Protokoll der Sitzung vom 11.12.2003

(Zustimmung bei der CDU)

- Dieser Beifall ist richtig angebracht! Das ist Ihre Wahrnehmung!

(Zuruf von der CDU: PISA!)

Sie haben sich nämlich eingeredet, dass es nach den PISA-Untersuchungen Siegerländer in Deutschland gibt, nämlich Bayern und Baden

Württemberg als Siegerländer aus dieser internationalen Untersuchung. Meine Damen und Herren, das ist doch abwegig! Wir haben zur Kenntnis zu nehmen: Ganz Deutschland hat sich in der bildungspolitischen Debatte der letzten Jahrzehnte vergaloppiert, uns eingeschlossen. Die Defizite, die da erkennbar sind, müssen uns wirklich die Schamesröte ins Gesicht treiben,

(Beifall bei der SPD - Zustimmung bei der CDU und bei der FDP)

dass es uns nicht gelungen ist, die richtigen Antworten zu geben. Wir alle miteinander sind zu kurz gesprungen. Und was machen Sie? - Sie geben Ihr Zukurzspringen als neue Perspektive aus, meine Damen und Herren. Das ist das Problem, mit dem wir es gegenwärtig zu tun haben.

Zu einer vernünftigen Therapie in der Bildungspolitik gehört, dass wir uns erst einmal darüber verständigen, wo wir in der Tat nicht auf der Höhe der Zeit waren. Dabei geht es auch um das Ausräumen von gepflegten Vorurteilen. Ein Vorurteil ist - für Sie wirklich die Krone überhaupt -: Unterrichtsversorgung ist alles. - Natürlich ist es bedeutsam, ob Unterricht stattfindet. Das ist keine Frage, meine Damen und Herren.

(Ursula Körtner [CDU]: Aber?)

Aber ich sage Ihnen in aller Deutlichkeit: 98 % qualifizierten Unterricht erteilt ist besser als 100prozentiges Mittelmaß. Das ist meine Position an dieser Stelle. Diese Argumentation ist Ihnen aber völlig fremd.

Das Gleiche gilt - das haben Sie ja im Sommer nachgewiesen - für die Bedeutung von Schulstrukturen. Natürlich ist es nicht unbedeutend, wie die Schule aufgebaut wird. Aber Ihre ideologische Verbohrtheit, dass es in dieser Gesellschaft drei definierte Begabungen gibt und dass man für diese drei Begabungen drei Schulformen vorhalten - -

Herr Jüttner, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Albrecht?

(Uwe Harden [SPD]: Doch nicht mit- ten im Satz stören!)

Nein, Frau Präsidentin, ich möchte jetzt zu Ende reden. - Dass es zu diesen drei Begabungen drei

entsprechende Schulformen geben muss und dass es nach Möglichkeit darauf ankommt, dass niemand eine Chance bekommt, über den eigenen Zaun zu gucken, und dass im Alter von zehn Jahren klar ist, wohin es im Leben geht, ist doch Verbohrtheit par excellence, meine Damen und Herren!

(Beifall bei der SPD)

Zu diesen gepflegten Vorurteilen gehört auch, dass die pädagogische Freiheit in Deutschland kein Freifahrtschein für Abschottung sein darf. Auch das ist ein Teil des Problems - inzwischen aufgebrochen, aber zu lange auch bei uns gepflegt. Über solche Dinge müssen wir hier diskutieren, anstatt hier Sachen vorzutragen, deren Begrenztheit offensichtlich ist.

Natürlich ist in den letzten Jahren nicht alles falsch gemacht worden. Es gibt auch Ansätze, die schon in die Zukunft gewiesen haben - in Niedersachsen und auch anderswo. Das gilt beispielsweise für die Einführung der Verlässlichkeit in der Grundschule; das ist überhaupt gar keine Frage. Das gilt für die Neuorientierung der Eingangsstufe. Das gilt für das Vorziehen der Fremdsprache in den Bereich der Grundschule. Das gilt für die Verstärkung des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Das gilt auch für eine verstärkte Bedeutung des Ganztagsansatzes, meine Damen und Herren. So manches davon ist in den letzten fünf Jahren von der SPD-geführten Landesregierung auf den Weg gebracht worden übrigens alles gegen Ihren entschiedenen Widerstand.

(Zustimmung bei der SPD)

Daran will ich erinnern. Das ist ganz interessant.

Aber Herr Busemann ist klug genug

(Zuruf von der CDU: Ist er wirklich!)

