Protokoll der Sitzung vom 27.08.2009

Ich erteile jetzt der Kollegin von Below-Neufeldt das Wort, wohl zu Ihrer ersten Rede vor diesem Hohen Hause. Insofern wünsche ich mir, dass sie die entsprechende Aufmerksamkeit erhält.

(Zustimmung bei allen Fraktionen)

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Zunächst möchte ich mich bei der Landesregierung für die umfassende Beantwortung dieser Großen Anfrage zum Thema Medienkompetenz bedanken.

Bevor ich auf den von Frau Behrens vermissten roten Faden und die Zieldefinition zu sprechen komme, Folgendes: Die hohe Geschwindigkeit, mit der die Entwicklung im Bereich der neuen Medien voranschreitet, führt uns täglich die Bedeutung und die Wichtigkeit des Erwerbs von Medienkompetenz vor Augen. Die Nutzung neuer Informationstechnologien bietet Anwendern riesige Chancen. Sie wird

aber auch häufig von Arbeitgebern als Einstellungsqualifikation vorausgesetzt. Andererseits birgt der Umgang mit den neuen Medien auch Gefahren, insbesondere für unsere Kinder. Diese Landesregierung misst der Vermittlung von Medienkompetenz daher eine hohe Bedeutung zu.

(Beifall bei der FDP und bei der CDU)

Sie hat deshalb eine Vielzahl von Maßnahmen initiiert. In unseren Schulen kommt der Vermittlung von Medienkompetenz an unsere Jugendlichen bereits heute eine herausragende Bedeutung zu. Medienkompetenzvermittlung für Schülerinnen und Schüler ist eine Priorität des Curriculums an niedersächsischen Schulen. Ich will beispielhaft auf die Initiativen „n-21“ und „Handy: lieb und teuer“ verweisen. Entscheidend für die Vermittlung der notwendigen Kompetenzen ist in erster Linie eine entsprechende Qualifikation der Lehrkräfte. Daher sind medienpädagogische Inhalte bereits seit Jahren zentraler Bestandteil der Lehreraus- und -fortbildung in Niedersachsen.

(Beifall bei der FDP und bei der CDU)

Da viele Jugendliche auch in ihrer Freizeit die neuen Medien nutzen, ist es ebenso wichtig, die Eltern gezielt anzusprechen und auch bei ihnen Medienkompetenz zu stärken. Hier leistet Niedersachsen gerade auch im Vergleich zu anderen Bundesländern einiges und hat beispielsweise ein flächendeckendes Netz von Eltern-Medien-Trainern geschaffen.

(Beifall bei der FDP und bei der CDU)

Wir alle sind uns einig, dass der Vernetzung von Initiativen und Akteuren im Bereich der Medienkompetenzvermittlung eine zentrale Bedeutung zukommt. Der landesweite Tag der Medienkompetenz, der am 5. November 2009 erstmalig hier in Hannover stattfinden wird, unterstreicht sehr deutlich, welch hohe Bedeutung die Landesregierung diesem Bestreben beimisst.

(Beifall bei der FDP und bei der CDU)

Die junge Generation hat bei der Anwendung von neuen Medien aber auch ganz entscheidende Vorteile. Wir wissen, dass man durch Erfahrung lernt, dass man sein Wissen und seine Kompetenz durch Erfahrung erweitert. Deshalb setzt die junge Generation in der Schule mit der Kompetenzerweiterung oft schon an einem Punkt an, an dem die Eltern- und Großelterngeneration gegebenenfalls noch gar nicht angekommen sind. Das ist erkannt. Dieses Defizit kann man aber nicht per Gesetz

regeln. Medienpraktische Arbeit wie „Kampagne M“ greift doch da viel besser.

Der Landesregierung vorzuhalten, sie liefere Stückwerk ohne Strategie, geht an der Sache vorbei.

(Beifall bei der FDP und bei der CDU)

Projekte und Kampagnen sind notwendiger Teil der Landesinitiative, die auf ganz verschiedenen Ebenen ansetzt. Sie sind genauso wenig wegzudenken wie das Plakat zu Wahlkampfzeiten. Die Landesregierung legt Wert auf eine praxisnahe und realistische Steuerung. Ein festgezurrter Plan für Kompetenzvermittlung wäre nur Bremse und würde Entwicklungen verhindern oder unberücksichtigt lassen.

(Beifall bei der FDP und bei der CDU)

Was sich morgen entwickeln wird, kann nicht schon heute als Ziel definiert werden. Deshalb sind die dezentrale Struktur und die unterschiedliche, zielgruppenorientierte Kompetenzvermittlung für neue Medien im Flächenland Niedersachsen ganz genau richtig.

(Starker Beifall bei der FDP und bei der CDU)

Ich erteile jetzt dem Kollegen Schobert von der CDU-Fraktion das Wort.

