Fünftens: Sie fordern Sprachtests und wollen dann entscheiden, ob Kinder in die Schule kommen können. Wir sagen, dass wir – in Analogie zu dem, was Herr Professor Reich ausgeführt hat –, Sprachstandserhebungstests brauchen, die auch die Muttersprache des jeweiligen Kindes im Auge behalten. Diese brauchen wir bei Eintritt in den Kindergarten und in dem Zeitraum vor dem Schuleintritt, um den eigentlichen Förderbedarf für die Kinder entsprechend zu entwickeln.
Wir brauchen darüber hinaus einen Test, um zu erkennen, in welcher der Kindertagesstätten gut und wo weniger gut gelernt werden kann. Das soll kein moralischer Fingerzeig sein, sondern wir wollen daraus Erkenntnisse gewinnen.
Sechstens: Frau Freund, können Sie sich möglicherweise noch an die Haushaltsplanberatungen erinnern? Dort hatten Sie mit der Mehrheit der Koalitionsfraktionen den Antrag der SPD abgelehnt, dass wir bei der Sprachförderung die Mütter mit einbeziehen. Das ist einer der Punkte, den Herr Professor Reich ebenfalls angeführt hat, denn die Mütter sind der Schlüssel für die Akzeptanz, überhaupt eine andere Sprache als die Muttersprache zu lernen.
Ein Nebenaspekt am Rande: Manchmal öffnet die Kindertagesstätte für ausländische Mütter den ersten Zugang zu unserer Gesellschaft. Das sollten wir entsprechend nutzen.
Über die Art und Weise, wie Sie Ihren Antrag vorgebracht haben, entstand bei mir der Eindruck, dass er sehr dünn ist. Frau Freund, deswegen gilt weiterhin der Satz: Gut gemeint reicht manchmal nicht aus. Ich glaube, wir sollten uns die Zeit nehmen, beide Anträge – sowohl Ihren als auch unseren – in dem dafür zuständigen Fachausschuss zu diskutieren. Denn Sie haben Recht: Es kommt allen darauf an, wie Kinder Deutsch lernen. Das ist der Schlüssel für ihr Leben.
Herr Präsident, meine Damen und Herren! Herr Böwer, Ihre Worte sind von keiner ausreichenden und umfassenden Sachkenntnis geprägt.
Sie fangen immer schon an herumzubölken, bevor Sie überhaupt den zweiten Teil des Satzes gehört haben; warten Sie erst einmal ab.
Sie müssen bedenken, dass es nicht darum geht, den Kindern nur aus Sicht der Kindergärten Deutsch beizubringen, sondern es geht darum, wie wir unsere Kinder so weiterentwickeln können, dass sie den Anforderungen in den Schulen und im späteren beruflichen Leben gewachsen sind.
Hier ist zunächst festzustellen, dass Sie die letzten Jahre in diesem Bereich Verantwortung getragen, aber etwas Vergleichbares nicht vorgelegt haben. Wenn ich mir die Debatten der letzten Jahre anschaue, muss ich erkennen, dass sowohl die SPD als vermutlich auch Frau Goetsch ihr Herz dafür entdeckt haben, wie wichtig es ist, an den Schulen und in den Kindergärten Deutsch zu lernen.
Die Debatten der letzten Jahre in diesem Haus haben doch immer nur gezeigt, dass Sie die jeweilige Muttersprache der Kinder in Hamburg voranbringen wollten. Für die deutsche Sprache in Kindergärten und Schulen ist in den letzten Jahren von Rotgrün überhaupt nichts beigetragen worden.
(Beifall bei der CDU, der Partei Rechtsstaatlicher Offensive und der FDP – Luisa Fiedler SPD: Das ist ja absurd!)
Von daher haben Sie in kurzer Zeit ebenso eine Kehrtwendung vollzogen wie die Bundesbildungsministerin. Es haben heute alle gelesen, dass Frau Bulmahn ganz plötzlich für nationale Leistungsstandards eintritt. Wer hat sich denn in den letzten Jahren in Hamburg gegen die Vergleichbarkeit von Abschlüssen gewehrt?