- es geht weiter; Vorsicht, Herr Kollege -, relativ schnell zu merken, dass so manches ganz vernünftig war und dass manche Aktion, die wir auf den Weg gebracht haben, ihm ganz gut steht. Deshalb protzt er geradezu mit den meisten Dingen, die wir ihm in den Schoß gelegt haben und wozu die Vorbereitungen abgeschlossen waren.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN - Lachen bei der CDU)

Herr Busemann, ich habe das nicht zu kritisieren; ich finde das in Ordnung. Gute Sachen gehören

fortgesetzt. Ich habe nur festzustellen, dass ein Teil dieses Hauses heute Dinge bejubelt, die er jahrelang scharf gegeißelt hat. Auf diesen kleinen Sachverhalt wollte ich aufmerksam machen.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Sie haben also viel übernommen, und das war in Ordnung.

Dann haben sie zwei Akzente gesetzt, die für Sie so wichtig sind, dass Sie vor Kraft kaum noch gehen können. Das erste Thema ist die Unterrichtsversorgung. Ich will einmal darauf hinweisen, meine Damen und Herren, dass zwischen 1998 und 2003 in Niedersachsen über 15 000 Lehrerinnen und Lehrer neu in die Schulen gekommen sind,

(Astrid Vockert [CDU]: Wie viele zu- sätzlich?)

im Übrigen über 3 000 auf zusätzliche Stellen, Frau Kollegin Vockert.

(Wolfgang Wulf [SPD]: Das ist eine SPD-Leistung! - Zuruf von der CDU: Donnerwetter!)

- Donnerwetter! Über 3 000! - Ich glaube, dass das eine kontinuierliche Einstellungspolitik dokumentiert und damit auf die Bedarfe der Schulen über einen längeren Zeitraum angemessen reagiert wurde.

(Zuruf von der CDU: Ist deswegen die Unterrichtsversorgung immer weiter gesunken?)

Dann kommen Sie und schreiben in Ihr Wahlprogramm: 2 500 neue Stellen. Das haben Sie bei Herrn Koch abgeschrieben, nach dem Motto: Man muss Muckis zeigen. - Sie haben allerdings nicht damit gerechnet - dabei haben Sie leider Unrecht gehabt -, dass Sie die Wahl gewinnen.

(Lachen bei der CDU)

Denn an der Einlösung dieses Wahlversprechens haben Sie zu kauen, meine Damen und Herren. Hätten Sie gewusst, dass Sie die Wahl gewinnen, hätten Sie diese Zusage, dieses Versprechen nicht gemacht. Nur um das einzulösen, haben Sie diese Einstellungspolitik vorgenommen. Aber zu welchem Preis?

Erstens. Entgegen den Aussagen von Frau Mundlos - ich zitiere sie: Bildung wird nicht durch

Bildung finanziert - haben Sie in den Hochschulbereich richtig hineingehauen. In den Schulen werden die Zahlen geringer, in den Hochschulen müssen und werden sie steigen. Und was machen Sie? Sie finanzieren Bildung durch Bildung. Das ist eine Katastrophe und ein falsches Signal.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Diese Antwort bekommen Sie zurzeit an jedem Hochschulstandort.

Zweitens. Sie kürzen im Bereich der Sozialpolitik. Dazu hat Herr Schwarz Ihnen einiges ausgeführt.

Drittens. Sie gehen in die Neuverschuldung. Ich glaube, dass das ein verdammt hoher Preis für eine Sache ist, der man an sich etwas Gutes abgewinnen kann, wenn sie denn zur Konsequenz hätte, dass sich darüber die Unterrichtsversorgung in den Schulen verbessert.

(Zuruf von der CDU: Hat sie doch!)

Aber was ist denn aus diesen 2 500 Stellen geworden? - Das will ich Ihnen jetzt einmal erzählen: 1 000 Stellen kommen in den Bereich der beruflichen Bildung. - Respekt! Dies ist wahrscheinlich sinnvoll; das will ich nicht weiter kritisch kommentieren. Es bleiben dann 1 500 Stellen übrig.

Ausweislich der Vorlage 44 im Zusammenhang mit der Beratung des Schulgesetzes stellt das Kultusministerium fest, dass die Auflösung der Orientierungsstufe aufgrund des gültigen Klassenbildungserlasses einen Mehrbedarf von 530 Stellen mit sich bringt. Dann sind noch knapp 1 000 übrig.

Weiterhin wird die Schulzeit auf zwölf Jahre bis zum Abitur umgestellt. Das ergibt einen zusätzlichen Bedarf in der Spitze von 1 000. Dann sind wir bei ungefähr minus 50.

(Zuruf von der CDU: In acht Jahren!)

- In acht Jahren! Diese Relativierung sei gestattet.

(Lachen bei der CDU)

- Ich habe „in der Spitze“ gesagt, meine Damen und Herren. Immer aufpassen! Ich weiß, das ist nicht Ihre Stärke.