Protokoll der Sitzung vom 27.03.2007

Meine Damen und Herren, es gibt überhaupt keinen Streit: Es ist gut, dass die gefährdeten Arbeitsplätze größtenteils nicht verloren gehen. Aber das ist doch kein Grund zum Jubel.

(Zurufe von der CDU und der Abg. Ruth Wagner (Darmstadt) (FDP))

Denn erstens werden nicht alle gerettet; und zweitens gibt es weitere, weitreichende Folgen jenseits der Ticonesen – denen man jetzt in der Tat zum Verhandlungserfolg gratulieren kann. Man kann mit Hochachtung zur Kenntnis nehmen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Firma Ticona sehr wesentlich dazu beigetragen haben,

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der SPD)

eine Katastrophe, die der Ministerpräsident verursacht hat, nicht so groß werden zu lassen, wie es zunächst den Anschein hatte.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei Abgeordneten der SPD)

Man sollte nie vergessen: Wer hat denn das Ganze verursacht? Das Ganze wurde durch die Fehlentscheidung verursacht, Nordwest sei die einzig denkbare Bahn.

(Horst Klee (CDU): Herr Kaufmann, wohin wollen Sie es denn haben? – Weitere Zurufe von der CDU)

Sie loben sich heute dafür, dass Sie die Katastrophe etwas kleiner halten konnten. Dabei ist aber der Beitrag der Landesregierung auch nicht so ganz offenkundig geworden. Meine Damen und Herren, das ist wirklich ziemlich schäbig.

Wir freuen uns alle mit den Menschen bei Ticona.

(Zurufe von der CDU)

Aber wir stellen zu Recht die Frage:Warum eigentlich hat man sie über Monate hinweg so verunsichert? Warum hat man das Ganze überhaupt angefangen?

Damit bin ich nochmals bei den weitreichenden Folgen. Ursprünglich 650 Millionen c, jetzt insgesamt wohl 670 Millionen c wird es kosten. Fraport wird es bezahlen. Meine Damen und Herren, woher bezahlt Fraport denn?

(Norbert Schmitt (SPD): Gute Frage!)

Aus ihren Erlösen. Das heißt, es schlägt bei Fraport ertragsmindernd zu Buche. Das aber heißt, natürlich ist der Steuerzahler beteiligt.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei Abgeordneten der SPD)

Denn um den Minderertrag wird der Anteil der Körperschaftsteuer und der übrigen Steuern kleiner, auch der Anteil der Gewerbesteuer für die Stadt Frankfurt am Main. Das ist überhaupt keine Frage.

(Zuruf des Abg. Michael Boddenberg (CDU))

Des Weiteren wird wegen der geminderten Erträge auch die Dividende kleiner.

(Zurufe von der CDU: Oh!)

Natürlich wird sie kleiner.

(Weitere Zurufe von der CDU: Jetzt kommt der Kleinaktionär!)

Genau, jawohl.

(Glockenzeichen des Präsidenten – Minister Karl- heinz Weimar: Der Couponschneider kommt jetzt durch!)

Der Kleinaktionär Kaufmann spricht nicht über seine 20 Aktien.

(Zurufe von der CDU – Ministerpräsident Roland Koch: Herr Kaufmann, warum haben Sie 20?)

Ich habe deshalb 20, weil ich seinerzeit das Lockangebot der Firma Fraport für die Menschen im Rhein-Main-Gebiet angenommen habe, bei einer Mindestausgabe von 20 – das war das Minimum, das man kaufen konnte – 1 c pro Aktie zu sparen. Das sage ich ganz offen. Das ist doch völlig normal.

(Heiterkeit und Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der SPD – Lachen bei der CDU und der FDP)

Meine Damen und Herren, wir sind hier im Hessischen Landtag.

