Protokoll der Sitzung vom 29.05.2002

Meine Damen und Herren! Zwischen allen Fraktionen dürfte es unstrittig sein, dass die Lehrerausbildung reformiert werden muss. Auch muss allen Anwesenden klar sein, dass dieses eine große Herausforderung ist, da wir in den nächsten Jahren weite Teile der Lehrerschaft ersetzen müssen.

Dies ist zwar auf der einen Seite ein Verlust eines großen Erfahrungsschatzes, bietet aber auf der anderen Seite jedoch auch die Möglichkeit des in einzelnen Bereichen benötigten Neuanfangs. Ich möchte hier nur kurz die meiner Meinung nach wichtigsten Antworten behandeln.

Erstens: Die Lehrerausbildung und die Lehrerfortbildung müssen praxisnäher werden. In der Ausbildung müssen vor allem Schulpraxisanteile die angehenden Lehrer auf ihre Aufgaben vorbereiten. Während des Lehrerberufs darf der Praxiskontakt dem einzelnen Lehrer in Wirtschaft und Gesellschaft nicht fehlen. Unsere Koalition wird beide Bereiche stärken. Für diese Intention sollte es in diesem Hause eine deutliche Mehrheit geben.

Zweitens: Die Prüfungsordnung wird überarbeitet. Hier gilt es, die Expertenvorschläge sinnvoll zusammenzusetzen und umzusetzen. Im Mittelpunkt wird hier aus meiner Sicht die Orientierung an Modulen im Sinne von geschlossenen Studienabschnitten mit entsprechenden Zwischenprüfungen stehen. Es ist besser, Fehlentwicklungen früh zu bemerken, als bis zum Examen mit Stoffmengen und Inhalten zu überfordern.

Drittens: Der Vorbereitungsdienst als Maßnahme der Lehrerfortbildung wird gekürzt. Wir werden dafür Sorge tragen, dass die Lehrer im Resultat im Unterrichtsalltag nicht schlechter vorbereitet sein werden. Hier geht es um Straffung und Verbesserung der Inhalte. Wir werden dazu intensiv den Dialog mit den Praktikern suchen.

Viertens: In einzelnen Fällen muss sich der Lehrerberuf auch für Seiteneinsteiger weiter öffnen. Selbstverständlich müssen diese neben der fachlichen auch eine pädagogische Befähigung nachweisen. Auch werden wir dafür sorgen, dass diese Ausnahme nicht zur Regel wird. Grundsätzlich spricht aber nichts dagegen, dass Menschen, die sich der Berufung zur Wissensweitergabe erst später öffnen, in bestimmten Bereichen unterrichten. Dies kann in einzelnen Fachkundebereichen der Berufsschulen wie zum Beispiel für Arzthelferinnen und ebenso in allgemeinen Fächern wie Sport oder Informatik sinnvoll sein.

Wir alle werden in Zukunft sicher hinsichtlich der Umsetzung dieser Vorhaben noch an der einen oder anderen Stelle unterschiedlicher Auffassung sein. Alles andere wäre für mich eine Überraschung und vor allem auch für die Medien wohl enttäuschend.

Trotz aller Differenzen und des Streits am heutigen Tag bleibt die Aufforderung an Sie jedoch bestehen: Lassen Sie uns im Bildungsbereich in den grundsätzlichen Fragen auf

einen Konsens hinarbeiten. Tun Sie mir und uns allen den Gefallen: Verschließen Sie sich nicht. – Danke.

(Beifall bei der Partei Rechtsstaatlicher Offensive, der CDU und der FDP)

Das Wort hat Herr Dr. Maier.

Frau Präsidentin, meine Damen, meine Herren! Frau Brüning hat es schon gesagt: Im Großen und Ganzen geht die Antwort davon aus, dass die Vorarbeiten aus der letzten Legislaturperiode weitergeführt werden. Im Unterschied zu Frau Brüning bin ich in einem Punkt, nämlich die Lehrerausbildung nur parallel mit der fachlichen und pädagogischen Ausbildung oder auch konsekutiv – erst das eine und dann das andere – durchzuführen, anderer Meinung. Warum sollte man das den Studenten nicht offen lassen? Dann hat man auch kein Problem mit Seiteneinsteigern. In gewisser Weise stellt der Seiteneinsteiger dann einen Normalfall dar, wenn man beides als normal ansieht.

