Protokoll der Sitzung vom 25.09.2008

(Zuruf von Udo Pastörs, NPD)

Wir alle kennen das Phänomen, dass ein Auslandsaufenthalt von einem halben Jahr in vielen Fällen zu einer weit besseren funktionalen Beherrschung einer Fremdsprache führt als ein mehrjähriger Fremdsprachenunterricht in den Schulen. Ein Kind erlernt spielend seine Muttersprache und unter Umständen noch eine Fremdsprache, ohne je einen Muttersprachen- und Fremdsprachenkurs zu besuchen und grammatische Lückentests zu absolvieren. Das Geheimnis liegt in der Immersion, das Eintauchen in die fremde Sprache, und dem Wunsch, ja, die Notwendigkeit, mit dieser Sprache etwas zu tun.

(Udo Pastörs, NPD: Nicht zu fassen!)

In vielen deutschen Kindertagesstätten hat dieses Prinzip Eingang gefunden, und die Statistik des Vereins für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen verweist auf über 500 bilinguale Kindertagesstätten in Deutschland. Von denen befindet sich fast die Hälfte in Grenzregionen zu Frankreich. Wie etwa bei einer zweisprachigen Familie, wo jedes Elternteil konsequent seine Muttersprache spricht, sprechen die jeweils deutschen und französischen Erzieherinnen nur ihre Muttersprache und geben damit schon den Kleinsten das Signal, dass eine Verständigung mit ihnen immer mit einem Wechsel der Sprache einhergeht. Kleine Kinder erwerben eine zweite Sprache in der gleichen Mühelosigkeit wie die erste. Der frühe Beginn mit Fremdsprachen fördert dazu die gesamte geistige Entwicklung.

(Udo Pastörs, NPD: Das ist Dressur.)

Die Kinder lernen, flexibler zu denken, und versuchen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Über lange Zeit herrschte die Befürchtung, dass eine frühe Begegnung mit einer fremden Sprache zu Defiziten beim Erlernen der Muttersprache führen könnte. Jedoch erleben die Eltern, wie neugierig ihre Kinder auf fremde Wörter sind, wie sie diese vergleichen mit deutschen Wörtern, wie sie sogar grammatikalische Phänomene vergleichen und wie stolz sie auf jedes neue Wort sind. Am leichtesten erlernen wir eine oder mehrere Fremdsprachen in frühester Kindheit. Das Gehirn ist überdies für das spätere Erlernen weiterer Sprachen optimal vorbereitet. Die Forschung hat die genannte Befürchtung eindeutig widerlegt.

Kindertageseinrichtungen verfügen über ideale Voraussetzungen, um Kindern die Chance einer zusätzlichen Sprache spielerisch, kindgerecht, ohne Überforderung oder Zwang, aber mit viel Spaß zu eröffnen. Insgesamt haben wir im Land 13 Kindertagesstätten, die sich auf den Weg gemacht haben, die Sprache des polnischen Nachbarn zu lernen. Hier spielt die AWO-Kindertages

stätte „Uns lütt Puppenstuv“ im Seebad Ahlbeck eine Vorreiterrolle. Sie pflegt schon seit vielen Jahren regelmäßige freundschaftliche Kontakte mit dem Kindergarten Nummer 1 in Swinemünde. Sie hat seit drei Jahren eine polnische Erzieherin fest angestellt. Somit ist gewährleistet, dass die Kinder nicht nur sporadisch, sondern regelmäßig mit der polnischen Sprache in Kontakt treten. Ahlbeck erfüllt damit die Voraussetzung für eine optimale Sprachentwicklung der Kinder. Als Motto für ihre vorbildliche Arbeit schreibt die Kindertagesstätte Ahlbeck, Zitat: „Unsere Kinder wollen wir auf die Zukunft im europäischen Haus vorbereiten, sie zur Weltoffenheit, Toleranz und Solidarität erziehen und ihre Bildung diesbezüglich fördern.“

Ich weiß allerdings auch um die Probleme, die sich aus der Festlegung zum Fachkräftegebot im Kindertagesförderungsgesetz ergeben. Die in diesem Projekt tätigen Muttersprachler sind hiernach keine Fachkräfte für die Arbeit in Kindertageseinrichtungen, trotz ihrer pädagogischen Ausbildung. Im Zuge der noch in dieser Legislaturperiode anstehenden Novellierung des Kindertagesförderungsgesetzes gehe ich davon aus, dass auch dieser Mangel beseitigt wird.