Frau Fiedler, die Unehrlichkeit Ihrer Genossinnen und Genossen ist für jedermann ersichtlich. Die Kehrtwende, die Sie im Bereich der Leistungsstandards und bei der deutschen Sprache vollzogen haben, ist für jedes Mitglied in diesem Hause und für jede Bürgerin und jeden Bürger nachlesbar bei der Parlamentsdokumentation der Bürgerschaftskanzlei unentgeltlich abzufordern.
Ich lade alle dazu ein, die es nicht glauben, die Reden der letzten Jahre – man muss nicht zwanzig Jahre zurückgehen, es reicht ein Jahr – abzufordern. Dann wird man feststellen, welche
atemberaubende Kehrtwende Hamburger Sozialdemokraten in dieser Legislaturperiode – seitdem sie die Macht verloren haben – vollzogen haben.
Die geringere Bildungsbeteiligung aufgrund der fehlenden Kenntnisse der deutschen Sprache – das wissen wir – ist
bei ausländischen Kindern für die Schwierigkeiten in der Schule und insbesondere für die geringeren Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt mitverantwortlich. Die Debatten haben wir hier wirklich mehr als einmal geführt.
Herr Böwer, Sie sind in der Tat zu kurz gesprungen. Sie hätten auch LAU 9 lesen sollen. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass eine Benachteiligung von Schülern ausländischer Herkunft im Hamburger Bildungssystem zwar nicht feststellbar ist, aber bei der Betrachtung der Fachleistungen zeigt sich
insbesondere in den Bereichen Leseverständnis und Sprache ein deutliches Leistungsgefälle zuungunsten der Schülerinnen und Schüler ausländischer Herkunft.
Das ist eine Untersuchung, die die alte BSJB von unabhängigen Wissenschaftlern in Auftrag gegeben hat. Insofern, Herr Kollege Böwer, hätten Sie die Ergebnisse von LAU 9 im Bereich der Fachleistungen zumindest noch einmal querlesen oder sich aufschreiben lassen sollen.
Bis zum Ende der Klassenstufe 8 ist es bis zum heutigen Tag nicht gelungen, in Hamburg die bestehenden Leistungsunterschiede und Defizite in zentralen
Kompetenzbereichen der Wissenschafts- und Informationsgesellschaft, verehrte Frau Fiedler, zu beseitigen.
Für den neuen Senat und die ihn stützende Bürgerkoalition aus CDU, FDP und Partei Rechtsstaatlicher Offensive ist die Verbesserung dieser Sprachkenntnisse bei allen Kindern – Frau Fiedler, bei allen Kindern – ein zentrales Ziel der Bildungspolitik.
ein Verfahren zu Sprachkompetenzabfrage von Kindern entwickeln, die Vorschulklassen oder Kindertageseinrichtungen besuchen. Hier wird die Grundlage für eine gezielte, frühzeitige Förderung der Sprachkenntnisse bereits vor der Einschulung in die Grundschule gelegt und damit für einen chancenreichen Start in die jeweiligen Lebensabschnitte – in der Schule und in anderen Bildungsbereichen wie zum Beispiel bei der Erwerbung von Kompetenzen im Bereich der beruflichen Bildung – gesorgt.
Wir sollten uns – wie es leider in der Vergangenheit unter den Senatorinnen Raab und Pape gehandhabt wurde – mit diesen Dingen nicht zu viel Zeit lassen. Wir alle lesen jeden Tag in den Zeitungen, dass unpolitische Kommentatoren fragen: Deutschland, wie lange wird es dauern, bis versucht wird, die Erkenntnisse zumindest ansatzweise zu ändern? Genau das ist das Stichwort: Herr Böwer, Ihr Antrag reicht nicht.
Es ist doch die Frage, ob Veränderungen in einer Stadt oder bei einem Gemeinwesen aufgrund von Gutachten, Gegengutachten und durch die Befragung von 100 000 Personen Jahre oder Jahrzehnte dauern müssen oder ob sich die gesamtgesellschaftlichen Gruppierungen oder diejenigen, die Verantwortung tragen, in der Bewertung
einig sind und sagen: Wir bringen den Mut, die Kraft und die finanziellen Mittel auf; es ist unsere Kompetenz, in gemeinsamer Anstrengung etwas zu verändern und zu bewegen.