Es ist doch nicht nur so, dass jemand am Ende eines Studiums merkt, dass er um Gottes Willen eigentlich kein Lehrer werden wollte. Es kann durchaus einmal sein, dass einer am Ende seines Studiums merkt, dass es mit dem Beruf eines Journalisten doch nichts wird und er lieber Lehrer würde. Nach meiner Meinung ist es vernünftig, im Prinzip solche Umsteigemöglichkeiten für möglich zu halten. Man darf sozusagen die erziehungswissenschaftliche Überhöhung nicht zu weit treiben,

(Dr. Barbara Brüning SPD: Man darf sie aber auch nicht vernachlässigen!)

zumal wir ganz richtig davon ausgehen, dass der Gesichtspunkt der Praxis und der Erlernung einer Praktik in allen Phasen eine sehr große Bedeutung haben soll.

Einen Punkt sehe ich nicht als so plausibel an. Es wird gefragt, wie sich der Senat zur obligatorischen Fortbildung für die Berufseinsteiger verhält. Dazu lautet die Antwort, dass diese dazu verpflichtet seien. Die Kommission hatte aber nicht einfach nur auf die individuelle Verpflichtung hingewiesen, sondern gesagt, dass dafür institutionelle Voraussetzungen an den Schulen und an der Universität geschaffen werden sollen. Darauf wird leider keine Antwort gegeben. Es wäre aber durchaus interessant zu erfahren, was diese Institutionen unternehmen werden. Hier geht es eigentlich darum, den Fortbildungsdruck ein wenig institutionell zu organisieren; sonst verschleift sich das. Ich glaube, dass es ansonsten sinnvoll ist, darüber weiter im Ausschuss zu beraten.

(Beifall bei der GAL und der SPD)

Das Wort hat Herr Dr. Schinnenburg.

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Die Große Anfrage betrifft zwei Bereiche großen Handlungsbedarfes, nämlich den der Schule und den der Hochschule.

Wie Sie wissen, ist der Bereich der Bildung für die Koalition ein Schwerpunktthema. Frau Goetsch, wir werden uns bemühen, den Untergang des Hamburger Bildungssystems abzuwenden. Hierzu bedarf es nicht kleiner Reförmchen, sondern größerer Schritte, die zum großen Teil schon

(Karen Koop CDU)

genannt worden sind. Ich möchte eigene Schwerpunkte setzen.

Das integrierte Schulpraktikum im Grundstudium ist aus meiner Sicht aus den von Herrn Maier schon genannten Gründen absolut wichtig. Was machen Sie denn mit jemandem, der sich zum Beispiel gern mit Philosophie oder Geschichte beschäftigt und auch hervorragende Studienleistungen erbringt, aber mehr der Wissenschafts- und nicht der Lehrertyp ist, aber dieses den jungen Menschen vermitteln soll? Es ist sehr sinnvoll, dass dieser einmal mit der Praxis konfrontiert wird.

Ein Punkt, der mich besonders interessiert, sind die Angebote für die Seiteneinsteiger. Dieser Bereich wird von Ihnen bisher nur als Möglichkeit gesehen, schnell zusätzliche Lehrer heranzuziehen. Keine Frage, das ist ein wichtiger Aspekt. Ich denke aber noch an einen anderen Aspekt.

Man kann auf diese Weise Menschen nicht nur als Lückenbüßer heranziehen, sondern auch Menschen einbringen, die bereits in ganz anderen Bereichen Lebenserfahrungen gewonnen haben, damit auch die Schüler mit dem Leben von Menschen konfrontiert werden, die dies außerhalb von Schulen und Hochschulen schon kennen gelernt haben. Auch aus diesem Grunde scheinen mir Angebote für Seiteneinsteiger sinnvoll zu sein.

Ein weiterer Punkt betrifft die Modernisierung der Studienprüfungsordnung. Das Credit-Point-System wollen wir nicht nur hier einführen, aber auch hier. Auch die Berufseingangsphase für junge Lehrer mit gezielten Förderbausteinen fand hier Beifall.

Mir scheint aber noch ein Punkt weiter erörterungsbedürftig: Die Verkürzung des Referendariats auf 18 Monate. Das begrüßen wir, denn es ist eine richtige Maßnahme.

(Unruhe im Hause – Glocke)

Herr Dr. Schinnenburg, Sie haben völlig Recht, dass Sie innegehalten haben. Es ist viel zu laut im Raum. Stellen Sie bitte Ihre Gespräche ein. Sie haben das Wort, Herr Abgeordneter.

Vielen Dank, Frau Präsidentin.