Während auf der polnischen Seite Kenntnisse über Deutschland und deutsche Sprachfertigkeiten recht verbreitet sind und im schulischen Bereich gefördert werden sowie als gesuchtes Qualifikationsmerkmal bei der Besetzung von Arbeitsplätzen gelten, beschränkt sich ein entsprechendes Angebot auf der deutschen Seite auf eben nur vereinzelte Kindertageseinrichtungen und Schulen.

Demgegenüber nimmt bereits jetzt die Nachfrage nach einer derartigen Basisqualifikation in den an Polen angrenzenden Bundesländern zu. So haben Schulabsolventen mit Polnischkenntnissen bessere Chancen auf Lehr- und Ausbildungsstellen im Handel, im Gewerbe und in der Verwaltung. Unsere bisherigen Erfahrungen machen deutlich, dass gerade in den grenznahen ländlichen Regionen durch den Kontakt zur polnischen Sprache und Kultur das interkulturelle Verständnis nachhaltig gestärkt wird. Beginnt Spracherwerb in einer Fremdsprache im frühen Kindesalter, ist das eine gute Basis für interkulturelle Kompetenz und Neugierde auf den anderen.

Selbstverständlich werden im europäischen Raum auch dadurch Grenzen hörbar transparenter, wenn Nachbarn sich gut verstehen, ohne ihre Identität aufzugeben. Man braucht Sprache, um sich Bildung erschließen und aneignen zu können. Insofern hat ein Kind mit hochentwickeltem Sprachvermögen bessere Bildungschancen als ein Kind, dessen Sprachentwicklung verzögert oder gestört ist. Deshalb ist es uns sehr wichtig, sowohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse als auch das genannte Ziel der Koalitionsvereinbarung durch das Modell projekt „Mehrsprachige Erziehung – Polnisch in Kindertageseinrichtungen und weiterführenden Einrichtungen“ gemeinsam mit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Mecklenburg-Vorpommern mit Leben zu erfüllen. Ich freue mich über den Antrag der Fraktionen. – Herzlichen Dank.

(Beifall bei Abgeordneten der Fraktionen der SPD und CDU – Präsidentin Sylvia Bretschneider übernimmt den Vorsitz.)

Vielen Dank, Herr Minister.

Das Wort hat jetzt der Abgeordnete Herr Koplin von der Fraktion DIE LINKE.

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Auch wir freuen uns über diesen Antrag, und ich darf namens der Fraktion DIE LINKE sagen, dass wir den Antrag der Fraktionen der CDU und SPD unterstützen. Dabei bleiben wir uns treu, und zwar war bereits beim Verfassen des KiföG im Jahre 2003 wichtig, dass Bildung im frühkindlichen Stadium betont wird. Und es ist hier in diesem Haus nach vielen Streitgesprächen mittlerweile unbestritten, dass wir auf dem Gebiet der Bildung mit dem KiföG einen richtigen Schub nach vorne gemacht haben. Um das zu verstärken und zu vertiefen, denke ich mal, ist die Intention des uns vorgelegten Antrages auch ein wichtiger Punkt.

