, meine Damen und Herren, wird es für mich dann, wenn die Verfechter eines Einheitsschulsystems, die der Meinung sind, es sei egal, wie der Eintritt bezüglich bestimmter Disparitäten ist, es sei egal, wie die Begabung ist - auch wenn Sie diesen Begriff ablehnen, gibt es ihn, so glaube ich, doch -, im Bereich des Gender-Mainstreamings getrennte Beschulung fordern.

Sie sagen: Der Lehrer muss mit Heterogenitäten in der Klasse zurechtkommen. Der Lehrer muss in der Lage sein, unterschiedliche Entwicklungsphasen bezüglich des Bildungsstandes auszugleichen. Aber dem Umstand, dass es Jungen und Mädchen gibt, muss er nicht Rechnung tragen. Wir trennen einfach die Klasse und beschulen jeweils anders. - Meine sehr geehrten Damen

und Herren! Das ist verrückt. Das ist inkonsequent. Das können wir so nicht mitmachen.

(Beifall bei der FDP und bei der CDU - Herr Gal- lert, DIE LINKE: Wer macht das?)

Eine andere Frage betrifft die aus den uns vorliegenden Daten zu ziehenden Schlussfolgerungen. Unstreitig ist, dass man im Unterricht sensibler auf bestimmte Vorlieben reagieren muss. Aber ich glaube nicht, dass das Ziel darin bestehen kann, bestimmte Vorlieben abzusägen, also zu versuchen, diejenigen zurückzuhalten, die bestimmte Interessen haben, zu bemängeln, dass es Jungen gibt, die sich tatsächlich in einem besonderem Maß für Naturwissenschaften und Mathematik interessieren.

Es geht nicht an, die Meinung zu vertreten: Wenn wir hier die Verhältnisse in Richtung Parität gestalten, haben wir etwas gewonnen. - Im Gegenteil! Wenn bestimmte Interessen bestehen, muss man sie unterstützen. Wir müssen die Besten dazu bringen, dass sie das Beste daraus machen und etwas aus sich herausholen, anstatt sie an dieser Stelle zu bremsen.

(Beifall bei der FDP)

Deswegen, meine sehr geehrten Damen und Herren, ist es wichtig, dass wir diese unterschiedlichen Interessen nutzen, dass wir es sehr wohl auch als einen Gewinn empfinden, wenn bestimmte Ausbildungs- und Studienzweige eben nicht geschlechterparitätisch ausgerichtet sind, sondern dass sich an dieser Stelle vielleicht auch bestimmte Voraussetzungen, die aus der Entwicklung der Menschheit, die schon über 100 000 Jahre andauert, entstanden sind, widerspiegeln können.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Sehr geehrter Herr Minister, ich glaube, dass man bei der Frage der Einstellung von Lehrerinnen und Lehrern durchaus auch einmal über einen gewissen Zeitraum männliche Lehrer bevorzugen kann, um eine gesunde Durchmischung zu erreichen. Wer sich die Angaben des Aktionsrats Bildung anschaut, stellt fest, dass vor allem in den neuen Bundesländern Männer in einer sehr unterdurchschnittlichen Anzahl im Schuldienst tätig sind. Hierbei kann man - das ist mittlerweile auch verfassungsrechtlich akzeptiert - vorübergehend für den Nachteilsausgleich auch im Hinblick auf das Geschlecht eine Differenzierung vornehmen. Das sollten wir auch machen. Allerdings sollte man schon frühzeitig bei der Gewinnung von jungen Studenten diese Fächer besonders mit herausstellen und die Möglichkeit, sich im Schuldienst wiederzufinden, für jedermann interessant machen; denn dies beginnt bereits bei der Studienwahl und nicht erst bei der Einstellung.

(Beifall bei der FDP)

Wenn wir, meine sehr geehrten Damen und Herren, auf der anderen Seite feststellen, dass relativ viele Jungen auf dem Weg zum Abitur, auf dem Weg zum Realschulabschluss Probleme haben und sich häufig in den Hauptschulen - bei uns gibt es keine Hauptschulen - bzw. in den Hauptschulbildungsgängen wiederfinden, dann muss man überlegen, wie man ihnen in ihrer weiteren Entwicklung die Möglichkeit geben kann, den höchstmöglichen Abschluss zu erreichen.

Dabei reden wir über die berufliche Bildung und über das duale System, das in Deutschland in letzter Zeit leider immer wieder in Vergessenheit gerät, weil es die OECD nicht kennt. Wir reden über den Bachelor

abschluss, aber nicht über den Meisterabschluss, obwohl der Meister die Grundlage der deutschen Wirtschaft ist.

(Beifall bei der FDP - Zustimmung bei der CDU)

In diesem Bereich, so glaube ich, ist in den letzten Jahren einiges passiert mit dem Meister-Bafög und mit der Möglichkeit, über den Weg des Facharbeiterabschlusses auch zu höheren Abschlüssen zu gelangen. Das ist auch eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit bei der Schaffung von höheren Bildungsabschlüssen.

Nun können wir uns darüber beklagen, dass dieses in den technischen Bereichen im Wesentlichen durch Jungen wahrgenommen wird; aber, meine sehr geehrten Damen und Herren, es gibt nun einmal Berufe, die bestimmte Rahmenbedingungen haben, die sich an dieser Stelle nicht ausschließen lassen. Wir sollten uns - das ist an dieser Stelle ganz wichtig -, wenn wir über Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten im Schulsystem diskutieren, davor hüten, hintenherum gleich wieder die Volte zu schlagen und anzuführen, aber 20 Jahre später sei diese Benachteiligung ausgeglichen; das ist furchtbar.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Die Benachteiligung im beruflichen Bereich und die Frage der Aufstiegschancen ist ein separates Thema, das behandelt werden muss. Es darf uns aber nicht den Blick auf den Bereich der Schule verkleistern. Hierbei ist es dringend notwendig, gendergerecht zu arbeiten und Kapazitäten zu erschließen. Aber, wie gesagt, sehr gute Leute müssen gefördert werden und dürfen nicht gebremst werden.

(Beifall bei der FDP - Zustimmung von Herrn Geisthardt, CDU)

Deshalb glaube ich, dass wir dieses Thema sehr interessant im Ausschuss diskutieren können. Vielleicht kann man auch den einen oder anderen Fachmann dazu einladen, wenngleich es nicht immer einfach ist, empirische Studien im Bereich der Bildungswissenschaften zu finden. Aber ich bin mir sicher, dass es dabei auch noch das eine oder andere unvoreingenommene Ergebnis gibt, das uns bei der Entscheidungsfindung hilft und das uns auch wesentlich dabei helfen kann, die vom Aktionsrat so häufig festgestellte letzte Stelle bei vielen Chancen von Jungen endlich verlassen zu können.

In diesem Sinne wünsche ich uns angenehme Beratungen in den Ausschüssen. - Danke sehr.

(Beifall bei der FDP)

Herr Kley, es gibt eine Nachfrage von der Abgeordneten Frau Schmidt. - Bitte sehr.

Herr Kley, vielleicht habe ich mich auch verhört, aber ich glaube, niemand von uns hat davon gesprochen, dass wir bestimmte Kompetenzen, die jemand hat, egal ob Junge oder Mädchen - Jungs haben diese besonders in den Naturwissenschaften -, eindämmen wollen. Ich denke, wir sind alle der Meinung, dass besondere Kompetenzen natürlich auch gefördert werden sollen, ohne die anderen zu vergessen.

Dann hatte ich Sie vielleicht falsch verstanden. Es ist gut, dass wir hieran gemeinsam arbeiten. - Danke schön.

(Beifall bei der FDP)