Darüber sollten wir einmal nachdenken. Woher kommt der Begriff Referendariat? – Aus dem Beamtenrecht. Die FDPFraktion hält es schon für sinnvoll, sorgfältig zu hinterfragen, inwieweit Lehrer wirklich Beamte sein müssen. Die Diskussion ist nicht neu. In Hamburg wurde die Verbeamtung auch schon abgeschafft, jedoch wieder eingeführt. Ich will nicht sagen, dass wir das sofort machen müssen. Es ist für uns aber ein wichtiger Punkt, dieses im Hinterkopf zu behalten.

(Beifall bei Dr. Willfried Maier GAL)

Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund, dass Lehrer Beamte sein müssen; deshalb auch der Begriff Referendariat.

Die einzige Kritik, die Sie am Programm des Senats haben könnten, ist aus meiner Sicht, dass dies ein zu ehrgeiziges Programm sei und wir deshalb nicht alles schaffen würden.

Der neue Senat legt eine ganz andere Schlagzahl vor, als Sie es bisher gewohnt waren. Deshalb wird das auch klappen. – Vielen Dank.

(Beifall bei der FDP, der CDU und der Partei Rechtsstaatlicher Offensive)

Das Wort hat Senator Dr. Dräger.

Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Ich glaube, die Debatte hat gezeigt, dass es Sinn macht, die begonnene Reform der Lehrerbildung fortzusetzen. Es macht aber auch Sinn, ihr neue Akzente zu geben und sie um eine neue Option zu erweitern.

Die Grundsätze dieser Reform sind vernünftig. Auf der einen Seite wird es Kerncurricula geben, mit denen endlich in Lehrplänen definiert wird, was in den verschiedenen Schulformen und Fächern gelehrt werden soll. Auf der anderen Seite gibt es eine Koordination der verschiedenen Phasen der Lehrerbildung zwischen der Hochschule, der Schule, dem Studienseminar und der Lehrerfortbildung. Insbesondere sind auch – das hat Herr Schinnenburg bereits erwähnt – weitere Reformelemente wie studienbegleitende Prüfungen und Credit-Points vorgesehen. Wir müssen uns auch im Bereich der Lehrerbildung der europäischen Einigung öffnen und kompatibel werden, damit wir zu einem einheitlichen Modell in Europa kommen.

Ein Bachelor-Master-Modell wäre ein solches einheitliches Modell. Die oben erwähnten Elemente, die wir jetzt in der grundständigen Reform der Lehrerbildung umsetzen, sind auch in anderen Modellen – wie zum Beispiel bei einem Master in der Lehrerbildung – sinnvoll einzusetzen. Deshalb müssen wir die Reformen auf jeden Fall leisten. Das tun wir auch in dem jetzt angestoßenen Reformprozess.

Alternative Modelle wie den Master, die wir testen wollen – wenn sich die Notwendigkeit ergibt –, erlauben den hochqualitativen Quereinstieg in Mangelfächern. Das kann zuerst zum Beispiel in der Berufsschule oder bei der Informatiklehrerausbildung geschehen, um hier schneller als nach der heutigen siebenjährigen Studienzeit junge Lehrerinnen und Lehrer in die Schule zu bringen.

Ich denke, wir sind auf einem vernünftigen Wege, eine Reform der grundständigen Ausbildung in zentralen Elementen durchzuführen und diese dann möglicherweise auch in neuen Modellen der Lehrerbildung zu testen.

(Beifall bei der CDU, der Partei Rechtsstaatlicher Offensive und der FDP)

Ich freue mich auch ganz ausdrücklich, Herr Dr. Maier, dass Sie diese Modelle unterstützen, und hoffe auch, dass ich mit Ihrer Unterstützung weiter rechnen kann.

Noch eine abschließende Bemerkung zu Ihrem Beitrag, Frau Dr. Brüning. Den von Ihnen angemahnten Beirat, über den Sie auch noch einmal nachfragen wollen, gibt es faktisch.

(Dr. Barbara Brüning SPD: Ja!)

Es gibt die Projektgruppe Lehrerbildung. Sie arbeitet im Moment engagiert und ich glaube nicht, dass deswegen zukünftig noch eine gesetzliche Verankerung eines solchen Beirates notwendig ist. Die Hauptsache ist, dass er arbeitet und das Reformprojekt zügig weiter voranschreitet. – Danke schön.

(Beifall bei der CDU, der Partei Rechtsstaatlicher Offensive und der FDP)

Weitere Wortmeldungen sehe ich nicht. Wir kommen zur Abstimmung.

Wer stimmt einer Überweisung der Drucksache 17/533 federführend an den Wissenschaftsausschuss und mitbe

(Dr. Wieland Schinnenburg FDP)