Uns ist es auch weiterhin deshalb wichtig, weil wir uns treu bleiben im Zusammenhang mit Fragen der Integration von Migrantinnen und Migranten. Ich darf darauf verweisen, dass wir im Mai 2006 eine entsprechende Konzeption auf den Weg gebracht haben, aus der ja auch das Modellprojekt für die mehrsprachige Erziehung abgeleitet ist. Die Bedeutung einer solchen mehrsprachigen Erziehung ist vom Minister hier ausführlich dargelegt worden und die Reflexion aus Sicht der Eltern ist doch bemerkenswert. Ich darf noch mal darauf verweisen, dass die Deutsch-Polnische Gesellschaft vor einiger Zeit eine Umfrage gemacht hat in diesen 13 Einrichtungen. Mehr als 400 Elternhäuser sind befragt worden, ob sie es denn für richtig halten und gut halten, dass das Erlernen der polnischen Sprache in der Kinder einrichtung möglich ist. Etwas über 200 Elternhäuser haben sich an dieser Umfrage beteiligt und lediglich 5 Elternhäuser haben gesagt, dass sie es für nicht gut halten. Alle anderen haben gesagt, das sei eine gute Sache und sollte auch entsprechend gefördert, unterstützt und vor allen Dingen weitergeführt werden.

Gleichwohl möchte ich hier oder muss ich auch bohrende Nachfragen stellen, Frau Lochner-Borst – vielleicht könnten Sie nachher mal darauf eingehen in der Erwiderung –, zu zwei Dingen. Denn diese Sache unterstützen wir, das Anliegen so gesehen ist aber nicht neu. Wir haben im Frühjahr dieses Jahres Ihnen einen Antrag vorgelegt – europäisches interkulturelles Jahr – und da war das Erlernen der polnischen Sprache ausdrücklich ein Bestandteil. Und damals wurde seitens der Koali tionäre gesagt, den Antrag brauchen wir nicht, wir brauchen das nicht.

(Ilka Lochner-Borst, CDU: Da ist mehr drin, Herr Koplin.)

Ja, und vielleicht können Sie darauf eingehen, weil das für mich zumindest eine Widersprüchlichkeit ist.

Und die zweite Widersprüchlichkeit ist aus meiner Sicht darin zu sehen: Wir haben jetzt hier dieses Modell projekt und die mehrsprachige Erziehung in Bezug auf die polnische Sprache. Es gibt viele Einrichtungen, die andere Sprachen anbieten, ich nehme mal zum Beispiel die englische Sprache. Die Mittel hierfür, um diese Angebote also in vielen, vielen Einrichtungen unterbreiten zu können, sind genommen worden aus den Mitteln des vorschulischen Jahres, also die für die vorschulische Erziehung bereitgestellt wurden. Genau diesen Bereich haben Sie gerade geschleift, durch die Reduzierung. Und das passt irgendwie nicht zusammen. Vielleicht können Sie darauf noch mal eingehen, wie jetzt einerseits hier die Wichtigkeit betont werden kann, unbestritten,

aber an anderer Stelle entsprechende Initiativen abgelehnt wurden beziehungsweise die Mittel dafür und die Ressourcen dafür eingegrenzt werden.

Ich empfand die Rede – damit möchte ich abschließen – des Bildungsministers als eine Laudatio auf unseren Änderungsantrag, wo wir gesagt haben...

(Heiterkeit bei Harry Glawe, CDU)

Doch, doch, ganz klar. Es ist betont worden, wie wichtig das ist, mit vielen Fakten und Argumenten in Bezug auf die frühkindliche Erziehung und Bildung.

Die Frage ist natürlich: Wie gestaltet sich ein solcher Prozess denn für alle Einrichtungen im Land? Und wie verbindlich machen wir das? Machen wir das deklaratorisch und sagen, die 20.000 Euro stellen wir bereit und unterstützen das? Oder gilt das dann für alle Kinder? Wenn das für alle Kinder gilt, und da steht ja der Gleichbehandlungsgrundsatz vor, dann ist es auch eine Frage, die bei der Aufstellung des Haushaltes eine Rolle spielen muss, deswegen unser Punkt 3.1. Und unser Punkt 3.2 sagt, dass wir im Zusammenhang mit der Überarbeitung des Kindertagesförderungsgesetzes natürlich da auch noch mal präzisieren müssen. Und, Herr Minister, wenn ich das richtig verstanden habe, haben Sie das somit eigentlich auch schon angekündigt, dass das eine Rolle spielen soll. Und wenn das der Fall ist, Herr Glawe,

(Zuruf von Harry Glawe, CDU)

dann können wir doch eigentlich damit rechnen als Fraktion DIE LINKE, dass Sie unserem Änderungsantrag, besser gesagt einem Ergänzungsantrag, zustimmen können. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit und bin sehr gespannt auf die Argumente, die jetzt noch folgen werden.