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! „Was als ein Strom nützlicher Informationen begann, hat sich inzwischen in eine Sturzflut verwandelt“, erklärte einst der amerikanische Medienkritiker Neil Postman.

Blicken wir auf unser heutiges Thema Medienkompetenz, dann ist dieser Satz mehr als zutreffend. Hierzu möchte ich aus der Einleitung der JIMStudie 2008 zitieren, in Auftrag gegeben vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest:

„Viele Problemlagen in Schule und Bildung, aber auch im familiären Umfeld, werden häufig in Zusammenhang mit der Mediennutzung diskutiert. Für viele Missstände wird die Medienwelt der Jugendlichen verantwortlich gemacht - eine Medienwelt, die vielen Erwachsenen kaum oder nur oberflächlich bekannt ist und zu

der sie meist auch wenig Zugang haben oder wollen.“

So zwei Sätze aus der Einleitung, die den Kern der Diskussion zum Thema Medienkompetenz treffend beschreiben. Auf der einen Seite stehen junge Menschen, Kinder und Jugendliche, die sich die Welt des Internets erschließen wollen und die neue Medien mit einer Selbstverständlichkeit nutzen, als wären sie ihnen in die Wiege gelegt worden. Auf der anderen Seite stehen Eltern und Großeltern, die überhaupt nicht nachvollziehen können, was ihr Nachwuchs am Rechner so macht, die ihr Handy wirklich nur zum Telefonieren nutzen und die bei Wörtern wie Blu-ray-Disc nur Fragezeichen im Gesicht stehen haben.

Das sind nur zwei Problemfelder, die unsere Landesregierung seit Jahren erkannt hat. Es gibt vielfältige Angebote für Kinder und Jugendliche, vom Land entwickelt, gefördert oder ideell unterstützt, die unserem Nachwuchs und deren Eltern den sicheren und verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien nahebringen. So gibt es in diesem Jahr in Niedersachsen allein 84 Projekte, die von unserer Landesregierung initiiert worden sind.

Insbesondere das Internet, die Schnelllebigkeit, die Vielfalt der Möglichkeiten und die schiere Unkontrollierbarkeit der Angebote stellen die Medienwächter dabei vor große Herausforderungen. Denn Seiten mit jugendgefährdenden Inhalten sind im Internet leider gang und gäbe. Hier beginnt die gefährliche Situation. Kinder sitzen in ihrem Zimmer vor ihrem PC und sehen sich gewaltverherrlichende Szenen oder Ähnliches an. Wenn sie sich geschockt abwenden und sich so etwas nicht wieder ansehen, dann mag der Schaden noch nicht groß sein. Was aber passiert, wenn sie keinen haben, mit dem sie darüber reden können, und wenn sie dann doch immer wieder von der Neugierde getrieben werden und solche Seiten wieder besuchen? Dann beginnt das eigentliche Problem. Realität und Fiktion mischen sich. Am Ende entsteht vielleicht ein labiler Charakter, der es nicht mehr schafft, mit dem Alltagsleben klarzukommen. - Soweit die Theorie. Die Wirklichkeit liegt irgendwo dazwischen.

Das Land Niedersachsen unterstützt Projekte, bei denen Kinder und Jugendliche lernen, im Umgang mit dem Internet Kompetenz zu erwerben. Wir möchten, dass sie sich mit den Inhalten des Netzes auseinandersetzen und sie nicht nur stumpf konsumieren. Wir möchten, dass sie lernen, welche Seiten gemieden werden sollten. Sie sollen

aber auch erfahren, wie vielfältig, wie interessant und informativ z. B. das Internet sein kann.

Nun schauen wir einmal zu den Eltern und auf das Reizthema Computerspiele. Darüber wird bereits jahrelang diskutiert, insbesondere unter dem Stichwort Killerspiele. Die Diskussion hat gezeigt, dass die Inhalte von Computerspielen noch stärker als bisher überprüft werden müssen, bevor sie mit oder ohne Altersbeschränkung in die Läden kommen. Das meint der Geschäftsführer eines Warenhauses. Er sollte sich einmal überlegen, ob er selbst seinen Kindern das schenken würde, was er als Computerspiel in seinem Geschäft anbietet.

(Beifall bei der CDU)

Dies bedeutet: Wir brauchen eine höhere Effizienz bei der Festlegung von Altersfreigaben. Die Pannen der Vergangenheit dürfen sich hier nicht wiederholen. Wir brauchen aber auch dringend eine Selbstkontrolle des Handels, damit solche Spiele überhaupt nicht mehr in den Umlauf kommen können.