(Zurufe von der CDU)

Ich war gerade dabei, festzuhalten, dass das Land Hessen als Fiskus und als Anteilseigner durch die Entscheidung geschädigt wird – im Übrigen natürlich auch die von Ihnen so besonders hochgehaltene Flughafenstiftung, die dann entsprechend weniger Einnahmen und weniger Möglichkeiten hat, in Ihren Augen etwas Gutes zu tun.

(Zurufe von der CDU)

Aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Fraport haben darunter zu leiden.Wir haben es schon gehört: Weitere Einsparungen sind notwendig, damit die Mittel erwirtschaftet werden. Das bedeutet unter anderem den Verzicht auf Investitionen. Das ist von Fraport schon angekündigt worden.Was heißt das anderes, als dass das am Ende auch Arbeitsplätze kosten wird?

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Clemens Reif (CDU): Was hätten Sie denn gemacht? – Weitere Zurufe von der CDU)

Insoweit ist festzuhalten, dass das keineswegs ein Grund zum Jubeln ist, sondern ein Grund, die Menschen, die bei Ticona arbeiten, die verunsichert worden sind, und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Fraport zu bedauern, die die Suppe nun auslöffeln müssen.

(Zurufe von der CDU)

Sie haben immer wieder gerufen:Was hätten Sie denn gemacht? – Herr Kollege, wenn Sie einmal die Protokolle nachlesen oder auch nur gelegentlich zuhören würden, dann wüssten Sie, was die GRÜNEN seit Jahren vorschlagen, was das Thema Kapazitäten im Flugverkehr angeht. Wir haben in Deutschland ein Flughafensystem mit unausgelasteten Bereichen.Wir leisten uns aber den Irrsinn, den Flughafen Frankfurt auszubauen – unter Schädigung des Rhein-Main-Gebiets, nicht nur der Natur, sondern, wie wir gerade eben wieder gehört haben, auch der Menschen und ihrer Arbeitsbedürfnisse.

Sie mögen jubeln,so viel Sie wollen:Mit der Entscheidung bezüglich Ticona, die wir im Interesse der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer begrüßen, sind Sie dem Ausbau keinen Millimeter näher gekommen.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Zu einer Kurzintervention hat Herr Kollege von Hunnius das Wort.

Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren! Herr Kollege Kaufmann, ich möchte ganz kurz etwas

zu Ihrer erstaunlichen Körperschaftsteuerrechnung sagen.

A zahlt an B 650 Millionen c. Dann hat A eine Entreicherung um 650 Millionen c,B bekommt 650 Millionen c. Somit hat B möglicherweise einen höheren Gewinn und zahlt entsprechend mehr Steuern.

(Widerspruch bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Oder: B erteilt mit dem Geld Aufträge zum Bau oder zum Umzug, und es werden ebenfalls Steuern gezahlt. Die Theorie, Herr Kollege Kaufmann, dass sich 650 Millionen c in Luft auflösen und letztlich der Steuerzahler dafür zu haften hat, ist also absolut unsinnig. Das widerspricht jeder kreislaufwirtschaftstheoretischen Überlegung. Das wollte ich ganz kurz dazu gesagt haben.

(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der CDU)

Zur Antwort hat Herr Kollege Kaufmann das Wort.

Herr Präsident, verehrte Kolleginnen und Kollegen! Lieber Herr Kollege von Hunnius, ich nehme mit Überraschung zur Kenntnis, dass Sie neuerdings ein Anwalt der Substanzbesteuerung sind.

Das Geld, das von Ticona investiert wird, geht nämlich erstens an Lieferanten, möglicherweise im Ausland, oder sonst wohin – das wissen wir nicht –, und zweitens fließt es in das Anlagevermögen. Insoweit ist für Ticona keine Steuerpflicht gegeben. Wenn Sie das Unternehmen besteuern wollen, dann sollten wir wieder einmal über das Steuerrecht reden.

(Heiterkeit und Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Das Wort hat Herr Abg. Boddenberg für die CDU-Fraktion.