Vielen Dank, Herr Koplin.

Das Wort hat jetzt Herr Heydorn für die Fraktion der SPD.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren Abgeordnete! Schlitzohrig wie immer kommt Herr Koplin daher.

(Michael Roolf, FDP: Um die Ecke.)

Ich habe damit gerechnet, dass das Thema...

(Dr. Wolfgang Methling, DIE LINKE: Das unterscheidet ihn völlig von Ihnen, Herr Heydorn. – Zuruf von Barbara Borchardt, DIE LINKE)

Das ist richtig, ja.

Ich habe damit gerechnet, dass das Thema Mittel der vorschulischen Bildung hier heute noch mal angesprochen wird.

(Dr. Wolfgang Methling, DIE LINKE: Ja, das ist es ja vorhin schon. – Zuruf von Barbara Borchardt, DIE LINKE)

Nur, das haben wir ja in diesem Hause schon des Öfteren thematisiert, und es ist in der Vergangenheit eher so gewesen, dass diese Mittel für die vorschulische Bildung nicht festgelegt und nicht definiert wurden. Ich hab schon öfter darauf hingewiesen, dass mit diesen Mitteln die unterschiedlichsten Dinge gemacht wurden.

(Torsten Koplin, DIE LINKE: Aber auch das.)

Es wurde Sprachförderung finanziert, es wurden Investitionsgüter angeschafft wie Filmausstattung und so weiter und so fort. Es ist mitnichten so, dass die Reduzierung bei den vorschulischen Mitteln jetzt dazu führt, dass das Thema Sprachförderung nicht mehr finanziert werden kann. Also das wird weiter zu gewährleisten sein. Das ist der erste Punkt.

Der zweite Punkt, Herr Koplin, wir werden dieses Thema sicherlich aufgreifen, wenn wir in dieser Legislaturperiode noch die Novellierung des Kindertagesstättenförderungsgesetzes anschieben, da ist das ein wichtiger Punkt dabei.

Ich will nicht weiter auf das Thema frühkindliche Pädagogik eingehen und den Wissensstand, den man da heute hat. Der Minister hat ausführlich ausgeführt, dass das Thema bilinguales Großwerden heute für Kinder eine sehr förderliche Geschichte ist. Das sollte man also, kann man vielleicht auch versuchen, flächendeckend zu realisieren, da, wo es durch die Eltern gewünscht ist. Das ist also die eine Dimension dieses Antrages. Das ist die eine Dimension dieses Antrages, dass man darauf aufmerksam macht und sagt, es ist sinnvoll, schon in Kindertageseinrichtungen Kinder bilingual groß werden zu lassen.

Auf die andere Dimension des Antrags ist meine Kollegin Lochner-Borst eingegangen und Herr Borrmann hat mir durch einen Zwischenruf ein Stichwort gegeben. Er hat nämlich dazwischengerufen: „Deutsch war mal verboten da.“ Das ist richtig. In Polen war Deutsch verboten. Aber wo sind wir heute? Und für mich sieht die Sache ganz anders aus als für die Kollegen oder Nicht-Kollegen von der NPD, denn Europa ist für uns eine Erfolgsgeschichte.

(Michael Andrejewski, NPD: Ha!)

Deutsch ist heute nicht mehr verboten.

(Raimund Borrmann, NPD: Aber vergessen!)

Die Kollegin Lochner-Borst hat beschrieben...

(Zuruf von Michael Andrejewski, NPD)

Die Kollegin Lochner-Borst hat beschrieben,

(Udo Pastörs, NPD: Weil keine Deutschen mehr da sind. Die hat man totgeschlagen oder weggejagt. – Zuruf von Raimund Borrmann, NPD)