(Beifall bei der CDU)

Das sind nur zwei Beispiele, die aber praktisch zeigen, wo noch Klippen sind, die umsegelt werden müssen. Bis es so weit ist, schauen wir einfach einmal in das Haus einer ganz normalen Familie. Das Kind sitzt vor dem PC und spielt, mal mit lauten, mal mit leisen Begleittönen, wenn es Indexspiele sind, meist hinter verschlossenen Türen. Manche Erwachsenen haben noch nie in ihrem Leben an einem Computer gespielt, und diese Eltern sollen nun einschätzen, ob ein Spiel für die Entwicklung ihres Kindes gefährlich ist oder nicht. Wissen Sie, gesunder Menschenverstand vermag vieles, aber nicht alles.

(Björn Thümler [CDU]: Sehr gut!)

Deswegen sind z. B. ein guter Lösungsansatz für dieses Problem - ich will das ausdrücklich sagen - die von der Landesregierung initiierten Netzwerkpartys für Eltern, bei denen Eltern einmal selbst erleben können, was eigentlich so alles passiert, wenn man am Computer spielt, was passiert, wenn man vernetzt mit anderen Spielern zusammen an einem Spiel teilnimmt. Dieses ist wichtig, damit die Eltern verstehen, was ihre Kinder im Kinderzimmer in ihrer Freizeit an ihrem PC so machen, damit sie mitreden können, anstatt nur stumm dabeizustehen. Wir als CDU-Fraktion meinen, Netzwerkpartys für Eltern sind eine tolle Idee, die auch in Zukunft fortgeführt werden sollte.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Der Begriff der Medienkompetenz, liebe Kolleginnen und Kollegen, umfasst noch wesentlich mehr. Das wissen wir. Waren wir gerade bei den Computerspielen, also bei der sogenannten Software, schauen wir uns jetzt einmal die Veränderungen bei der Hardware, also bei den Geräten, an. Ich erinnere mich noch gut an meine Jugendzeit in den 80er-Jahren - das ist ja noch gar nicht so lange her.

(Heiterkeit)

- Danke. - Stand der Technik war der Commodore 64 mit einem 5 ¼-Zoll-Laufwerk. Sie erinnern sich noch an diese Disketten. Das war Pappe mit einem Loch in der Mitte. 20 Jahre weiter, stelle ich fest: Die Leistung dieser damals übrigens auch sehr teuren Hightechgeräte - ich spreche immer noch vom Commodore 64 - wird heute von jedem Taschenrechner übertroffen. Zu meiner Zeit wurden in den Schulen Arbeitsgemeinschaften Informatik angeboten. Dort haben die Schüler nicht, wie heute, gelernt, wie man Computerprogramme anwendet, sondern wie man Computerprogramme schreibt. Das war sehr interessant.

(Heiterkeit bei der CDU)

Ich möchte Ihnen noch einige weitere Beispiele für diese mediale Revolution nennen, die in nur 20 Jahren stattgefunden hat. Am Anfang stand der Videorekorder; einige haben ihn noch. Heute geht ohne DVD- oder MP3-Player gar nichts mehr. Wir kennen auch noch die normalen Telefone, also die, die mit einer Schnur mit der Telefondose verbunden sind. Das war in den 80er-Jahren. Die technische Revolution waren damals die drahtlosen Telefone. Danach kam das Mobiltelefon. Heute ist das multifunktionale Hightechgerät mit Internetzugang, Foto- und Videokamera, Navigationssystem, Audioplayer sowie Radio- und Fernsehempfangsmöglichkeiten Standard. Man kann damit sogar noch telefonieren. In nur 20 Jahren, meine Damen, meine Herren!

Diese rasante Entwicklung ist auch bei den Speichermedien nachvollziehbar. Ich habe vorhin die 5 ¼-Zoll-Diskette erwähnt. Ich habe noch eine solche zu Hause. Es ist ganz interessant, so eine mal wieder in der Hand zu halten.

(Zuruf von der SPD: Ich habe noch eine Schellackplatte! - Heiterkeit)

Danach kamen die CD und die DVD. Heute ist es der USB-Stick, der die Speichermedien dieser Welt

beherrscht. Wir haben vorhin vom N-Stick, vom Niedersachsen-Stick gehört; die Basis ist natürlich der USB-Stick.

Diese ganze Entwicklung vollzog sich innerhalb von nur zwei Jahrzehnten, das ist noch nicht einmal eine Generation. Die Kinder von heute werden mit diesen Dingen ganz selbstverständlich groß. Sie leben in dieser Welt, sie wachsen hinein, während sie für viele Ältere ein Buch mit sieben Siegeln ist.

Ich vermute, dass jedes Mitglied des Landtages hier im Plenarsaal und viele der Besucherinnen und Besucher im Besitz eines Handys sind. Ich habe auch ein solches Mobiltelefon. Ich nenne jetzt nicht die Marke.

(Wolfgang Jüttner [SPD]: Das ist hier drin verboten!)

- Das ist verboten. Aber ich habe ja auch nicht telefoniert. - Ich bin mir ziemlich sicher, dass kaum jemand von Ihnen, die Sie hier sitzen, tatsächliche alle Funktionen, die Ihr Handy hat, beherrscht.